Unheilige Portraits: Zachäus, der Zöllner…

Mein Name ist Zachäus. Ich bin Jude, ich glaube an den Gott Israels. Auch meine Mutter und mein Vater waren Juden, und meine Großeltern und die ganze Familie… Seit Generationen leben wir hier in Jerusalem. Meine Eltern waren angesehene Menschen und haben ihr Geld mit ihrer Hände Arbeit verdient. Aber dann haben sie sich über den Tisch ziehen lassen durch diesen Betrüger aus Rom, einem Makler, der ihnen Anteile an einem großen Geschäftsprojekt mit äthiopischen Händlern verkauft hat; der Gewinn war minimal, das Geschäft ging pleite und auf einmal war meine Familie arm. Wir haben von der Mildtätigkeit unserer Freunde gelebt. Meine Eltern sind bald darauf gestorben, meine Schwestern und Brüder haben sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Nur ich bin in Jerusalem geblieben. Ich lebte Jahrelang von der Hand in dem Mund, als Tagelöhner, als Bettler, als Fremdenführer…

Eines Tages fiel ich einem römischen Beamten auf, der mein Talent zu Verhandlungen und meine natürliche Autorität erkannte. Denn obwohl ich von der Körpergröße her eher klein bin, habe ich eine Stimme und einen Gestus, die den Menschen Respekt einflößen. Mir wurde eine Stelle in dem hiesigen Zollamt angeboten. Ich kratzte meine letzten Sesterzen zusammen und kaufte die nötige Lizenz, danach war ich offiziell berechtigt, im Namen des Kaisers in Rom Brückenzoll, Wegegeld und die Steuer an den Stadttoren zu erheben. Die Summen waren jeweils nicht sehr hoch, denn der Kaiser möchte zwar den Reichtum der Städte abschöpfen, aber Handel und Kommerz nicht behindern. Aber die Masse machte es, an manchen Tagen verdiente ich so viel wie meine Eltern in einer Woche.

Bald aber merkte ich, dass meine Freunde mich mieden. Gemeinsame Sache mit den Römern zu machen, mit den verhassten Vertretern der Besatzungsmacht, mit Menschen unreinen Glaubens, das machte mich in ihren Augen untragbar. Niemand mag einen Steuereintreiber, keiner mag mit einem Finanzbeamten befreundet sein, aber mit einem Nutzniesser eines despotischen Systems, das die Früchte der Arbeit der eigenen Bürger nimmt und sie in feindliches Ausland transportiert… So einer wird bald selbst zum Feind.

Ich überspielte meine Einsamkeit mit Maßlosigkeit. Ich nahm nicht nur gnadenlos die Steuer und den Zoll von allen, auch von denen, die von den Abgaben eigentlich befreit waren, den Armen und Sozialfällen; ich nahm immer den höchstmöglichen Betrag, der mir erlaubt war; und bald auch das doppelte und dreifache davon. Niemand konnte sich dem Widersetzen, denn was galt das Wort eines galiläischen Bauern gegen das eines lizensierten Staatsbeamten? Sie mussten zähneknirschend zahlen.

Ich war reich, konnte mir alles leisten, ein wunderbares Haus, Diener, das feinste Essen, Kunstwerke und Schätze… Doch ich war einsam und allein, und bald weinte ich mich in den Schlaf, jede Nacht. Ich hatte keine Freude mehr am Leben; der Tod erschien mir immer mehr als die bessere, ja, die einzige Alternative…

Doch dann hörte ich von diesem Wanderprediger aus Galiläa, aus Nazareth, dem Sohn des Zimmermanns…

Unheilige Portraits: Petrus – Verrat in der Nacht der langen Messer…

Ich bin Petrus. Ich war Fischer am See Genezereth, ich hatte ein eigenes Boot, ein eigenes Auskommen. Ich konnte meine Familie ernähren und sogar noch die Ärzte für meine Schwiegermutter bezahlen. Die war immer wieder krank, niemand konnte ihr wirklich helfen. Und die Ärzte wollten immer erst Geld sehen für ihre Bemühungen. Aber es war alles nutzlos.

Jeden Tag segelte ich aufs Meer hinaus, warf die Netze in elegantem Bogen über die Wellen, kam mit Fässern voller Fische ans Ufer zurück. Als Fischer war ich einer der Besten. Doch dann kam ER.

An diesem Tag war es schlecht gelaufen. Wir hatten die ganze Nacht gearbeitet, doch es war wie verrückt. Immer wieder zogen wir das Netz leer ins Boot zurück. Ich weiß nicht, was in die Fische gefahren war, welche Macht sie aus dem See vertrieben hatte; all meine Erfahrung und meine Kunst hat mir in dieser Nacht nichts genutzt. Wir haben aufgegeben, ruderten müde und erschöpft ans Ufer zurück. Da stand dieser Wanderprediger aus Galiläa und redete. Hunderte von Leuten waren gekommen, um ihn zu hören, und er redete laut und klar. Von dem Reich Gottes. Davon, das das Leben wichtiger ist als das Gesetz, der Geist wichtiger als der Buchstabe… Ich habe nur die Hälfte verstanden, aber ich habe gespürt: Hier beginnt etwas Großes. Dieser Mensch kann Herzen bewegen…

Da kam er auf einmal zu mir, wollte in mein Boot. Ich ruderte ein Stück weit ins Meer und er sprach aus dem Boot zu den Menschen. Dann sagte er zu mir: Fahr noch einmal hinaus, wirf noch einmal dein Netz aus, ein letztes Mal. Das war doch Quatsch, diese Nacht war die Schlechteste aller Zeiten gewesen, und niemand fängt Fische am Morgen… Aber ich war schon beeindruckt von ihm. Wenn ER es sagt…

Das Netz war voll, die Fässer liefen über, die Fische lagen auf dem Boden des Bootes, beinahe schwappte das Wasser über die niedrige Sillwand in das Schiff… Nur ein Fisch mehr, und das Boot wäre selbst zu den Fischen gegangen, wenn Du weißt, was ich meine…

Ich wollte ihn schon um Verzeihung bitten, mit Propheten, Gottesmännern, Heiligen habe ich nichts zu tun; ich bin doch nur ein Mensch, ein Sünder, einer, der von Gott und so nichts weiß… Doch er sagte: Ich will, dass du Menschen für mich fängst, so wie du heute die Fische gefangen hast. Sei ein Menschenfischer…

Ich habe viel mit ihm erlebt. Doch nun redete er auf einmal von seinem Tod. Nun redete er von Verrat und von seiner Kreuzigung. Die Römer waren hinter ihm her, die Tempelwache, die Häscher der Pharisäer, alle. Und es kam, was kommen musste. Sie verhafteten ihn, brachten ihn vor Kaiphas, vor Pilatus, vor den Hohen Rat. Wir hatten alle Angst. Und dann war da diese Frau, die zu mir sagte: Du gehörst doch auch zu ihm. Das Herz rutschte mir in die Hose, niemals im Leben hatte ich so einen Schiß. Ich wollte nicht da stehen, in Ketten, im Verließ, die Kreuzigung vor Augen. Ich wollte neben ihm stehen, aber als Gewinner, nicht als Gefangener. Darum habe ich gesagt: Ich kenne ihn nicht. Nie von ihm gehört. Sogar bei dem Namen Gottes habe ich geschworen… Und nun weiß ich: Ich habe ihn verraten…

Unheilige Portraits: Der „Lieblingsjünger“

Jochannan heiße ich. Doch meine Freunde nennen mich Johannes. Manche nennen mich auch den „Lieblingsjünger“. Wenn sie das sagen, klingt es immer wieder ein bisschen spöttisch, so wie Kinder auf dem Schulhof dem Klassenbesten hinterher rufen „Streber, Streber!“ Ein bisschen Neid ist schon dabei, aber ich glaube, es ist einfach größtenteils freundschaftliche Frotzelei…

Und es gibt Schlimmeres, als SEIN „Lieblingsjünger“ zu heißen. Tatsächlich bin ich – zusammen mit Judas und vielleicht noch Zachäus, dem „Zöllner“ – einer der Intelligentesten in der Gruppe SEINER Jünger. Ohne mich hervortun zu wollen – es gehört ja gar nicht so viel dazu. Die meisten sind einfache Fischer, Leute vom Land, simple, oft langsam denkende Leute, aber treu und loyal… Ich bin der, mit dem Jesus am liebsten über „spirituelle“ Dinge spricht. Zu den anderen redet er oft in einfachen Worten, in Bildern und Gleichnissen… Zu mir spricht er über die Feinheiten der griechischen Philosophie, über die Erkenntnisse der Gnosis, über die Erleuchtung durch den Glanz Gottes, über seine Hoffnung auf den, den er den VATER nennt… Manchmal redet er sogar über seine Angst. Er lässt mich sein Herz sehen. Er öffnet mir seine Seele. Ja, man kann es schon so sagen: Ich bin sein bester Freund.

Doch jetzt ist unsere Freundschaft auf die Probe gestellt. Ich habe ihn in der schwersten Stunde seines Lebens im Stich gelassen; ich war nicht an seiner Seite, als es darauf ankam…

Im Garten wollte er am Abend noch beten. Spät war es schon, der Mond leuchtete zwischen den Zweigen der Ölbäume hindurch, die Zikaden sangen müde ihr Lied. Alles schien so friedlich; so ganz anders, friedlicher. Mittags, im Tempel, hatte er in seinen düsteren Abschiedsreden gesagt: „Man wird den Menschensohn fangen und denen übergeben, die ihn quälen und foltern, dann wird man ihn dem Tod überlassen…“ Nichts davon war jetzt zu spüren, es war eine stille Nacht im späten Frühling und die Hitze des Tages in Jerusalem wie eine ferne Erinnerung. Aber ER war immer noch schwermütig, sein Gesicht war blass und schien im Dunklen zu leuchten.

„Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Wacht doch heute mit mir und betet, dass wir diese schweren Tage bestehen…“ sagte er. Wir gingen ein Stück mit ihm, doch dann verschwand er zwischen den Büschen und betete allein. Wir setzten uns, warteten, redeten leise. Ich sah ihn dort im Mondschein knien, es sah aus, als ob er weinte. Vielleicht hätte ich zu ihm hingehen sollen, aber es war mir, als ob mich etwas davon abhielte. Dies war die Stunde seiner Versuchung, und ich musste seinen Wunsch, allein zu sein, respektieren.

Wir waren alle eingeschlafen, denn plötzlich stand er neben mir und rüttelte an meiner Schulter: „Schläfst Du, Jochannan? Kannst Du nicht wenigstens in dieser Stunde mit mir beten? Ich habe Angst, große Angst, und ich brauche Dich…“ Ich weckte die anderen, und wir beteten mit ihm. Seine Stimme war wie ein Flüstern: „Vater, wenn es möglich ist… Ich will diesen Kelch nicht trinken. Will nicht… Nein. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe… Dein Wille. Mir geschehe, wie Du gesagt hast…“ Ich schlief wieder ein, und wieder rüttelte er mich wach: „Jochannan? Komm, steh auf, die Stunde ist da…“

Schlaftrunken und verblüfft sah ich mich um. Der eben noch so stille Garten war erfüllt von Wortfetzen, von dem Geklirr römischer Kurzschwerter und dem Klappern langer Wurfspieße, Tempelwächter liefen mit Fackeln auf mich zu, riefen: „Da ist er!“ Sie meinten Jesus, nicht mich, und trotzdem bekam ich einen Todesschrecken, als einer von ihnen nach mir griff… Er hielt mich an meiner Toga fest, ich machte einen Sprung zur Seite und ließ das weiße Tuch in seiner Hand… Nur mit dem Untergewand bekleidet rannte ich, ließ dies alles hinter mir, rannte, rannte, nur fort, weg aus diesem Garten, bis mir die Luft wegblieb und mir schwindelig wurde…

Ich habe meinen Freund im Stich gelassen, mehr noch, ich habe das Gefühl, versagt zu haben vor dem, an den wir beide glauben: Versagt habe ich vor dem EWIGEN, vor dem Licht, vor dem unaussprechlichen Namen. Ob er mir das jemals verzeihen kann?

Ich war dabei, als ER zum Tod verurteilt wurde durch den Gerichtsrat im Hof des Hohenpriesters; ich war dabei, als ER befragt und verurteilt wurde vor dem Statthalter des Kaisers. Ich war dabei, als ER gegeißelt wurde und man ihm die Dornenkrone auf das Haupt drückte. Aber ich war nicht da, als er mich brauchte…

Ich stand unter dem Kreuz, und er vertraute mir dort seine Mutter an; er vertraute mich ihr an, dort, unter dem Kreuz, kurz bevor er starb… An seiner Statt soll ich nun der Sohn seiner Mutter sein, für sie sorgen, soll die Stütze ihres Alters sein. Sein Vertrauen ehrt mich, denn verdient habe ich es nicht. Aber es ist mir das Zeichen dafür, dass er mir vergeben hat. Dass er mich liebt. Und dass ich meinen Platz im ewigen Licht bei ihm nicht verloren habe – weil man sich diesen Platz gar nicht verdienen kann, sondern ihn immer nur geschenkt bekommt – allein aus Gnade…

Unheilige Portraits: Maria von Magdala

Ich bin Maria. Ja. Maria. Lange Zeit habe ich mich geschämt, auch nur meinen Namen laut zu sagen. Ich verbarg mich vor meinen Nachbarn, vor den anderen Menschen. Es war fast so, als wäre ich nicht da. Fast niemand hat mich beachtet oder auch nur bemerkt, wenn ich zum Markt ging, oder zum Brunnen. Sie sahen mich ebenso wenig, wie sie die Bettler am Straßenrand sahen, für die meisten Menschen war ich unsichtbar wie die Luft, die in der Sommerhitze über den Dächern flirrte… Damit war ich zufrieden.

Schlimmer, viel schlimmer war es, wenn sie mit dem Finger auf mich zeigten und riefen: „Die da, die Hure!“ Die Männer sahen in mir nur ein Objekt für ihre Lust, um sich „abzureagieren“, und die Frauen sahen in mir eine Konkurrentin, eine Versuchung für ihre gelangweilten Ehemänner, als ob ich auch nur für einen einzigen von diesen Männern jemand gewesen wäre, den man vielleicht lieben könnte… Gut genug für den Sex war ich ihnen, aber nicht einmal ein kleines Gefühl wert…

Lange lebte ich in Magdala, dieser Stadt am See Genezareth. Aber dieses Getuschel, das Gerede über mich, die Blicke derer, deren Männer mich am Abend suchten, all das trieb mich schließlich aus der Stadt in die Einsamkeit… Manchmal glaubte ich, ich würde verrückt werden vor Scham und Trauer und Hass, ja, auch Hass auf diese ganze verlogene, heuchlerische Gesellschaft. Nach einer Weile sagten sie: „Die ist ja von bösen Geistern besessen!“

Sie ließen mich nicht mehr in die Synagoge, selbst die Priester begegneten mir mit einer abwehrenden Bewegung ihrer Hände… Ich hörte auf, noch in die Stadt zu gehen, ich wurde eine Einsiedlerin am Rande der Wüste… Ja, ich verwhrloste immer mehr, mein wirres Haar um den Kopf, der Schmutz an meinem zunehmend ungepflegten Körper zeigten jedem, der es sehen konnte, dass da eine Frau lebte, die am Leben zu Verzweifeln drohte.

Dann hörte ich von ihm, von Jesus, hörte von ihm, dass er anders war als all die Heuchler, die zwar große Worte in ihrem Munde führten, aber keine Liebe in ihrem Herzen tragen. Er sieht auf die Armen und Elenden, er verachtet die Verlorenen nicht… „Was in den Schriften über Gott gesagt ist, auf ihn trifft es zu.“ erzählte mir jemand.

Ich wusch mich, schnitt mir die Haare, zum ersten Mal seit Monaten schminkte ich mich wieder. Mit meinem letzten Geld kaufte ich eine kleine Flasche mit Nardenöl. Ich fragte in den Straßen der Stadt nach ihm und fand ihn schließlich im Haus des Lazarus. Der Diener an der Tür zwinkerte mich lüstern an, als ich eintrat, aber er hielt mich nicht auf.

Als ich den Raum betrat, wo das Gastmahl eben begann, erkannte ich ihn sofort. Seine Augen sahen mich, und es war, als ob mich jemand von innen heraus berührt… Sein Blick verwandelte meine Seele. Er lehnt mich nicht ab, er sieht nicht nur ein Objekt seiner Begierde in mir, er hat mich erkannt… das fühlte ich. Mir schossen die Tränen in die Augen, aber ich ging durch den Saal und stellte mich hinter die Bank, auf der er lag. Dann zerbrach ich das prächtige Siegel auf der kleinen Flasche, die ich gekauft hatte, und öffnete sie…

Ein wunderbarer, kostbarer Duft erfüllte sofort den ganzen Raum, und ich goß das Öl über seine langen, dunklen Haare…

Auch meine Tränen tropften auf seinen Scheitel, und mit ihnen verging meine Einsamkeit, mein Hass und meine Schuld.

Von nun an würde ich ihm folgen…

Die Weisen aus dem Morgenland – Kaspar

Müde legte Kaspar die Harfe aus der Hand, doch seine Melodie klang noch im Gewölbe über der großen Halle der alten Schule nach. Es war schon spät, zu spät für Harfenspiel und Gesang, Zeit für Kaspar, ins Bett zu gehen. Morgen würde er diesen Ort verlassen, der seit dem Tag seiner Geburt seine Heimat war. Er würde fort gehen und wahrscheinlich nie zurück kehren.

Siebzehn Jahre war Kaspar hier in Metapont Schüler und Gast in der Philosophieschule gewesen. Phytagoras selbst, der Meister, war schon durch diese Hallen gegangen – eine Tatsache, die Kaspar immer wieder mit Ehrfurcht erfüllte, wenn er auf die alten Steine trat. Obwohl der Meister nun schon vor einem halben Jahrtausend gestorben war, trafen sich die Anhänger seiner Lehre noch immer hier und forschten nach den verborgenen Harmonien in der Natur und in der Kunst, in der Mathematik und in der Musik, in der Beschreibung des Himmels und der Sterne, in der Architektur sowie in der Beschreibung des menschlichen Körpers.

In den Harmonien und Rhythmen der Dinge verborgen waren die Zahlen. Die Maße, die Zahlen und ihre Verhältnisse zueinander bestimmten Natur und Kunst, Harmonie und Schönheit. Besonders deutlich war das in der Musik: Der Ton, den eine Saite erzeugte, harmoniert perfekt mit dem, den die Hälfte der Saite erzeugt. Erklingen sie gemeinsam, kann das Ohr sie nicht unterscheiden… Ebenso war es mit dem Ton des dritten Teils der Saite und mit dem Vierten. Interessante Akkorde entstehen, wenn Saiten erklingen, deren Längen in einem einfachen Verhältnis zueinander standen, etwa die Terz, die Quarte, die Quinte. Wenn die Längen der Saiten in einem komplizierteren Verhältnis zueinander standen, erzeugten die Saiten Missklänge, Disharmonien, die dem Zuhörenden in den Ohren schmerzten…

Ebenso waren die Maße und Zahlen der Planeten, der wandernden Sterne am Himmel, perfekt aufeinander abgestimmt: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn bewegen sich vor den Sternzeichen des Tierkreises, und gemeinsam bilden sie die Noten einer Melodie, eines göttlichen Sphärenklanges, der – für uns unhörbar – den Himmel und die Erde erfüllt und das Universum am Leben erhält.

Mit großem Staunen hatte Kaspar als Kind den Erklärungen seiner Lehrer gelauscht, hatte selbst mit Leier und Monochord zu experimentieren begonnen, Geometrie und Arithmetik studiert und zuletzt mit der Astronomie, der Erforschung der Gesetze des Himmels begonnen. In dieser Zeit hatte er erfahren, dass er ein Findelkind war, dass er eines Morgens vor der Tür der Philosophieschule gelegen hatte, zugedeckt mit einem dünnen Tuch in einem Körbchen aus geflochtener Weide.

Die Philosophen haben ihn aufgenommen, haben eine Amme für ihn gesucht, und als er körperlich dazu in der Lage war, wurde er ein Bewohner ihres Hauses. Wer in Wahrheit seine Eltern waren, hat niemals jemand erfahren. Kaspar hatte dunkle Augen und schwarze Haare, und seine Gesichtszüge, die noch markanter wurden, jetzt, als er an der Schwelle zum Mannesalter stand, legten nahe, dass seine Eltern aus Persien kamen, vielleicht durchreisende Händler waren oder sogar Gesandte des persischen Königs auf dem Heimweg aus Rom…

Es machte Kaspar nichts aus, dass er fast nur von Männern umgeben war und nur selten eine Frau zu Gesicht bekam; es machte ihm nichts aus, dass er viel arbeiten musste und niemals allein für sich war – aber er wurde all die Jahre das Gefühl nicht los, dass er nicht wirklich hier hin gehörte. Es gab außer ihm keine anderen Kinder in seiner näheren Umgebung. Schon immer hatte eine Art Einsamkeit ihn geplagt, mitten unter den Menschen, die um ihn waren, fühlte er sich verloren und fremd. Doch seit er die Geschichte seiner geheimnisvollen Ankunft in der Philosophenschule erfahren hatte, wurde dieses Gefühl mächtiger und schmerzhafter in ihm.

Es war, als ob seine Sehnsucht einen Nachhall zwischen den Sternen gefunden hätte, denn die Forschungen Kaspars zeigten nun unerwartete und überraschende Ergebnisse: Die Harmonien der Planetenläufe zeigten mit einem starken, gewaltigen, den ganzen Himmel umfassenden Akkord ein besonderes Ereignis im Osten an, in einem Land am östlichen Ende des Mittelmeers… Selbst der Angelpunkt des Kosmos schien in Bewegung geraten zu sein, denn die Punkte, in denen der Weg der Sonne im Jahreskreis den Äquator des Himmels überschritt, sie bewegten sich, und am Jahresanfang stand die Sonne nun nicht mehr im Zeichen des Steinbocks, sondern im Zeichen der Fische… und dieses Sternzeichen stand seit alter Zeit als Symbol für das jüdische Land.

Darum musste Kaspar gehen und seine Stadt verlassen, die ihm nie wirklich Heimat war. Vielleicht würde er sie in der Fremde finden, auf dem Weg nach Jerusalem?

Die Weisen aus dem Morgenland – Melchior

Mürrisch schritt Melchior die Stufen hinauf. Er erreichte die obere Etage der Kasbah, des alten Gasthofes am Rande der Stadt. Er hatte dieses Haus ausgesucht, weil es so traditionell aussah, richtig schön altmodisch: Die Wände waren aus Lehm und Stroh gefertigt und mit strahlend weißer Farbe bemalt, in den Ecken konnte man noch die Fingerabdrücke der Männer sehen, die vor acht oder neun Jahrzehnten diese Mauern errichtet hatten. Im Innenhof roch es nach Kamelen und Gewürzen, nach dem Stroh, mit dem der Boden bedeckt war, und nach den Bla Halefa-Datteln, mit denen man hier immer noch wie schon vor tausend Jahren die Kamele fütterte.

Vom Dach der Kasbah aus konnte Melchior die niedrigen Dächer der umliegenden Hütten überblicken. Auf vielen Dächern waren kleine Lehmöfen aufgebaut worden, in denen die Leute die Hirse für ihr Couscous kochten, der Duft von vielen kleinen Feuern erfüllte hier oben die Luft, während die Abenddämmerung langsam der Dunkelheit wich. Hier draußen vor der Stadt wohnten die Armen, die einfachen Leute, und bei ihnen hausten auch die Fremden, die Reisenden, die ebenso wenig hier heimisch waren wie sie. „Wir sind nicht in der Welt zu Haus, wir sind geboren aus dem Feuer der Sterne, und dort hin kehren wir am Ende zurück.“ Diesen Satz hatte sein Lehrer ihm wieder und wieder gesagt, bis er ihn im Schlaf sagen konnte. Im Laufe der Jahrzehnte war dieser Satz sein Glaubensbekenntnis geworden, aus diesen Worten konnte er Kraft ziehen, Trost finden, wenn er wieder das Gefühl hatte, dass der Wirbel der Welt um ihn herum seine Sinne verwirrte und ihm seine Seele raubte. Manchmal weckte ihn in der Nacht die Sehnsucht nach dieser wahren Heimat, und dann trat er hinaus in das Dunkel und tröstete sich dort, indem er die einsame Stille genoß…

Inzwischen war es Nacht geworden, und Melchior konnte die Sterne über sich sehen. Seit langen Ewigkeiten standen sie da, niemals hatte sich etwas geändert an den Bildern und Mustern, die sie mit ihrem Sternenfeuer an den Himmel malten. Schon die Väter seiner Großväter hatten sie so gesehen, den uralten Ahnen hatten sie auf ihren Wegen geleuchtet und die Richtung gewiesen. Für Melchior waren die Sterne ein Zeichen geworden, welches ihm immer wieder versicherte, dass die Zeit den wirklich wichtigen Dingen nichts anhaben konnte, dass diese ewig und unveränderlich waren und blieben.

Doch dann – vor einigen Wochen – war dieser Neue Stern erschienen. Melchior misstraute allem Neuen, allem, was sich noch nicht bewährt hatte, das seine Qualität noch nicht unter Beweis stellen konnte. Wenig Verlass war auf das Neue, das sein Vertrauen noch nicht verdient hatte.

Dieser Stern aber, das war ihm sofort klar geworden, als er ihn zum ersten Mal sah, dieser Stern war anders, nicht einfach nur etwas Neues am Himmel, so wie die Kometen, die von Zeit zu Zeit erschienen und wieder vergingen, nicht wie die Meteore, die wie himmlischer Flitter aufleuchteten und sofort wieder verschwanden. Dieser Neue Stern war in gewisser Weise älter und würdiger als alles andere, was da am Himmel leuchtete, denn dieser Stern war vor allen anderen, auch wenn er – Melchior – ihn jetzt erst entdeckt hatte; und das, was der Neue Stern zu verkünden hatte, würde immer noch da sein nach dem Ende der Zeit, wenn selbst die ewigen Sterne nur noch erloschener Staub und kalte Asche waren und eine verblassende Erinnerung in dem Gedächtnis der Ahnen. Er war das Sternenfeuer, aus dem alles kam, was eine Seele hatte; er war der Anfang und das Ende des Lebens, die Heimat aller Menschenkinder und aller Himmelsgeborenen…

Melchior hat beschlossen, diesem Stern zu folgen, zu sehen, wohin er wandert und was er ihm zeigen wird. Vor drei Wochen hat er sich auf den Weg gemacht, den Nil entlang, vorbei an den alten Pyramiden, in denen die Pharaonen begraben lagen, die man einmal Söhne des Himmels genannt hatte, bis nach Alexandria, der Stadt, die jetzt die Römer beherrschten, der Stadt, die so laut und verwirrend für den alten Weisen aus der Tiefe Afrikas ist, dass sie ihm immer wieder bis in die Seele verstört. Gold hat er mitgenommen, das rote Blut und die leuchtenden Tränen der Erde, das Älteste und Wertvollste, das er besaß. An seinem Ziel, wenn er dem ewigen Himmelslicht begegnen wird, wird er es IHM schenken…

Die Weisen aus dem Morgenland – Balthasar

Manche Sterne suchten sich jeden Tag an einem anderen Platz am Himmel. Die meisten Sterne gehörten zwar zu den altbekannten Bildern, die die Astronomen am Himmel erkannt hatten, zu dem Löwen, dem Steinbock, den Fischen, zu Gilgamesch, dem großen Jäger, oder zu Astarte, der Jungfrau des Himmels. Diese Sterne erschienen jeden Abend wieder an der gleichen Stelle: Aldebaran, Deneb, Al-Tahir, Sirius, Beteigeuze, Zuben-el-dschenubi; auf sie konnte man sich verlassen, sie waren in ihrer stetigen Treue ein Zeichen der sicheren Gesetze des Himmels. Aber einige Himmelslichter gab es, die zwischen den Sternen ihre Bahnen zogen, die wanderten, ruhelos wie die Nomaden draußen in der Wüste, jeden Tag rückten sie ein Stück weiter auf ihrem Weg durch die Zeichen des Tierkreises. Manche wanderten schnell, Venus und Mars, waren schon am nächsten Tag einen Finger breit voran gekommen, andere wanderten langsam, man merkte es erst nach Wochen genauester Beobachtung, dass auch sie zu den wandernden Sternen gehörten, Jupiter und Saturn…

Und manchmal zogen sie ihre Schleifen, hielten an, wanderten ein paar Wochen sogar rückwärts auf ihrer Bahn, um dann auf einmal wieder schnell voran zu eilen, als wollten sie durch doppelte Geschwindigkeit ihren Fehler wieder gut machen…

Jeden Abend, wenn das Wetter es erlaubte, zeichnete Balthasar sorgfältig ihre Positionen auf, führte die alten Listen weiter, die schon Generationen von Astronomen und Sterndeutern vor ihm begonnen und gewissenhaft fortgeführt hatten, zuletzt sein Großvater und sein Vater, der schließlich ihm selbst, Balthasar, den Schlüssel zu dem hohen Turm der Sternwarte überreicht hatte. Mit der Position des königlichen Astrologen hatte er nun auch die Pflichten übernommen, die Positionen der Planeten zu beobachten und, wenn möglich, ihre Bahnen im Voraus zu berechnen, „damit kein Chaos entstehe am Himmel und Tod und Verderben über das große Reich Babylon bringe…“ Denn was im Himmel geschieht, hinterlässt seine Spuren auch auf der Erde. An den Sternen konnte man oft eine Hungersnot, ein Unwetter, einen Krieg schon im Voraus ablesen; man konnte auch sehen, wenn ein neuer König geboren wurde oder ein mächtiger Herrscher starb; man konnte es sehen, wenn man Weisheit hatte, die Zeichen zu deuten, konnte wie in einem Buch lesen, wenn eine Weltmacht zu großen Taten aufbracht oder ein Großreich seinem Ende entgegen ging…

Babylon, das große Reich, gab es nun schon lange nicht mehr, über das Land zwischen Euphrat und Tigris regierten nun die Römer, doch die alten Listen wurden trotzdem überall im Land fortgeführt und weiter geschrieben von Magiern, Gelehrten, Priestern und Weisen, von Menschen wie Balthasar…

Aber nun geschah etwas Seltsames, etwas Neues, was noch niemals vorher geschehen war: Balthasar hatte es zuerst nicht glauben wollen, hatte dreimal nachgerechnet: Die Spur der Venus, die Bahn des Mars und der Weg des Jupiter werden sich kreuzen, noch in diesem Jahr, und sie werden sich nicht nur einmal überschneiden. Weil in den nächsten Monaten alle drei Planeten fast gleichzeitig ihre Schleifenbewegung ausführen müssen, werden sie sich dreimal begegnen, dreimal in einem Jahr so nahe beieinander stehen, dass man sie beinahe für einen großen, hellen Stern im Westen halten könnte. Das gab es so noch nie zuvor, und es war ein Zeichen, dass viel zu deutlich war, als dass man es einfach unbeachtet lassen könnte. Hier wurde nicht einfach ein König geboren. Hier zeigten die Sterne, dass ein Stück vom Himmel selbst auf die Welt kommen wird, dass ein Gott geboren wird unter den Menschen. Aber – wo? Das zu sehen war unmöglich für Balthasar, er wusste es nicht, und selbst die Sterne schwiegen für ihn, den Weisen aus dem Morgenland…

Darum hat Balthasar seine Reisesachen gepackt und ist bereit, sich auf einen Weg zu machen. Er kann nicht länger in Babylon bleiben, er muss nach Westen reisen, um selbst herauszufinden, was die Sterne dort den Menschen sagen wollen, und welche Bedeutung dieses Zeichen hat. Ein weiter und gefährlicher Weg wartet auf ihn und seine kleine Karawane. Wenig nimmt er mit, nur das Nötigste zum Leben für sich und seine Freunde. Und dazu eine Kiste mit dem kostbaren Weihrauch, den er von seinem Großvater geerbt hatte, den will er am Ziel seiner Reise verschenken, wenn sich die Gelegenheit bietet, um damit Gott unter den Menschen zu begrüßen.