Ich bin der gute Hirte…

Eine Taufpredigt am „Sonntag des guten Hirten“

Städter haben meist ein sehr romantisches Bild vom Hirten-Dasein im Kopf. Vermittelt durch Heimatfilme und Kinderbücher stellen wir uns einen Hirten so vor: Mit Mantel und Krummstab, begleitet von zwei Hunden, passt er auf ein paar Dutzend Schafe auf, die er alle mit Namen kennt und rufen kann. Sie dürfen auf einer saftig-grünen Wiese in irgendeinem Alpental vor sich hinträumen, knabbern munter an Grashalmen und laufen fröhlich umher, während sich ihre blöckenden Stimmen mit dem Klang ihrer Glöckchen vermischen, und die Hunde umkreisen die Herde und passen auf, dass keins von den weißen vierbeinigen Wollknäueln zu weit wegläuft und in eine komplizierte Situation geraten könnte…

Aber selbst Menschen, die mehr von der modernen Landwirtschaft verstehen und die wissen, dass auf modernen Farmen die Schafe zu Tausenden gehalten werden und die damit verbundenen Prozesse computerunterstützt und mit industrieller Präzision ausgeführt werden müssen, ahnen wohl nicht, dass in vergangenen Zeiten das Dasein des Hirten durchaus auch mit Gefahr für Leib und Leben verbunden war.

Zu biblischen Zeiten nämlich sah das Hirtenleben und auch das der Schafe härter aus: Die Hirten waren meist rauhe Gesellen ohne feste Heimat, herumziehendes Volk, das heute hier und morgen dort Arbeit fand, beinahe noch Nomaden, die von der Dorfgemeinschaft oder von Großgrundbesitzern beauftragt wurden, für kargen Lohn die Schafe und Ziegen zu hüten. Allein oder in kleinen Gruppen taten sie diesen nicht ungefährlichen Dienst, denn wilde Tiere und auch Räuber und Wilderer waren hinter dem Kleinvieh her, das sich schon im nächsten Ort weiter verkaufen ließ. Außerdem gab es häufig Streit und durchaus auch Raufereien um die besten Weideplätze an den Flußauen, die in Israel rar waren, so dass Schafe und Ziegen oft von dem kargen Bewuchs am Rand der Wüste und im Gebirge weiden mussten… Wenn es hart auf hart kam, konnte es durchaus sein, dass die angemieteten Halbnomaden sich aus dem Staub machten und die Schafherde, die ihnen anvertraut war, einfach den Wildtieren oder Viehdieben überliessen.

Neben diesen für kurze Zeit angemieteten Tagelöhnern hat es aber auch Hirten gegeben, die engagierter ihre Arbeit taten – Verwandte des Bauern zumeist, die ein persönliches Interesse am Leben und Überleben der Herde hatten, weil sie zumindest Mit-Eigentümer waren. Am Wohlergehen der Herde hing auch für sie die Frage nach Gewinn und Verlust, nach Wohlstand oder Armut… Da konnte es vorkommen, dass ein „guter Hirte“ im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben für die Schafe lassen musste.

In der ganzen Bibel und vielleicht auch darüber hinaus in den Gesellschaften des alten Orients ist der „gute“ Hirte ein Vorbild für Menschen, die Leitungsverantwortung oder Herrschaft über andere Menschen anvertraut bekommen haben. Moses, David, viele der Könige und Fürsten in Israel und Juda wurden als Hirten des Volkes bezeichnet und verstanden sich wohl auch selbst so.

Letztlich aber war es Gott selbst, der Herr und Hirte seines Volkes war. Dieses Bekenntnis der Israeliten hatte durchaus politische Konsequenzen: Alle Herrschaft, sei es nun die des Königs, die der Fürsten, oder auch die der Richter, Priester und Propheten, war immer eine Herrschaft, die sich Gott gegenüber zu verantworten hatte. Machtmissbrauch und Ausbeutung der Untergebenen in Stadt und Land war nicht nur ein Vergehen gegen das Volk, sondern auch und zuerst ein frevelhafter Akt gegen Gott, der solche Dinge nicht auf lange Zeit ungestraft ließ.

Der bekannte Psalm 23 „Vom guten Hirten“ war vor allem ein Glaubensbekenntnis zu diesem Gott, der für die Menschen da ist, sie leitet und führt, sie versorgt und mit Gutem und Barmherzigkeit segnet. Er ist gleichzeitig eine Absage an alles und alle, die sich sonst anmaßen wollen, Herrschaft über das Leben dieser Menschen auszuüben, als ob es Gott nicht gäbe.

Zur Zeit des Nationalsozialismus beschloss die Kirche in Deutschland die Barmer Theologische Erklärung; ein Glaubensbekenntnis, auf das Pfarrerinnen und Pfarrer bis heute bei ihrer Ordination verpflichtet werden. Darin heißt es: Die verschiedenen Ämter der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten (…) Dienstes. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könnte die Kirche sich abseits von diesem Dienst besondere „Führer“ geben und geben lassen. Die Kirche kann und soll auch nicht Teil einer staatlichen Regierung sein, wie auch der Staat nicht die Rolle der Kirche oder ihre Führung übernehmen kann und soll. Ich glaube, dass es in unserer Zeit nötig ist, das ganz deutlich zu wiederholen. Im Evangelischen Gesangbuch kann man unter der Nummer 810 die Barmer Theologischer Erklärung nachlesen. Machen Sie das einmal!

Ich bin nicht der gute Hirte. Auch wenn das Wort „Pastor“ eigentlich Hirte bedeutet. Auch wenn ich weiß, daß Gott mir unsere Gemeinden anvertraut hat, dass ich für sie da sein soll. Zu Petrus hat er gesagt „Weide meine Lämmer!“ – damals, als er den Auferstandenen wieder sah, nach der für Petrus nicht unpeinlichen Frage: „Petrus, hast Du mich lieb?“ Dreimal hatte Petrus Jesus verraten; dreimal fragt der Auferstandene ihn nach seiner Liebe. „Herr, Du weißt alles!“ hatte Petrus geantwortet, „Du weißt auch, dass ich dich liebe!“ Nicht hat er gesagt „Du weißt alles, Du weißt auch, daß ich Dich verraten habe…“ Und Jesus spricht auch nicht davon. Es ist genug, dass Petrus weiß, daß er es weiß, und daß er ihm vergeben und verziehen hat. „Weide meine Lämmer!“

Ist Petrus ein guter Hirte gewesen? Er war ein ganz normaler Mensch, der einen großen Auftrag bekommen hat, der Fehler gemacht hat und versagte, der aber Vieles gut gemacht hat. Auch von ihm wird erzählt, dass er viele Jahre später hingerichtet wurde, wegen seines Glaubens. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe.

Bin ich ein guter Hirte? Ich kenne meine Fehler und Schwächen sehr genau. Ich bekenne, ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Kann ich trotzdem Pfarrer sein, glaubhaft predigen zum Beispiel oder das Abendmahl austeilen, wenn es doch viele Gründe gibt, mich infrage zu stellen?

Manche Menschen in der Kirche haben einen großen Anspruch an Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie sollen Vorbild sein, Menschen, an denen man sich orientieren kann, vielleicht sogar Menschen, die das leben, was man selbst nicht schaffen könnte, einfach, damit man einmal sehen kann, das es geht. Das es möglich ist. Das es kein unerfüllbares Ziel ist.

Aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer streiten sich zu Hause am Mittagstisch mit ihren Ehepartnern, auch Pfarrer lügen oder mißachten ihre Eltern, auch Pfarrer brechen die zehn Gebote. Sie sind Menschen, und darum sollte den Gemeindegliedern nicht der Mund offen stehen bleiben, wenn ihre „Hirtin“ oder ihr „Hirte“ einen Fehler macht. Wenn sie sagen „Ich habe gesündigt, bitte vergebt mir!“

Ob das Abendmahl oder der Segen am Schluß des Gottesdienstes „gültig“ ist, hat nichts mit der Person der Geistlichen zu tun. Es ist Gott, der segnet; es ist Jesus, der sich gibt im Abendmahl, in Brot und Wein. Und selbst ein sündiger – sprich „normaler“ – Pfarrer ist berufen und bestimmt, zu predigen, zu segnen und das Abendmahl auszuteilen. Wäre es nicht so, gäbe es keine Sakramente in der Kirche. Niemand ist vollkommen.

Ich bin der gute Hirte…

Jesus sagt das. Er ist der gute Hirte. Er kennt seine Schafe mit Namen, und sie folgen ihm. Er führt sie, er sorgt für sie. Er gibt ihnen, was sie zum Leben brauchen. Wasser, Futter, Schutz und einen Raum, an dem sie Leben können. Er ist der gute Hirte.

Wenn wir uns taufen lassen oder wenn wir in der Konfirmation ein eigenes Ja zu unserer Taufe finden, dann bekennen wir, dass Jesus unser Hirte ist. Er füllt unsere Unvollkommenheit aus.

Ich mag diesen Satz: „Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist es, was in der Taufe geschieht. Das ist es, was Gott für uns zum guten Hirten macht. Das ist es, was tröstet, trägt und hilft in guten wie in schweren Zeiten, auch im Schatten des finsteren Tales. Das ist die grüne Weide und das frische Wasser für meine durstige Seele. Das ist das Öl, mit dem er mich salbt. Das ist der gedeckte Tisch, an den ich eingeladen bin, trotz meiner Feinde.

„Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist Jesus so wichtig gewesen, daß er bereit war, dafür in den Tod zu gehen. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe. Den hat Gott auferweckt, und er gibt uns, seinen Schafen, das ewige Leben. Gutes und Barmherzigkeit werden mir bleiben mein Leben lang. Und für immer werde ich bleiben, da, wo Gott zu Hause ist.

Jesus ist tot… Warum tut die Kirche nichts dagegen?

Vor zehn Jahren – ich war damals noch Pfarrer in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg in Berlin – klingelte am Karfreitag eine Frau an meiner Tür. Sie war leicht betrunken und sah mich aus unsicheren Augen an.

„Wissen Sie eigentlich, dass man Jesus Christus getötet hat?“ sagt sie.

„Ja“, sage ich, ziemlich verblüfft, „ich habe davon gehört…“

Sie sagt: „Ich hab das bis her immer nur für so eine Art Märchen gehalten, für eine Geschichte, aber jetzt habe ich es gestern Abend im Fernsehen gesehen, also muss es doch stimmen.“

Mit Betrunkenen soll man sich nicht streiten, also spiele ich erst einmal mit: „Ja, ich habe gehört, dass die Reporter fürs Fernsehen normalerweise ganz zuverlässig recherchieren…“

Darauf sagt die Frau empört zu mir: „Aber wenn das stimmt, und wenn Sie es wissen, warum tut die Kirche dann nichts dagegen?!“

Mir hat das erst einmal die Sprache verschlagen, und ich habe dann die Frau nach Hause geschickt. „Schlafen sie sich erst einmal aus und kommen sie morgen wieder; dann können wir in Ruhe weiter darüber reden.“

Sie ist dann leider nie wieder gekommen; ich kannte sie auch nicht und konnte nicht nach ihr suchen. Aber ihre entrüstete Frage ist mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Jesus wurde gekreuzigt. Aber warum hat die Kirche nichts dagegen getan?

Einmal davon abgesehen, dass es die Kirche damals noch gar nicht gab, und einmal davon abgesehen, dass es sie vermutlich nie gegeben hätte, wäre Jesus nicht gekreuzigt worden – warum ist es für die Kirche, für die Christenheit wichtig, dass Jesus gestorben ist? Welches Interesse hat sie daran, dass diese Geschichte bis heute erzählt und nacherzählt, besungen, gemalt und inszeniert wird?

Im Laufe der Kirchengeschichte gab es auf diese Frage unterschiedliche Antworten. Im Hochmittelalter beispielsweise wurde der Tod Jesu als Opfertod verstanden. Gott hat Jesus, seinen Sohn, in die Welt gesandt, um sich selbst zum Opfer zu bringen. Durch seinen Gehorsam konnte er den wilden Zorn Gottes besänftigen. Durch sein Opfer konnte er das „Lösegeld“ bezahlen und die Menschen „freikaufen“ von der Strafe für ihre Sünde. Niemand sonst hätte das gekonnt, denn „was kann der Mensch geben, um seine Seele auszulösen?“ Darum musste Gott selbst Mensch werden; nur er selbst war fähig, dieses reine und heilige Opfer zu bringen.

Zur Zeit Luthers griff die entstehende evangelische Kirche auf theologische Einsichten zurück, die in der Bibel vor allem durch Paulus vertreten werden. Stellvertretend sollte Jesus die Sünde der Menschen tragen. Denn der Mensch war nach dem Sündenfall Adams verdorben, er konnte gar nicht mehr richtig und gerecht handeln. Sich gegen Gott zu wehren, sich selbst an die Stelle Gottes zu stellen, das entsprach einfach seiner jetzt verdorbenen Natur. Daraus musste er erlöst werden.

Der Tod und die Auferstehung Jesu ist ein Glaubensgeheimnis. Durch die Taufe werden Christen mit hinein genommen in den Tod Jesu. Der „alte Adam“ stirbt mit Christus, geht in der Taufe unter. So werden Christen durch den Glauben ein Teil des Leibes Christi; sie werden „neu geboren“ und ziehen so eine neue, andere Natur an, die sie nicht mehr an die Sünde fesselt. Als „Kinder des Lichts“ sind sie aufgefordert, ihrer neuen Natur entsprechend zu leben. Wenn sie aber in die alten Muster zurückfallen und wieder sündigen, dürfen sie durch die Gnade Gottes „zurück kriechen“ in ihre Taufe. Denn Gott weiß: Wir sind Sünder und Gerechte zugleich – Sünder von unserem menschlichen Wesen her, gerecht gemacht durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Heute erscheint mir der Gedanke am wirksamsten und wichtigsten, dass Gott durch Jesus beweist, dass er die Beziehung zu den Menschen nicht aufgeben will. Trotz aller Schuld, vor aller Leistung wendet er sich den Menschen zu. Er will das Leben für uns, in umfassenden Sinn. Er will uns seine Liebe zeigen. In allem, was Jesus Christus tat, erkennen wir Zeichen der Liebe Gottes – vor allem aber, letztlich und unüberbietbar, in seinem Tod am Kreuz.

Selbst und vor allem durch den Tod kommt das Leben in die Welt. „Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allen – wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ Das Leiden und Sterben Jesu zeigt uns, dass ihm „nichts Menschliches fremd“ war – er kennt Schwachheit und Ausgeliefertsein, er litt unter der Versuchung, seine Macht zu missbrauchen, er kennt Schmerzen und Tod. Gott ist nicht zuerst der Ewige, Unnahbare, Ganz-Andere. Er hat sich uns gleich gemacht, bis dahin, dass er seine Gottgleichheit aufgegeben hat. Bis in den Tod am Kreuz, wo er rief: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“…

Die Liebe Gottes hat ihn gezogen, sich uns in allem gleich zu machen, ein Mensch zu werden und sich als Mensch erkennen zu lassen. Göttliche Macht und Kraft war in ihm verborgen bis zur Unkenntlichkeit. So ging er in den Tod.

Wenn wir als Christinnen und Christen die Nähe Gottes suchen, wenn wir als Kirchengemeinde auf den Spuren Jesu gehen wollen, müssen wir so handeln, wie er gehandelt hat, die Nähe der Menschen suchen, die er gesucht hat. Heilig sind dann gerade nicht die, die sich von allem „Sündigen“ fern halten, sondern die, die zu den Armen, Schwachen, Suchenden und Gott Fernen gehen, denn Christus sagt: „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht.“

Ostern wird es da, wo das Leben neu ans Licht kommt – in den Kirchen wie in Gefängnissen, Schulen, Obdachlosen- und Flüchtlingsheimen, in Krankenhäusern und Hospizen, an den Orten, an denen wir arbeiten und in den Häusern, in denen wir wohnen. Im Himmel wie auf Erden.

Do they know it’s Christmas?

Weihnachten ist ein Fest, dass unter einer großen inneren Spannung steht. Es steht zwischen dem total überraschtem und erschrockenen Gebet der Hirten damals – und dem „Alle Jahre wieder…“ heute. Zwischen dem Erinnern, das kaum das Wunderbare begreifen mag – und dem beinahe gleichgültigen, in belanglosem Kitsch verendeten Herunterdudeln einer alten Geschichte, die keiner mehr ernsthaft glauben will – in der die Engel sich den Himmel mit fliegenden Rentieren und die Hirten auf dem Felde sich den Platz mit Frosty, dem Schneemann teilen müssen.

Damals kamen die Weisen Männer aus den fernen Ländern im Osten, um den neugeborenen König anzubeten, heute kommen Container voller Computerspiele und Plastikpuppen aus Korea, China und Taiwan, um unsere Kinder glücklich zu machen.

Ich habe in Wirklichkeit gar nichts gegen Geschenke, Kuchen, Tannenbaum und Lichterglanz beim Fest – aber ich finde es unerträglich, wenn darüber das ganz verloren geht, worauf es ankommt: Gott wird Mensch!

Es kann doch nicht sein, dass Gott der Menschheit begegnet und wir Menschen nicht verändert wurden dadurch? Es kann doch nicht sein, dass Gott in die Welt kommt und sie danach noch die selbe ist? Es kann doch nicht sein, dass unsere Augen den Heiland gesehen haben und danach nicht die neue Wirklichkeit sehen, die er in unserer Mitte geschaffen hat?

Mehr als die Herkunft Jesu von Gott beeindruckt heute viele Menschen, wofür er steht. Gerade Menschen, denen ihr Glaube an Gott noch wichtig ist, denen die christlichen Werte etwas bedeuten, fragen nach dem, was der Mensch Jesus in ihrer Situation tun würde, wie er sich entscheiden würde, was ihm wichtig wäre. Es beeindruckt sie, dass er sich auf die Seite der Armen und Schwachen gestellt hat, dass er zu den Kranken gegangen ist, die Hungrigen versorgt, die Verzweifelten tröstet.

In den Umfragen zur Kirchenmitgliedschaft, die seit einigen Jahrzehnten immer wieder durchgeführt werden, erkannte man jedes mal wieder, dass sowohl den Kirchenmitgliedern als auch denen, die „nur“ Interesse an Glaube und Religion haben, eines am Wichtigsten ist: dass die Kirche christliche Werte vertritt, lebt und an die kommende Generation weitergibt – Nächstenliebe, Treue und Ehrlichkeit, Verbundenheit gegenüber der Familie, Solidarität mit Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen, Gastfreundschaft, Mäßigung und Geduld.

Viele Menschen, die in der Leitung der Kirche verantwortlich reden müssen, haben gesagt, dass man gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Menschen in Not seine Stimme erheben muss, dass man aber auch die Sorgen der Demonstranten und Bedenkenträger ernst nehmen muss; sie befürchten doch, dass die christlichen Werte verloren gehen könnten. Ich teile diese Bedenken nicht. Im Gegenteil: Wo Kirche aus Angst heraus den christlichen Gedanken, den Wert, ja das Gebot der Nächstenliebe fallen lässt, da hat der Ungeist gesiegt; da haben die schon gewonnen, die früh den Mut verlieren, bei denen das Wort Gottes auf harten und trockenen Boden fällt.

Ich denke, Christus wäre heute in den Heimen der Asylbewerber und in den Gemeinden, in denen Flüchtlinge untergebracht und versorgt werden, Christus, wäre dort in Italien und Griechenland, wo Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und aufgenommen werden, Christus ist in Syrien, er ist bei den Opfern des Islamischen Staates, er ist überall da, wo Menschen auf der Flucht sind vor der Perversion eines Glaubens, der Menschen Gewalt antut und den Tod bringt, und das auch noch im Namen Gottes…

Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass die Kirche nur dann die Kirche Jesu Christi sein kann, wenn sie da hin geht, wo er hin gegangen ist, und tut, was er getan hat. Wo Menschen in Not sind, bedroht und vergewaltigt – da ist Christus zu finden, und da soll und muss auch Kirche zu finden sein. „Wenn die Kirche nicht dient – dient sie zu nichts.“ schrieb auch Jacques Gaillot; ein französischer Bischof der römisch-katholischen Kirche, der im vergangenen Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Mich hat sehr beeindruckt, wie viel in Neukölln für die Flüchtlinge getan wird: Menschen kümmern sich um Wohnung, Betreuung und Hilfe in allen Lebenslagen. Es gibt Sprachkurse, Unterstützung bei Behördengängen oder auch nur beim Einkaufen; es gibt Hilfe bei der Suche nach einer Schule für die Kinder oder einem Arzt für Kranke und Verletzte. Geht das auch bei uns? Jedes Gemeindeglied, jeder Mitmensch hier in Schönefeld und Großziethen, in Brusendorf oder Wassmannsdorf, in Selchow, Rotberg, Groß Kienitz oder Kiekebusch kann sich mit Geld- und Sachspenden oder mit freiwilliger Mitarbeit daran beteiligen.

Die gefährliche Leichtigkeit des Seins…

Predigt zum Brief des Apostels Paulus an die Galater, Kapitel 5, Vers 25

Als vor fast vierzig Jahren der erste Mensch den Mond betrat, erlebte er am eigenen Leibe, was vorher nur berechnet und vermutet werden konnte: Die Schwerkraft ist auf dem Mond sechsmal schwächer als auf der Erde. Mit einem kleinen Sprung, einem kleinen Schritt für einen Menschen konnte er meterweit über den staubigen Boden steigen, die schweren Materialkisten ließen sich mit einer Hand bewegen. Anders als in der Schwerelosigkeit der Raumkapsel hatte er hier festen Boden unter den Füßen, doch hätte er ich auf eine Waage gestellt, dann könnte er sehen, daß von seinen 75 irdischen Kilogramm nur noch zwölfeinhalb Mondkilo geblieben sind. Trotz allem Üben und Trainieren in dem Labors auf der Erde war diese Erfahrung so neu, daß es eine ganze Weile dauerte, bis sich die Muskeln der Astronauten auf diese andere Wirklichkeit eingestellt hatten. Ein großer Schritt für die Menschheit.

Das Leben auf dem Mond ist nicht ungefährlich. Man muß sehr vorsichtig sein. Die Erfahrung des eigenen Gewichts ist auf dem Mond eine andere, die Schwerkraft, die auf der Erde für unser Leben eine unveränderliche Größe ist, zwingt auf dem Mond zu einem völlig anderen Verhalten. Wenn es einmal dazu kommen sollte, daß Menschen auf dem Mond arbeiten, wohnen und Urlaub machen können, müßten sie jedesmal selbst ganz alltägliche Dinge wie Laufen, Essen und Trinken, Werfen und Fangen und sogar das Atmen neu lernen.

Ich erzähle das, weil es recht anschaulich macht, was Paulus den Gemeinden in Galatien und an alle Christen mit diesen Zeilen schreiben wollte: Durch den Glauben an Jesus Christus hat Gott uns in eine neue Wirklichkeit gestellt. Viele Dinge, die unser Leben bestimmen, haben in dieser neuen Wirklichkeit ein anderes Gewicht. Wir sind befreit von Belastungen, die unser Leben schwer gemacht haben. Das alte Gesetz des „Wie du mir, so ich dir!“ gilt für uns nicht mehr. Gottes Liebe und seine Vergebung müssen wir uns nicht länger verdienen, denn durch Christus werden sie uns geschenkt. Wir sind erfüllt mit Gottes Geist und dürfen zu Gott sprechen wie zu einem liebenden Vater.

Doch auch diese „Leichtigkeit des Seins“ hat ihre Gefahren. Da ist einerseits die Gefahr, sich wieder gefangen nehmen zu lassen von den alten Gewohnheiten, sich wieder neu unter selbstgemachte Gesetze zu stellen, weil es zu leicht erscheint, sich die Gnade einfach schenken zu lassen. Und andererseits ist da die Versuchung, total abzuheben, den Boden unter den Füßen zu verlieren und zu vergessen, daß es auch in dieser neuen Wirklichkeit des Geistes Gottes Regeln und Ordnungen gibt, die eingehalten werden müssen.

„Da wir im Geist leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln…“ Durch den Geist haben wir neues Leben, und das soll jetzt auch bei uns sichtbar werden! schreibt Paulus an die Galater. Unser Leben, alles, was wir tun, muß von dieser Wirklichkeit her neu geordnet werden.

„Blinder Ehrgeiz, der nur unsere Eitelkeit befriedigt, gegenseitige Kränkungen und Neid sollen bei uns keine Rolle mehr spielen! Wir müssen uns nicht auf Kosten anderer profilieren; wir müssen unsere eigene Stärke nicht länger an der Schwachheit der anderen ermitteln. Wenn sich einer von euch etwas zuschulden kommen läßt und sündigt, dann sollt ihr als Menschen, die Gottes Geist leitet, verständnisvoll wieder zurechtbringen. Seht aber zu, daß ihr dabei nicht in dieselbe Gefahr geratet. Kümmert euch um die Schwierigkeiten und Probleme des anderen, und tragt die Last gemeinsam. Auf diese Weise verwirklicht ihr, was Christus von euch erwartet.“ Ich kann als Prediger kaum mehr sagen, ohne die Klarheit dieser Worte wieder zu trüben…

Die Sehnsucht, anerkannt zu werden, hat wohl jeder von uns. Es ist ja ganz normal für jemanden, der seine Arbeit tut, daß er gern dafür gelobt wird, daß ihm jemand sagt, das war gut, ich freue mich mit dir. Oder wenigstens, daß jemand ihn und seine Arbeit so wichtig nimmt, zu sagen, so und so könntest du es besser machen.

Manchmal aber ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die Angst, mißachtet zu werden, so groß, daß sie beschwerlich wird. Manchmal wird der Ehrgeiz blind. Die Suche nach einem anerkennenden Wort nimmt uns dann so in Anspruch, daß der Blick für das wirklich Wichtige, daß das Gefühl für die Leichtigkeit des Geistes Gottes verloren geht.

Das ist nicht nur eine Frage nach dem Charakter des Einzelnen, sondern auch die Frage nach dem Millieu einer ganzen Gemeinde und einer ganzen Kirche. An der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir einander Bestätigung und Anerkennung zukommen lassen können oder eben neiden, entscheidet sich nicht nur unsere Glaubwürdigkeit, sondern – hier verbindet Paulus das ganz Kleine des alltäglichen Lebens mit den großen Wahrheiten des Glaubens – an der Art, wie wir miteinander umgehen, entscheidet sich auch das Heil und das Urteil Gottes über uns. „Irrt euch nicht!“, schreibt Paulus; „genau das, was ihr sät, werdet ihr auch ernten!“ Es ist darum wichtig, zu überlegen, wie man in der Gemeinde mit Konflikten umgehen sollte, denn das bleibt nicht ohne Folgen auf den Geisteszustand der Gemeinde, auch auf Gottesdienst, Predigt und die gemeinsame Abendmahlsfeier.

Der „Geist der Sanftmut“ ist im Kern Selbstkritik. „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk!“ schreibt Paulus. Es hilft nicht, die eigene Kraft mit des anderen Schwachheit zu vergleichen.

Was Paulus an die Galater schreibt ist eine Ermahnung zur Liebe, es ist kein neues Gesetz, daß uns wiederum beschweren soll, sondern einfach die angemessene Art und Weise, in der Leichtigkeit des Geistes Gottes zu leben.

„Fremde Lasten kann man aber nur dann auf sich nehmen, wenn man nicht selber unter dem eigenen Gewicht zu leiden hat. Dieses Gewicht, oder besser: dieses Übergewicht, das wir uns selber geben, um vor Gott und der Welt gewichtig zu sein, diese selbsterzeugte Schwere, die uns mehr belastet als alles andere, die ist uns durch den Geist Gottes ein für allemal abgenommen. Die Last unserer eigenen Person ruht auf dem einen und einzigen Lastenträger, den die Bibel das Lamm Gottes nennt. Wir sind alle nur begrenzt belastbar. Das Lamm Gottes aber ist unbegrenzt, unendlich belastbar. Wir können es vor allem mit uns selbst belasten.“

Eines Tages, mein Kind…

Predigt zum Ewigkeitssonntag

 

Offenbarung 21,1-7

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,
und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,
von Gott aus dem Himmel herabkommen,
bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach:
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein, und er selbst,
Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach:
Siehe,
ich mache alles neu!
Und er spricht:
Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!

Und er sprach zu mir: Es ist geschehen.
Ich bin das und das O, der Anfang und das Ende.
Ich will dem Durstigen geben
von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Wer überwindet, der wird es alles ererben,
und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

„Eines Tages, mein Kind, wird dies alles Dir gehören…“

Aus welchem Mund, liebe Gemeinde, könnte dieser Satz wohl stammen?
Welches Bild wecken diese Worte vor ihren Augen?

Sehen sie vor sich den Besitzer eines großen Konzerns, der mit seinem Stammhalter über ein Fabrikgelände schreitet, eine Werkhalle vor sich, in der jeden Tag hunderte von Mitarbeitern zu tun haben, einen Fuhrpark mit fünfzig LKWs, die Rohmaterial aus fernen Ländern bringen und Produkte wieder abtransportieren, damit sie in die ganze Welt verkauft werden?

Sehen sie einen Sammler vor sich, der über Jahrzehnte Bilder und Skulpturen kaufte, vielleicht so viele und so wertvolle, dass es sich lohnte, ein Museum oder eine Ausstellungshalle zu bauen, so dass nun Touristen aus dem ganzen Land kommen, um Aquarelle, Grafiken und andere Malereien zu besehen; einen Sammler, der alt geworden ist und ahnt, dass er nichts von alledem wird behalten können, dann, an jenem Tage, einem Sammler, der es weitergeben wird, was er erworben hat, in dankbare Hände?

Können sie sich diese Worte aus dem Mund eines verarmten Adeligen vorstellen, im Hof eines Schlosses gesprochen, das seit Jahrzehnten baufällig ist, dem es durch das Dach regnet, dem der Wind durch die zerbrochenen Fenster heult, so dass die Leute drüben im Dorf heute noch sicher sind, dass es in diesem alten Fürstensitz spukt?

„Eines Tages, mein Kind, wird dies alles Dir gehören…“

Können sie sich vorstellen, wie die so angesprochenen Erben auf diese Worte reagieren? Der Sohn des Konzernchefs dankbar, stolz, vielleicht aufgeregt über die große Verantwortung, die ihn erwartet? Die Enkelin des Sammlers, die Kunstgeschichte studiert hat, und der es wie ihrem Opa ein Herzenswunsch ist, die Sammlung zusammen zu halten und wo möglich mit kompetenten Sachverstand zu erweitern?Der Neffe des Adeligen, der so gar keine Lust hat, Zeit und Lebensenergie in dieses verfallene Bauwerk zu stecken, und sei es auch der durch vierhundert Jahre hindurch vererbte Sitz der Familie?

Ich habe einmal ein sehr bitteres Comicbild in einer Zeitung gesehen, eine Karikatur: Ein Mann steht mit einem Kind vor einer zerstörten Landschaft: Die Bäume sind abgesägt, nur ihre Stümpfe ragen noch aus dem Boden, darüber schwebt der Brandgeruch aus einer zerstörten Stadt, ein Panzer steht zerschossen auf einer Landstraße, und aus seinem Tank läuft Öl in einen See, in dem die Körper toter Fische treiben… Und der Mann sagt, indem er eine großartige Handbewegung macht: „Eines Tages, mein Kind, wird dies alles dir gehören…“

„Wer überwindet, der wird dies alles erben…“
so heißt es im Predigttext. Welche Gedanken weckt dieser Satz in ihnen, heute, hier in dieser Kirche?

Der Seher Johannes, der das letzte Buch der Bibel geschrieben hat, beschreibt eine Zukunftshoffnung. Von der Hoffnung auf die Zukunft schreibt er, weil in der gegenwärtigen Welt, in der er lebt, so wenig zu sehen ist, was Mut macht und hoffen lässt. In seiner Zeit werden die Christen verfolgt, dürfen ihren Glauben nicht öffentlich verkünden und bekennen, die Kirche, kaum hundert Jahre alt, beginnt schon zu zerfallen und in Splittergruppen auseinander zu brechen, die Glaubenskraft der ersten und der zweiten Generation der Christen verblasst und es bleibt ein auf blutleere Rituale fixierter, lauwarmer Traditionalismus, dem die Kraft, das Brennen des Geistes fehlt…

Das Christentum – ist es ein Experiment, das eigentlich gescheitert ist? Was hat es, was es wert wäre, an eine nächste Generation weiter gegeben zu werden?

Kommen uns diese Fragen nicht sehr aktuell und vertraut vor? Sind es nicht auch unsere Erfahrungen, unsere Fragen, die wir hier in den alten Worten und Bildern des Sehers Johannes wieder entdecken können? „Ihr werdet dies alles erben…“ Ja, wollen wir es denn überhaupt? Was bedeutet uns der Glaube, ist die Kirche wie das alte Fürstenschloss nicht ein abbruchreifes Gebäude, das man gar nicht so gerne am Hals haben möchte? Hat der Glaube noch Kraft, die uns im Leben und im Sterben trägt?
Ich habe es im vergangenen Jahr oft erlebt, dass er diese Kraft hat. Viele Menschen sind heute hier im Gottesdienst, die einer besonderen Einladung gefolgt sind: Sie haben in diesem Jahr einen Angehörigen begraben müssen, den sie geliebt haben und den sie vermissen. Damit wir gemeinsam die Trauer tragen, uns gegenseitig trösten können und die Namen der Verstorbenen noch einmal in ehrendem Gedenken in diesem Gottesdienst nennen, dazu sind sie hier mit uns zusammen gekommen.

Und in den Gesprächen, die ich mit manchen von ihnen bei der Vorbereitung von Trauerfeiern geführt habe, da habe ich es gemerkt: Dass sie sich von dem Glauben an Gott getragen fühlten, der uns auch in den Wochen des tiefen Schmerzes nicht verlässt. Er erspart uns den Schmerz nicht, er macht ihn uns nicht einmal leichter oder einfacher zu ertragen, aber er ist bei uns im Leid, er hält unseren Zorn aus, er ist der Empfänger unserer Klage – und schließlich wird er auch zum Ziel unserer Dank-barkeit und zu einem tragenden Fundament neuer Freude. Ist es nicht so gewesen?

Ich habe im vergangenen Jahr erlebt, dass Gemeindeglieder durch ihren Glauben dazu bewegt wurden, sich hier in der Gemeinde und anderswo in unserem Stadtteil für Arme, Kranke und Einsame einzusetzen. Wenn ich deren Namen hier im Gottesdienst nennen würde, würden sie wohl rot werden, wären mir böse, dass ich sie so in die Öffentlichkeit gezerrt habe und würden sagen: „Das ist doch nichts Besonderes, das gehört sich doch ganz einfach so…“ Es sind aber diese kleinen Dienste von Einzelnen an Einzelnen, die uns helfen, diese Welt und unsere Stadt bewohnbar zu erhalten, sie zu einem Ort zu machen, an dem man immer noch leben kann, sogar gern und glücklich leben kann. Die vielen kleinen „guten Taten“ sind es, die uns die Kraft des Glaubens erleben lassen und die uns die Liebe Gottes spürbar machen – sonst wüssten wir nichts von ihr, und sie bliebe ein leeres Wort. Diese Liebe ist das Öl in den Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Gleichnis, das wir als Evangelium gehört haben.

Wir haben in den vergangenen Wochen Gottesdienste gefeiert, die von sehr tiefen, nachdenklichen Gedanken geprägt waren: Am Reformationstag haben wir uns erinnern lassen, dass eine Kirche, die sich nicht mehr bewegt, die nicht mehr bereit ist, sich verändern zu lassen, sehr bald stirbt, erstarrt und versteinert. Das kann sogar für eine Kirche gelten, in der scheinbar noch viel passiert, die ihren Aktionismus auslebt und viele Aufsehen erregende „Leuchtfeuer“ strahlen lässt – wo sie den Kontakt zu dem verloren hat, der sie überhaupt erst zur Kirche macht, stirbt sie: „Du hast den Namen, dass Du lebst, aber Du bist tot.“ bezeugt Johannes einer solchen Gemeinde. Kirche lebt aus Gott – oder sie lebt nicht.

Am Volkstrauertag und am Buß- und Bet-Tag haben wir uns sagen lassen, dass wir als Kirche in der Gesellschaft eine Aufgabe haben, die uns niemand sonst abnehmen kann: Die Aufgabe, die Stimme zu erheben für die Armen und Schwachen, die Verfolgten und zu Unrecht Verdächtigten, für die unschuldig Gefangenen und die im Krieg Vertriebenen und Getöteten, dort hin zu gehen und da zu helfen, wo auch Christus hingegangen wäre und wo er geholfen hätte… Wir sind als Christen ein Teil der Gesellschaft, aber wir stehen durch den besonderen Auftrag, den Gott uns gibt, auch der Gesellschaft gegenüber und erheben unsere Stimme für die, deren Stimme sonst niemand mehr hört, erheben unsere Stimme, damit am Ende nicht nur zerstörte Städte und Landschaften bleiben, damit nicht nur Hunger und Tod für unsere Nachkommen und Erben bleibt. Kirche ist, wo Christus ist – oder sie bleibt nicht.

Und heute, am Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, lassen wir uns sagen, dass wir wirklich Grund haben zur Hoffnung. Wo der Glaube wirksam ist unter uns, wo Menschen sich durch ihr Gottvertrauen in Bewegung setzen lassen, mit Herzen, Mund und Händen sich für diese Welt einzusetzen und so die Liebe Gottes in die Welt bringen, da ist Grund zur Hoffnung. Wir lassen uns aber sagen, dass wir nicht selbst, nicht unser Tun und Lassen, Grund dieser Hoffnung sind. Gott ist es, der den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird, er ist es, der richtet, der zurecht bringt, der Gerechtigkeit schafft, der hilft und heilt, und er tut es da, wo wir in seinem Namen tätig sind. Im Licht der Ewigkeit rechnen wir aber nicht mehr mit der begrenzten Möglichkeit und Fähigkeit der Menschen, sondern mit der grenzenlosen Freiheit der Liebe, die den Tod überwindet, die die Glaubenden zum Hochzeitsmahl im Himmel lädt und die die Mauern zwischen Gott und den Menschen einfach überspringt. Kirche sucht nicht weniger als den Himmel – oder sie hofft nicht.

„Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein… und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn – seht: Das Alte ist vergangen: Er macht alles neu!

Wer überwindet, der wird dies alles erben. Eines Tages… und schon jetzt.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist…

Andacht in der Evangelischen Schule Großziethen

1. Es tut mir leid. Ich hab’s vermasselt.
Du hast mir vertraut, aber ich habe Dein Vertrauen missbraucht.
Ich habe dich angelogen. Ich habe Dein Geheimnis verraten.
Ich habe mein Versprechen nicht gehalten. Ich war Dir untreu.
Du wolltest mein Freund sein, Du hast mich geliebt,
aber ich habe Dich beleidigt und weggestoßen von mir.
Ich habe Dir weh getan. Ich habe Dich verletzt.

Jetzt stehe ich vor Dir und weiß nicht, was ich sagen soll.
Ich fühle mich schrecklich. Es tut mir leid.
Du bist mein Freund, meine Freundin! Kannst Du mir verzeihen?
Ich bitte Dich um Entschuldigung. Sei mir nicht länger böse.
Vergib mir!

Ich will meinen Fehler nicht wiederholen, ich will mich ändern.
Wirst Du mir helfen, ein anderer Mensch zu werden?


2. Wir sind schuld. Wir sind zu Tätern geworden.
Wir haben andere zu Opfern gemacht.
Von unserem Land ist Krieg ausgegangen.
Ein Krieg, der ganze Völker gemordet hat.

Sechs Millionen Juden sind tot.
Unzählige Soldaten aus Frankreich, England, Polen, Russland…
Und dazu Menschen, Frauen, Männer, Kinder…
Schülerinnen und Schüler wie wir.
Verblutet im Bombenhagel.

Wir waren nicht dabei. Wir haben es nicht miterlebt.
Es waren unsere Großeltern, die damals die Gewehre in Händen hielten,
die damals die Granaten bauten, die Panzer, die Flugzeuge.
Aber wir sind trotzdem nicht frei von Schuld.
Könnt Ihr uns verzeihen, ihr Völker der Welt?

Vergebt uns, Ihr Nachkommen der Toten von einst!
Helft uns, dass nie wieder so schreckliche Verbrechen in deutschem Namen geschehen.


3. Wir sind schuld.
Wir verbrauchen diese Welt, als gäbe es noch eine, noch viele davon.
Wir haben nur diesen einen Planeten, nur eine Welt.
Nur diese Luft, die wir atmen,
nur dieses Wasser, das wir trinken,
nur diese Erde, auf der unser Brot wächst.

Wir verbrauchen Öl, Kohle, kostbare Rohstoffe,
als würde keine weitere Generation nach uns kommen.
Als würden in hundert Jahren keine Menschen mehr leben,
die atmen, essen, trinken und leben wollen wie wir.

Was werden wir unseren Kindern sagen?
Was unseren Enkeln und deren Zeitgenossen?
Was werden unsere Nachkommen über unsere Generation sagen?
„Sie haben gierig und selbstsüchtig unsere Welt verbraucht
und uns nur die Reste gelassen…“

Werden sie uns verzeihen können?
Werden sie uns vergeben, unsere Kinder, Enkel, Urenkel?
Können wir uns ändern?
Bleibt uns überhaupt noch Zeit zur Buße,
zu einem neuen Denken, zu einem anderen Leben?


4. Vor Dir, Gott, stehe ich. Mit meiner Schuld.
Ich habe das Vertrauen meiner Freunde missbraucht.
Ich habe Menschen verletzt, die ich liebe.
Ich habe Menschen enttäuscht, die mich lieben.
Vor Dir, Gott, stehe ich. Mit meiner Schuld.

Vor Dir, Gott, stehe ich. Ich bin ein Sünder.
Unser Volk hat Krieg über die Welt gebracht.
Noch heute sterben Menschen für unseren Reichtum,
für unsere Bequemlichkeit, für unseren Wohlstand.
Vor Dir, Gott, stehe ich. Ich bin ein Sünder.

Vor Dir, Gott, stehe ich.
Wir Menschen zerstören selbstsüchtig und gierig die Welt, in der wir leben.
Wir verbrauchen gedankenlos und kurzsichtig in einem Jahrhundert die Rohstoffe,
die in Millionen Jahren gewachsen sind.
Vor Dir, Gott, stehe ich.

Ich bekenne vor Dir, Gott:
Ich bin einer von denen, die nicht fröhlich genug geglaubt,
nicht brennend genug geliebt und nicht treu genug gebetet haben.
Ich lebe, als ob es Dich, Gott, gar nicht gäbe.
Ich lebe, als gäbe es keinen Gott, keinen Tod, keine Grenze, kein Ende der Welt.
Ich lebe, als wäre ich selbst Gott und kein anderer neben mir.
Ich lebe, als wäre da nur ich…


Schenke mir einen neuen Anfang, mein Gott!
Schenke mir ein neues Herz und einen freien, fröhlichen Geist.
Vergib mir meine Schuld und halte mir meine Fehler nicht vor.
Mache aus mir ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

Gib mir Mut und Begeisterung, etwas zu ändern,
gib mir den Glauben, dass es nicht egal ist, was ich sage und tue.
Öffne meine Augen für die Menschen neben mir..
Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt.

Ich weiß: Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es ist aber meine Schuld, wenn sie so bleibt.
Darum gib meinem Leben einen Sinn und ein Ziel,
damit die Welt am Leben bleibt.

Als Noah aus der Arche ging…

Als Noah aus der Arche ging…


Eine Predigt für drei Stimmen…


Das Wasser hat sich verlaufen, die Welt ist grün und frisch. Morgenlicht leuchtet, rein wie am ersten Tag der Schöpfung. Majestätisch ragen die Gipfel in den nun wieder blauen Himmel. Hoch oben liegt das große hölzerne Schiff, als hätte ein Riese es dort verloren. Man hört es darin rumoren.

Es pfeift und bellt, zwitschert und grunzt, trompetet und jault, meckert, wiehert und zirpt, es gackert und brüllt, ächzt und schnauft, winselt und muht, und dann plötzlich hört man einen Schlag, als ob ein schwerer Baumstamm fällt. Knirschend öffnet sich ein großes Tor an der Seite des Schiffs, eine Wolke aus feuchtem, warmen Stall-geruch entströmt ihm, und dann kommen sie heraus, die Überlebenden.

Es flattert und trampelt, galoppiert und schreitet, schleicht und huscht, trippelt, läuft und schlängelt aus dem Tor heraus; wie ein breiter Strom aus Federn, Klauen, Schuppen und Fell ergießt sich das neue Leben in eine scheinbar unberührte Welt. Zuletzt verlassen auch die Menschen das Schiff. Noah, seine Frau, seine Söhne und deren Frauen blinzeln in die Sonne und steigen mit unsicheren Schritten die steile Rampe hinunter in eine ungewisse Zukunft.

Sie haben die Katastrophe überstanden. Sie haben überlebt. Dieses Mal. Wieder einmal. Aber was wird die Zukunft bringen?

Was wir vor unseren inneren Augen sehen, ist keine Szene aus einem Bilderbuch für Kinder. Auch kein Szenario aus dem Kino. Es ist das Ende einer Geschichte voller Angst und Verzweiflung, voller Arbeit und Mühe, von Blut, Schweiß und Tränen. Eine Geschichte von Vertreibung und Tod, von einer letzten Grenze und vom Ende der Welt. Und eine Geschichte von dem Fragen der Menschen nach dem Unbegreiflichen, dem Schicksal, nach Gott…

In beinahe allen Kulturen der Menschheit gibt es solche dramatischen Geschichten, die von einer großen, weltumfassenden Flut erzählen. Die Menschen haben die Götter erzürnt, mit ihrem Hochmut, – so wird erzählt – mit ihrer Gier, ihrem Streben danach, Gott gleich zu sein. Vielleicht aber auch nur, weil sie die Ruhe und den Frieden der Götter stören mit all dem Lärm, den sie ständig machen…

Am Ende beschließen die Götter: Die Schöpfung war ein Fehler. Sie muss rückgängig gemacht werden. Zurück auf Anfang. Der Friede auf Erden kann nur wieder-hergestellt werden mit einer radikalen Aktion, mit einer Endlösung… Feuer vom Himmel könnte vielleicht helfen, oder Wasser, jede Menge Wasser….

In diesen Geschichten, die es in Mittelamerika gibt und in Chína, in Babylon und in Ägypten, bei den alten Germanen und bei den Ureinwohnern Australiens, werden Erfahrungen von Völkern und Erlebnisse von Menschen verarbeitet. Es hat solche Fluten und andere Katastrophen immer wieder gegeben. Während der letzten 6000 Jahre haben Erdbeben im Mittelmeer Tsunamiwellen ausgelöst, die ganze Zivilisationen vernichteten und den Lauf der Geschichte veränderten.

Vielleicht sind schon durch das Schmelzwasser am Ende der Eiszeit natürliche Dämme weg gebrochen, ganze Meere sind vielleicht übergelaufen und spülten in einer einzigen Welle Siedlungen und Städte, Paläste und Tempel einfach weg…

Vulkane spuckten Megatonnen von heißer Asche, glühender Lava und giftiger Gase in die Luft, die ohne Unterschied reiche und arme, gottlose und fromme Menschen unter sich begruben…

Es könnte sein, dass das Menschheitsgedächtnis in diesen mythischen Sintflut-geschichten aus aller Welt Erinnerungen an solche Katastrophen bewahrt hat. Und in diesen Geschichten die Frage: Wo war Gott? Warum hat er nicht geholfen? Hat er vielleicht sogar selbst den Menschen dieses unvorstellbare Leiden angetan?

Vor zwei Jahren begann Noah, die Arche zu bauen. Mitten auf dem trockenen Land stellte er ein riesiges Schiff auf ein Gerüst. „Gott hat es mir befohlen.“, sagte er, wenn seine Frau ihn zweifelnd ansah. Und dann fingen er und seine Familie an, Tiere aus dem ganzen Land in dieses Schiff zu bringen. Oh, wie die Nachbarn gelacht und gespottet haben über ihn! Bis der Regen begann…

Vierzig Tage und vierzig Nächte hat es ohne Unterbrechung geregnet. Es war, als ob sich die sagenhaften Schleusen der Tiefe geöffnet hätten. Der Boden um das Schiff, das Noah gebaut hatte, verwandelte sich in Matsch und Schlamm, Schmelzwasser aus den Bergen verwandelte Bäche in reißende Flüsse, und ein plötzlicher Sturm trieb große Wellen aus dem Meer ins Landesinnere, Fluten, wie es sie seit Menschen-gedenken nicht gegeben hatte. Die Arche hob sich aus ihrem Baugerüst, schwamm auf der Flut, mit all den Tieren, die die acht Menschen gefangen und gerettet hatten. Und alles, was draußen war, ertrank in diesem endlosen Wasser, alles kam ums Leben, Tiere, Menschen…

Dann, als der Regen sich legte, schwamm die Arche wochenlang über einen endlosen Meer; bis an den Horizont erstreckten sich die Fluten. Selbst der Rabe, den Noah fliegen ließ, kam zurück, ebenso die Taube eine Woche später. Dann aber brachte der Vogel einen Zweig von einem Ölbaum, Zeichen des Lebens. Und zuletzt setzte sich das Schiff auf festem Grund. Und die Schöpfung geschah erneut.

Die acht Menschen stehen jetzt neben der Arche und sehen den Tieren hinterher, die sich in der Ferne verlieren, ihren Lebensraum zurück erobern. Sie werden fruchtbar sein und sich vermehren, sie werden wieder die Erde füllen. Vielleicht. Was gewesen ist, ist vergangen; aber was kommen wird, ist völlig unsicher; es gibt keinerlei Garantie, dass sich die Katastrophe nicht wiederholt.

Noah baut einen Altar. Er trägt Steine zusammen, baut einen niedrigen Tisch. Sorgfältig schichtet er Holz darauf, trockenes Laub. Dann schlägt er aus zwei Steinen das Heilige Feuer, bewegt die Lippen im Gebet. Noah bringt ein Opfer für Gott. Zeigt seine Dankbarkeit. Bittet um Frieden. Unterwirft sich…

Rauch steigt auf von dem Opferaltar, es duftet nach Kräutern und Gewürzen, nach Gebratenem. Den Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen…

…und auch Gott roch den lieblichen Geruch. Mit seinem Opfer konnte Noah Gott besänftigen. Das war jedenfalls die Vorstellung der Menschen in dieser Archaischen Zeit. Ein Opfer bringen zu können, das heißt: Wir sind nicht länger hilflos der Willkür eines grausamen Gottes ausgeliefert. Wir können etwas tun. Vielleicht kann man sogar eine Art Vertrag aushandeln. „Geben und Nehmen“ heißt es dann, und „Eine Hand wäscht die Andere.“

Es ist dann kein blindes Schicksal, wenn eine Katastrophe uns trifft, unvorbereitet und wehrlos. Wenn wir Gottes Vertragspartner sind, können wir ihn zur Rechenschaft ziehen, uns und ihn an das erinnern, was wir einander versprochen haben.

Vielleicht ist die Geschichte von Noah bis heute so faszinierend, weil wir ahnen, wie sehr unser Leben bis heute von Katastrophen bedroht ist. Kinofilme spielen mit der Angst vor einem Kometeneinschlag oder einer anderen kosmischen Katastrophe, die uns auslöschen könnte mit einem Schlag wie damals die Dinosaurier.

Romane werden geschrieben über Experimente, die außer Kontrolle geraten und die Erde verseuchen mit Viren und Krankheitserregern, mit mikroskopisch kleinen Robotern oder einer künstlichen Intelligenz, die sich die Menschheit unterwirft und Welt beherrscht… Und das wohlige Gruseln über Dystopien und Science fiction vermischt sich mit der Angst, dass so etwas vielleicht schon bald wirklich geschehen könnte, in unserer Lebenszeit, in unserer Realität…

Auch die populären Wissenschaftssendungen spielen mit der Angst: Erdbeben, die ganze Länder verwüsten, Vulkanausbrüche, die einen Teil der Erde unbewohnbar machen und das Klima über Jahrzehnte verändern, das gab es und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das wieder geschieht. Wird sich die Menschheit dann mit ihrer noch nie dagewesenen Technik, mit ihrer erstaunlichen Fähigkeit zu Organisation und gemeinschaftlichem Handeln retten können? Werden unsere Fähigkeiten ausreichen, um der Katastrophe zu entgehen? Und werden wir wieder eine Arche bauen können?

So gesehen haben wir weniger Tröstliches für uns als Noah. Er sah sowohl hinter dem guten Leben im Frieden als auch in der alles vernichtenden Katastrophe das Gesicht Gottes; eines Gottes, mit dem man reden kann, den man besänftigen kann, mit dem man handeln kann. Es könnte sein, dass auch wir gezwungen werden, zu fliehen, von Katastrophen getrieben durch Wasser und Feuer hindurch in eine ungewisse Zukunft. Wer wird uns dann retten?

Kosmische Katastrophen haben kein Gesicht, mit ihnen lässt sich nicht handeln. Wissenschaftler und Ingenieure versuchen, die Menschheit auf das Schlimmste vorzubereiten, aber wir wissen, dass wir weder einen Kometeneinschlag oder auch nur gegen einen Vulkanausbruch wirksame Gegenmaßnahmen zur Verfügung haben.

Vielleicht sind die hausgemachten Probleme der Menschen sogar gefährlicher als die möglichen Naturkatastrophen… Der Klimawandel wird das Leben von Milliarden von Menschen grundlegend verändern. Sie werden fliehen müssen, weil es in vielen Ländern Kriege geben wird um Wasser und Nahrung, um Öl und Rohstoffe, um den rechten Glauben, um Geld und um Macht. Und der größte Feind des Menschen wird der Mensch selbst sein…

Inzwischen ist es Abend geworden. Nebel steigt aus den Tälern auf, die Wärme des Tages verdunstet den letzten Tau aus den feuchten Wiesen. Und plötzlich leuchtet über der Arche, über dem Altar, den Noah gebaut hat, und über den acht Menschen, die daneben stehen, der Regenbogen auf. Ein Zeichen am Himmel, hell und farbig wie ein Versprechen Gottes, eine Verheißung: Ich schließe einen Bund mit euch, mit allen Menschen, mit der ganzen Schöpfung.

Ein Licht, das den Himmel und die Erde verbindet wie eine Brücke, unverfügbar und unerreichbar wie Gott selbst, und doch deutlich sichtbar und berührend wie der Glaube an ihn. Ein Zeichen ist er wie ein Siegel unter einem Vertrag; ein Symbol, über dessen Klarheit und Kraft sich jeder Streit erübrigt: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gestellt, der soll ein Zeichen sein zwischen mir und dir.Solange die Welt besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Nicht das Chaos wird am Ende siegen, nicht die Unordnung, die Willkür, nicht das Tohuwabohu, nicht der Tod. Es gibt Regeln in der Welt, Gesetze, auf die man sich verlassen kann, Ordnungen, die Gott selbst garantiert. Damit hat er seine Schöpfung geschmückt, sie sind der Schmuck und die Schönheit der Welt, die Er geschaffen hat.

Die Schöpfungsgeschichte berichtet davon, wie Gott die Welt schuf, indem er ordnete und trennte – das Licht von der Finsternis, das Meer vom Land, den Tag von der Nacht – und so besiegte er das Chaos und schuf die Welt, den Kosmos. In der Sintflut das das Chaos erneut hereingebrochen über die Welt, wenn auch nur für einen Augenblick. Noch einmal lief alles ineinander, vermischte sich; es gab keine Ordnung und keine Regeln mehr.

So sehr hatte sich ausgebreitet, was der Mensch in die Welt gebracht hatte: Hunger und Gier, Eigensinn und Selbstgerechtigkeit. Er wollte nach eigenen Regeln leben, aber er verstand nichts von der Weisheit der göttlichen Ordnung. Das Gesetz und die Gebote galten ihm nichts; er nahm sich überall, was ihm gefiel. Selbst den Apfel vom Baum der Erkenntnis…

So verwirrte er das empfindliche Geflecht, die fragile Ordnung der Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und miteinander verbunden ist. Diese Unordnung breitete sich aus, entfaltete ihre zerstörerische Macht. Gewalt gebar mehr Gewalt, gebar Mord und Krieg und Tod. Und am Ende wendete sich diese Macht gegen den Menschen, der sie geschaffen hatte.

Aber dies war nicht das letzte Wort, das Gott sprach…

Meiner Ansicht nach ist es dieser Zusammenhang, den die biblischen Schriftsteller meinten, wenn sie von Sünde sprachen: Menschen, die gegen die Ordnung Gottes in der Natur leben, die aus Hochmut oder Trägheit oder Gier die Gesetze brechen, die Gott für das Zusammenleben innerhalb der Schöpfung gegeben hat, entfesseln Mächte, die sich am Ende immer als lebensfeindlich herausstellen.

Sie belasten das Vertrauen der Menschen untereinander, zerstören die Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, vernichten die Möglichkeiten zu einem friedvollen und gesunden Zusammenleben auf unserem Planeten. So kommt es, dass der Mensch, über den Gott noch in der Schöpfungsgeschichte sagen konnte „Und siehe, es war sehr gut!“ nur wenige Kapitel später ein vernichtendes Zeugnis und Urteil bekommt: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist immer nur Böse von Jugend an…“

Diese Gottvergessenheit vergiftet die menschliche Vergangenheit, verdüstert die Gegenwart und machen seinen Blick in die Zukunft trüb und hoffnungslos. Paulus schreibt: So leidet die ganze Schöpfung mit dem Menschen und hofft darauf, dass endlich der Wille Gottes offenbar wird: die Erlösung der Welt.

Es war nicht Gott als Richter, der in Christus in diese Welt kam. Er kam, um zu erlösen. Jesus Christus ist das letzte Wort Gottes über seine Schöpfung. Er steht für das, was der Autor der Noah-Erzählung mit dem Zeichen des Regenbogens verbindet: Eine Brücke zwischen Gott und den Menschen. Ein Symbol des Glaubens, nicht mit Händen greifbar und doch unübersehbar real – ein Opfer, das nicht Noah oder ein anderer Mensch auf einem steinernen Altar bringt; sondern Gott selbst, der sich hingibt, damit diese Verbindung nicht reißt wegen der Gottvergessenheit des Menschen. Jesus Christus ist der Anfang einer neuen Welt, in der nicht mehr die Schuld und die Sünde des Menschen zählen, sondern die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Es wird weiterhin unvorhersehbare Naturereignisse geben wie Erdbeben und Überflutungen – und wohl auch die von der Menschheit verursachten Veränderungen im Klima, in der Landwirtschaft, es wird Kriege, Hungersnöte, Flüchtlingszüge quer über die Welt geben. Und es wird unglaublich schwer werden für die Menschheit, sich in dieser ungewissen Zukunft zu bewähren. Trotzdem müssen und werden wir es versuchen, mit aller Kraft und mit aller Glaubenszuversicht, die uns gegeben ist.

Es gilt Gottes Versprechen, das er einst Noah gab: Solange die Erde steht, wird die Treue Gottes nicht aufhören. Es wird Saat und Ernte geben zu seiner Zeit, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Es wird Regen geben zu seiner Zeit…

Aber eins wird es nicht mehr geben: Feindschaft zwischen Gott und dem Menschen. Dafür steht sein Bogen in den Wolken, dafür steht das Kreuz auf Golgatha, dafür steht das leere Grab.