Weihnachtsbaum 56.0

Das ist der Sechsundfünfzigste. Im Januar werde ich sechsundfünfzig Jahre alt werden. Ein Kind bin ich aber irgendwie immer noch, ganz tief innen drin. Darum sind mir Weihnachtsbäume immer noch sehr wichtig, und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, das Fest ohne einen schönen Baum zu feiern. Dass ich heute den sechsundfünfzigsten Weihnachtsbaum zu Hause habe, beruht auf einer groben Schätzung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Eltern auch in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, einen Baum geholt haben und ich mit elf Monaten begeistert darunter herumgekrabbelt bin. Auch an den zweiten und dritten Baum kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern.

Mit vier – das weiss ich noch so ungefähr – habe ich mit meiner kleinen Schwester ungeduldig vor der Wohnzimmertür gewartet, denn das Wohnzimmer war über Nacht zum Weihnachtszimmer geworden, und bevor das Christkind nicht damit fertig geworden war, den Baum zu schmücken und die Geschenke einzupacken und schön unter dem Baum zu verteilen, durften wir da an diesem Tag nicht rein.

Endlich aber läutete es mit einem silberhellen Glöckchen und verschwand sofort danach spurlos, denn wir schnell wir Kinder in diesem Jahr und bei den folgenden Weihnachtsfeiern in späteren Jahren durch die Tür flitzten – nie war auch nur das kleineste goldene Löckchen von den Haaren des Christkinds oder eine Feder vom Flügelchen irgendeines Engels zu sehen. Aber der wunderbare Baum!

Damals war noch viel Lametta an den Zweigen, was dem Baum sowieso schon ein aufregend schönes silbernes Glitzern gab; dazu hingen viele silberne Kugeln mit funkelndem Schimmerpulver wie mondbestrahlte Äpfel in den Zweigen, und es gab in silberne Folie eingewickelte Kugeln aus Schokolade mit goldenem und silbernem Aluminiumflitter dran, die wir Kinder in den folgenden Tagen so nach und nach vom Baum weg naschen durften.

Echte Wachskerzen hatten wir damals am Baum; die wurden aber immer nur für eine Viertelstunde angezündet, weil sie sehr schnell wegbrannten – und später haten meine Eltern immer Angst, dass vielleicht der ganze Baum wegbrennen könnte, wenn er nämlich schon gut getrocknet war in der Heizungsluft und die Nadeln rascher zu rieseln begannen als der Schnee draußen im Hof – dann wurden die Kerzen gar nicht mehr angezündet. Gleich nach Silvester wurde der Baum sowieso abgeschmückt und lag dann draussen, halb entnadelt und mit ein paar Lamettaresten behängt, die ihn vielleicht noch an bessere Zeiten erinnert haben, bis die Müllabfuhr kam…

Später, als ich so elf Jahre alt war und längst wusste, dass es nicht das Christkind war, das den Baum brachte – das war nämlich noch viel zu klein und lag „still, still, still“ in der Krippe, um von den Eseln und dem Ochsen gewärmt zu werden und sich von Maria „niedersingen“ zu lassen, was seltsamer und irgendwie gewalttätiger klingt, als es gemeint ist, weil sie dadurch ja schließlich „ihre ganze Lieb darbringen“ wollte. Trotzdem wusste ich, dass es noch eine Stelle in der Bibel gab, wo etwas „niedergesungen“ wurde, nämlich die Mauern von Jericho am Anfang der Eroberung des Landes Kanaan… – als ich also elf Jahre alt war und wusste, dass es nicht das Christkind war, das da mit dem silberhellen Glöckchen läutete, bin ich eine Woche vor dem Fest mit meinem Papa den Baum kaufen gegangen.

Wir mussten dazu etwa einen halben Kilometer ins „Zentrum“ laufen, wo auf einem kleinen Marktplatz einige hundert Bäume bereit standen, um von Vätern und Söhnen gekauft zu werden… Papa hatte immer den Ehrgeiz, einen „halben Baum“ zu kaufen, also einen, der von vorne ganz passabel aussah, gerade gewachsen, schöne Äste und frische, grüne Nadeln; aber hinten musste er ganz kahl sein und wenig Äste haben. Diese wenigen Äste schnitt Papa zu Hause dann mit einer kleinen Säge ab, und dann passte der Baum ganz prima in die Ecke zwischen der Balkontür und dem Durchgang in die Küche, und er nahm da nicht so viel Platz weg wie ein normaler „ganzer“ Baum…

Und weil so ein halber Baum, so ein „Krüppel“ ja nicht ganz so viel wert sein konnte wie ein ganzer, wurde immer hart verhandelt; und ich war jedes Jahr wieder ganz stolz auf meinen Vater, wenn er den Weihnachtsbaumverkäufer um zehn Mark heruntergehandelt hatte und wir also auf dem Heimweg, wo wir beide mit viel Kraft und Ausdauer den schweren Krüppel-Baum trugen, noch eben kurz Kakao gekauft haben, um zu Hause mit schöner, heißer Schokolade unseren Erwerb zu „begießen“. Nach einem guten Geschäft macht man das nämlich so.

Mutti hat dann jedesmal gestaunt, wie schön gerade der Baum war und wie gleichmäßig gewachsen, aber es sei ja auch dieses Jahr wieder nur ein halber… Als der Weihnachtsbaum dann aber fertig geschmückt und mit Lametta behängt in seiner Ecke stand, war sie doch wie jedes Jahr wieder froh, dass der Baum nicht so viel Platz wegnimmt und man ihm vorbei immer noch ganz einfach in die Küche gehen kann, ohne die schönen Silberkugeln an den Ästen jedes Mal runter zu werfen.

Heutzutage kommt kein Lametta mehr an den Baum. Meine Frau mag sie eher „in Natur“, mit roten Kugeln und mit weissen Schleifen, ein paar Glitzersternchen und mit elektrischer Lichterkette… „Weniger ist mehr!“ sagt sie. Und der Baum sieht ja auch jedes Mal wunderschön aus. Gerade gewachsen, mit vielen Ästen und frischen grünen Nadeln ganz rundherum, denn in unserem Esszimmer, wo der Baum steht, ist genug Platz. Ich darf den Baum kaufen, auf dem Marktplatz in der Nähe vom Südbahnhof, etwa einen Kilometer vom Haus entfernt – aber ich muss ihn alleine tragen… Da vermisse ich die Kinder, die wir nie gehabt haben, manchmal sehr…

Für die elektrischen Lichterketten, die Kugeln, Sternchen und Goldengelchen in den Zweigen ist dann meine Frau zuständig; ich gehe sowieso besser aus dem Zimmer, wenn sie den Baum schmückt, sonst gibt das nur Streit…

Denn wenn ICH einmal den Baum schmücken würde, dann sähe er ganz so aus wie die Weihnachtsbäume meiner Kinderzeit – mit viel Lametta und silber glitzernden Schokokugeln für die Kinder, also zumindestens für mich…

Der Christbaum ist der schönste Baum

Seit heute steht der neue Weihnachtsbaum in der Kirche. Gerade hat unser Hausmeister zusammen mit den Jungs vom Kirchhof die große Tanne neben dem Altar aufgebaut, und nun sitze ich da, allein in der dunklen Kirche und bestaune diesen schönen Baum.

Noch ist er ganz ungeschmückt, keine Kugeln, keine Kerzen, keine Sterne und keine Engel aus Goldpapier verzieren seine natürliche Schönheit, er steht hier einfach so, als sei er hier gewachsen und wäre schon immer hier in der Kirche zu Hause. Ein feiner Duft wie ein Gruß aus dem Wald durchzieht den Raum, schon allein, weil er einfach nur da ist, verändert dieser Baum die Stimmung im Kirchenraum.

Wenn er festlich geschmückt ist, wird er uns im Gottesdienst an das Paradies erinnern, das für uns nun wieder offen steht, weil Jesus in diese Welt gekommen ist, weil er den Menschen durch seine Liebe und seine Hingabe gezeigt hat, dass sich auch Gott mit Liebe und Leidenschaft auf diese Welt eingelassen hat.

Unser Weihnachtsbaum wird so aussehen, wie man sich Paradiesbäume vorstellt – mit goldenen Äpfeln und bunten, saftigen Lebkuchen verziert, als ob es ein Baum aus dem Schlaraffenland wäre. Kleine Goldengelchen flattern darin von Ast zu Ast und singen mit der weihnachtlichen Gemeinde Ehre sei Gott in der Höhe , und Sterne blühen rot und weiß in ihm wie einst und immer wieder die Rose Isais, die blüht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht .


Es mag sein, dass die geschmückte Tanne ursprünglich kein christliches Symbol war, dass ihre Wurzeln (sozusagen) in einem alten römischen, keltischen oder germanischen Brauchtum haften. Das stört uns aber nicht; Vieles, das Christen lieb und teuer ist, hat einen anderen, fremden Ursprung und hat dann doch in der Kirche eine Heimat und seine Geschichte gefunden.

Aber so, wie der Baum jetzt noch aussieht, erinnert er mich an das Natürliche und Ursprüngliche, an die schöpferische Kraft Gottes. Der Baum singt auch ganz ohne Schmuck von der Phantasie und der Freundlichkeit dessen, der Himmel und Erde gemacht hat. Das Göttliche ist das Gewöhnliche, und Glaube ereignet sich im Alltag, da, wo wir leben. Und wenn Gott zu uns kommt, da trifft er uns dort, wo wir gerade sind: ungeschmückt, ungeschminkt, nicht feierlich gestimmt – aber er trifft uns da, wo wir zu Hause sind und wo wir wohnen, wo wir unsere Wurzeln haben, in unserer Wirklichkeit.

Do they know it’s Christmas?

Weihnachten ist ein Fest, dass unter einer großen inneren Spannung steht. Es steht zwischen dem total überraschtem und erschrockenen Gebet der Hirten damals – und dem „Alle Jahre wieder…“ heute. Zwischen dem Erinnern, das kaum das Wunderbare begreifen mag – und dem beinahe gleichgültigen, in belanglosem Kitsch verendeten Herunterdudeln einer alten Geschichte, die keiner mehr ernsthaft glauben will – in der die Engel sich den Himmel mit fliegenden Rentieren und die Hirten auf dem Felde sich den Platz mit Frosty, dem Schneemann teilen müssen.

Damals kamen die Weisen Männer aus den fernen Ländern im Osten, um den neugeborenen König anzubeten, heute kommen Container voller Computerspiele und Plastikpuppen aus Korea, China und Taiwan, um unsere Kinder glücklich zu machen.

Ich habe in Wirklichkeit gar nichts gegen Geschenke, Kuchen, Tannenbaum und Lichterglanz beim Fest – aber ich finde es unerträglich, wenn darüber das ganz verloren geht, worauf es ankommt: Gott wird Mensch!

Es kann doch nicht sein, dass Gott der Menschheit begegnet und wir Menschen nicht verändert wurden dadurch? Es kann doch nicht sein, dass Gott in die Welt kommt und sie danach noch die selbe ist? Es kann doch nicht sein, dass unsere Augen den Heiland gesehen haben und danach nicht die neue Wirklichkeit sehen, die er in unserer Mitte geschaffen hat?

Mehr als die Herkunft Jesu von Gott beeindruckt heute viele Menschen, wofür er steht. Gerade Menschen, denen ihr Glaube an Gott noch wichtig ist, denen die christlichen Werte etwas bedeuten, fragen nach dem, was der Mensch Jesus in ihrer Situation tun würde, wie er sich entscheiden würde, was ihm wichtig wäre. Es beeindruckt sie, dass er sich auf die Seite der Armen und Schwachen gestellt hat, dass er zu den Kranken gegangen ist, die Hungrigen versorgt, die Verzweifelten tröstet.

In den Umfragen zur Kirchenmitgliedschaft, die seit einigen Jahrzehnten immer wieder durchgeführt werden, erkannte man jedes mal wieder, dass sowohl den Kirchenmitgliedern als auch denen, die „nur“ Interesse an Glaube und Religion haben, eines am Wichtigsten ist: dass die Kirche christliche Werte vertritt, lebt und an die kommende Generation weitergibt – Nächstenliebe, Treue und Ehrlichkeit, Verbundenheit gegenüber der Familie, Solidarität mit Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen, Gastfreundschaft, Mäßigung und Geduld.

Viele Menschen, die in der Leitung der Kirche verantwortlich reden müssen, haben gesagt, dass man gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Menschen in Not seine Stimme erheben muss, dass man aber auch die Sorgen der Demonstranten und Bedenkenträger ernst nehmen muss; sie befürchten doch, dass die christlichen Werte verloren gehen könnten. Ich teile diese Bedenken nicht. Im Gegenteil: Wo Kirche aus Angst heraus den christlichen Gedanken, den Wert, ja das Gebot der Nächstenliebe fallen lässt, da hat der Ungeist gesiegt; da haben die schon gewonnen, die früh den Mut verlieren, bei denen das Wort Gottes auf harten und trockenen Boden fällt.

Ich denke, Christus wäre heute in den Heimen der Asylbewerber und in den Gemeinden, in denen Flüchtlinge untergebracht und versorgt werden, Christus, wäre dort in Italien und Griechenland, wo Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und aufgenommen werden, Christus ist in Syrien, er ist bei den Opfern des Islamischen Staates, er ist überall da, wo Menschen auf der Flucht sind vor der Perversion eines Glaubens, der Menschen Gewalt antut und den Tod bringt, und das auch noch im Namen Gottes…

Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass die Kirche nur dann die Kirche Jesu Christi sein kann, wenn sie da hin geht, wo er hin gegangen ist, und tut, was er getan hat. Wo Menschen in Not sind, bedroht und vergewaltigt – da ist Christus zu finden, und da soll und muss auch Kirche zu finden sein. „Wenn die Kirche nicht dient – dient sie zu nichts.“ schrieb auch Jacques Gaillot; ein französischer Bischof der römisch-katholischen Kirche, der im vergangenen Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Mich hat sehr beeindruckt, wie viel in Neukölln für die Flüchtlinge getan wird: Menschen kümmern sich um Wohnung, Betreuung und Hilfe in allen Lebenslagen. Es gibt Sprachkurse, Unterstützung bei Behördengängen oder auch nur beim Einkaufen; es gibt Hilfe bei der Suche nach einer Schule für die Kinder oder einem Arzt für Kranke und Verletzte. Geht das auch bei uns? Jedes Gemeindeglied, jeder Mitmensch hier in Schönefeld und Großziethen, in Brusendorf oder Wassmannsdorf, in Selchow, Rotberg, Groß Kienitz oder Kiekebusch kann sich mit Geld- und Sachspenden oder mit freiwilliger Mitarbeit daran beteiligen.

Wie der Hirte aus Omas Krippe verschwand…

Es war Adventszeit, ich war schon fast sechs Jahre alt und ich war bei meiner Oma zu Besuch. Oma wohnte in Nagold, einer kleinen Stadt im Schwäbischen Land, und sie lebte in einem kleinen, unheimlich alten Haus. Im Erdgeschoss war die Küche, in der es immer gut geheizt war, weil dort der Küchenherd stand, in dem den ganzen Tag ein Feuer fröhlich loderte. Daneben war die gute Stube, in die Kinder gar nicht hinein durften; dort war es auch immer dunkel und kalt, nur am Sonntag wurde der Kachelofen beheizt, und am nachmittag saß die ganze Familie dort rund um den schweren Wohnzimmertisch, und es gab Kuchen für alle und Kakao für die Kinder, und die Erwachsenen tranken Tee mit Sahne aus zerbrechlichen Sammeltassen mit Blumenmustern, und jede Tasse sah anders aus. Unter der Woche aber war die Küche der Treffpunkt der Familie, und während die Oma Spätzle schabte oder Bohnen kochte, wurde dort geredet und erzählt, gelästert und getadelt und manchmal auch gepredigt oder gelobt.

Im ersten Stock war das Schlafzimmer meiner Oma und ein zweites, in dem meine Eltern übernachteten, wenn sie dort zu Gast waren; und ganz oben unter dem Dach war ein kleines Zimmerchen mit schrägen Decken, in dem ein riesiger Kleiderschrank stand, eine Frisierkommode mit einem zusammenklappbaren Spiegel und ein mächtiges, schweres Bett, in dem fünf Kinder unter den schweren, dicken, weichen Federbetten hätten schlafen können; aber ich hatte die ganze Herrlichkeit dort oben für mich allein.

Am Samstag vor dem vierten Advent schickten mich meine Eltern schon sehr früh ins Bett; ich kann mich erinnern, dass es noch hell draußen war. Sie hatten irgendetwas vor und machten ein großes Geheimnis darum; es musste wohl irgendetwas mit dem Christkind zu tun haben oder mit dem Knecht Ruprecht; jedenfalls konnten sie „den Buben“ dabei nicht gebrauchen. Wenn meine Oma dabei war, nannten mich immer alle „Bub“, obwohl sie sonst immer „Richard“ oder „Sohnemann“ sagten.

Ich lag da also, frisch gewaschen, die Zähne geputzt und die widerspenstigen Haare ein letzes Mal gekämmt, unter dem schweren Federbett, war überhaupt nicht müde und langweilte mich sehr. Ich schaute mir das Muster an der Zimmerdecke an, die Verzierungen aus Stuck, ein paar Haken, an denen früher einmal eine Öllampe oder auch eine trockene Wurst gehangen haben mochte, und einige Spinnweben, die über dem Kleiderschrank im Luftzug wehten. Draußen fuhren Autos vorbei, und das Licht ihrer Scheinwerfer malte Vierecke an die Decke und an die Wand, bis es nach ein paar Sekunden wieder still wurde.

Ich hörte Stimmen aus dem Erdgeschoß, das Lachen meiner Mutter, ein Lied aus dem Radio mit dem faszinierenden grünen Auge, aber ich verstand kein Wort. Der Wind rauschte ab und zu durch die Blätter des Baumes draußen vor dem Fenster, noch hatte ihm der Winter nicht alle abgezupft.

Und mir war nicht nur langweilig, ich bekam jetzt auch Hunger! Zuerst versuchte ich noch eine Weile, dieses unangenehme Gefühl zu unterdrücken, aber es machte sich mehr und mehr daran, meine Gedanken zu beherrschen. Ich wurde wütend auf meine Eltern. Wie konnten sie mich nur so früh ins Bett schicken, und dann noch ohne ein „Betthupferl“; einen Keks oder ein Stück Schokolade, das auf dem Nachttisch auf mich warten würde, für einen solchen Moment wie diesen, wenn in der Dämmerung der Hunger kommt und im Bauch drückt…

Aber vielleicht hatte Oma ja etwas versteckt? Unten in der Küche gab es ja auch eine Dose mit Bonbons und eine kleine Porzellanschüssel mit Keksen, und so etwas war vielleicht hier oben ebenso versteckt und wartete nur darauf, gefunden zu werden.

Ich kroch aus dem alten, hohen Bett und machte mich auf die Suche. In der Frisierkommode gab es nur Kämme, Lockenwickler und Parfumfläschchen, die nach Oma rochen; es gab auch noch ein paar gebügelte und sorgfältig zusammen gelegte Taschentücher, aber nichts, das man vielleicht essen könnte.

Im Kleiderschrank hingen die schwarzen und braunen Mäntel der Oma, auch ihr kostbarer Pelz, den sie nur zu Beerdigungen anzog, und ein paar blumen-bunte, seidig-luftige Kleider, die in Plastiküberzügen auf den nächsten Sommer warteten.

Aber unten in der Ecke stand eine weiße Pappschachtel, und als ich sie öffnete, leuchteten mir die Krippenfiguren entgegen, die ich schon von meinem letzten Besuch bei Oma kannte. Da hatten sie unter dem Weihnachtsbaum gestanden, umglänzt vom Licht des Wunderbaumes und doch bescheiden in ihrer handbemalten Schönheit, Maria, Josef, die Hirten mit ihren Schafen und die Könige aus dem Morgenland mit ihren Mäntelchen aus Brokat mit goldenen Fäden, und natürlich das Christkind selbst, nackig, nur eine schneeweiße Windel war darauf gemalt, und es hatte einen glitzernden Heiligenschein aus Goldfolie und Glasstaub.

Jetzt lagen diese Herrlichkeiten vor mir, in einer Schachtel im Halbdunkel des Kleiderschranks, und sahen zum Anbeißen lecker aus, wie allerfeinstes Marzipan, und es roch sogar ein bisschen nach Honig und Mandeln. Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen.

Aber halt! Mir war klar, dass ich das Christkind nicht essen durfte. Auch Maria oder Josef würden vermisst werden. Selbst den Königen aus dem Morgenland würde es auffallen, wenn plötzlich einer von ihnen fehlte. Und die Schafe waren einfach zu niedlich, die konnte ich nicht essen.

So saß ich da eine Weile im Kleiderschrank und überlegte, wer von dem Personal in und an der Krippe wohl am ehesten entbehrlich sein könnte. Schließlich entschied ich mich für einen der Hirten – ob da drei oder vier an der Krippe standen, war ja wohl doch ziemlich egal. Also nahm ich die Figur und biss herzhaft hinein – und erstarrte: Die Figuren aus Omas Krippe waren nicht aus Marzipan, trotz des leckeren Honigduftes, sondern aus Wachs!

Mir schossen die Tränen in die Augen, und mir wurde schlecht. Ich hatte eine greuliche, abscheuliche, unverzeihliche Tat begangen – und das auch noch völlig umsonst. Bestimmt würde ich sterben, vergiftet mit bemaltem Wachs; und das wäre dann wohl die gerechte Strafe für diesen Frevel gewesen.

Ich spuckte alles wieder aus; und dann ging ich unter Tränen hinab in die Küche, wo meine Oma mit meinen Eltern zusammen saß und Radio hörte, und beichtete alles. Sie haben so sehr gelacht, dass sie am Schluss auch alle Tränen in den Augen hatten, und ich bekam zum Trost und als wirksames Mittel gegen die drohende Vergiftung und den mörderischen Hunger ein kleines Stück von dem Mohnkuchen, der eigentlich für den vierten Advent vorgesehen war.

Die obere Hälfte von dem Hirten wurde übrigens nicht weggeworfen. Als am Heiligabend die Krippe unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut war, saß er zwischen zwei kleinen Strohballen, und es sah aus, als ob er da anbetend kniete. Ich musste dann aber das Lied „Kommet ihr Hirten“ singen, allein, und Oma schaute mich dabei mit glitzernden Augen an. Ich war froh, dass sie nicht noch einmal gelacht hat. Und danach wurde über die ganze Geschichte in unserer Familie nie wieder gesprochen…