Sankt Nikolaus und das große Schiff

Ich hab Hunger, Mama!“ sagte Aristo. Schon seit einer Woche hatte er nichts mehr zu Essen bekommen. Brot, Käse, Wurst und Butter – es war nichts mehr da, alles hatten sie längst aufgegessen. Zuletzt war da nur noch Graupensuppe, aber inzwischen waren auch die Graupen alle, und es gab gar nichts mehr. „Nicht einmal mehr Würmer!“ sagte Stephanus, sein älterer Bruder, der immer noch Kraft hatte, zu spotten und dumme Witze zu machen. Aristo fing dann immer an zu weinen. Wenn es nicht einmal mehr Würmer oder Käfer gab, dann würden sie bestimmt bald verhungern, Stephanus und Livia, seine Schwester, und Mama und Papa und er, Aristo, am Ende auch. Die Eltern machten immer ein ganz sorgenvolles Gesicht; niemand lachte mehr im Haus, und gesungen wurde auch schon lange nicht mehr. Nicht nur Aristo und seiner Familie ging es so schlecht; alle in seiner Straße hatten Hunger, und in der Nachbarstraße und in allen anderen Straßen in Myra war es genau so. Nicht einmal der Bischof, so sagte es seine Mutter, nicht einmal der Bischof hatte noch etwas zu Essen auf seinem Teller, wenn er nach den Gottesdiensten im Dom wieder nach Hause kam.

Das Wetter war einfach zu schlecht in Myra und in der ganzen Gegend Kleinasien. Zwar war es warm und die Sonne schien jeden Tag, und eigentlich war das gut, denn die Kinder konnten draußen spielen, sich verstecken und sich gegenseitig fangen; und das Meer war ja nicht weit weg, so dass sie auch baden konnten, schwimmen und tauchen; aber die Pflanzen auf dem Land waren alle vertrocknet und auch die Tiere waren verhungert, weil sie nichts zu fressen fanden. Es war eine Dürre, die alle Pflanzen und Tiere sterben ließ, es war einfach zu wenig Wasser da, und das Wasser aus dem Meer konnte man nicht nehmen, um den Tieren zu trinken zu geben und die Felder damit zu bewässern, denn es war zu salzig. Klebulon, der Bauer, hatte eines seiner Felder mit dem Salzwasser bewässert, und alle Pflanzen waren eingegangen, und wo sie gestanden hatten, war jetzt nur noch eine Wüste. Aber inzwischen waren alle anderen Felder und Äcker auch so trocken und staubig und leer wie die Wüste.

Nicht überall war Hungersnot. Oben im Norden, in Griechenland, hatten sie genug Wasser, weil das Eis und der Schnee hoch in den Bergen schmolz und als Wasser hinunter in die Täler strömte, und die Sonne ließ Weizen, Gerste, Hafer und Roggen wachsen wie im Paradies, und sie hatten Schafe und Ziegen da oben und sogar Rinder… Sie hatten so viel davon, dass sie es sogar verkaufen konnten. Jeden Tag brachen große Segelschiffe aus dem Hafen in Thessaloniki auf, bis unter das Deck voll mit Weizen und Fässern voller Öl und Wein und Oliven und Zucker und Honig. Die Schiffe fuhren nach Israel und nach Ägypten, wo es reiche Kaufleute gab, die viel Geld für diese Köstlichkeiten bezahlten…

Die Leute in Myra aber waren arm, sie konnten gar nichts bezahlen, und darum fuhren die Schiffe fast immer vorbei an ihrer Stadt. Wenn man sich draußen an die Hafenmole stellte und über das Meer hinaus schaute, konnte man manchmal die Segel dieser Schiffe sehen. Stephanus hatte ganz aufgeregt davon erzählt; er ging oft an den Hafen und hatte es selbst gesehen: Weiß und leuchtend zogen die Segel am Horizont entlang, bis sie in der Ferne verschwanden. Die Leute auf dem Schiff wussten nichts von dem Hunger der Frauen, Männer und Kinder in Myra.

Aber eines Tages ankerte ein großes Segelschiff im Hafen von Myra. Irgendetwas war auf dem Schiff kaputt gegangen, und die Seeleute konnten nicht weiter segeln, solange es nicht repariert war. Stephanus und Aristo liefen mit ihrer Schwester an den Hafen, gleich als sie davon hörten. Sie sahen Männer, die große Bretter durch den Hafen trugen und dort auf einen Stapel legten, das Schiff stand groß und stolz am Kai, die Segel gerefft und ordentlich zusammengebunden, und hob und senkte sich mit den Wellen. Sehr tief lag es im Wasser, man konnte sehen, dass es voll beladen war. Viele Kinder aus Myra waren auch da und schauten mit großen Augen hungrig und hoffnungsvoll auf das Schiff, aber die großen Kräne bewegten sich nicht, die Luken waren verschlossen und blieben es auch, nicht ein einziger Sack Mehl, nicht ein einziges Fass Öl wurde an Land gebracht.

Neben dem großen Gebäude, in dem die Hafenmeisterei arbeitete, stand ein Mann, ganz in weiße Gewänder gehüllt und mit einem zusammengewickelten Tuch auf dem Kopf. Er sah vornehm aus und war bestimmt sehr reich, er hatte einen dicken Bauch und einen vollen, eindrucksvollen pechschwarzen Bart, bestimmt hatte er noch nie im Leben gehungert. Aber jetzt sah er wütend aus, und seine dunklen Augen blitzten. „Nein, ich kann nichts von meiner Ladung hier abladen, nicht einen einzigen Sack. Auch die Amphoren und die Fässer sind alle abgezählt. Wenn auch nur eins fehlt, werde ich in Kairo wegen Diebstahls verurteilt. Die Kaufleute werden denken, ich sei ein Lügner und Betrüger, und ich werde nie wieder Handelsware über das Meer fahren. Wahrscheinlich würde ich sogar in das Gefängnis kommen. Es geht einfach nicht!“ Um den Mann herum standen Frauen und Männer aus Myra und weinten, jammerten und bettelten; aber der Kapitän – denn das war er, der Kapitän des großen Schiffes – aber der Kapitän ließ nicht mit sich reden. Obwohl er selber reich und vornehm war, hatte er Angst vor den mächtigen Kaufleuten Ägyptens.

Zuletzt aber kam der Bischof, Nikolaus von Myra. Klein war er, seine Haare und sein Bart waren grau und dunkelbraun war seine Haut, und das Alter und der Hunger hatten viele Falten und Runzeln in sein Gesicht gezeichnet. Seine schwarzen Augen leuchteten unter dicken Brauen hervor. Er war in ein einfaches graubraunes Tuch gehüllt und hatte eine schwarze Kappe auf dem Kopf. Er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Bauer oder Fischer aus dem Ort, er hätte auch Ziegenhirte sein können. Aber er hatte seinen Bischofsstab dabei, aus hellem Holz geschnitzt und mit einem weißen Fisch aus Elfenbein verziert. Ehrfurchtsvoll machten die Leute aus Myra für ihn Platz, als er auf den Kapitän zuging. Aristo und seine Geschwister standen still am Rand und versuchten, zu verstehen, was da besprochen wurde.

Der Bischof sagte zu dem Kapitän: „Ich bitte dich um Christi willen! Gib uns einen Teil deiner Ladung, damit wir zu essen haben! Die Frauen und Männer hungern hier seit Wochen, und die Kinder werden sterben, wenn sie nicht bald wieder etwas Nahrhaftes bekommen. Es geht zu Ende mit unserer Stadt – die Dürre wird der Tod sein für Myra!“ Aber auch vor dem Bischof Nikolaus änderte der Kapitän seine Meinung nicht. So, wie er vorher zu den Männern und Frauen gesagt hatte, antwortete er auch jetzt. „Ich kann dir und den deinen nichts geben. Wenn auch nur eine einzige Kiste fehlt, wenn ich in Kairo ankomme, wird man mich entlassen. Ich werde mein Schiff verlieren, meine Mannschaft, meinen Beruf und meine Ehre. Ich kann dir nichts geben.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und drehte dem Bischof den Rücken zu. Der aber sank auf seine Knie und betete: „Gott, unser Vater im Himmel, und Jesus Christus, unser Herr, Gott gleich und mit ihm in Ewigkeit verehrt und gepriesen, erbarme dich über uns. Sieh unsere Not und unser Elend, unseren Hunger und unseren Durst. Ohne dich, Gott, sind wir nichts; machtlos und schwach sind deine Geschöpfe, denn ohne deine Liebe und ohne deine Barmherzigkeit leben wir nicht einen einzigen Tag. Jeder Atemzug, den wir tun, ist ein Geisthauch von dir. Darum bitte ich dich, Gott: Zeige heute deine Kraft in unserer Mitte, wende das Herz derer, die von dir nichts wissen und deine Macht nicht kennen. Nimm denen die Angst, die nur auf ihr eigenes Vermögen vertrauen, und ermutige die, die der Verzweiflung nahe sind.“

Eine Zeit lang war es ganz still auf dem Platz vor der Hafenmeisterei. Alle Menschen hatten dem Gebet des Bischofs zugehört. Nun warteten sie darauf, ob etwas geschehen würde. Der Bischof kniete lange, mit geschlossenen Augen, und auch der Kapitän rührte sich nicht.

Dann richtete sich Bischof Nikolaus wieder auf und sagte zu dem Kapitän: „Ich verspreche dir: Wenn du uns jetzt und hier etwas gibst von dem, was dein Schiff transportiert – es wird nichts fehlen, wenn du in Kairo ankommst. Kein Sack, kein Fass, keine Amphore und keine Kiste wird dir fehlen. Es wird alles da sein, was die Kaufleute und Handelspartner von dir fordern. Ich verspreche dir das im Namen Jesu Christi und im Namen des Gottes, dem ich diene. Ich bin Nikolaus, der Bischof von Myra. Ich bitte dich!“

Ohne ein Wort ging der Kapitän zu seinem Schiff. Er nahm ein Stück Kohle aus einem Eimer, der dort stand, und machte damit einen schwarzen Strich in der Höhe der Wasserlinie an den Rumpf des Schiffes, genau dort, wo die Wellen des Hafenbeckens an das Holz schlugen. Dann stieg er die Leiter zum Oberdeck empor und gab dort einige Befehle an die Seeleute, die dort warteten. Nach kurzer Zeit setzte sich der Kran in Bewegung, und aus dem Schiff wurden einige Paletten mit Säcken voller Weizen, Roggen und Gerste abgeladen, dazu auch eine ganze Menge Fässer mit Öl und sogar eine Amphore mit Wein. Viel war es nicht, aber man konnte doch deutlich sehen, dass das große Schiff ein Stück leichter geworden war, der schwarze Strich aus Kohle lag jetzt eine gute Hand breit über dem Wasser.

Der Kapitän kam wieder herab zu den Menschen, die jetzt laut jubelten und ihm dankbar zuwinkten. Der Kapitän aber schaute mit finsterem Blick auf den Kohlestrich, der unmissverständlich zeigte, dass nun das Schiff leichter war und ein Teil der Ladung fehlte. Dann sah er Bischof Nikolaus ins Gesicht und murmelte: „Du hast mir etwas versprochen…“

Während das Schiff in Ordnung gebracht wurde und der Stapel mit dem Holzbrettern am Kai immer kleiner, verteilte Bischof Nikolaus Öl und Getreide an die Bewohner der Stadt. Heute würde es einen Grund zum Feiern geben, denn heute würden sie alle satt werden. Es blieben sogar einige Säcke Getreide übrig. Nikolaus gab sie dem Bauern Klebulon, Er sollte die Körner auf seinen Feldern aussäen, nur nicht auf dem, das er mit Meerwasser versalzt hatte.

Am Abend gab es ein Fest in der Stadt, auch am Hafen brannten Feuer. Die Leute hatten die Körner zu Mehl gemahlen, aus Mehl und Öl Brot gebacken, Nun sollte es ein Festessen geben. Nikolaus lud auch die Matrosen und Arbeiter von dem großen Schiff ein, aber niemand kam; auch der Kapitän nicht. Der lag in seiner Kajüte und konnte nicht schlafen, denn er machte sich Sorgen. In einer Woche wurde sein Schiff mit der ganzen Ladung in Kairo erwartet…

Am nächsten Morgen wurden die Segel gesetzt und ein kräftiger Wind blies das Schiff aus dem Hafen hinaus aufs Meer. Und am Tag darauf kam der Regen, der die Dürre beendete. Schwere Tropfen prasselten auf das Hafenpflaster, wo Bischof Nikolaus gebetet hatte, auf die staubigen Straßen, in denen Aristo und Stephanus und Livia mit ihren Freundinnen und Freunden spielten. Die Tropfen prasselten auch auf die Felder des Bauern Klebulon, wo in einigen Wochen grüne Pflänzchen ihre Blätter aus der Ackerkrume schieben würden. Und – schon ziemlich weit entfernt – prasselten die Tropfen auch auf das große Handelsschiff des Kapitäns aus Thessaloniki. Das Holz wurde nass, die Segel hingen feucht und schwer am Mast, und das Schiff sank tiefer in den Meeresspiegel. Es regnete vier Tage und drei Nächte. Als das Schiff nach einer Woche in den Hafen von Kairo lief, war der Kohlestrich wieder genau an der Wasserlinie, wo die Wellen gegen das Holz des Schiffes schlugen, genau da, wo der Kapitän sie im Hafen von Myra auf den Rumpf gezeichnet hatte…

Einmal um die ganze Welt…

Von Umberto Eco gibt es ein Buch mit dem Titel „Die Insel des vorigen Tages“. Die Geschichte spielt unter anderem auf einem Segelschiff, das nahe einer kleinen Insel im Pazifik auf eine Sandbank aufgelaufen ist und sich nicht mehr allein befreien kann. Die Sandbank liegt nur ein paar Seemeilen westlich der Datumsgrenze, und die Insel liegt in Sichtweite, aber östlich der Datumsgrenze.

Die Seemänner auf dem gestrandeten Schiff sehen immer wieder hinüber zu der Insel und lassen sich faszinieren von den philosophischen und praktischen Folgen der Tatsache, dass sie hinübersehen auf ein Land, das in einer anderen Zeit existiert. Während bei ihnen bereits Sonntag ist, ist dort drüben erst Samstag. Den Tag, den sie gerade erlebt haben, könnten sie dort drüben noch einmal erleben. Wenn sie dann aber zurück kämen, würden sie einen ganzen Tag überspringen müssen, gewissermaßen zurück in die Zukunft reisen…

Die Artikel zu „Datumsgrenze“ bei Wikipädie und anderen Online-Enzyklopädien fand ich zeimlich verwirrend und schwer zu verstehen. Was genau ist die Datumsgrenze und warum braucht man sie? Und warum geschehen dort so seltsame Dinge mit der Zeit? Ich will versuchen, es einfacher zu erklären als den Autorinnen und Autoren der Wikipädie das gelungen ist.

Die Erde dreht sich jeden Tag einmal um sich selbst, und nach einer Konvention der Menschheit ist es immer dort gerade zwölf Uhr mittags, wo die Sonne auf ihrer Bahn am Himmel ihren höchsten Punkt erreicht. Gegenüber, auf der anderen Seite der Welt, ist dann Mitternacht.

So hat theoretisch jeder Punkt auf der Erde seine eigene Zeit – bis ins Mittelalter hinein haben die Menschen auch so gerechnet, es gab eine Berliner Zeit und eine Hamburger Zeit, Londoner und Pariser Zeit und so fort. Im einem Zeitalter, in dem die Postkutsche das schnellste Fortbewegungsmittel war, schien allen diese Regelung annehmbar.

Seit der Zeit der ersten Eisenbahnlinien (und damit der ersten Fahrpläne) und im Zeitalter der Telegraphie und der schnellen Kommunikation sorgten die vielen verschiedenen Zeitzonen aber für Verwirrung.

Man einigte sich darauf, den Vollkreis von 360 Grad rund um den Äquator in 24 Zeitzonen aufzuteilen, also jeweils 15 Grad breit, und in diesem Bereich eine für alle verbindliche Zeit festzulegen. Wenn es also in London Mittag ist, dann auch in Portugal und in Mali, wenn es in Finnland Mitternacht ist, dann auch in Ägypten und in Südafrika. Aus politischen und wirtschaftlichen Gründen hat man sich aber nicht überall auf diese Regelung geeinigt; die Mitteleuropäische Zeit MEZ reicht beispielsweise von Spanien bis Polen und Schweden, über ein Gebiet, das sich normalerweise über vier Zeitzonen erstrecken müsste. Das führt dann dazu, dass in Polen die Sonne dreieinhalb Stunden früher aufgeht als in Spanien, sie geht aber auch fast vier Stunden früher unter… Wenn Hamburg von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends Sonnenlicht hat, ist es Warschau von fünf Uhr bis fünf Uhr hell, in Spanien geht die Sonne erst um acht auf und erst spät abends wieder unter, wenn es in Polen schon dunkle Nacht ist.

Normalerweise aber gilt: Reist man nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, muss man etwa alle 1200 Kilometer die Uhr eine Stunde vorstellen, weil man dann in eine andere Zeitzone gereist ist.

Reist man auf diese Art um die Welt herum, fehlt einem am Ende ein ganzer Tag, denn man hat in jeder Zeitzone eine Stunde verloren.

Aus diesem Grunde gibt es im Pazifik die Datumsgrenze. Wenn hier Mitternacht ist, schreibt man auf der ganzen Erde dasselbe Datum – für einen kurzen Moment. Doch westlich der Mitternachtslinie ist dieser Tag vergangen, während der östlich der Linie gerade erst beginnt. Dann aber zieht die gedachte Mitternachtslinie nach Westen fort, der Sonne hinterher. Nach einer Stunde ist zwischen der nun entfernten Mitternachtslinie und der Datumsgrenze ein Gebiet, in dem die erste Stunde des neuen Tages vergangen ist. Auch westlich der Mitternachtslinie ist eine Stunde vergangen – aber es ist eine Stunde des Tages, der auf der Ostseite bereits vergangen ist und hier erst begonnen hat… (O weh; ich fürchte, das ist jetzt genau so verwirrend wie der Artikel auf Wikipedia…)

Wenn man von Westen nach Osten um die Erde herum reist und in jeder Zeitzone eine Stunde verliert, indem man die Uhr vorstellt, muss man hier an der Datumsgrenze die Zeiger einen ganzen Tag zurück drehen. So ist gewährleistet, dass man wieder das richtige Datum schreibt, wenn man in seiner Heimat ankommt. (Ist das ein Spoiler, wenn ich hier schreibe, dass diese Tatsache in Jules Vernes Roman „In achtzig Tagen um die Welt“ eine wichtige Rolle spielt?)

Noch ein Beispiel: Wenn es in London Mitternacht ist und beispielsweise ein Donnerstag beginnt, ist es an der Datumsgrenze zwölf Uhr – aber westlich der Datumsgrenze ist Donnerstag, während auf der östlichen Seite noch Mittwoch ist – solange, bis die Mitternachtslinie um die Erde herum wandert und auch hier der Donnerstag beginnt.

Man schaut also den ganzen Tag lang vom Schiffswrack östlich der Datumsgrenze auf die Insel des vorigen Tages hinüber… Immer ist dort die selbe Uhrzeit, aber vierundzwanzig Stunden früher… (War das jetzt verständlicher?)

Im Zeitalter eines weltumspannenden Netzwerks von Computern ist auch das Konzept der Zeitzonen schwierig geworden, denn wenn man sich beispielsweise zu einem online-Treffen verabredet, muss man immer sagen, für welche Zeitzone die angegebene Uhrzeit gemeint ist. Das Netz insgesamt zu synchronisieren über alle Zeitzonen hinweg erfordert einen erheblichen technischen und programmiertechnischen Aufwand.

Eine schweizer Uhrenfirma hat deshalb vorgeschlagen, für das Internet eine eigene Zeitrechnung und eine eigene Zeitzone einzuführen. Die vierunszwanzig Stunden des Tages sollten in tausend „Beats“ unterteilt werden, die überall auf der Welt gleichzeitig wären, unabhängig von der dort geltenden Zeitzone. Wenn ich mich mit jemandem aus New York und mit jemandem aus Tokio um @667 verabrede, sind wir gleichzeitig online, auch wenn es im New York erst elf Uhr vormittags und in Tokio schon Mitternacht ist.

Und natürlich stellt eben jene schweizer Uhrenfirma – und nur die – Uhren her, die die Ortszeit und die Beat-Zeit gleichzeitig darstellen kann. Durchgesetzt hat sich dieses System aber bisher nicht…

Zeitzonen: 12.00 GMT: Greenwich, London

 

Es hätte auch jeder andere Ort auf der Welt sein können. Die Erde ist rund, und überall ist es einmal am Tag Mittagszeit. Den nullten Längengrad durch das Königliche Observatorium in dem schönen Park an der Themse im Londoner Ortsteil Greenwich zu legen war dennoch keine vollkommen willkürliche Entscheidung. Die Briten waren lange Zeit die wichtigste seefahrende Nation, und nicht zuletzt für die Navigation der Handelsschiffe und Kriegschiffe wurde ein weltweites System benötigt, das selbst den Ort der fernsten Inseln eindeutig bestimmen kann. Auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington, D.C. mit Vertretern aus 25 Nationen wurde am 13. Oktober 1884 der durch Greenwich verlaufende Meridian als Basis des internationalen Koordinatensystems eingeführt. In Deutschland wurde der Meridian von Greenwich 1885 übernommen.

Was kaum jemand weiß: Lange vor den Koordinatensystemen für Nautik und Geographie, die sich an der Lage des Royal Observatory orientieren, gab es unterschiedliche andere Systeme: Die Stadt Paris lag für französische Wissenschaftler und Seefahrende lange auf dem Nullmeridian, in der Antike (seit 150 v. Chr.) rechnete man mit einem Koordinatensystem, dessen Nullpunkt auf der Insel Rhodos lag. Und noch bis in das letzte Jahrhundert hinein rechneten Seefahrer ihren Standpunkt nach der Entfernung von der Insel Hierro, der kleinsten und am meisten westlich gelegenen Insel der Kanarischen Inseln – was sinnvoll war, da man so die Lage aller europäischen Orte und Meere mit einfachen positiven Zahlen angeben konnte. Als dieses System eingeführt wurde, war Amerika noch nicht bekannt. Jenseits der „Inseln der Seeligen“ gab es nur unendliche Weite, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte.

Durch immer genauere Messmethoden, zum Beispiel mit Hilfe von Satelliten und dem GPS-System, wurde es möglich, die Gestalt der Erde so exakt zu bestimmen, dass die Unregelmäßigkeiten ihrer Form bemerkbar macht. Sie weicht deutlich von der idealen Kugelform ab, was unter anderem dazu führt, dass der exakte Nullmeridian nicht mehr genau durch das Observatorium von Greenwitch führt, sondern durch den benachbarten Park, etwa 110 Meter entfernt. Mit dem GPS im Mobiltelefon kann man das leicht überprüfen. Die Längen- und Breitenkreise liegen zudem nicht mehr unverrückbar fest, sondern ändern sich je nach Jahreszeit und z.B. auch durch die Kontinentaldrift langsam mit der Zeit, denn sie sind nicht mehr durch die tatsächliche Form des Planeten, sondern durch einer berechenbare, aber abstrakte Geometrie der Erde definiert.

Bei der Internationalen Meridian-Konferenz 1884 wurde auch beschlossen, die Ortszeit am Greenwich Observatorium zur Grundlage der Zeitberechnung auf der Erde zu machen. 24 breite Bänder umschließen die Erde, innerhalb derer sich die Menschen nach der gleichen Uhrzeit richten: Die Zeitzonen.

Eine Zeitzone ist auf der Erdkugel normalerweise 15 Grad „breit“. Anders gesagt: Alle 15 Grad fängt eine neue Zeitzone an. Auf der Höhe von London und Berlin („in unseren Breiten“) entsprichen diese 15 Grad etwa einer Entfernung von 1000 Kilometern, weiter im Süden (bis hin zum Äquator) ist es entsprechend mehr.

Die meisten Länder richten sich nicht stur nach der geometrischen Länge, sondern definieren für ihr gesamtes Gebiet eine gemeinsame Uhrzeit. Die Mitteleuropäische Zeit MEZ gilt beispielsweise von Spanien bis Polen, obwohl Spanien bereits deutlich westlich von England liegt. Das führt dazu, dass es in Spanien abends erst mehr als eine Stunde später dunkel wird.

Und nur, wenn es in Greenwich 12 Uhr Mittags ist, schreibt man überall auf der Welt das gleiche Tages-Datum. Aber dazu später mehr…