30 Jahre nach dem Wunder

In diesem Jahr können wir das dreißigste Jubiläum des Mauerfalls feiern. Die „alt-eingesessenen“ Gemeindeglieder können sich noch an diese aufregende Zeit erinnern, als der Grenzübergang im Norden Schönefelds geöffnet wurde und man voller Staunen und auch ein bisschen ängstlich diesen so lange ersehnten Weg begehen konnte – hinüber nach Rudow und von dort nach Schönefeld, Großziethen, Waßmannsdorf und die anderen kleinen Orte rund um den Flughafen.

In diesem Jahr wollen wir – die Kirchengemeinden in Großziethen und Schönefeld und die Kirchengemeinde in Rudow – am Himmelfahrtstag einen Gottesdienst feiern, draußen unter freiem Himmel, in der Nähe des ehemaligen Kontrollpostens. Wir wollen Gott danken dafür, dass diese Grenze, die Familien zerrissen und Freunde getrennt hat, die so viele Tränen gesehen hat und an der auch Menschen gestorben sind, nicht mehr existiert, dass es möglich war, ohne Gewalt und Blutvergießen die deutsche Einheit wieder zu erreichen.

Politische Ereignisse wie dieses sind immer zwiespältig zu bewerten, vor allem im Rückblick sehen wir auch Vieles, was hätte besser laufen können. Die Grundstücksreform, die Abwicklungen der volkseigenen Betriebe durch die Treuhand, der wachsende Einfluss der Großstadt in das Gebiet der kleinen Dörfer hinein – so manches wurde von den Menschen hier misstrauisch beobachtet oder auch mit Vehemenz abgelehnt. Der Versuch, Berlin und Brandenburg zu einem gemeinsamen Bundesland zu vereinen, scheiterte – nicht ohne Grund.

Was man in den Monaten nach dem Mauerfall noch froh und dankbar als „Wunder“ bezeichnet hat, zeigte sich im Laufe der Jahre in seiner Ambivalenz, und nicht wenige haben sich sogar alte Zeiten zurück gewünscht – die Erinnerung hat für viele die schlimmen Erfahrungen von Kontrolle und Unterdrückung durch die Staatsmacht gelöscht.

War hier die Hand Gottes am Werk? War die Wiedervereinigung ein Wunder? Oder war es doch nur menschengemachte, fragwürdige und trotzdem dankbar zu feiernde Folge des gemeinsamen politischen Willens und der gemeinsamen Anstrengung der Menschen in Ost und West?

Viel könnte man darüber streiten, aber vielleicht ist auch die Frage einfach falsch gestellt. In der Geschichte des Volkes Israel sehen wird, dass Gott mit seinen Auserwählten durch gute und durch schwere Zeiten geht und die historischen Umwälzungen gemeinsam mit ihnen aushält. Zu Moses sagt er: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ – und die Auslegerinnen und Ausleger auf jüdischer wie auf christlicher Seite verstehen diesen Namen Gottes als ein Zeichen seines bleibenden Da-Seins, seiner Gegenwart, die keine Bedingungen stellt und keine Grenzen kennt.

„Es ist keiner wie du, und ist kein Gott außer Dir!“ bekennt auch der König David, der in seiner Regierungszeit durch viele Höhen und Tiefen gegangen ist und der in 2. Buch Samuel, wo seiner Geschichte erzählt wird, erstaunlich realistisch und wenig geschönt beschrieben wird. Sein Loblied war oft genug ein „zerbrochenes Halleluja“ und ist doch niemals ganz verstummt.

Auch Christus stimmt in die Worte Gottes ein, wenn er sagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Durch die Leidenszeit hindurch, trotz und gerade wegen seines Todes am Kreuz bleibt er uns Menschen verbunden, und die Auferstehung Christi, seine Himmelfahrt und das Pfingstfest sind Zeichen der beständigen Treue des lebensspendenden Gottes.

Man mag die Maueröffnung als ein glückliches Wunder sehen oder auch als Beginn der schwierigen Zeit der wachsenden Einheit – deutlich aber ist in jedem Fall, dass Gott mit uns durch dieses besondere Kapitel unserer Geschichte geht und uns auf unserem Weg behütet und segnet.

Unterschiedliche politische Einstellungen sollten darum gerade unter Christen nicht ein Grund für hasserfüllte Diskussionen sein und schon gar nicht ein Grund, Autoreifen aufzuschlitzen, Fenster einzuwerfen oder Internetbotschaften mit Todesdrohungen zu senden. „Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ heißt es im Buch der Sprüche Salomos. Heilsame Worte sind besonders solche, die unterschiedliche Meinungen nicht vertuschen und Probleme klar benennen – und dennoch die Gemeinschaft nicht in Frage stellen. Nur so kann zusammen wachsen, was zusammen gehört.

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Der Pfarrer lebt hier nicht mehr…

Heute war ich wieder mal in Schöneberg; in der Gegend, in der ich vor Jahren gelebt und gearbeitet habe. Jedes Mal, wenn ich dort bin, werden viele Erinnerungen wach. Vieles, was geschmerzt hat und eine Last war, wird von dem innerlichen Abstand verklärt; und sehr Vieles war ja auch wirklich sehr schön gewesen, und manches vermisse ich bis heute noch.

Im Pfarrhaus wohnt nun eine kleine Familie, Vater, Mutter, Kind; und an der Tür steht ein anderer Name. Aber die Rosen und die Hyazinthen, die meine Frau in den Vorgarten gepflanzt hat, stehen da immer noch und trotzen tapfer der Trockenheit. Hier könnte auch mal wieder Unkraut gezupft werden…

Im Fenster neben der Eingangstür hängt immer noch das Oster-Bild, das wir mal mit Fenstermalfarbe dort hin gemalt haben, in den Neunzigern, als diese Farben große Mode waren. Und durchs Küchenfenster kann ich sehen, dass da immer noch alles in der mintgrünen Farbe gestrichen ist, die wir damals ausgesucht haben. Anscheinend hat sie den Nachmietern auch gefallen…

Aus dem Wohnhaus sind manche Familien inzwischen ebenfalls ausgezogen, auch hier stehen neue Namen auf dem Klingelbrett, und von den älteren Menschen sind manche inzwischen gestorben, das weiß ich. Wie lang vier Jahre plötzlich sein können!

Aber manche Namen stehen noch da, und es fällt mir schwer, der Versuchung zu widerstehen, dort einmal zu klingeln.

Durch das große, klare Kirchenfenster kann ich den Altar erkennen mit dem kleinen Kreuz und den sechs großen goldenen Leuchtern, und darüber strahlt das Mannessier-Kirchenfenster wie seit Jahrzehnten sein „Österliches Halleluja“.

Die schönen Liturgien, die wir hier gefeiert haben, gibt es jetzt aber nicht mehr; die neue Pfarrerin setzt einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Familien und macht eigentlich nur noch Kindergottesdienste und Familienandachten mit neuen Liedern, kindgerecht und modern.

Vielleicht hat sie recht und so etwas spricht die Menschen, die dort in der Gemeinde wohnen, mehr an als lutherische Lieder und gregorianische Psalmen.

Die Kirche ist abgeschlossen, aber ich höre Orgelklänge aus dem Inneren, der neue Kirchenmusiker übt für sein nächstes Konzert. Ich habe ihn noch kennen gelernt, kurz bevor ich aus der Gemeinde weggegangen bin.

Zuletzt laufe ich noch einmal über den Friedhof, schaue mir ein paar von den Gräbern an, die von der Gemeinde gepflegt werden; Gräber, in denen jeweils zwölf oder sechzehn Urnen von ehemaligen Gemeindegliedern bestattet sind. Wem sagen die Namen heute noch etwas? Ich habe sie damals beerdigt, ein paar von ihnen kannte ich gut.

Es beginnt zu regnen, Ich verlasse den Friedhof, setze mich in ein nahes Cafe und denke nach. Es ist gut, dass ich nicht mehr hier arbeite. Aber ein bisschen fühlt es sich immer noch wie Heimat an…

Postsparbuch…

Gestern hab ich beim Aufräumen und Einpacken ein uraltes Postsparbuch wiedergefunden. Seit zwanzig Jahren lag es in einer kleinen Kiste irgendwo ganz hinten in meinem Schrank. Es war nicht viel Geld auf der Guthabenseite, aber als ich das Buch durchblätterte, kamen mir so viele Erinnerungen wieder in den Sinn….

Das Sparbuch habe ich mir 1982 angeschafft, als ich das mit meinen Ferienjobs in einer Gärtnerei verdiente Geld anlegen wollte – mein erstes selbstverdientes Geld. Das Postsparbuch war in edlem Dunkelblau gehalten, es war aus diesem lappigen, reissfesten Papier, aus dem damals auch die Führerscheine waren, und die Seiten darin waren mit einem fälschungssicheren hellblauen Linienmuster bedruckt. Dort hinein schrieb ein Postbank-Beamter mit seiner peniblen und geradlinigen Handschrift den Einzahlungsbetrag: 70 DM (in Worten: Siebzig); und dahinter kam der runde Poststempel mit Ort und Datum der Einzahlung.

Gelegentliche Geschenke von meiner Tante und meiner Oma kamen dazu, und irgendwann waren stolze 1500 Mark auf diesem Konto. Vieles davon habe ich wieder abgehoben, als ich ab 1985 in Tübingen studierte – wenn man schon mal so weit weg von zu Hause ist, muss man sich auch mal ein bisschen die Gegend angucken, und so gingen ab und zu fünfzig DM und einige Male sogar hundert DM wieder ab – für einen Tagesausflug nach Strassburg oder nach Zürich, nach Heidelberg und für ein Wanderwochenende nach Beuron im Donautal. Die Postbeamtin in dem Einkaufszentrum neben dem Studentendorf Tübingen-Nord hatte eine zierliche Kleinmädchenschrift und hat sich immer sehr für meine Erkundungstouren interessiert.

Drei Jahre später machte ich einen Urlaub in Kochel am See in den bayrischen Voralpen, da habe ich dann die letzten Geldbeträge abgehoben. In diesem Jahr habe ich ein Girokonto eröffnet und das Postsparbuch nicht mehr benutzt. Eine Zeit lang ließ ich noch die Zinsen nachtragen – auch das wurde 1988 noch manuell mit dem Kugelschreiber am Postschalter erledigt. Doch als ich in Schöneberg einzog, geriet das Buch in Vergessenheit.

Bis gestern.

Ich war bei der Post und habe dort die Bücher vorgezeigt – der junge Mann bekam große Augen; dieses Sparbuch war älter als er selbst! Und die Einträge noch in DM. Und vierstellige Postleitzahlen auf den Stempeln. Für ihn war das “Geschichte zum Anfassen”. Nun ja, für mich ja auch…

Zum 50. Todestag von Karl Barth

Von Gott reden…

Theologie des Wortes Gottes

»Wir sollen als Theologen von Gott reden.

Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden.

Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen

und eben damit Gott die Ehre geben«

Karl Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie 1922)

Woher wissen wir von Gott? Wie erkennen wir, wer er ist, was er tut, was er will?

Über Jahrhunderte haben Theologinnen und Theologen nicht nur versucht, diese Fragen zu beantworten, sondern zugleich auch Rechenschaft zu geben über ihre wissenschaftlichen Methoden, also gewissermaßen über den Weg, auf dem sie ihre Antworten gefunden haben.

Im neunzehnten Jahrhundert sind als „liberale Theologie“ so viele Formen des theologischen Nachdenkens entwickelt worden, die von menschlichen Bedürfnissen und Befindlichkeiten ausgehen und im Überschreiten der Grenzen des Diesseitigen und Irdischen die Frage nach dem Ewigen und Göttlichen stellen und beantworten wollen.

Historisch-kritische Bibelauslegung fragt nach der ursprünglichen Absicht der biblischen Autoren, die in ihre jeweilige Zeitepoche hinein zu den Mitmenschen ihrer Gesellschaft oder Volksgemeinschaft geredet haben; die „Leben-Jesu-Forschung“ untersucht die Evangelien und die apostolischen Briefe im Neuen Testament nach Spuren von ursprünglichen Jesus-Worten, nach Gleichnissen oder Sinnsprüchen, die noch nicht von der urchristlichen und frühkatholischen Lehre verfremdet oder überformt wurden.

Gleichzeitig geriet das Predigen und Lehren der Geistlichen in den Kirchengemeinden in eine Krise, denn Pfarrer redeten immer weniger von der Unverfügbarkeit und der Transzendenz des Heiligen und von der Offenbarung Gottes in seinem Wort – aus Theologie wurde Ethik und aus dem Gesetz Gottes bloße Handlungsanweisungen für Staatsbürger und Untertanen.

In diese Zeit hinein geworfen fand sich Karl Barth, ein Landpfarrer aus der Schweiz, der 1909 als Hilfsprediger in Genf arbeitete.

Zunächst engagierte er sich in dieser Stadt gegen das Leid und und die Armut der Fabrik- und Landarbeiter und lebte eine Art christlichen Sozialismus, wobei er von Studienfreunden und anderen sozial-religiös orientierten Pfarrern unterstützt wurde.

Der Beginn des ersten Weltkrieges löste in Karl Barth ein tiefes Misstrauen gegen die Theologie aus, vor allem, weil viele seiner bis dahin verehrten Lehrer die Mobilmachung unterstützten und den Krieg als „heilige Pflicht“ theologisch legetimieren wollten.

Während der Kriegszeit entwickelte Karl Barth die „Theologie des Wortes Gottes“, die später „dialektische Theologie“ genannt wurde. Der Historisierung Gottes und Jesu Christi – also der liberalen Theologie – setzte er in seinem Römerbrief-Kommentar ein striktes „Nein!“ entgegen. Gott ist für die menschliche Vernunft nicht erkennbar, er ist nicht Teil der menschlichen Geschichte, in ihm liegt nicht die Vollendung des Auftrages Gottes an die Menschheit.

Von Gott wissen die Menschen nur durch sein Wort, nur durch seine eigene Offenbarung in dem gekreuzigten Christus; eine Offenbarung, die quer liegt zu allem, was menschliche Religion sich erdenken könnte. Gott ist der „ganz Andere“, seine Offenbarung geschieht „senkrecht von oben“, „wie ein Blitz“; er ist das „Unbedigt Neue.“ Gott kann nur durch Gott erkannt werden. Wo Menschen versuchen, Gott als Verbrämung der eigenen Position zu benutzen, machen sie aus ihm ein Götzenbild. Von Gott kann man nur sinnvoll sprechen, wo er selbst die Quelle seiner Erkenntnis ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt er für diese Arbeit am Römerbrief die Ehrendoktorwürde mehrerer europäischer Universitäten und lehrte als Professor in Göttingen, Münster und Bonn.

Karl Barth kämpfte gegen den stärker werdenden Einfluß der National-sozialistischen Partei und der Deutschen Christen, die die Kirche und ihre Theologie immer stärker zu bestimmen versuchten. Er arbeitete unter anderem an der Barmer Theologischen Erklärung mit, die vor dem absoluten Anspruch Gottes den Gehorsam gegen andere „Führer“ verweigert. Wie schon während des ersten Weltkrieges bestand Karl Barth auf dem alleinigen Anspruch Christi, Herr seiner Kirche zu sein. Mit seiner Unbeugsamkeit war er jedoch zuletzt auch seinen Mitstreitern in der Bekennenden Kirche zu radikal.

1935 verlässt Karl Barth mit seiner Familie Deutschland und geht zurück in die Schweiz. Von dort aus setzt er sich für Flüchtlinge, vor allem für Juden aus Deutschland ein, und versucht, gemeinsam mit anderen einflußreichen Theologen aus Europa, einen bewaffneten Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland zu organisieren. Angesichts der Gräuel, die gegen Juden und andere Nicht-arische Menschen begangen werden, könne sich die Kirche keine Neutralität mehr erlauben. Das Schweigen der Kirche – die größtenteils den Beginn des Krieges und den Holocaust ignoriert – kritisiert er als Feindschaft gegen Gott und als „dämonische Verrücktheit.“

Auch nach dem Krieg bleibt Karl Barth als Christenmensch und Theologe seinem Engagement verpflichtet. Er arbeitet am Wiederaufbau der Evangelischen Kirche in Deutschland mit, verfasst unter anderem das Darmstädter Wort, ein Bußbekenntnis, in dem die kirchliche Mitverantwortung am Nationalsozialismus bekannt wird. Er hält Gastvorlesungen an der Universität in Bonn. Er predigt regelmäßig vor verurteilten Straftätern im Baseler Gefängnis; er ergreift Partei gegen die Wiederbewaffnung in Deutschland und die Gründung der Bundeswehr.

1958 schreibt er einen „Brief an einen Pfarrer in der DDR“, in dem er sich mit der Frage nach der Möglichkeit christlicher Existenz im Sozialismus ostdeutscher Prägung beschäftigt – auch dort betont er die Konzentration auf das Wort Gottes in Christus und verweigerte sich, Partei zu ergreifen – weder für Christen in der Verfolgung und im Widerstand noch für solche, die sich mit den herrschenden Zuständen zu arrangieren suchten. Trotzdem haben Christen in der DDR diesen Brief des bekannten schweizer Theologen als „Freiheitsgewinn“ empfunden.

Über viele Jahrzehnte hin arbeitete Karl Barth an seinem Hauptwerk, der „Kirchlichen Dogmatik“, die mit über 6000 Seiten eines der gewaltigsten theologischen Bücher überhaupt ist. Dabei ist das Werk nicht ganz Einheitlich, der „alte Barth“ ist, was das „senkrecht von oben“ der Offenbarung Gottes angeht, nicht mehr so streng wie der junge Mann, der den Römerbrief kommentierte.

Eins aber ist geblieben: Im Kern der Lehre des Karl Barth steht Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene. Da, wo Gott ganz fern, verborgen und unsichtbar ist, in Christi Tod am Kreuz, ereignet sich die Offenbarung. Wo nur Gottes Gericht sichtbar ist, geschieht die Erlösung. Das bezeugt Gott selbst durch die Auferstehung.

Christus als „das Licht des Lebens“ ist die Lichtquelle, „durch deren Schein es draußen hell wird“, schreibt Karl Barth. Doch auch an anderen Orten der Welt kann man dies Licht erkennen. Es gibt auch dort Zeichen der Menschlichkeit Jesu Christi. Seine Menschlichkeit ist „eine solche, die nicht lange fragt und erwägt, mit wem man es im Anderen zu tun hat, in der man sich vielmehr schlicht mit ihm solidarisch findet und anspruchslos für ihn da ist.“

Die Vielleicht-Maschine

Perhapsatron

Was für ein wunderbares Wort.
Vor ein paar Wochen habe ich es zufällig gefunden, als ich im Internet nach etwas ganz anderem suchte.

Das Wort wurde in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt, als man unter amerikanischen Physikern ein paar Monate lang glaubte, es könnte möglich sein, mit geeigneten thermodynamischen Tricks die Fusion von Protonen „im Wasserglas“ zu realisieren und so mit kleinen, aber feinen Maschinen unkompliziert die Energieprobleme unserer hungrigen Spezies zu lösen.

Jim Tuck, einer der an dieser Forschung beteiligen Wissenschaftler, der offensichtlich an der Erfolgschance dieser Experimente zweifelte, nannte die entsprechenden Geräte Perhapsatron – ein genial unübersetzbarer Spottname für ein ambitioniertes Projekt mit sehr geringen Erfolgsaussichten.

Vorige Woche wurde der große Hadronen-Beschleunigungsring am CERN wieder in Betrieb genommen – in einer aufgemotzten Version, die jetzt doppelt so viel Energie in die Kollision von Elementarteilchen hinein stecken kann wie noch vor zwei Jahren. Vielleicht ist es nun möglich, zum ersten Mal eines der supersymmetrischen Teilchen zu entdecken, die im bisher anerkannten Standardmodell der Materie nicht vorgesehen sind. Das wäre ein Durchbruch in der wissenschaftlichen Beschreibung der physikalischen Wirklichkeiten des Kosmos und ein erster Schritt zu ganz neuen Antworten auf die Frage, was wohl die Welt im Innersten zusammen hält.

Wahrscheinlich ist das aber nicht, darum ist auch der LHC ein klassisches Perhapsatron. Immerhin scheint diesmal niemand mehr Angst vor unbeabsichtigt erzeugten schwarzen Löchern zu haben – auch schon ein kleiner Fortschritt.

Auch wenn keiner daran glaubt, auch wenn sogar die Naturgesetze gegen eine Idee sprechen – man kann doch mal etwas ausprobieren. Es wäre ja nicht das erste Mal, das die Natur, die Wirklichkeit, sich überreden lässt und trotzdem mitspielt.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, ab und an wieder das „Unmögliche“ auszuprobieren. Auch wenn morgen vielleicht die Welt untergeht, will ich heute noch meine Vielleicht-Maschine bauen.

Wir haben mit Granaten gespielt wie mit Murmeln…

Wenn Du nicht weißt, wie du anfangen sollst, schreib einfach los. Schreib und hör nicht auf, solange du kannst. Lass es fließen. Zensiere dich nicht. Sortieren kannst du alles später, aber besser ist es, wenn du alles lässt, wie es ist. Ausdruck ist das Streben deiner Seele. This comes right from da heart, man!

Wir hatten einmal eine Schreibgruppe an der Kirchengemeinde, „Kreatives Schreiben“ war unsere Mission… Da haben wir solche Übungen gemacht, „automatisches Schreiben“, Dadaistisches, wir haben Gedichte geschrieben wie die Vierzehnjährigen und Kurzgeschichten, die vor Sarkasmus nur so blitzten. Wenn jemand uns nicht gekannt hätte und nur das gelesen hätte, was wir da in der Gruppe schrieben, der hätte uns für einen Haufen Psychopathen gehalten. Aber es war schön, es war richtig, es war befreiend und es hat uns großen Spaß gemacht. Das Schreiben hat eine Eigendynamik entwickelt und hat Dinge aus uns herausgelockt…

Sprache ist wie eine Besteckschublade. Solche Schubladen sind gefährlich. Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht… Nützlich als Werkzeuge, aber tödlich im Nahkampf. Sie sind die scharf geschliff’nen Waffen… Manchmal tut man dem anderen damit weh, auch wenn man es gar nicht möchte. Bei dummen Leuten sind sie stumpf, man kann höchstens damit schlagen wie mit einer Keule, aber die klugen Menschen schneiden damit wie mit einem scharfen Seziermesser… Dann geht es ohne Blut nicht ab. Furcht ist nicht in der Liebe.

Als jemand, der Predigten schreibt, habe ich manchmal das Gefühl, mit Dynamit umzugehen, mit Nitroglyzerin. Ein falsches Wort, und der ganze Kram explodiert. Nein, ich überschätze das Wort nicht. „Ist es nicht wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“

So gesehen ist es ein Wunder, dass uns in dieser Schreibgruppe nichts Schlimmes passiert ist. Wir haben mit Granaten gespielt wie mit Murmeln.

Wunder sind gar nicht so selten. „Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn….“ Und jedes mal glaubt man, denkt man, hofft man, es wäre das erste Mal. Ganz frisch und neu. Unverbrauchte Luft, klares, kaltes Wasser, unberührte frische Erde – alles das gibt es aber nicht. Nur das Feuer ist immer neu. Oder? Kann man sich an Liebe gewöhnen? So viel Erfahrung haben, dass man nicht mehr überrascht wird von ihr?

Heute soll ich eine Predigt halten über das Hohelied der Liebe. So schön geschrieben, dass ich eigentlich kaum glauben kann, dass es von Paulus ist. Irgendjemand muss ihm ein wunderschönes Lächeln geschenkt haben an diesem Tag. „Am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, die Liebe aber ist die Größte unter ihnen…“

Gott – eine Biographie // Buchkritik im Februar

Jack Miles:

Gott – Eine Biographie

Carl Hanser Verlag, 1995. antiquarisch erhältlich, ca. 16 EUR

Von Gott reden kann man am Besten in Geschichten. Große Teile der jüdischen Bibel, und auch wichtige Bücher aus dem Neuen Testament sind Erzählungen, Legenden und Berichte aus der Geschichte Gottes mit den Menschen – erzählte Theologie.

Über Jahrhunderte und Jahrtausende aber verändert sich das Bild der Menschen über sich selbst, über ihre Geschichte und auch über Gott. Nur Gott selbst sagt: „Ich, der Herr, wandle mich nicht“ (Maleachi 3, 6).

Jack Miles, der amerikanische Theologe, der in Rom studiert hat und nun in Kalifornien lehrt, wagt es, erzählende Theologie auf eine neue Stufe zu heben: Wie, wenn sich nicht nur das Glauben und Denken der Menschen änderte, sondern Gott selbst? Was, wenn er eine Biographie hätte, eine „Lebensgeschichte“, wenn auch er sich entwickelte aus einer Art wilden „Pubertät“ als Wetter- und Donnergott, als Schöpfer und Zerstörer von Welten in eine ver-antwortungsvolle, lebendige, fürsorgliche Rolle als Vater seines Volkes und aller Menschen und schließlich hin zu der altersweisen, abgeklärten Welt-sicht eines Philosophen, der die Welt schweigend eher nur noch beobachtet und nicht mehr selbst eingreift?

Mit überwältigender Dramatik und Wandlungsfähigkeit tritt Gott in den Zeilen des Buches von Jack Miles in Erscheinung, die Lesenden folgen einer atemberaubenden Charakterentwicklung, von der mit Faszination und großem Ernst erzählt wird, mit Bewunderung und auch immer wieder mit Erschrecken, vor allem aber mit Hingabe und Liebe.

Denn das Bild eines Gottes mit Persönlichkeit und Leidenschaft, das da in dieser Nacherzählung der Bibel entsteht, diese Biographie des lebendigen Gottes, fordert in den Lesenden eine ebenso lebendige Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und der eigenen Lebensgeschichte heraus.

„Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde…“ heißt es in der Schöpfungsgeschichte – und es zeigt sich in seinem Leben und Werden, dass sehr viel mehr Menschliches in Gott zu finden ist, als traditionelle dogmatische Theologie zu formulieren vermag.

Wer es liest, findet vielleicht auch in sich selbst eine neue Art, Gott zu begegnen – nicht als theologisches Konstrukt oder als Gegenstand dogmatischer Überlegung, sondern als Gegenüber, als Freund, als Lebenspartner, den man lieben kann und muss.