Verdächtig laute Glocke – Christentum und Fundamentalismus

Uns Christen in Deutschland liegt der Fundamentalismus ziemlich fern. Verschwindend klein sind die christlich-extremen Gruppen, die sich eine religiös motivierte Weltflucht auf die Fahne geschrieben haben und in esoterischen Zirkeln eine Burgmentalität entwickeln; und niemand – so hoffe ich doch wenigstens sehr stark! – würde bei uns in der evangelischen Kirche aus Glaubensgründen gewalttätig werden. Zu deutlich ist uns die Vorläufigkeit des menschlichen Wissens über Gott. Wir sind es gewohnt, andere Menschen mit ihren Glaubensgewissheiten zu tolerieren. Wir sagen mit dem preußischen König Friedrich dem Großen „Jeder soll nach seiner Facon selig werden…“ und sagen das nicht aus Gleichgültigkeit dem anderen gegenüber, sondern aus der Demut heraus. Wir wissen, dass wir nicht allein die Wahrheit für uns haben, nicht die ganze Wahrheit.

Was ich aber als Stärke unseres Glaubens sehe, legen uns manche als Schwäche aus. Viele islamische Mitbürger zum Beispiel, die in den Christen Gesprächspartner suchen, schwanken zwischen Enttäuschung und Verachtung, wenn sie merken, dass wir bereit sind, auch die Existenz anderer Wahrheiten als der eigenen Erkenntnis zu akzeptieren; dass wir es sogar für nötig halten, uns für Meinungsfreiheit und Vielfalt in der Gesellschaft einzusetzen.

Wirklich bedenklich ist es aber, dass sie oft niemanden finden können, der auch nur gedanklich in der Lage ist, für seinen Glauben einzustehen. Wo nämlich der christlichen Gemeinde die Kraft fehlt, ihren Glauben zu bekennen, wo ihr die Sprachfähigkeit abhanden gekommen ist und sie keine Worte mehr findet, um das zu sagen, was ihr Mut und Kraft und Leben gibt, da ist die Kirche in einer großen Krise.

Es ist eine Gratwanderung, das Bekenntnis des Glaubens, denn man kann sich zu sicher sein, wie Elia es war, als er die Priester des Baal tötete; man kann aber auch zu schwach und zu zaghaft sein, so wie er es unter dem Ginsterbusch ist. „Wenn das Salz kraftlos ist, womit kann man dann noch salzen?“ fragt der Evangelist Matthäus.

Wir kennen solche Krisen, wir kennen sie als einzelne Menschen; wir kennen sie auch gemeinsam als Krise der Gemeinde, als Krise der Kirche. Die Kirche wäre nicht die Kirche Jesu Christi, wenn sie nicht in die Wüste geführt würde, wo sie versucht und angefochten wird. Und doch ist es wichtig, um unseres Glaubens und unseres Bekenntnisses willen, dass wir es lernen und immer wieder üben, für unser Glaubensbekenntnis eigene, neue und lebensnahe Worte zu finden, damit wir weitergeben können, was uns trägt…

Glaube wäre nicht Glaube, wenn er folgenlos bliebe. Christen wären nicht Christen, wenn sie sich versteckten, wenn sie nicht als solche erkennbar wären: „Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben…“

Wenn Christus seine Christen das „Licht der Welt“ sind, dann kann das nur so gemeint sein:

  • Wir sind ein Hinweiszeichen auf ihn, der zuerst diesen Titel trug.
  • Wir sind ein Warnlicht, das leuchtet, wo diese Welt zu „überhitzen“ droht.
  • Wir sind ein Orientierungslicht für die, die nach Gott suchen.

Wir grüßen die Ausserirdischen…

Was man nicht alles mit Computern machen kann! Die Amerikaner haben gerade eben einen neuen Rechner fertiggestellt, der mehr als eine Billiarde Fließkommaoperationen in einer Sekunde berechnen kann und damit doppelt so schnell ist wie der bisher schnellste Computer der Welt. Und was soll das arme Ding machen? Es wird eingesetzt in der Erforschung von Kernwaffen und soll die Explosion von Atombomben simulieren…

Da hat man ein Gehirn, das für jeden Menschen auf der Welt 100.000 Kassenzettel pro Sekunde berechnen könnte – und, statt zu überlegen, was die eigentlich brauchen und kaufen würden, überlegt man, wie man sie effizient vernichtet…

Deprimierend ist das. Marvin lässt grüßen… „Wenn das die größten Herausforderungen sind, die heutzutage an intellektuelle Kapazitäten gestellt werden…“ – KLICK!

Ich wüsste da was Besseres – Wir grüßen die Ausserirdischen! SetI@home…

Mehr als eine Millionen Freiwillige in aller Welt schließen ihre Computer zu einem Netzwerk zusammen, das gemeinsam komplizierte und aufwendige Berechnungen durchführt: Zum Beispiel die Analyse von Radiosignalen aus dem Weltall, die Simulation des Weltklimas, Berechnung von Proteinen, die in Mediakamenten gegen AIDS Verwendung finden könnten, oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem…

„Verteiltes Rechnen“ heißt das Zauberwort.

Der Empfänger von Seti sitzt sozusagen „Huckepack“ auf einer Antenne für Radioastronomie auf, die auch andere mehr konventionell-wissenschaftliche Forschung ausführt. Das Radioteleskop in Arecibo in Puerto Rico ist mit 305 Metern Durchmesser immer noch die größte einzelne Parabolantenne der Welt. Sie ist unbeweglich in einen Talkessel hineingebaut und dreht sich mit der Erde. (Inzwischen werden für die Radioastronomie mehrere bis viele kleinerer Antennen zusammengeschaltet und so das gemeinsame Auflösungsvermögen der Teleskope enorm erhöht. Das Problem ist nicht mehr wie früher die schwache Energie der einfallenden Signale, sondern das schlechte Auflösungsvermögen selbst großer Antennen, das man aber mit ein bisschen Rechenaufwand in einem schnellen Computer lösen kann.)

Die einfallenden Signale werden auf Magnetband gespeichert und in Päckchen von 340 kB (entspricht etwa 12 Sekunden Aufzeichnungszeit) aufgeteilt und über das Internet an die Clients von Seti@Home versendet. Auf deren Rechnern werden sie nach besonders starken Impulsen „spikes“, nach wiederholt auftretenden Pulsen „pulses“ und nach an- und abschwellenden Feldstärken „gaussians“ durchsucht, die dadurch entstehen, daß der Empfangswinkel der Antenne mit der Erddrehung über einen starken Sender streicht. Dasselbe wird etwa tausendmal wiederholt, jeweils mit wechselnden Auflösungen und wechselnden Frequenzverschiebungen, damit auch Signale erkannt werden, die einem Dopplereffekt unterliegen. Auch mein Rechner braucht für ein solches Paket etwa 9 Stunden (AMD 2500MHz), ein moderner Rechner braucht vier bis fünf Stunden und müsste entsprechend oft ans Netz, um neue Daten zu bekommen.

Seti@Home war das erste Projekt für „distributed computing“, das die Rechner von Privatpersonen zuhause nutzt. Inzwischen machen über eine Millionen Leute mit. Mit ähnlichen Erfahrungen haben in den letzten sieben Jahren auch andere Projekte begonnen, die ungenutzte Rechenzeit der Schreibtisch- PCs zu nutzen: Es gibt Programme, die nach Molekülen zu AIDS- oder Krebsbekämpfung suchen, andere treiben mathematische Forschung und suchen nach sehr hohen Primzahlen, versuchen, Verschlüsselungscodes zu knacken oder erforschen spielstarke Algorithmen für Schachcomputer. Die Millionen Rechner, die für Seti arbeiten, sind zusammengenommen schneller als aktuelle Supercomputer wie „Earth-Simulator“ und andere und rechnen die Rechenpakete aus Arecibo schneller ab, als sie aufgezeichnet werden. (Am Anfang war das Projekt aber langsamer, so das jetzt noch Pakete aus 2006 berechnet werden.)

Vielleicht habt ihr Lust, mit nach Ausserirdischen zu suchen. Bis jetzt wurde nichts gefunden… Aber das kann ja noch werden.

Wenn ich einmal ein Buch schreibe…

Schon vor langer Zeit habe ich mir vorgenommen, irgendwann in meinem Leben ein Buch zu schreiben. Bisher ist nichts daraus geworden; wahrscheinlich ist das Projekt, das ich mir vorstelle, doch erwas ZU ehrgeizig…

Ich hab mir immer gedacht, wenn ich mal ein Buch schreibe, dann wird es so ähnlich sein wie eine Sammlung von E-mails… Ganz viele unterschiedliche Sachen, Einzelteile, die zunächst wie die Container und Module einer Raumstation um die Erde kreisen und sich dann nach und nach wie ein großes Puzzlespiel zusammenfügen und ein ganzes, großes Muster ergeben, wo alles zusammenpaßt und seinen Ort findet und das dann Ich bin (oder DU)… Da würden Stücke aus meinen Predigten in diesem Buch sein, und mathematische Knobelspiele, Kochrezepte, Kurzgeschichten und Tagebuchblätter, Liebesbriefe und Gedichte, Philosophisches, und Satzfragmente „de profundis“ aus dem tiefen Loch… Vielleicht sogar Kritzeleien aus langweiligen Sitzungen, wenn der Verleger mitmacht und der Druck dadurch nicht zu teuer wird… Es würde ein Sachbuch sein, in dem Dinge über riesig große Sachen stehen (Das Weltall, unendliche Weiten…) und über ganz klitzekleine Sachen (Neutrinos, die aus Nichts entstehen, wirklich aus Nichts, einfach so … . …und die dann wieder verschwinden, auch einfach so…), und es würde ein Schachbuch sein, und ein Machbuch, weil Dinge drinstehen würden, die man nachmachen kann, nicht nur die Kochrezepte.

Es wurde ein Phantasiebuch sein – oder auch Fantasy – weil ich über solche Sachen was reinschreiben würde wie die Geschichten über Feen, Kobolde und andere „kleine Leute“, die sie sich in Irland erzählen, und ich würde reinschreiben, daß ich in Delphi in Griechenland total traurig war, daß es das Orakel und die Phytia und alle ihre Priester dort nicht mehr gibt, nur noch das Loch und den Stein in ihrem Tempel, den Platz, an dem sie geweissagt hat… Ich hätte sie gern so manches gefragt, damals… vor sechs Jahren waren wir da… Heute würde ich sie auch manches fragen, aber andere Sachen…

Eine Landkarte würde dabei sein, von Phantásien, weil ich Landkarten total faszinierend finde und sie mir stundenlang angucken kann, egal, ob es die Landkarte von Deutschland ist (da findet man immer wieder neue seltsame Ortsnamen wie „Sprockhövel“ oder „Irxleben“) oder die Karte von Afrika (Marrakesch! Sansibar! Timbuktu!!!) oder Asien (Omsk!! Irkutsk!! Novosibirsk!!!)… Ich würde versuchen, statt eines Inhaltsverzeichnisses diese Karte durch meine Gedankenwelt zu zeichnen, dann könntest Du, die das liest, Dir selbst Deinen Weg durch mein Buch suchen… Die Karte könnte man auch rausnehmen und an die Wand hängen, und sie wäre schön und bunt und kompliziert wie ein Mandala, oder wie die Skizzen vom menschlichen Stoffwechsel, die immer bei den Medizinstudenten an der Wand hängen, und man könnte sie stundenlang angucken und seltsame Namen finden…

Ich würde keine CD-Rom dazulegen, das gibts schon so oft… Meine Schwester hat ein Lexikon von Bertelsmann, darin sind Folien mit eingebunden, auf die so Ringe geprägt sind, die aussehen wie kleine Schallplatten. Dazu gibt es ein elektrisches Kästchen, das stellt man auf diese Ringe, und das spielt diese kleinen Schallplatten ab, und man kann hören, wie der amerikanische Präsident sagt: „Isch binn ain Börlinna!“ und wie die Titanic untergeht und wie Caruso singt… Wenn Multimedia, dann würd ich so was in meinem Buch haben wollen, und Bilder zum selber ausmalen, und vielleicht ein paar Dias hinten drin…für wirklich große Landschaftsaufnahmen. Es gibt Landschaften, für die sind selbst die Doppelseiten der GEO-Hefte zu klein (Schleichwerbung), die muß man auf der Leinwand sehen, am besten in einem IMAX-Kino (Schleichwerbung OFF)…

Es wäre sicher auch ein Kinderbuch. Puuh-der-Bär wäre drin und Pippilotta Viktualia Ephraimstochter Langstrumpf (samt Tommy und Annika) und Alice, die „Maus“ und „Wickie“, und das kleine elektrische Kästchen würde „Ich bin der König im Affenstall“ singen, aus dem Dchungelbuch von Disney, dafür müßte ich zwar Gebühren an die GEMA bezahlen, wenn ich mein Buch nicht verschenken will, aber das wär es schon wert. Und eine Pop-up Seite wäre drin, wenn man die aufklappt, springt so ein dreidimensionales Ding hoch, und wenn man dann den Daumen auf eine bestimmt Stelle drückt, dann funktioniert diese Seite „in Echt“ als Radio. Das wird mit der Körperwärmeenergie betrieben, der Daumen wird dabei immer ein winziges bißchen kalt, aber nicht doll, denn so viel Energie braucht ja ein Radio nicht, und das Radio ist mit silbernen Fäden auf das Papier gedruckt, die den Strom leiten, und die komplizierten Sachen sind in einer winzigen integrierten Schaltung unter einem i-Punkt versteckt, so klein sind die heutzutage… Sowas hätte mich als Kind beeindruckt…

Eine Art Kalender müßte auch in dem Buch sein, die Art, die man immer wieder benutzen kann. Kein Terminkalender, der einen immer nur hetzt, sondern ein Kalender wie das Kirchenjahr, der einem hilft, die Zeit einzuteilen, ihr einen Rhytmus zu geben und dann dazu zu tanzen… Schön wäre es, wenn der ein bischen symbolisch und mystisch wäre… In dem Buch „Das Kartengeheimnis“ von dem Menschen, der „Sofies Welt“ geschrieben hat (Ist Dir schon mal aufgefallen, daß ich mir absolut keine Namen merken kann, äh, uhm…. oh – Du? :)) ) hat der einen Kalender erfunden, der funktioniert mit Karten, und es gibt dann ein Kreuzjahr, ein Pik-Jahr, ein Karojahr und ein Herz-Jahr, und im Kreuzjahr ist immer Schaltjahr, und jede Karte steht für eine Woche, angefangen mit Karo-Zwei und so weiter… Sowas hätte ich auch gern mal erfunden… Vielleicht kann man ja auch aus dem Schachspiel eine Art Kalender machen… Und dann würde ich ein paar eigene Feiertage erfinden, an denen könnten sich dann die Leute treffen, die mein Buch gelesen haben, und sie könnten zusammen den Springer-Tag feiern, Bier trinken und ungesundes Zeug essen, sich als Pferd verkleiden und herumhüpfen… Oder am Turmtag treffen sie sich an Orten, die auf jedenfall höher als 150 Meter über dem Erdboden liegen müssen, (der Berliner Funkturm reicht gerade dazu…) und dann machen sie sich in ritueller Weise über die kleinen Leute lustig, die da unten rumwuseln, das bringt Spaß!!!

Ein Spiel müßte mit dabei sein, das man je nach Lust und Laune entweder als Würfelspiel spielen könnte, damit die Kinder mitspielen können, sowas wie Mensch-ärger-dich-nicht, oder man könnte es auch als ziemlich anspruchsvolles Denkspiel spielen, wie Go oder Halma, und am besten müßte man beides gleichzeitig spielen können, damit Kinder und Erwachsene zusammen spielen können…

Anscheinend würde es ein ziemlich dickes und schweres Buch werden, man könnte es also in einer großen Kiste aus Holz verkaufen, mit Messingbeschlägen dran, wie eine Piratenkiste, und es könnte dann auch so Einiges an Piratenzeugs dabei sein, ein Sextant, zum Beispiel, weil das Wort so lustig ist, und ein kleines Fernrohr zum Auseinanderziehen und Zusammenschieben, weil solche Fernrohre so lustig sind, und eine Augenklappe, ein Händehaken und ein Holzbein zum Anschnallen, weil Piraten so lustig sind. Aber nur, wenn man an der Nordsee ist. Für die Ausgabe, die in Bayern verkauft wird, müßte stattdessen eine Grubenlampe mit rein, und ein Pickel, dann könnte man nach Gold graben wie die Zwerge (die find ich zwar nicht lustig, aber trotzdem…), und die Kiste wäre eine Schatzkiste, für Bergarbeiter oder Piraten, je nachdem… Oder man könnte das Buch verschenken, an die, die man liebt, dann ist es auch eine „Schatz“-Kiste…

Der Mann, der sich erinnerte…

Es begann damit, dass Herr H. zum Geburtstag eine Uhr geschenkt bekam. Es war keine von den modernen Uhren, die von einer Batterie angetrieben werden und die Zeit in nüchternen Zahlen anzeigten. Es war eine altmodische Uhr, die Herr H. noch von Hand aufziehen musste, auf deren Zifferblatt die Zeiger langsam wanderten und die laut vernehmlich tickte, vor allem in der Nacht, wenn sie neben Herrn H.s Kopf auf dem Nachtschränkchen ruhte. Sie ging nicht sehr genau, und Herr H. gewöhnte sich daran, seine neue Uhr jeden morgen nach der Funkuhr in seiner Küche zu stellen, die – so stand es jedenfalls in der Gebrauchsanleitung – nur eine Sekunde in hunderttausend Jahren falsch ging und sich von allein auf die Sommerzeit umstellte. Dafür besaß die neue Uhr ein Stundensignal, das zur vollen Stunde mit einem feinen Glockenton Herrn H. erinnerte an… Ja, woran eigentlich? Woran sollte das Stundensignal erinnern?

Zunächst dachte Herr H., dass ihn das Stundensignal an gar nichts erinnern sollte, es war eben eine Stunde vergangen, und das teilte seine Uhr ihm mit. Das war alles. Dachte Herr H.

Aber dann begann er, sich bei jedem Stundensignal seiner Uhr an etwas zu erinnern. Zuerst waren es ganz banale, alltägliche Dinge. Um neun Uhr beispielsweise erinnerte Herr H. sich daran, dass er am Morgen vergessen hatte, sich die Zähne zu putzen. Um zehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass die Batterie in seinem Kofferradio fast leer war und er eine neue kaufen musste, denn der Apparat krächzte schon sehr, besonders, wenn er mit der Stimme des Nachrichtensprechers klingen sollte. Um elf Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass die Katze auf ihr Futter wartete und bestimmt schon großen Hunger hatte.

Aber nach einiger Zeit, ein paar Tage später, begann Herr H. sich an Dinge zu erinnern, die ihm wichtiger waren und eine tiefere Bedeutung hatten, die ihm – um es so zu sagen – mehr ans Herz gingen. Als die kleine Uhr in seiner Tasche zwölf Uhr schlug, erinnerte sich Herr H., dass er vor vielen, vielen Jahren eine Freundin gehabt hatte, die Felicitas hieß, und die dann mit einem anderen Mann nach Südfrankreich gezogen war. Um dreizehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass er noch früher, als er ein kleiner Junge gewesen war, fast täglich auf dem Weg zur Schule ängstlich vor den Viertklässlern geflohen war, die zum Spaß Jagd auf ihn machten. Um vierzehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, wie traurig er gewesen war, als seine Eltern sich scheiden ließen und die Mutter mit seiner neugeborenen Schwester für lange Zeit aus seinem Leben fortging.

Noch ein paar Tage vergingen, und Herr H. erinnerte sich an immer wichtigere, immer bewegendere Dinge: Als die Glocke seiner Uhr erklang und die Zeiger auf fünfzehn Uhr standen, erinnerte sich Herr H. daran, dass sein Vater schon alt war und vielleicht bald sterben würde, dass es Zeit wäre, ihn wieder einmal zu besuchen oder wenigstens zu telefonieren. Um sechzehn Uhr erinnerte sich Herr H. daran, dass auch sein eigenes Leben begrenzt war, theoretisch wenigstens, und dass ihm noch niemals jemand vernünftig hatte erklären können, warum in aller Welt man an ein Leben nach dem Tode glauben sollte. Um siebzehn Uhr erinnerte sich Herr H., dass es längst Zeit war, die Dinge in die Hand zu nehmen und etwas zu ändern. Das Stundensignal seiner Uhr hatte ihn erkennen lassen, dass die Zeit vergeht und niemals wiederkommt. Wenn es eine Stunde gab, in der Herr H. seinem Leben eine neue Wendung geben konnte, so verstand er nun, dann war es in dieser Stunde, jetzt.

Erlaubte Verallgemeinerung

Wir laufen alle mal weg. Als ich elf Jahre alt war, bin ich mit meinem Fahrrad zum Bahnhof Zoo gefahren, fest entschlossen, das Weite zu suchen. Ich war so sauer auf meine Eltern, dass ich gedacht habe: Geschieht ihnen ganz recht. Wenn sie so fies zu ihrem Kind sind, sollen sie eben keins mehr haben. Ich bin jetzt jedenfalls weg! Am Bahnhof hat mein Geld dann nur für ein großes Eis gereicht, aber nicht für eine Fahrkarte, und so bin ich satt und einigermaßen mit der Welt versöhnt wieder nach Hause gefahren.

Es gibt so viele Arten, wegzulaufen. Ich kann mich in meine Arbeit vergraben. Ich kann stundenlang aus dem Fenster starren. Ich kann die Wohnung putzen bis man vom Fussboden essen könnte. Ich kann bis ins Nachtprogramm vor dem Fernseher versacken. Ich kann mich in Phantasien verlieben über Menschen, die ich in Wirklichkeit gar nicht kenne. Ich kann darüber hier ins Blog schreiben.

Ich fahre immer noch ab und zu zum Bahnhof Zoo… Alles Versuche, dem wirklichen Problem auszuweichen. Mich ihm nicht zu stellen. Es unbearbeitet zu lassen…

Wir laufen alle mal weg. Dann hilft eigentlich nur: Ein Eis essen. Und dann wieder zurückfahren.

Massagedecke

Wir haben jetzt eine Massagematte zu Hause. Da kann man sich drauflegen und dann wird einem abwechselnd oder gleichzeitig der Rücken, die Schultern und der Po massiert. Ist irgendwie seltsam, als ob man auf einem Sack mit zwanzig Handys drin liegt und dann werden alle gleichzeitig angerufen… Mich hat das sehr nervös gemacht, ich hatte immer das Gefühl, ich müsste rangehen…

Also bleibt die Massagedecke für meine Frau – und für MayaDieKatze.

Slum-Tourismus

Gestern habe ich es im Radio gehört: In Indien boomt der Slum-Tourismus. Hunderte, wenn nicht Tausende von Amerikanern und Europäern fahren nach Delhi und Kalkutta, um sich das Leben in den Slums anzusehen, in den riesigen Vorstädten, wo die Ärmsten der Armen in Papphütten oder unter Wellblechdächern leben und sich mit ihren Familien irgendwie durch das Leben schlagen müssen.

Mit Reisebussen fahren sie hinein, um einen Vormittag lang den Gestank und die Enge auszuhalten, die manche von ihnen in Platzangstattacken treibt, und einen Eindruck von den Bedingungen zu erhalten, unter denen Männer, Frauen und Kinder dort leben. Sie schauen Müllsortierern bei der Arbeit zu, besichtigen die winzigen Stuben, die deren Heim sind, fürchten sich vor den aufdringlichen Versuchen der jugendlichen Bewohner, Kugelschreiber, Kaugummis oder Geld zu erbetteln und flüchten zuletzt in ihren Reisebus zurück, der sie in ihr Hotel zurückbringt, wo es sauber ist, wo Wasserhähne glänzen und das Wasser erfrischend kalt ist, wo das Mittagessen auf weißem Porzellan serviert wird und wo ein Wachmann vor der Tür steht, der die Armen draußen hält.

Bei manchen Bibeltexten befällt mich ein ähnliches Gefühl. Es ist beinahe, als ob sie nicht für mich geschrieben seien, als ob ich sie nur von einem Reisebus aus besichtige, unbeteiligt, fremd und am Ende froh, noch einmal davongekommen zu sein. Durch sie spricht Gott, aber nicht zu mir, denn er tröstet die Armen, die Schwachen, die Kranken, die, die unten sind. Ich aber gehöre, wenn es um indische Slums geht, eher zu denen, die mit der Touristengruppe durch die Gassen ziehen und heimlich Fotos schießen, als zu denen, die in dreckigen Hütten sitzen und Glas und Blech aus Bergen von Müll heraus sortieren.