Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen… documenta 15

und eine ganze Stadt, um eine Kunstausstellung zu organisieren…

Heute war der Pfarrkonvent von Neukölln auf „Klassenfahrt“… Neun Kolleginnen und Kollegen haben sich auf den Weg gemacht nach Kassel. Dort findet zum fünfzehnten Mal die documenta statt…

In diesem Jahr arbeitet die Ausstellung mit Künstlerinnen und Künstlern aus Indonesien zusammen. Sie will die Tradition des lumbung verwirklichen, das Leben in der indonesischen Reishütte. Alle Familien aus dem Dorf bringen die Erträge ihrer Ernte dort hin, dann darf jede so viel nehmen, wie sie selbst zum Leben braucht. Was übrig bleibt, wird von der Dorfgemeinschaft verwaltet und gemeinsam genutzt.

So haben auch hier die verschiedenen Künstlergruppen die Ergebnisse ihrer Kreativität zusammen getragen und gemeinsam in Diskussionen und Lernprozessen an ihren Themen gearbeitet. Politisch, philosophisch und sozial haben sie ihre Situation analysiert und an Zielen und Problemlösungen geforscht.

Deshalb ist die documenta diesmal weniger eine Ausstellung fertiggestellter Kunstwerke als vielmehr ein work in progress. Alles kann sich verändern, die Ausstellung wird immer wieder umgebaut und manche Werke sind ganz aus der Sammlung entfernt worden…

Leider ist die documenta diesmal in Verruf geraten, weil einige wenige Werke einen rassistischen oder judenfeindlichen Hintergrund haben. Das waren vor allem Dinge aus Archiven in Indonesien und in Südafrika, die in die heutige Zeit nicht mehr passen. Sie sind in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entstanden, als das Bewusstsein für die nötige Kritik noch nicht entwickelt war. Ob man solche Exponate heute noch zeigen darf oder sogar muss, darüber könnte man sich ausführlich streiten. Leider wird die Diskussion aber mit so viel Druck und Emotionen geführt, dass ein vernünftiger und zielführender Dialog unmöglich geworden ist. Die Leitung der Ausstellung hat die betroffenen Werke entfernt. Eigentlich schade. Vielleicht wird die nötige Diskussion trotzdem noch geführt, die documenta geht ja noch eine ganze Weile weiter.

Außer den Künstlergruppen aus Indonesien gibt es auch Projekte aus Südafrika und Ghana, aus der Tradition der Sinti und Roma und von den Aborigines in Australien. Aus England ist ein Projekt vertreten, das neurodiversen Künstlern ein Forum bietet.

Es gibt wenige große Sponsoren und Geldgeber, die Künstler sind mit wenig Geld ausgekommen und haben si auch mehr Freiheit, sich gegen ausbeuterische Strukturen und menschenverachtende Systeme zu wehren. Freiheit und Gerechtigkeit ist darum auch ein wichtiges Thema der Ausstellung.

Die Ausstellungsorte sind wieder über die ganze Stadt verteilt, Schwerpunkte sind aber das Fredericianum und die documenta-Halle am Friedrichsplatz.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht – Predigt im Advent…

Rückblicke auf ein vergangenes Jahr

Seit vielen Jahren setzen meine Frau und ich uns in der Adventszeit zusammen und schreiben unseren Jahresbrief. Damit wir unseren Freunden, Verwandten, Nachbarn und Angehörigen nicht immer wieder das Nichtssagend-Gleiche schreiben (Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neues Jahr…), verfassen wir mit viel Liebe ein Rundschreiben an alle, in dem wir davon erzählen, was wir in dem vergangenen Jahr erlebt haben, was wir gelernt haben, was uns wichtig wurde und auch, woran wir gescheitert sind.

Im Rückblick diesen Brief zu schreiben ist auch für uns wieder eine besondere Erfahrung. Meistens staunen wir, wie viel wir gemacht haben – die zwölf Monate sind wie im Flug vergangen, aber – weißt Du noch? – wir waren im Theater, im Kino, in einer großartigen Ausstellung, im Konzert… Und das alles, obwohl wir immer vorsichtig sein mussten, uns nicht anzustecken. Wir haben sogar Urlaub gemacht! Wir haben mit Freunden gefeiert, einen Lehrgang absolviert, eine Prüfung bestanden… Es war ein volles, erfülltes, gutes Jahr, trotz allem.

Einige gute Freunde sind sehr krank geworden oder gestorben, wir erinnern uns an die letzten Begegnungen, an die Trauerfeier, aber auch an gemeinsame Erlebnisse davor, als diese lieben Menschen noch gesund und munter waren, als wir mit ihnen gefeiert und gestritten haben, zusammen gekocht und gegessen haben, gemeinsam gesungen und gebetet haben… Nun sind sie uns voraus gegangen und können sehen und erfahren, was wir nur glauben können…

Solche Rückblicke gibt es jetzt im Dezember überall: Nicht nur bei uns zuhause im Privaten, auch im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung ist jetzt die Zeit der Jahresrückblicke. Was ist alles geschehen in den letzten zwölf Monaten: die Corona-Epedemie in steigenden und fallenden Wellen, Überflutungskatastrophen im Ahrtal, ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer und im Ärmelkanal, Erfrierende an dem Grenzen zwischen Belarus und Polen. Impfungen, Wahlen, ein Regierungswechsel… Haben sie gewusst, dass es noch keine zwölf Monate her ist, dass Joe Biden Präsident der Vereinigten Staaten wurde? Wir erinnern uns an die Olympischen Spiele in Japan, an die Fußball-Europameisterschaft, an „Black lives matter“ und „fridays for future“. Gerd Müller ist gestorben und auch Kurt Biedenkopf, Milva und Alfred Biolek und Libuse Safrankova, die die Hauptrolle in dem beliebten Weihnachtsfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ spielte…

Blick zurück in die Kinderzeit und das, was einmal war

Der Jahreswechsel ist für viele ein Grund, anzuhalten und zurück zu blicken, in das vergangene Jahr oder sogar weiter, über Jahrzehnte, bis in die Kinderzeit: Wir erinnern uns, wie wir fasziniert waren von den Kerzen am Adventskranz, von dem Tannenduft im Wohnzimmer, vom Licht des Schwibbogens in den Fenstern des Nachbarhauses. Wie ungeduldig wir gewartet haben, bis wir endlich ins Weihnachtszimmer durften, wie wir dort unter dem Lametta-geschmückten Baum unser Gedicht aufsagten und dann die Geschenke auspacken konnten… Die Kirche gehörte dazu, das Krippenspiel und die Aufregung der Kinder, „Alle Jahre wieder“ und Kartoffelsalat und Würstchen… Tradition im besten Sinne des Wortes…

Der Geist der vergangenen Weihnacht

In Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ wird der geizige, habgierige, menschenfeindliche Mister Scrooge von den drei Geistern der Weihnachtszeit besucht; zuerst von dem Geist der vergangenen Weihnacht. Ja, auch er, in dem die Weihnachtsfreude gestorben scheint, zumindest tief verschüttet und fast ganz erfroren – auch er erinnert sich an glücklichere Tage, als er noch ein Kind war und sich freute an Musik und Kerzenschein, an Geschenken, die aus Zuneigung gegeben wurden und nicht aus Berechnung, an Tage der Dankbarkeit, der Mitmenschlichkeit und der bedingungslosen Liebe…

Advent: Der, der gekommen ist

Erinnerung… Wisst Ihr noch, was war? Davon lebt die Adventszeit, die auch ein Fest der Erinnerung ist – an den Weg von Maria und Josef aus Nazareth nach Bethlehem, an die Nacht, in der sie verzweifelt nach einer Herberge gesucht haben in der wegen der Volkszählung total überfüllten Stadt, wie sie endlich irgendwo untergekommen sind und dann für ihr Neugeborenes keinen anderen Platz finden konnten als die Futterkrippe der Lastesel und Ziegen…

Wisst ihr noch, was einst die Propheten Israels sagten über den König, der da kommen soll, den Sohn Davids, der das Licht bringen soll über das Volk, das im Dunklen wohnt, der gute Rat, der Helfer in der Not, der ewige Vater, der Fürst des Friedens? Wisst ihr noch, das Gott den Erlöser angesagt hat, den Heiland, dass er selbst kommen wollte, um unter uns zu wohnen, mitten unter uns, als Immanuel, der Gott, der mit uns geht?

Er ist gekommen, das sagen uns alle Lichter und Symbole im Advent; das, was wir feiern mit und ohne Corona, mit Maske in der Kirche und ohne im kleinen Kreis in unseren Wohnungen, fröhlich im Kreis unserer Lieben oder auch allein mit unseren Erinnerungen und einer Träne im Auge, weil nicht mehr sind, die einst waren – er ist gekommen, und er bleibt – der Gott, der mit uns geht…

Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit

Als ich ein Kind war, war Jesus für mich das „Christkind“. Zum Teil liegt das wohl daran, dass ich als Kind in Bayern gelebt habe; dort ist das „Christkind“ ja nicht nur Baby-Jesus in der Krippe, sondern auch jene wundersame Lichtgestalt, die zusammen mit einem weiß und Gold glänzenden Engel durch die Weihnachtsstuben der ganzen Welt zieht und überall Geschenke, Licht und Frohsinn liegen lässt.

Erst später habe ich gespürt, dass es in der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas nicht nur um das Kind ging, das in Bethlehem keinen Platz in der Herberge fand, nicht nur um das Kind, das Maria in reinliche Windeln wickelte, nicht nur um den, den die Hirten und die Könige aus dem Morgenland besuchten, nicht nur um den, den die Engel besungen haben… Es ging auch um den, der für die Armen und Elenden zum Retter wurde, der die Blinden und Lahmen heilte; es ging auch um den, der bereit war, um seiner Liebe zu den Menschen willen den ganzen Weg zu gehen bis zum Tod am Kreuz und durch den Tod hindurch… Es ging von Anfang an um den, in dem Gott uns ganz nah kommt. Immanuel – Gott mit uns.

Erst später habe ich gespürt, das es der selbe Jesus ist, der fordert „Einer trage des Anderen Last…“ und „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“ Jesus ist, so heißt es auch im Lukas-Evangelium, der Richter, der die Menschen voneinander scheiden wird, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird richten und urteilen, auch das gehört zur Geschichte des Kindes in der Krippe, das später zum Mann am Kreuz wurde.

Aber ich bin fest überzeugt, dass dieses Gericht noch nicht das letzte Ende der Geschichte ist. Er, der richtet, hat auch gesagt „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wenn ihr an mir fest haltet, bringt ihr viel Frucht…“ Er hat gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben mitten im Tod.“

„Jesus Christus ist der selbe, gestern, heute, und in Ewigkeit!“ So heißt es im Hebräerbrief, so singt die Kirche seit tausend Jahren in ihrer Liturgie, voller Freude und anbetender Verwunderung. In ihm bekennt sich Gott zu uns und sagt: „Ich habe dich geliebt, von Anfang an und zu allen Zeiten, darum ziehe ich Dich zu mir, aus lauter Güte…“

Advent: Der, der kommen wird…

Es geht im Advent nicht nur um das, was einmal war, nicht nur um vergangenen Glanz oder vergangenes Elend. Es geht im Advent um das, was kommt. Es geht um die Zukunft, und zwar nicht abstrakt im Irgendwann oder am Sankt-Nimmerleins-Tag. Es geht um unsere Zukunft, um den nächsten Tag, den nächsten Monat, das nächste Jahr.

Es geht im Advent um den, der kommt. Unsere Zukunft ist in Gottes Hand. Weihnachten ist ja nicht vorbei, sondern geschieht alle Jahre wieder. Es kann in jedem Augenblick wieder geschehen. Gott ist uns immer nahe, und jeden Moment kann es sein, dass er herein bricht in unser Leben und wir spüren: Jetzt ist die Zeit! Dies ist der Moment! In dieser Stunde bin ich gefragt als Mensch, der Gott glaubt, der ihm vertraut, der seinen Willen tun will…

Christus in unserer Mitte! Das ist unsere Hoffnung, vielleicht auch unsere Furcht, denn wenn Gott plötzlich da ist, so unausweichlich da ist, dass wir uns ihm gegenüber verhalten müssen, dann ist es auf einmal Advent. So wie es Maria erlebt hat, die „Ja“ sagte zu dem Engel der Verkündigung, so wie es Josef erlebt hat, als er erfuhr, dass seine Verlobte schwanger ist, doch nicht von ihm – und der ihr trotzdem treu blieb. Verheißung und Segen geschieht da, wo Gott in unser Leben hinein greift – und wenn er das tut, ist er immer wieder fremd, unerwartet, unpassend und am falschen Ort – wie damals in der Herberge.

„Er wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten…“ So sprechen wir jeden Sonntag in unserem Glaubensbekenntnis und denken und vielleicht nicht viel dabei. Aber es ist trotzdem wahr – Er kommt.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

In der „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens trifft der geizige, habgierige, menschenfeindliche Mister Scrooge auch den Geist der zukünftigen Weihnacht. Er zeigt ihm, was kommen wird, wenn er sich nicht ändert, wenn er weiter macht, wie er es gewohnt ist und aus seiner beschränkten Sicht für richtig hält: Weihnachten wird für ihn kalt und grau. Einsam irrt er durch die Straßen und sieht, wie andere Menschen fröhlich sind, ihr bescheidenes Mahl auf dem Tisch mit ihrer Familie teilen und sich an Musik und Kerzenlicht erfreuen. Ihm aber weht der Wind kalt ins Gesicht, niemand vermisst ihn, von dem, was er sich erarbeitet hat und wofür er gekämpft und gelitten hat, ist nichts geblieben. Am Ende führt ihn der Geist auf einen Friedhof und verlässt ihn dort, während Scrooge entsetzt vor seinem eigenen Grab steht…

Hier wird die Geschichte, die Charles Dickens schreibt, zu einer Allegorie, zu einer Beispielerzählung für das, was das Gericht Gottes sein könnte. Wer hier sagt, dass diese Geschichte nicht mehr in unsere Zeit passt, zu moralinsauer ist, um christliche Verkündigung zu sein, der verkennt, dass gerade in unserer Zeit viele Aufgaben auf uns Christen warten, in denen ein deutliches Bekenntnis und entschlossenes, deutliches Handeln aus der Liebe heraus nötig ist. Lasst uns ein Zeichen setzen!

Blick auf das, wie Advent und Weihnachten sein könnte

Lassen wir den Heiligen Geist Gottes zu unserem Geist der zukünftigen Weihnacht werden! Für uns alle wird er verschiedene Bilde, verschiedene Geschichten, unterschiedliche Träume bereit haben… Er wird uns ermuntern, Weihnachten am anderen Ort zu feiern: im Altenheim, im Hof eines Hospizes, dort, wo Obdachlose sich treffen… Mit Nachbarn, die am Heiligen Abend einsam sind. Er wird uns dazu reizen, auf eins von sieben Geschenken zu verzichten und statt dessen zu spenden: für Brot für die Welt, für die Feuerwehr, für Ärzte ohne Grenzen oder amnesty international. Er treibt uns dazu, eine Kerze ins Fenster zu stellen und solidarisch zu sein mit denen, die einen lieben Verwandten wegen Corona verloren haben. Er wird uns dazu bringen, dass wir statt Gänsebraten einen großen Kürbis in der Familie teilen und den Truthahn begnadigen… Ich weiß es nicht, was der Geist Ihnen sagt, aber wenn Sie nur hin hören, werden sie es wissen.

Christus sagt: „Was ihr getan habt einen von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ Advent und Weihnachten könnten ganz neu und anders werden, wenn wir diese Stimme hören und tun, was sie uns sagt.

Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht…

Vielleicht fing es damit an, dass im September die Katze starb. Jahrelang hat sie mich schnurrend begrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam; aber dann schaute sie mich nur noch uninteressiert an und schloss dann gelangweilt die Augen. Ein paar Wochen quälte sie sich zwischen Schlafplatz, Fressnapf und Katzentoilette herum, dann gab die Tierärztin ihr die letzte Spritze.

Nach Hause zu kommen war nicht mehr so schön.

Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht.

Das Auto war sechzehn Jahre alt und hatte schon viele Kratzer und Beulen. Eine Schraube, die auf dem Weg lag, bohrte sich in den linken Vorderreifen. Die Lichtmaschine gab irgendwann auf; auf dem Armaturenbrett leuchtete ein orangefarbenes Lämpchen. Als auch noch die Servolenkung streikte (rotes Lämpchen), schüttelte der Automechaniker den Kopf. Ich fuhr noch einen Monat mit Vorsicht (provisorisch) und lenkte angestrengt und kraftvoll wie der Fahrer eines 30-Tonners mit Anhänger. Dann verkaufte ich den Wagen für 400 Euro.

Praktisch, dass man wegen einigen hundert Trilliarden Viren sowieso eher im Home-Office arbeiten muss. Wenn es gar nicht anders geht, nutzt man ein Auto vom Carsharing-Dienst.

Im Mai: Urlaub zuhause. Das Hotel in Griechenland hat gar nicht erst geöffnet, die Gäste blieben zu Hause und darum auch das Reinigungspersonal, die Köche und Sommeliers, die Servicekräfte und die Fotografin, die sonst immer am Donnerstagabend alle Gäste portraitiert und dann am Samstag die Bilder zum Kauf anbietet. Auf Facebook veröffentlicht sie Bilder von leeren Stränden.

Es ist wieder schön zu Hause; die Sonne scheint oft durch die Fenster auf die Blätter der Tageszeitung, auf denen steht, dass das Virus jetzt jeden Tag weniger Menschen infiziert. Zum ersten Mal seit einem Jahr essen wir wieder in einem Restaurant. Also – draußen. Vor dem Restaurant. Unter einem Sonnenschirm. Es gibt frisches, kaltes Bier. Die Kohlensäurebläschen glitzern im Licht.

Die Zeit vergeht rasend schnell, niemand sieht hin.

Der Sommer kommt, viele Termine finden wieder statt. Das Leben wird stabiler, härter, aber auch zerbrechlicher. Nur scheinbar berechenbarer. Wieder splittert von Zeit zu Zeit etwas ab und fällt unter den Tisch. Ungewohnte Geräusche, ein leises Klirren wie von winzigen Scherben, schmerzen in den Ohren.

Nachrichten von weit weg fühlen sich an, als kämen sie direkt aus der Nachbarschaft. Überschwemmungen gibt es nicht nur in Indien. Fanatismus in vielen Farben hinterlässt einen irritierenden Eindruck von schlammigem Braun, wie früher im Schulfarbkasten, wenn die Malpasten ineinander laufen. Großbritannien verläßt die Europäische Union, die Soldaten der NATO verlassen Afghanistan, viele Querdenker und Impfgegner verläßt der gesunde Menschenverstand. Meine Frau verlässt sich auf mich.

Man kann es nicht allen recht machen.

Wenn man ein wirklich schlechtes Gewissen hat, nimmt man in drei Wochen fünf Kilogramm ab. Ich kann diese Diät nicht empfehlen.

Der Sommer geht; Termine werden auf Vorrat gemacht. Erntedank, Martinsfest, Lichtertage im Advent, Weihnachtsfeiern. Ob sie wohl wirklich stattfinden, alle diese Hoffnungszeichen in der Zukunft?

Bald wird wieder eine Katze hier einziehen. Sie wird mich erwarten, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Ob sie nur gelangweilt schaut oder ob sie mich schnurrend begrüßt, wird die Zeit zeigen. Ich werde hinsehen…