Predigen über Kirchenlieder

Ein Vortrag für den gemeinsamen Konvent der Pfarrer und der Kirchenmusiker im Kirchenkreis Berlin-Neukölln

1. Ich bin neidisch auf die Musiker

Ich gestehe: Ich bin oft ein bisschen neidisch gegenüber Kirchenmusikern, Organisten und Kantoren: Wenn sie zu einem Konzert einladen, ist die Kirche voll. Dutzende bis Hunderte begeisterter Menschen füllen die Kirchenbänke und Gemeindesäle; es kommen sogar Leute, die noch nie eine Predigt gehört haben oder am Abendmahl teilnahmen.

Auch nach einem Gottesdienst sagen mir viele Leute an der Kirchentür, was für eine große Bereicherung des Gottesdienstes die wundervolle Kirchenmusik war, wie schön der Chor gesungen hat und dass die Band mit ihren bluesigen Gospelklängen diesen Gottesdienst zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

Da fühlt sich der Pfarrer immer ganz klein und unwichtig und hofft, dass die Gebete, die Predigt und die Liturgie mit dem Segen am Schluss auch irgendwie witksam waren für das geistliche Leben der Gemeindeglieder.

Unterschätzen Kirchenmusiker nicht ihre Rolle im Gottesdienst, wenn sie sich Woche für Woche von ihrer Pfarrerin oder ihrem Pfarrer die Liturgie mailen lassen, inclusive der Lieder, die in diesem Gottesdienst gespielt werden? Sollten sie an dieser Stelle nicht viel mehr mitreden, von sich aus Vorschläge machen und mit entscheiden über diesen so wichtigen Teil des Gottesdienstes und der christlichen Verkündigung? Und unterschätzen sie nicht auch ihre Aufgabe, wenn sie unvorbereitet, innerlich unbeteiligt und ohne eigene Ideen die Choräle runterspielen zu einem müden Gemeindegesang und nur aufleben, wenn sie beim Vor- und Nachspiel und vielleicht noch bei der Begleitung des Abendmahlsgeschehens in eigenen Improvisatioenen brillieren können?

2. Im Gespräch

Uns Pfarrern und uns Kirchenmusikern gemeinsam ist der Auftrag zur Verkündigung. Das Wort Gottes im Gottesdienst zu vergegenwärtigen, die frohe Botschaft für die Gemeindeglieder und ihre Nachbarinnen und Nachbarn aktuell zu machen, sie zu interpretieren. Das tun wir Pfarrer, indem wir die Bibel auslegen. Das tun Kirchemusiker, indem sie Musik und Texte passend zum Charakter des Sonntags im Kirchenjahr auswählen, gegenüber Chorsängerinnen und Chorsängern den theologischen Hintergrund der Kantaten und Oratorien deutlich machen und so bis in die Phrasierung und Betonung der Interpretation hinein deutlich machen, was da eigentlich geharft, gepfiffen und gesungen wird? Und das alles, wie Bach es immer wieder unter seine Noten schrieb, zur größeren Ehre Gottes?!

Wir haben das im Studium gelernt; verschiedene Methoden der Exegese, historisches Grundwissen zur biblischen Geschichte, zur Dogmengeschichte und zur Geschichte der Rezeption Biblischer Texte sind unser „Handwerkszeug“. Eine gute Rhetorik und eine Liebe zur Poesie können beim Predigen helfen.

Alles das hat meiner Ansicht nach den Zweck, mit der Gemeinde in ein Gespräch zu treten, oder besser – in eine Diskussion unter allen Christinnen und Christen zu treten, wie denn die Bibel zu verstehen ist, was wir über Gott erfahren und wie wir gemeinsam unseren Glauben leben können.

Die biblischen Texte in ihrem Zusammenhang auf der einen Seite, die Predigthörerinnen mit ihrer Lebensgeschichte auf der anderen Seite und dazwischen die Predigerinnen bzw. der Prediger mit ihrem theologischen Verständnis und ihrem gelebten Glauben – sie bilden das bekannte Dreieck, in dem das Verkündigungsgeschehen statt findet.

3. Eine neue Dimension

Wenn ich nun über ein Werk der christlichen Kirchenmusik predige, kommen gewissermaßen zwei neue Gesprächspartner in die Runde: Der Dichter des Liedtextes und der Musiker, der die Melodie dazu schreibt und interpretiert. Es ist eine ganze zusätzliche Dimension der möglichen Ausdrucksformen, die es nun zu beachten gilt. Der Komponist nimmt den Bibeltext in seinen Liedern und Melodien auf, interpretiert ihn im Rahmen des theologischen und musikalischen Hintergrundes seiner Zeit und fordert Predigerin und Zuhörerinnen heute auf, sich mit ihrem Glauben, Fühlen und Denken damit auseinender zu setzen.

Nach meiner Meinung ist vor allem dies die zusätzliche Dimension, die die Musik in das Gottesdienstliche Geschehen einbringt: das Gefühl, die Emotion, die „Erhebung“, die eintritt, wenn das Evangelium nicht nur gesprochen und gehört wird, sondern geatmet, gesungen, getanzt und fühlbar gemacht wird, wenn es nicht ein eindimensionales Senden und Empfangen einer Botschaft ist, sondern ein gemeinsames Tun und ein gemeinsames Erleben aller im Gottesdienst Anwesenden ist

4. Versuchungen

Wenn eine Pfarrerin oder ein Pfarrer über einen Choral oder ein Kirchenlied, eine Kantate oder einen Gospelsong predigt, gibt es einige Versuchungen, die es zu vermeiden gilt. Es ist nicht unsere Aufgabe, im Gottesdienst unsere umfassende kulturelle Bildung zu präsentieren. Weder sollen wir zum Museumsführer oder zum Erklär-Bären für Menschen werden, die weniger Wissen über oder weniger Erfahrung mit Kirchenmusik haben. Wir sollen auch nicht Musikkritiker sein oder einfach nur in begeistertes Schwärmen verfallen.

Nur in Ausnahmefällen sollten wir gegen den Komponisten oder Texter predigen – wenn deren Intention dem, was wir glauben und predigen wollen, so extrem entgegen steht, dann sollten wir über dieses Lied besser gar nicht predigen und es auch nicht im Gottesdienst singen.

Und was immer wir predigen, indem wir Texte, Melodien, Gedanken und Theologie der Lieder aus dem Kirchengesangbuch auslegen – letze Richtschnur und Aufgabe des Menschen, der auf der Kanzel steht, bleibt das Wort Gottes, bleibt die christliche Verkündigung und das Bekenntnis der Kirche. So spannend es manchmal auch wäre – Kulturkritik und Musikgeschichte müssen in der Erwachsenenbildung der Gemeinden einen anderen Ort finden als den Gottesdienst.

Und zuletzt: Musik kann leicht manipulieren und die Gefühle der Menschen verführen. Musik muss verantwortlich eingesetzt werden, und auch die Predigenden sollten wissen, was sie tun, wenn sie in dieser Art zu den Herzen der Menschen sprechen. Ich habe zu lange Kontakt zu charismatisch und pfingstlerisch angehauchten Gemeinden gehabt, um von dieser Gefahr nichts zu wissen: Es gibt ein zu wenig, aber es gibt auch ein zu viel.

5. Wieso nicht?

Trotz dieser Versuchungen sehe ich große Chancen in der Unternehmung, über und mit Liedern zu predigen. Musik, Melodie und Rhythmus finden einen direkteren, unmittelbareren Weg in das Herz der Menschen und ihr Gedächtnis und ihr Gewissen als tausend klug gesetzte und engagiert vorgetragene Worte von predigenden Menschen. Es spricht nichts dagegen, diesen Weg, diesen Zugang auch zu nutzen.

Wenn sich Musik und Wort gegenseitig beeinflussen und bekräftigen, inhaltlich und formal, können beide nur gewinnen – wie ich meine: zum Nutzen der Gemeinde und zur größeren Ehre Gottes.

Kostbarkeiten aus meinen Kirchen – die DEREUX-Orgel

Ich habe in dieser Woche ein bisschen Zeit gehabt, in den Kirchengebäuden meines kleinen Sprengels herumzusuchen und zu kramen, und ich habe dabei entdeckt, dass es in der Kirche der Kirchengemeinde Wassmannsdorf eine DEREUX-Orgel gibt. Dies ist eine elektronische Orgel mit analog gesampleten Klängen; ein sehr ungewöhnliches und technisch außerordentlich interessantes Instrument aus dem Jahr 1973.

Die Töne werden in diesem Instrument nicht durch elektronisch erzeugte Sinus- oder Rechteckkurven produziert, wie es bei der Hammond-Orgel beispielsweise der Fall war, noch waren sie digitalisiert gespeichert, wie es bei den späteren digitalen Instrumenten die Regel ist.

Der französische Erfinder dieses ganz eigentümlichen Prinzips hat die Wellenformen, die von echten Orgelpfeifen erzeugt werden, vom Bildschirm eines Oszillographen abgezeichnet und mit einem Silber-Druckverfahren auf Bakelitscheiben gedruckt.

Für jeden Ton der Tonleiter gibt es einen eigenen Tongenerator, in dem die Klänge in verschiedenen Klangfarben und Tonhöhen aufgezeichnet sind. Jeweils zwei feststehende Bakelitscheiben tragen diese Information, und zwischen ihnen drehen sich die Abtastscheiben, die berührungsfrei durch ein elektrostatisches Verfahren diese Wellenforman auslesen, die dann mit Röhren- oder Transistorverstärkern weiterbearbeitet werden.

Leider ist die Orgel zur Zeit nicht zu benutzen, obwohl der Motor läuft und auch der Verstärker offensichtlich in Ordnung ist. Es könnte aber sein, dass der Hochspannungsgenerator defekt ist; und daran traue ich mich mit meinem Laienverstand nicht – immerhin arbeitet die Orgel intern mit Spannungen um 1000 Volt!

Faszinierend an diesem Prinzip ist, dass die Dereux-Orgel mit einer Art analogem Sampling arbeitet. Vor dem Einsatz des elektrostatischen Verfahrens experimentierte Dereux auch mit Schallplatten und Tonbändern als Datenträger für die Klang-Informationen; konsequent zu Ende gedacht ist seine Idee aber erst in den Geräten, die in den siebziger Jahren gebaut und in Deutschland vor allem durch die Firma Steinway & Sons vertrieben wurden. Eine Dereux-Orgel kostete damals nur etwa ein zehntel des Preises, den eine entsprechende Pfeifenorgel kostete, und war gegenüber Umwelt-Einflüssen wesentlich weniger empfindlich. Sie war auch viel leichter zu transportieren und aufzustellen und brauchte wesentlich weniger Wartung.

In der Gebrauchsanweisung steht:

Nach eingehendem Studium der klanglichen Eigenschaften berühmter historischer Kirchenorgeln in Paris nahm der französische Erfinder Dr. J. A. Dereux den Ton jeder Pfeife, Register für Register, mit Spezialmikrophonen auf und hielt die Schwingungskurven mit einem zu diesem Zweck entwickelten besonders empfindlichen Oszillographen zeichnerisch fest.

Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen konnten die so aufgezeichneten Schwingungskurven im Druckverfahren mit einer Silbermetall-Legierung auf Bakelitscheiben konzentrisch übertragen werden. Aus diesem wesentlichen Teil des Tongenerators wird durch den Abstand der einzelnen Kurven vom Mittelpunkt die Oktave bestimmt, in welcher der Ton angehalten wird, während die Schwingungskurve selbst den Ton des wiederzugebenden Registers darstellt.

Jeder der zwölf Tongeneratoren, die jeweils einem Ton und dessen Oktaven entsprechen, besteht aus zwei feststehenden Bakelitscheiben. Zwischen diesen dreht sich die Abtastscheibe. Die einzelnen Generatoren bestimmen die Tonhöhe durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ihrer Abtastscheiben.

Wird nun ein Register gezogen und eine Taste gedrückt, entsteht ein Kapazitätenwechsel zwischen den beiden feststehenden Scheiben und der rotierenden Abtastscheibe. (…)

Mit äußerster Präzision wird die durch Taste und Register bestimmte Schwingungskurve auf der Abtastscheibe abgelesen, und ein entsprechend modulierter Strom gelangt zum Verstärker, durch den er über die Lautsprecheranlage zum Ton umgewandelt wird.

Der Vorteil dieses Systems liegt darin, daß beim Tongenerator, Hauptbestandteil des Instrumentes, jeglicher Materialverschleiß entfällt, weil zwischen den beiden feststehenden Scheiben lediglich ein Kapazitätenwechsel des elektrischen Stromes stattfindet, aber keine Berührung. Das Instrument kann sich nicht verstimmen, weil die Schwingungskurven auf den beiden Scheiben des Tongenerators festliegen. Weder klimatische Veränderungen noch Heizungseinwirkungen haben Einflüsse auf die Tonqualität.