Sankt Nikolaus und das große Schiff

Ich hab Hunger, Mama!“ sagte Aristo. Schon seit einer Woche hatte er nichts mehr zu Essen bekommen. Brot, Käse, Wurst und Butter – es war nichts mehr da, alles hatten sie längst aufgegessen. Zuletzt war da nur noch Graupensuppe, aber inzwischen waren auch die Graupen alle, und es gab gar nichts mehr. „Nicht einmal mehr Würmer!“ sagte Stephanus, sein älterer Bruder, der immer noch Kraft hatte, zu spotten und dumme Witze zu machen. Aristo fing dann immer an zu weinen. Wenn es nicht einmal mehr Würmer oder Käfer gab, dann würden sie bestimmt bald verhungern, Stephanus und Livia, seine Schwester, und Mama und Papa und er, Aristo, am Ende auch. Die Eltern machten immer ein ganz sorgenvolles Gesicht; niemand lachte mehr im Haus, und gesungen wurde auch schon lange nicht mehr. Nicht nur Aristo und seiner Familie ging es so schlecht; alle in seiner Straße hatten Hunger, und in der Nachbarstraße und in allen anderen Straßen in Myra war es genau so. Nicht einmal der Bischof, so sagte es seine Mutter, nicht einmal der Bischof hatte noch etwas zu Essen auf seinem Teller, wenn er nach den Gottesdiensten im Dom wieder nach Hause kam.

Das Wetter war einfach zu schlecht in Myra und in der ganzen Gegend Kleinasien. Zwar war es warm und die Sonne schien jeden Tag, und eigentlich war das gut, denn die Kinder konnten draußen spielen, sich verstecken und sich gegenseitig fangen; und das Meer war ja nicht weit weg, so dass sie auch baden konnten, schwimmen und tauchen; aber die Pflanzen auf dem Land waren alle vertrocknet und auch die Tiere waren verhungert, weil sie nichts zu fressen fanden. Es war eine Dürre, die alle Pflanzen und Tiere sterben ließ, es war einfach zu wenig Wasser da, und das Wasser aus dem Meer konnte man nicht nehmen, um den Tieren zu trinken zu geben und die Felder damit zu bewässern, denn es war zu salzig. Klebulon, der Bauer, hatte eines seiner Felder mit dem Salzwasser bewässert, und alle Pflanzen waren eingegangen, und wo sie gestanden hatten, war jetzt nur noch eine Wüste. Aber inzwischen waren alle anderen Felder und Äcker auch so trocken und staubig und leer wie die Wüste.

Nicht überall war Hungersnot. Oben im Norden, in Griechenland, hatten sie genug Wasser, weil das Eis und der Schnee hoch in den Bergen schmolz und als Wasser hinunter in die Täler strömte, und die Sonne ließ Weizen, Gerste, Hafer und Roggen wachsen wie im Paradies, und sie hatten Schafe und Ziegen da oben und sogar Rinder… Sie hatten so viel davon, dass sie es sogar verkaufen konnten. Jeden Tag brachen große Segelschiffe aus dem Hafen in Thessaloniki auf, bis unter das Deck voll mit Weizen und Fässern voller Öl und Wein und Oliven und Zucker und Honig. Die Schiffe fuhren nach Israel und nach Ägypten, wo es reiche Kaufleute gab, die viel Geld für diese Köstlichkeiten bezahlten…

Die Leute in Myra aber waren arm, sie konnten gar nichts bezahlen, und darum fuhren die Schiffe fast immer vorbei an ihrer Stadt. Wenn man sich draußen an die Hafenmole stellte und über das Meer hinaus schaute, konnte man manchmal die Segel dieser Schiffe sehen. Stephanus hatte ganz aufgeregt davon erzählt; er ging oft an den Hafen und hatte es selbst gesehen: Weiß und leuchtend zogen die Segel am Horizont entlang, bis sie in der Ferne verschwanden. Die Leute auf dem Schiff wussten nichts von dem Hunger der Frauen, Männer und Kinder in Myra.

Aber eines Tages ankerte ein großes Segelschiff im Hafen von Myra. Irgendetwas war auf dem Schiff kaputt gegangen, und die Seeleute konnten nicht weiter segeln, solange es nicht repariert war. Stephanus und Aristo liefen mit ihrer Schwester an den Hafen, gleich als sie davon hörten. Sie sahen Männer, die große Bretter durch den Hafen trugen und dort auf einen Stapel legten, das Schiff stand groß und stolz am Kai, die Segel gerefft und ordentlich zusammengebunden, und hob und senkte sich mit den Wellen. Sehr tief lag es im Wasser, man konnte sehen, dass es voll beladen war. Viele Kinder aus Myra waren auch da und schauten mit großen Augen hungrig und hoffnungsvoll auf das Schiff, aber die großen Kräne bewegten sich nicht, die Luken waren verschlossen und blieben es auch, nicht ein einziger Sack Mehl, nicht ein einziges Fass Öl wurde an Land gebracht.

Neben dem großen Gebäude, in dem die Hafenmeisterei arbeitete, stand ein Mann, ganz in weiße Gewänder gehüllt und mit einem zusammengewickelten Tuch auf dem Kopf. Er sah vornehm aus und war bestimmt sehr reich, er hatte einen dicken Bauch und einen vollen, eindrucksvollen pechschwarzen Bart, bestimmt hatte er noch nie im Leben gehungert. Aber jetzt sah er wütend aus, und seine dunklen Augen blitzten. „Nein, ich kann nichts von meiner Ladung hier abladen, nicht einen einzigen Sack. Auch die Amphoren und die Fässer sind alle abgezählt. Wenn auch nur eins fehlt, werde ich in Kairo wegen Diebstahls verurteilt. Die Kaufleute werden denken, ich sei ein Lügner und Betrüger, und ich werde nie wieder Handelsware über das Meer fahren. Wahrscheinlich würde ich sogar in das Gefängnis kommen. Es geht einfach nicht!“ Um den Mann herum standen Frauen und Männer aus Myra und weinten, jammerten und bettelten; aber der Kapitän – denn das war er, der Kapitän des großen Schiffes – aber der Kapitän ließ nicht mit sich reden. Obwohl er selber reich und vornehm war, hatte er Angst vor den mächtigen Kaufleuten Ägyptens.

Zuletzt aber kam der Bischof, Nikolaus von Myra. Klein war er, seine Haare und sein Bart waren grau und dunkelbraun war seine Haut, und das Alter und der Hunger hatten viele Falten und Runzeln in sein Gesicht gezeichnet. Seine schwarzen Augen leuchteten unter dicken Brauen hervor. Er war in ein einfaches graubraunes Tuch gehüllt und hatte eine schwarze Kappe auf dem Kopf. Er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Bauer oder Fischer aus dem Ort, er hätte auch Ziegenhirte sein können. Aber er hatte seinen Bischofsstab dabei, aus hellem Holz geschnitzt und mit einem weißen Fisch aus Elfenbein verziert. Ehrfurchtsvoll machten die Leute aus Myra für ihn Platz, als er auf den Kapitän zuging. Aristo und seine Geschwister standen still am Rand und versuchten, zu verstehen, was da besprochen wurde.

Der Bischof sagte zu dem Kapitän: „Ich bitte dich um Christi willen! Gib uns einen Teil deiner Ladung, damit wir zu essen haben! Die Frauen und Männer hungern hier seit Wochen, und die Kinder werden sterben, wenn sie nicht bald wieder etwas Nahrhaftes bekommen. Es geht zu Ende mit unserer Stadt – die Dürre wird der Tod sein für Myra!“ Aber auch vor dem Bischof Nikolaus änderte der Kapitän seine Meinung nicht. So, wie er vorher zu den Männern und Frauen gesagt hatte, antwortete er auch jetzt. „Ich kann dir und den deinen nichts geben. Wenn auch nur eine einzige Kiste fehlt, wenn ich in Kairo ankomme, wird man mich entlassen. Ich werde mein Schiff verlieren, meine Mannschaft, meinen Beruf und meine Ehre. Ich kann dir nichts geben.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und drehte dem Bischof den Rücken zu. Der aber sank auf seine Knie und betete: „Gott, unser Vater im Himmel, und Jesus Christus, unser Herr, Gott gleich und mit ihm in Ewigkeit verehrt und gepriesen, erbarme dich über uns. Sieh unsere Not und unser Elend, unseren Hunger und unseren Durst. Ohne dich, Gott, sind wir nichts; machtlos und schwach sind deine Geschöpfe, denn ohne deine Liebe und ohne deine Barmherzigkeit leben wir nicht einen einzigen Tag. Jeder Atemzug, den wir tun, ist ein Geisthauch von dir. Darum bitte ich dich, Gott: Zeige heute deine Kraft in unserer Mitte, wende das Herz derer, die von dir nichts wissen und deine Macht nicht kennen. Nimm denen die Angst, die nur auf ihr eigenes Vermögen vertrauen, und ermutige die, die der Verzweiflung nahe sind.“

Eine Zeit lang war es ganz still auf dem Platz vor der Hafenmeisterei. Alle Menschen hatten dem Gebet des Bischofs zugehört. Nun warteten sie darauf, ob etwas geschehen würde. Der Bischof kniete lange, mit geschlossenen Augen, und auch der Kapitän rührte sich nicht.

Dann richtete sich Bischof Nikolaus wieder auf und sagte zu dem Kapitän: „Ich verspreche dir: Wenn du uns jetzt und hier etwas gibst von dem, was dein Schiff transportiert – es wird nichts fehlen, wenn du in Kairo ankommst. Kein Sack, kein Fass, keine Amphore und keine Kiste wird dir fehlen. Es wird alles da sein, was die Kaufleute und Handelspartner von dir fordern. Ich verspreche dir das im Namen Jesu Christi und im Namen des Gottes, dem ich diene. Ich bin Nikolaus, der Bischof von Myra. Ich bitte dich!“

Ohne ein Wort ging der Kapitän zu seinem Schiff. Er nahm ein Stück Kohle aus einem Eimer, der dort stand, und machte damit einen schwarzen Strich in der Höhe der Wasserlinie an den Rumpf des Schiffes, genau dort, wo die Wellen des Hafenbeckens an das Holz schlugen. Dann stieg er die Leiter zum Oberdeck empor und gab dort einige Befehle an die Seeleute, die dort warteten. Nach kurzer Zeit setzte sich der Kran in Bewegung, und aus dem Schiff wurden einige Paletten mit Säcken voller Weizen, Roggen und Gerste abgeladen, dazu auch eine ganze Menge Fässer mit Öl und sogar eine Amphore mit Wein. Viel war es nicht, aber man konnte doch deutlich sehen, dass das große Schiff ein Stück leichter geworden war, der schwarze Strich aus Kohle lag jetzt eine gute Hand breit über dem Wasser.

Der Kapitän kam wieder herab zu den Menschen, die jetzt laut jubelten und ihm dankbar zuwinkten. Der Kapitän aber schaute mit finsterem Blick auf den Kohlestrich, der unmissverständlich zeigte, dass nun das Schiff leichter war und ein Teil der Ladung fehlte. Dann sah er Bischof Nikolaus ins Gesicht und murmelte: „Du hast mir etwas versprochen…“

Während das Schiff in Ordnung gebracht wurde und der Stapel mit dem Holzbrettern am Kai immer kleiner, verteilte Bischof Nikolaus Öl und Getreide an die Bewohner der Stadt. Heute würde es einen Grund zum Feiern geben, denn heute würden sie alle satt werden. Es blieben sogar einige Säcke Getreide übrig. Nikolaus gab sie dem Bauern Klebulon, Er sollte die Körner auf seinen Feldern aussäen, nur nicht auf dem, das er mit Meerwasser versalzt hatte.

Am Abend gab es ein Fest in der Stadt, auch am Hafen brannten Feuer. Die Leute hatten die Körner zu Mehl gemahlen, aus Mehl und Öl Brot gebacken, Nun sollte es ein Festessen geben. Nikolaus lud auch die Matrosen und Arbeiter von dem großen Schiff ein, aber niemand kam; auch der Kapitän nicht. Der lag in seiner Kajüte und konnte nicht schlafen, denn er machte sich Sorgen. In einer Woche wurde sein Schiff mit der ganzen Ladung in Kairo erwartet…

Am nächsten Morgen wurden die Segel gesetzt und ein kräftiger Wind blies das Schiff aus dem Hafen hinaus aufs Meer. Und am Tag darauf kam der Regen, der die Dürre beendete. Schwere Tropfen prasselten auf das Hafenpflaster, wo Bischof Nikolaus gebetet hatte, auf die staubigen Straßen, in denen Aristo und Stephanus und Livia mit ihren Freundinnen und Freunden spielten. Die Tropfen prasselten auch auf die Felder des Bauern Klebulon, wo in einigen Wochen grüne Pflänzchen ihre Blätter aus der Ackerkrume schieben würden. Und – schon ziemlich weit entfernt – prasselten die Tropfen auch auf das große Handelsschiff des Kapitäns aus Thessaloniki. Das Holz wurde nass, die Segel hingen feucht und schwer am Mast, und das Schiff sank tiefer in den Meeresspiegel. Es regnete vier Tage und drei Nächte. Als das Schiff nach einer Woche in den Hafen von Kairo lief, war der Kohlestrich wieder genau an der Wasserlinie, wo die Wellen gegen das Holz des Schiffes schlugen, genau da, wo der Kapitän sie im Hafen von Myra auf den Rumpf gezeichnet hatte…

Weihnachtsbaum 56.0

Das ist der Sechsundfünfzigste. Im Januar werde ich sechsundfünfzig Jahre alt werden. Ein Kind bin ich aber irgendwie immer noch, ganz tief innen drin. Darum sind mir Weihnachtsbäume immer noch sehr wichtig, und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, das Fest ohne einen schönen Baum zu feiern. Dass ich heute den sechsundfünfzigsten Weihnachtsbaum zu Hause habe, beruht auf einer groben Schätzung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Eltern auch in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, einen Baum geholt haben und ich mit elf Monaten begeistert darunter herumgekrabbelt bin. Auch an den zweiten und dritten Baum kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern.

Mit vier – das weiss ich noch so ungefähr – habe ich mit meiner kleinen Schwester ungeduldig vor der Wohnzimmertür gewartet, denn das Wohnzimmer war über Nacht zum Weihnachtszimmer geworden, und bevor das Christkind nicht damit fertig geworden war, den Baum zu schmücken und die Geschenke einzupacken und schön unter dem Baum zu verteilen, durften wir da an diesem Tag nicht rein.

Endlich aber läutete es mit einem silberhellen Glöckchen und verschwand sofort danach spurlos, denn wir schnell wir Kinder in diesem Jahr und bei den folgenden Weihnachtsfeiern in späteren Jahren durch die Tür flitzten – nie war auch nur das kleineste goldene Löckchen von den Haaren des Christkinds oder eine Feder vom Flügelchen irgendeines Engels zu sehen. Aber der wunderbare Baum!

Damals war noch viel Lametta an den Zweigen, was dem Baum sowieso schon ein aufregend schönes silbernes Glitzern gab; dazu hingen viele silberne Kugeln mit funkelndem Schimmerpulver wie mondbestrahlte Äpfel in den Zweigen, und es gab in silberne Folie eingewickelte Kugeln aus Schokolade mit goldenem und silbernem Aluminiumflitter dran, die wir Kinder in den folgenden Tagen so nach und nach vom Baum weg naschen durften.

Echte Wachskerzen hatten wir damals am Baum; die wurden aber immer nur für eine Viertelstunde angezündet, weil sie sehr schnell wegbrannten – und später haten meine Eltern immer Angst, dass vielleicht der ganze Baum wegbrennen könnte, wenn er nämlich schon gut getrocknet war in der Heizungsluft und die Nadeln rascher zu rieseln begannen als der Schnee draußen im Hof – dann wurden die Kerzen gar nicht mehr angezündet. Gleich nach Silvester wurde der Baum sowieso abgeschmückt und lag dann draussen, halb entnadelt und mit ein paar Lamettaresten behängt, die ihn vielleicht noch an bessere Zeiten erinnert haben, bis die Müllabfuhr kam…

Später, als ich so elf Jahre alt war und längst wusste, dass es nicht das Christkind war, das den Baum brachte – das war nämlich noch viel zu klein und lag „still, still, still“ in der Krippe, um von den Eseln und dem Ochsen gewärmt zu werden und sich von Maria „niedersingen“ zu lassen, was seltsamer und irgendwie gewalttätiger klingt, als es gemeint ist, weil sie dadurch ja schließlich „ihre ganze Lieb darbringen“ wollte. Trotzdem wusste ich, dass es noch eine Stelle in der Bibel gab, wo etwas „niedergesungen“ wurde, nämlich die Mauern von Jericho am Anfang der Eroberung des Landes Kanaan… – als ich also elf Jahre alt war und wusste, dass es nicht das Christkind war, das da mit dem silberhellen Glöckchen läutete, bin ich eine Woche vor dem Fest mit meinem Papa den Baum kaufen gegangen.

Wir mussten dazu etwa einen halben Kilometer ins „Zentrum“ laufen, wo auf einem kleinen Marktplatz einige hundert Bäume bereit standen, um von Vätern und Söhnen gekauft zu werden… Papa hatte immer den Ehrgeiz, einen „halben Baum“ zu kaufen, also einen, der von vorne ganz passabel aussah, gerade gewachsen, schöne Äste und frische, grüne Nadeln; aber hinten musste er ganz kahl sein und wenig Äste haben. Diese wenigen Äste schnitt Papa zu Hause dann mit einer kleinen Säge ab, und dann passte der Baum ganz prima in die Ecke zwischen der Balkontür und dem Durchgang in die Küche, und er nahm da nicht so viel Platz weg wie ein normaler „ganzer“ Baum…

Und weil so ein halber Baum, so ein „Krüppel“ ja nicht ganz so viel wert sein konnte wie ein ganzer, wurde immer hart verhandelt; und ich war jedes Jahr wieder ganz stolz auf meinen Vater, wenn er den Weihnachtsbaumverkäufer um zehn Mark heruntergehandelt hatte und wir also auf dem Heimweg, wo wir beide mit viel Kraft und Ausdauer den schweren Krüppel-Baum trugen, noch eben kurz Kakao gekauft haben, um zu Hause mit schöner, heißer Schokolade unseren Erwerb zu „begießen“. Nach einem guten Geschäft macht man das nämlich so.

Mutti hat dann jedesmal gestaunt, wie schön gerade der Baum war und wie gleichmäßig gewachsen, aber es sei ja auch dieses Jahr wieder nur ein halber… Als der Weihnachtsbaum dann aber fertig geschmückt und mit Lametta behängt in seiner Ecke stand, war sie doch wie jedes Jahr wieder froh, dass der Baum nicht so viel Platz wegnimmt und man ihm vorbei immer noch ganz einfach in die Küche gehen kann, ohne die schönen Silberkugeln an den Ästen jedes Mal runter zu werfen.

Heutzutage kommt kein Lametta mehr an den Baum. Meine Frau mag sie eher „in Natur“, mit roten Kugeln und mit weissen Schleifen, ein paar Glitzersternchen und mit elektrischer Lichterkette… „Weniger ist mehr!“ sagt sie. Und der Baum sieht ja auch jedes Mal wunderschön aus. Gerade gewachsen, mit vielen Ästen und frischen grünen Nadeln ganz rundherum, denn in unserem Esszimmer, wo der Baum steht, ist genug Platz. Ich darf den Baum kaufen, auf dem Marktplatz in der Nähe vom Südbahnhof, etwa einen Kilometer vom Haus entfernt – aber ich muss ihn alleine tragen… Da vermisse ich die Kinder, die wir nie gehabt haben, manchmal sehr…

Für die elektrischen Lichterketten, die Kugeln, Sternchen und Goldengelchen in den Zweigen ist dann meine Frau zuständig; ich gehe sowieso besser aus dem Zimmer, wenn sie den Baum schmückt, sonst gibt das nur Streit…

Denn wenn ICH einmal den Baum schmücken würde, dann sähe er ganz so aus wie die Weihnachtsbäume meiner Kinderzeit – mit viel Lametta und silber glitzernden Schokokugeln für die Kinder, also zumindestens für mich…

Der Christbaum ist der schönste Baum

Seit heute steht der neue Weihnachtsbaum in der Kirche. Gerade hat unser Hausmeister zusammen mit den Jungs vom Kirchhof die große Tanne neben dem Altar aufgebaut, und nun sitze ich da, allein in der dunklen Kirche und bestaune diesen schönen Baum.

Noch ist er ganz ungeschmückt, keine Kugeln, keine Kerzen, keine Sterne und keine Engel aus Goldpapier verzieren seine natürliche Schönheit, er steht hier einfach so, als sei er hier gewachsen und wäre schon immer hier in der Kirche zu Hause. Ein feiner Duft wie ein Gruß aus dem Wald durchzieht den Raum, schon allein, weil er einfach nur da ist, verändert dieser Baum die Stimmung im Kirchenraum.

Wenn er festlich geschmückt ist, wird er uns im Gottesdienst an das Paradies erinnern, das für uns nun wieder offen steht, weil Jesus in diese Welt gekommen ist, weil er den Menschen durch seine Liebe und seine Hingabe gezeigt hat, dass sich auch Gott mit Liebe und Leidenschaft auf diese Welt eingelassen hat.

Unser Weihnachtsbaum wird so aussehen, wie man sich Paradiesbäume vorstellt – mit goldenen Äpfeln und bunten, saftigen Lebkuchen verziert, als ob es ein Baum aus dem Schlaraffenland wäre. Kleine Goldengelchen flattern darin von Ast zu Ast und singen mit der weihnachtlichen Gemeinde Ehre sei Gott in der Höhe , und Sterne blühen rot und weiß in ihm wie einst und immer wieder die Rose Isais, die blüht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht .


Es mag sein, dass die geschmückte Tanne ursprünglich kein christliches Symbol war, dass ihre Wurzeln (sozusagen) in einem alten römischen, keltischen oder germanischen Brauchtum haften. Das stört uns aber nicht; Vieles, das Christen lieb und teuer ist, hat einen anderen, fremden Ursprung und hat dann doch in der Kirche eine Heimat und seine Geschichte gefunden.

Aber so, wie der Baum jetzt noch aussieht, erinnert er mich an das Natürliche und Ursprüngliche, an die schöpferische Kraft Gottes. Der Baum singt auch ganz ohne Schmuck von der Phantasie und der Freundlichkeit dessen, der Himmel und Erde gemacht hat. Das Göttliche ist das Gewöhnliche, und Glaube ereignet sich im Alltag, da, wo wir leben. Und wenn Gott zu uns kommt, da trifft er uns dort, wo wir gerade sind: ungeschmückt, ungeschminkt, nicht feierlich gestimmt – aber er trifft uns da, wo wir zu Hause sind und wo wir wohnen, wo wir unsere Wurzeln haben, in unserer Wirklichkeit.

Do they know it’s Christmas?

Weihnachten ist ein Fest, dass unter einer großen inneren Spannung steht. Es steht zwischen dem total überraschtem und erschrockenen Gebet der Hirten damals – und dem „Alle Jahre wieder…“ heute. Zwischen dem Erinnern, das kaum das Wunderbare begreifen mag – und dem beinahe gleichgültigen, in belanglosem Kitsch verendeten Herunterdudeln einer alten Geschichte, die keiner mehr ernsthaft glauben will – in der die Engel sich den Himmel mit fliegenden Rentieren und die Hirten auf dem Felde sich den Platz mit Frosty, dem Schneemann teilen müssen.

Damals kamen die Weisen Männer aus den fernen Ländern im Osten, um den neugeborenen König anzubeten, heute kommen Container voller Computerspiele und Plastikpuppen aus Korea, China und Taiwan, um unsere Kinder glücklich zu machen.

Ich habe in Wirklichkeit gar nichts gegen Geschenke, Kuchen, Tannenbaum und Lichterglanz beim Fest – aber ich finde es unerträglich, wenn darüber das ganz verloren geht, worauf es ankommt: Gott wird Mensch!

Es kann doch nicht sein, dass Gott der Menschheit begegnet und wir Menschen nicht verändert wurden dadurch? Es kann doch nicht sein, dass Gott in die Welt kommt und sie danach noch die selbe ist? Es kann doch nicht sein, dass unsere Augen den Heiland gesehen haben und danach nicht die neue Wirklichkeit sehen, die er in unserer Mitte geschaffen hat?

Mehr als die Herkunft Jesu von Gott beeindruckt heute viele Menschen, wofür er steht. Gerade Menschen, denen ihr Glaube an Gott noch wichtig ist, denen die christlichen Werte etwas bedeuten, fragen nach dem, was der Mensch Jesus in ihrer Situation tun würde, wie er sich entscheiden würde, was ihm wichtig wäre. Es beeindruckt sie, dass er sich auf die Seite der Armen und Schwachen gestellt hat, dass er zu den Kranken gegangen ist, die Hungrigen versorgt, die Verzweifelten tröstet.

In den Umfragen zur Kirchenmitgliedschaft, die seit einigen Jahrzehnten immer wieder durchgeführt werden, erkannte man jedes mal wieder, dass sowohl den Kirchenmitgliedern als auch denen, die „nur“ Interesse an Glaube und Religion haben, eines am Wichtigsten ist: dass die Kirche christliche Werte vertritt, lebt und an die kommende Generation weitergibt – Nächstenliebe, Treue und Ehrlichkeit, Verbundenheit gegenüber der Familie, Solidarität mit Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen, Gastfreundschaft, Mäßigung und Geduld.

Viele Menschen, die in der Leitung der Kirche verantwortlich reden müssen, haben gesagt, dass man gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Menschen in Not seine Stimme erheben muss, dass man aber auch die Sorgen der Demonstranten und Bedenkenträger ernst nehmen muss; sie befürchten doch, dass die christlichen Werte verloren gehen könnten. Ich teile diese Bedenken nicht. Im Gegenteil: Wo Kirche aus Angst heraus den christlichen Gedanken, den Wert, ja das Gebot der Nächstenliebe fallen lässt, da hat der Ungeist gesiegt; da haben die schon gewonnen, die früh den Mut verlieren, bei denen das Wort Gottes auf harten und trockenen Boden fällt.

Ich denke, Christus wäre heute in den Heimen der Asylbewerber und in den Gemeinden, in denen Flüchtlinge untergebracht und versorgt werden, Christus, wäre dort in Italien und Griechenland, wo Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und aufgenommen werden, Christus ist in Syrien, er ist bei den Opfern des Islamischen Staates, er ist überall da, wo Menschen auf der Flucht sind vor der Perversion eines Glaubens, der Menschen Gewalt antut und den Tod bringt, und das auch noch im Namen Gottes…

Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass die Kirche nur dann die Kirche Jesu Christi sein kann, wenn sie da hin geht, wo er hin gegangen ist, und tut, was er getan hat. Wo Menschen in Not sind, bedroht und vergewaltigt – da ist Christus zu finden, und da soll und muss auch Kirche zu finden sein. „Wenn die Kirche nicht dient – dient sie zu nichts.“ schrieb auch Jacques Gaillot; ein französischer Bischof der römisch-katholischen Kirche, der im vergangenen Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Mich hat sehr beeindruckt, wie viel in Neukölln für die Flüchtlinge getan wird: Menschen kümmern sich um Wohnung, Betreuung und Hilfe in allen Lebenslagen. Es gibt Sprachkurse, Unterstützung bei Behördengängen oder auch nur beim Einkaufen; es gibt Hilfe bei der Suche nach einer Schule für die Kinder oder einem Arzt für Kranke und Verletzte. Geht das auch bei uns? Jedes Gemeindeglied, jeder Mitmensch hier in Schönefeld und Großziethen, in Brusendorf oder Wassmannsdorf, in Selchow, Rotberg, Groß Kienitz oder Kiekebusch kann sich mit Geld- und Sachspenden oder mit freiwilliger Mitarbeit daran beteiligen.

Wie der Hirte aus Omas Krippe verschwand…

Es war Adventszeit, ich war schon fast sechs Jahre alt und ich war bei meiner Oma zu Besuch. Oma wohnte in Nagold, einer kleinen Stadt im Schwäbischen Land, und sie lebte in einem kleinen, unheimlich alten Haus. Im Erdgeschoss war die Küche, in der es immer gut geheizt war, weil dort der Küchenherd stand, in dem den ganzen Tag ein Feuer fröhlich loderte. Daneben war die gute Stube, in die Kinder gar nicht hinein durften; dort war es auch immer dunkel und kalt, nur am Sonntag wurde der Kachelofen beheizt, und am nachmittag saß die ganze Familie dort rund um den schweren Wohnzimmertisch, und es gab Kuchen für alle und Kakao für die Kinder, und die Erwachsenen tranken Tee mit Sahne aus zerbrechlichen Sammeltassen mit Blumenmustern, und jede Tasse sah anders aus. Unter der Woche aber war die Küche der Treffpunkt der Familie, und während die Oma Spätzle schabte oder Bohnen kochte, wurde dort geredet und erzählt, gelästert und getadelt und manchmal auch gepredigt oder gelobt.

Im ersten Stock war das Schlafzimmer meiner Oma und ein zweites, in dem meine Eltern übernachteten, wenn sie dort zu Gast waren; und ganz oben unter dem Dach war ein kleines Zimmerchen mit schrägen Decken, in dem ein riesiger Kleiderschrank stand, eine Frisierkommode mit einem zusammenklappbaren Spiegel und ein mächtiges, schweres Bett, in dem fünf Kinder unter den schweren, dicken, weichen Federbetten hätten schlafen können; aber ich hatte die ganze Herrlichkeit dort oben für mich allein.

Am Samstag vor dem vierten Advent schickten mich meine Eltern schon sehr früh ins Bett; ich kann mich erinnern, dass es noch hell draußen war. Sie hatten irgendetwas vor und machten ein großes Geheimnis darum; es musste wohl irgendetwas mit dem Christkind zu tun haben oder mit dem Knecht Ruprecht; jedenfalls konnten sie „den Buben“ dabei nicht gebrauchen. Wenn meine Oma dabei war, nannten mich immer alle „Bub“, obwohl sie sonst immer „Richard“ oder „Sohnemann“ sagten.

Ich lag da also, frisch gewaschen, die Zähne geputzt und die widerspenstigen Haare ein letzes Mal gekämmt, unter dem schweren Federbett, war überhaupt nicht müde und langweilte mich sehr. Ich schaute mir das Muster an der Zimmerdecke an, die Verzierungen aus Stuck, ein paar Haken, an denen früher einmal eine Öllampe oder auch eine trockene Wurst gehangen haben mochte, und einige Spinnweben, die über dem Kleiderschrank im Luftzug wehten. Draußen fuhren Autos vorbei, und das Licht ihrer Scheinwerfer malte Vierecke an die Decke und an die Wand, bis es nach ein paar Sekunden wieder still wurde.

Ich hörte Stimmen aus dem Erdgeschoß, das Lachen meiner Mutter, ein Lied aus dem Radio mit dem faszinierenden grünen Auge, aber ich verstand kein Wort. Der Wind rauschte ab und zu durch die Blätter des Baumes draußen vor dem Fenster, noch hatte ihm der Winter nicht alle abgezupft.

Und mir war nicht nur langweilig, ich bekam jetzt auch Hunger! Zuerst versuchte ich noch eine Weile, dieses unangenehme Gefühl zu unterdrücken, aber es machte sich mehr und mehr daran, meine Gedanken zu beherrschen. Ich wurde wütend auf meine Eltern. Wie konnten sie mich nur so früh ins Bett schicken, und dann noch ohne ein „Betthupferl“; einen Keks oder ein Stück Schokolade, das auf dem Nachttisch auf mich warten würde, für einen solchen Moment wie diesen, wenn in der Dämmerung der Hunger kommt und im Bauch drückt…

Aber vielleicht hatte Oma ja etwas versteckt? Unten in der Küche gab es ja auch eine Dose mit Bonbons und eine kleine Porzellanschüssel mit Keksen, und so etwas war vielleicht hier oben ebenso versteckt und wartete nur darauf, gefunden zu werden.

Ich kroch aus dem alten, hohen Bett und machte mich auf die Suche. In der Frisierkommode gab es nur Kämme, Lockenwickler und Parfumfläschchen, die nach Oma rochen; es gab auch noch ein paar gebügelte und sorgfältig zusammen gelegte Taschentücher, aber nichts, das man vielleicht essen könnte.

Im Kleiderschrank hingen die schwarzen und braunen Mäntel der Oma, auch ihr kostbarer Pelz, den sie nur zu Beerdigungen anzog, und ein paar blumen-bunte, seidig-luftige Kleider, die in Plastiküberzügen auf den nächsten Sommer warteten.

Aber unten in der Ecke stand eine weiße Pappschachtel, und als ich sie öffnete, leuchteten mir die Krippenfiguren entgegen, die ich schon von meinem letzten Besuch bei Oma kannte. Da hatten sie unter dem Weihnachtsbaum gestanden, umglänzt vom Licht des Wunderbaumes und doch bescheiden in ihrer handbemalten Schönheit, Maria, Josef, die Hirten mit ihren Schafen und die Könige aus dem Morgenland mit ihren Mäntelchen aus Brokat mit goldenen Fäden, und natürlich das Christkind selbst, nackig, nur eine schneeweiße Windel war darauf gemalt, und es hatte einen glitzernden Heiligenschein aus Goldfolie und Glasstaub.

Jetzt lagen diese Herrlichkeiten vor mir, in einer Schachtel im Halbdunkel des Kleiderschranks, und sahen zum Anbeißen lecker aus, wie allerfeinstes Marzipan, und es roch sogar ein bisschen nach Honig und Mandeln. Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen.

Aber halt! Mir war klar, dass ich das Christkind nicht essen durfte. Auch Maria oder Josef würden vermisst werden. Selbst den Königen aus dem Morgenland würde es auffallen, wenn plötzlich einer von ihnen fehlte. Und die Schafe waren einfach zu niedlich, die konnte ich nicht essen.

So saß ich da eine Weile im Kleiderschrank und überlegte, wer von dem Personal in und an der Krippe wohl am ehesten entbehrlich sein könnte. Schließlich entschied ich mich für einen der Hirten – ob da drei oder vier an der Krippe standen, war ja wohl doch ziemlich egal. Also nahm ich die Figur und biss herzhaft hinein – und erstarrte: Die Figuren aus Omas Krippe waren nicht aus Marzipan, trotz des leckeren Honigduftes, sondern aus Wachs!

Mir schossen die Tränen in die Augen, und mir wurde schlecht. Ich hatte eine greuliche, abscheuliche, unverzeihliche Tat begangen – und das auch noch völlig umsonst. Bestimmt würde ich sterben, vergiftet mit bemaltem Wachs; und das wäre dann wohl die gerechte Strafe für diesen Frevel gewesen.

Ich spuckte alles wieder aus; und dann ging ich unter Tränen hinab in die Küche, wo meine Oma mit meinen Eltern zusammen saß und Radio hörte, und beichtete alles. Sie haben so sehr gelacht, dass sie am Schluss auch alle Tränen in den Augen hatten, und ich bekam zum Trost und als wirksames Mittel gegen die drohende Vergiftung und den mörderischen Hunger ein kleines Stück von dem Mohnkuchen, der eigentlich für den vierten Advent vorgesehen war.

Die obere Hälfte von dem Hirten wurde übrigens nicht weggeworfen. Als am Heiligabend die Krippe unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut war, saß er zwischen zwei kleinen Strohballen, und es sah aus, als ob er da anbetend kniete. Ich musste dann aber das Lied „Kommet ihr Hirten“ singen, allein, und Oma schaute mich dabei mit glitzernden Augen an. Ich war froh, dass sie nicht noch einmal gelacht hat. Und danach wurde über die ganze Geschichte in unserer Familie nie wieder gesprochen…