Chess for Fun and Chess for Blood…

Seit meiner Teeniezeit habe ich gerne Schach gespielt. Mein Vater hat mir beigebracht, wie man die Figuren ziehen muss, und danach glaubte ich, ich hätte das Spiel verstanden. Geduldig schob er immer wieder mal mit mir die Springer und die Läufer übers Brett und ließ mich sogar ab und zu gewinnen.

In einem Park in der Nähe gab es ein großes Spielbrett für Rasenschach, und wenn der Parkwächter Zeit hatte, stellte er die Figuren aus einer Blechhütte auf das Spielbrett aus roten und weißen Betonfliesen. Dann trafen sich da die Schachspieler aus der Gegend zu kleinen Spontanturnieren, und ich verlor da – immer. Aber irgend jemand brachte mir da meine ersten durchdachten Eröffnungen bei; die italienische und die spanische Eröffnung. Von da an konnte ich wenigstens bis ins Mittelspiel durchhalten.

Später, in der Oberstufe, gab es eine Schachgruppe an meiner Gesamtschule, wo ich oft noch bis zum späten Nachmittag mit Klassenkameraden trainierte. Wir hatten einen Schachlehrer, der einmal in der Woche mit uns Eröffnungen und Endspiele übte, und das war damals genau das Richtige, in uns den sportlichen Ehrgeiz zu wecken. Der Lehrer brachte es sogar fertig, dass ein bekannter Großmeister (ich hab vergessen, wer es war) zu einer Runde Simultanschach in unsere Schule kam – er hat aber keine einzige Partie verloren. Immerhin haben unsere Besten Remis gehalten…

Als Student bin ich dann in einen Schachverein eingetreten; aber richtig gut bin ich nie geworden. Ich habe – wie manche andere im Verein – eher zur Entspannung und zur Unterhaltung Schach gespielt; erfolgreich waren aber eher die, die sich in eine Stellung verbeißen konnten und mit verkniffenem Gesicht am Brett saßen und nachdachten, bis ihnen die Schweißperlen über die Stirn rollten…

Dort habe ich den Satz gelernt „Growth begins at the point of resistance…“ – was man frei überseitzen könnte mit: „Man lernt erst dann etwas, wenn es weh tut.“ Was in der Pflanzenwelt gilt, ist auch im Sport wahr und eigentlich überall im Leben: erst, wenn man sich müht, wenn man sich wirklich anstrengt, wenn man etwas wagt und bereit ist, Fehler zu machen, dann lernt man etwas dazu. Und man lernt viel mehr aus einer umkämpften und dann verlorenen Partie, als wenn man leicht und mit einem Lächeln gewinnt.

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Desiderata – Was zu wünschen übrig ist…

Denke mutig. Spiele! Sei wieder jung; erinnere Dich an die Zeit, in der Du Philosoph gewesen bist – als Kind, als Jugendlicher, als Student. Diskutiere wieder mal die Nächte durch.

Sei frech. Lache! Sei humorvoll mit Dir selbst.

Verurteile Dich nicht selber. Hab kein schlechtes Gewissen. Jeder macht Fehler, auch sie sind ein Schritt auf Deinem Weg. Übung macht den Meister. Gib Dich bloß nicht selber auf.

Gott meint es gut mit Dir. Sei Du derselben Meinung. Du darfst Dich lieben. Du darfst wachsen. Sei selbst gut zu Dir. Dieser Platz in Deinem Leben steht Dir zu; es ist nur Deiner. Dir gehört er heute.

Glaube an Gott. Sei bereit, Dinge auf andere Art zu tun. Springe und hüpfe, wenn Dir danach ist. Bleib in Bewegung, körperlich und geistig. Kehre ab und zu zu Deinen Anfängen zurück. Betrachte Deine Wurzeln. Sie tragen Dich Dein Leben lang. Auch wenn Du wanderst, wenn Du tanzt, und wenn es Dir gelingt, zu fliegen. Breite Deine Flügel aus und warte auf den Wind.

Aus der Predigt vom letzten Sonntag nach Epiphanias 21.01.2018

Bevor in den sechziger Jahren die amerikanische science-fiction-Literatur auf den Markt kam, nannte man diese Gattung Zukunftsromane, manche Leute sprachen auch von Utopischen Romanen. Schriftsteller wie Hans Dominik und Stanislaw Lem beschrieben eine zukünftige, positive, eben utopische Welt in ihrer Science fiction, Jules Verne und Oliver Swift schrieben gesellschaftskritische Romane, indem sie eine mögliche bessere Welt erträumen, und auch George Orwell und Aldous Huxley schrieben Utopien, freilich ganz anderer Art, sozusagen mit einem negativen Vorzeichen.
 
Das Wort utopia geht zurück auf Thomas Morus´ Roman Utopia, der schon als Zeitgenosse Luthers einen solchen Zukunftsentwurf wagte. Auf einer fernen Insel, so schreibt er, werden Menschen einen vollkommenen Staat schaffen, und ihre Religion, ihr wissenschaftliches Streben, ihre Politik und ihr gesellschaftliches Zusammenleben wird vorbildhaft für die ganze Welt sein.
 
Aber auch schon vor Morus´ Buch gab es Utopien. Augustin schrieb im vierten Jahrhundert nach Christus das Buch „Der Gottesstaat“, Aristoteles beschrieb vierhundert Jahre vor Christus die vollkommene Stadt „politeia“; und auch das Buch der Offenbarung in der Bibel könnte man zu dieser Gattung der positiven Utopien rechnen.
 
Utopie – das griechische Wort bedeutet „Kein Platz“ oder „Kein Ort nirgends“. Die utopischen Geschichten und Ideen spielen nicht in dieser Welt, sie haben keinen Ort in unserer Wirklichkeit. Utopien beschreiben eine andere Wirklichkeit, die es so nicht gibt. Die es vielleicht niemals geben wird. Die aber so denkbar ist, die so verwirklicht werden könnte. Die Beschreibungen der Utopie sind hoffnungsvolle Träume, Visionen von dem, was nicht ist, was man sich aber wünschen kann, wünschen sollte.

Eine positive Utopie kann eine Art Leuchtturm sein, an dem sich das Streben der Menschheit ausrichtet, an dem sich das Wollen, Planen, Forschen und zuletzt auch das Bauen der Menschen orientiert. Einen Menschen auf den Mond und sicher wieder zurück zu bringen, die Möglichkeit zu weltweiter Kommunikation in einem kleinen Kästchen in der Hosentasche zu haben, schmerzfrei operieren zu können und so Menschen dem sicheren Tod zu entreißen – das alles sind Errungenschaften, die mit einem solchen Traum, mit einer utopischen Vision begonnen haben…

Der Evangelist Lukas beschreibt eine besondere Utopie. Der Sohn Gottes hatte keinen Platz in dieser Welt. Nicht In Jerusalem, nicht in Bethlehem. In keiner Herberge, nur in dem „Nicht-Ort“ für ein kleines Kind, in der Krippe. Jesus war von Anfang an eine utopische Gestalt. „Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß. Er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein…“ Der Ewige wird sichtbar im Kleinsten, die größte denkbare Macht offenbart sich in der größten Schwäche und Ohnmacht, in der größten denkbaren Abhängigkeit. Erst im Wunder der göttlichen Liebe realisiert sich diese Utopie, verwirklicht sich diese Vision, dass er selbst Mensch wird in unserer Mitte. Und bei uns bleibt alle Tage bis an der Welt Ende.

Auch der Seher Johannes malt uns im ersten Kapitel der Offenbarung einen Nicht-Ort vor Augen, einen Ort, den es in der Welt nicht gibt, einen Ort wie eine Theaterkulisse oder ein Filmset; und in diesen Nicht-Ort hinein stellt er den Auferstandenen vor unsere Augen, in einem surrealistischen Gemälde wie von Hieronymus Bosch oder von Salvador Dali.

Vielleicht ist dieses Gemälde symbolisch gemeint, als eine Art Gleichnis. Die goldenen Leuchter, die Sterne in der Hand des „Menschensohns“, das Schwert, das aus seinem Mund geht – sie haben dann alle eine allegorische Bedeutung, die erklärt werden muss. Über Jahrhunderte ist die Offenbarung so gedeutet worden, als eine verschlüsselte Prophetie über die Gegenwart und Zukunft der Kirche; im Mittelalter gab es hunderte Auslegungen zur Apokalypse des Johannes, die fast immer das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt zum Inhalt hatten.
 
Es ist der auferstandene Christus, der in der Herrlichkeit Gottes thront, er hat die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt, er ist der Weltenrichter. Das Schwert, das aus seinem Mund kommt, bedeutet, dass er die Welt mit seinem Wort richten wird. Er hält die sieben Sterne als Symbol der Weltherrschaft in den Händen, sie bedeuten zugleich die Engel der sieben Gemeinden, die diese im Auftrag Gottes beschützen sollen. Christus schreitet einher unter dem hellen Licht der sieben Gemeinden und richtet seine Botschaft in sieben Schreiben an sie: Er warnt sie und schenkt ihnen zugleich Hoffnung in Bezug auf die Endzeit.
 
Als die Apokalypse des Johannes geschrieben wurde, litten die nicht mehr ganz jungen Gemeinden unter der Verfolgung durch die Römer. Die Vertreter der römischen Staatsreligion hatten in den Christen eine potentielle Quelle von Aufruhr und Widerstand ausgemacht, vor allem wohl, weil eine christliche Minderheit sich weigerte, dem römischen Kaiser die angemessene Verehrung zu erweisen und das vorgeschriebene Opfer zu bringen. Der Seher Johannes, der vermutlich nicht derselbe Johannes ist, der das Evangelium und die Johannesbriefe schrieb, ist an dieser „Bedrängnis“ beteiligt; wegen seiner Predigt und seines Bekenntnisses ist er verbannt auf die Insel Patmos im Mittelmeer. Dort, so schreibt er, ergriff ihn am Sonntag der Geist des Herrn, eine Stimme „wie von einer Posaune“ spricht ihn an und fordert ihn auf, aufzuschreiben, was er in seiner Vision hört und sieht.

Der auferstandene Christus ist Hoherpriester und König, Weltenrichter und Herrscher über das All… So sieht es Johannes, und mit diesem Bild macht er sich selbst und seinen „Mitgenossen“ Mut in schwieriger Zeit. Aber er schreibt nicht einfach Durchhalteparolen oder Rachephantasien auf. Seine Hoffnung ist nicht einfach eine totale Umkehr der Verhältnisse. Er sieht Christus auch am Ende noch als das Lamm, das die Sünden der Welt trägt und sich hingibt für viele. Nur durch sein Opfer kann das Buch mit den sieben Siegeln geöffnet werden, nur durch ihn kann Gottes Plan mit dieser Welt vollendet werden.

In der Vision, der Utopie des Johannes, ist Christus nicht der „Führer“, der Imperator, der mit seiner Macht jeden Widerstand bricht und die Welt mit Gewalt zu ihrem Glück zwingt und die Christen mit Macht zu ihrer Seligkeit leitet – er ist auch als der Auferstandene und als der himmlische Christus immer der „Immanuel“, der Gott an unserer Seite, und das Lamm, das geopfert ward.

Bis heute ist das Friedensreich Gottes eine Utopie, eine Vision. Ein Traum und eine Hoffnung ist es, aber eine Hoffnung, die von vielen Christen auf der ganzen Welt geteilt wurde. Vor wenigen Tagen hatte Martin Luther King, der bekannte baptistische Pfarrer aus den Vereinigten Staaten, seinen 89. Geburtstag. Er hat sich für die Gemeinschaft aller Menschen eingesetzt und mit friedlichen Mitteln gegen Rassentrennung und Hass zwischen Schwarzen und weißen Menschen gekämpft. Seine Rede „Ich habe einen Traum…“ ist eine der bekanntesten und wichtigsten Utopien unserer Zeit. Und es ist nötig, diesen Traum mit Entschlossenheit und Engagement weiter zu träumen, diese Utopie zu verwirklichen in unserer Zeit.

(…)

Ich wage es, zu behaupten, dass Christus, der Auferstandene, damals und heute an der Seite dieser Menschen gewesen wäre, die sich für die Schwachen einsetzen und friedlich, aber entschlossen, für ihre Rechte kämpfen.

Ich bin überzeugt, dass Gott bei den Christinnen und Christen ist, die heute um ihres Glaubens willen verfolgt, gefoltert und getötet werden.

Ich bin überzeugt, dass das Reich Gottes nahe ist, wo Menschen bereit sind, gemeinsam ihre Last zu tragen, den Frieden zu suchen, aus der Hoffnung zu leben.

Unheilige Portraits: Zachäus, der Zöllner…

Mein Name ist Zachäus. Ich bin Jude, ich glaube an den Gott Israels. Auch meine Mutter und mein Vater waren Juden, und meine Großeltern und die ganze Familie… Seit Generationen leben wir hier in Jerusalem. Meine Eltern waren angesehene Menschen und haben ihr Geld mit ihrer Hände Arbeit verdient. Aber dann haben sie sich über den Tisch ziehen lassen durch diesen Betrüger aus Rom, einem Makler, der ihnen Anteile an einem großen Geschäftsprojekt mit äthiopischen Händlern verkauft hat; der Gewinn war minimal, das Geschäft ging pleite und auf einmal war meine Familie arm. Wir haben von der Mildtätigkeit unserer Freunde gelebt. Meine Eltern sind bald darauf gestorben, meine Schwestern und Brüder haben sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Nur ich bin in Jerusalem geblieben. Ich lebte Jahrelang von der Hand in dem Mund, als Tagelöhner, als Bettler, als Fremdenführer…

Eines Tages fiel ich einem römischen Beamten auf, der mein Talent zu Verhandlungen und meine natürliche Autorität erkannte. Denn obwohl ich von der Körpergröße her eher klein bin, habe ich eine Stimme und einen Gestus, die den Menschen Respekt einflößen. Mir wurde eine Stelle in dem hiesigen Zollamt angeboten. Ich kratzte meine letzten Sesterzen zusammen und kaufte die nötige Lizenz, danach war ich offiziell berechtigt, im Namen des Kaisers in Rom Brückenzoll, Wegegeld und die Steuer an den Stadttoren zu erheben. Die Summen waren jeweils nicht sehr hoch, denn der Kaiser möchte zwar den Reichtum der Städte abschöpfen, aber Handel und Kommerz nicht behindern. Aber die Masse machte es, an manchen Tagen verdiente ich so viel wie meine Eltern in einer Woche.

Bald aber merkte ich, dass meine Freunde mich mieden. Gemeinsame Sache mit den Römern zu machen, mit den verhassten Vertretern der Besatzungsmacht, mit Menschen unreinen Glaubens, das machte mich in ihren Augen untragbar. Niemand mag einen Steuereintreiber, keiner mag mit einem Finanzbeamten befreundet sein, aber mit einem Nutzniesser eines despotischen Systems, das die Früchte der Arbeit der eigenen Bürger nimmt und sie in feindliches Ausland transportiert… So einer wird bald selbst zum Feind.

Ich überspielte meine Einsamkeit mit Maßlosigkeit. Ich nahm nicht nur gnadenlos die Steuer und den Zoll von allen, auch von denen, die von den Abgaben eigentlich befreit waren, den Armen und Sozialfällen; ich nahm immer den höchstmöglichen Betrag, der mir erlaubt war; und bald auch das doppelte und dreifache davon. Niemand konnte sich dem Widersetzen, denn was galt das Wort eines galiläischen Bauern gegen das eines lizensierten Staatsbeamten? Sie mussten zähneknirschend zahlen.

Ich war reich, konnte mir alles leisten, ein wunderbares Haus, Diener, das feinste Essen, Kunstwerke und Schätze… Doch ich war einsam und allein, und bald weinte ich mich in den Schlaf, jede Nacht. Ich hatte keine Freude mehr am Leben; der Tod erschien mir immer mehr als die bessere, ja, die einzige Alternative…

Doch dann hörte ich von diesem Wanderprediger aus Galiläa, aus Nazareth, dem Sohn des Zimmermanns…

Unheilige Portraits: Petrus – Verrat in der Nacht der langen Messer…

Ich bin Petrus. Ich war Fischer am See Genezereth, ich hatte ein eigenes Boot, ein eigenes Auskommen. Ich konnte meine Familie ernähren und sogar noch die Ärzte für meine Schwiegermutter bezahlen. Die war immer wieder krank, niemand konnte ihr wirklich helfen. Und die Ärzte wollten immer erst Geld sehen für ihre Bemühungen. Aber es war alles nutzlos.

Jeden Tag segelte ich aufs Meer hinaus, warf die Netze in elegantem Bogen über die Wellen, kam mit Fässern voller Fische ans Ufer zurück. Als Fischer war ich einer der Besten. Doch dann kam ER.

An diesem Tag war es schlecht gelaufen. Wir hatten die ganze Nacht gearbeitet, doch es war wie verrückt. Immer wieder zogen wir das Netz leer ins Boot zurück. Ich weiß nicht, was in die Fische gefahren war, welche Macht sie aus dem See vertrieben hatte; all meine Erfahrung und meine Kunst hat mir in dieser Nacht nichts genutzt. Wir haben aufgegeben, ruderten müde und erschöpft ans Ufer zurück. Da stand dieser Wanderprediger aus Galiläa und redete. Hunderte von Leuten waren gekommen, um ihn zu hören, und er redete laut und klar. Von dem Reich Gottes. Davon, das das Leben wichtiger ist als das Gesetz, der Geist wichtiger als der Buchstabe… Ich habe nur die Hälfte verstanden, aber ich habe gespürt: Hier beginnt etwas Großes. Dieser Mensch kann Herzen bewegen…

Da kam er auf einmal zu mir, wollte in mein Boot. Ich ruderte ein Stück weit ins Meer und er sprach aus dem Boot zu den Menschen. Dann sagte er zu mir: Fahr noch einmal hinaus, wirf noch einmal dein Netz aus, ein letztes Mal. Das war doch Quatsch, diese Nacht war die Schlechteste aller Zeiten gewesen, und niemand fängt Fische am Morgen… Aber ich war schon beeindruckt von ihm. Wenn ER es sagt…

Das Netz war voll, die Fässer liefen über, die Fische lagen auf dem Boden des Bootes, beinahe schwappte das Wasser über die niedrige Sillwand in das Schiff… Nur ein Fisch mehr, und das Boot wäre selbst zu den Fischen gegangen, wenn Du weißt, was ich meine…

Ich wollte ihn schon um Verzeihung bitten, mit Propheten, Gottesmännern, Heiligen habe ich nichts zu tun; ich bin doch nur ein Mensch, ein Sünder, einer, der von Gott und so nichts weiß… Doch er sagte: Ich will, dass du Menschen für mich fängst, so wie du heute die Fische gefangen hast. Sei ein Menschenfischer…

Ich habe viel mit ihm erlebt. Doch nun redete er auf einmal von seinem Tod. Nun redete er von Verrat und von seiner Kreuzigung. Die Römer waren hinter ihm her, die Tempelwache, die Häscher der Pharisäer, alle. Und es kam, was kommen musste. Sie verhafteten ihn, brachten ihn vor Kaiphas, vor Pilatus, vor den Hohen Rat. Wir hatten alle Angst. Und dann war da diese Frau, die zu mir sagte: Du gehörst doch auch zu ihm. Das Herz rutschte mir in die Hose, niemals im Leben hatte ich so einen Schiß. Ich wollte nicht da stehen, in Ketten, im Verließ, die Kreuzigung vor Augen. Ich wollte neben ihm stehen, aber als Gewinner, nicht als Gefangener. Darum habe ich gesagt: Ich kenne ihn nicht. Nie von ihm gehört. Sogar bei dem Namen Gottes habe ich geschworen… Und nun weiß ich: Ich habe ihn verraten…

Unheilige Portraits: Der „Lieblingsjünger“

Jochannan heiße ich. Doch meine Freunde nennen mich Johannes. Manche nennen mich auch den „Lieblingsjünger“. Wenn sie das sagen, klingt es immer wieder ein bisschen spöttisch, so wie Kinder auf dem Schulhof dem Klassenbesten hinterher rufen „Streber, Streber!“ Ein bisschen Neid ist schon dabei, aber ich glaube, es ist einfach größtenteils freundschaftliche Frotzelei…

Und es gibt Schlimmeres, als SEIN „Lieblingsjünger“ zu heißen. Tatsächlich bin ich – zusammen mit Judas und vielleicht noch Zachäus, dem „Zöllner“ – einer der Intelligentesten in der Gruppe SEINER Jünger. Ohne mich hervortun zu wollen – es gehört ja gar nicht so viel dazu. Die meisten sind einfache Fischer, Leute vom Land, simple, oft langsam denkende Leute, aber treu und loyal… Ich bin der, mit dem Jesus am liebsten über „spirituelle“ Dinge spricht. Zu den anderen redet er oft in einfachen Worten, in Bildern und Gleichnissen… Zu mir spricht er über die Feinheiten der griechischen Philosophie, über die Erkenntnisse der Gnosis, über die Erleuchtung durch den Glanz Gottes, über seine Hoffnung auf den, den er den VATER nennt… Manchmal redet er sogar über seine Angst. Er lässt mich sein Herz sehen. Er öffnet mir seine Seele. Ja, man kann es schon so sagen: Ich bin sein bester Freund.

Doch jetzt ist unsere Freundschaft auf die Probe gestellt. Ich habe ihn in der schwersten Stunde seines Lebens im Stich gelassen; ich war nicht an seiner Seite, als es darauf ankam…

Im Garten wollte er am Abend noch beten. Spät war es schon, der Mond leuchtete zwischen den Zweigen der Ölbäume hindurch, die Zikaden sangen müde ihr Lied. Alles schien so friedlich; so ganz anders, friedlicher. Mittags, im Tempel, hatte er in seinen düsteren Abschiedsreden gesagt: „Man wird den Menschensohn fangen und denen übergeben, die ihn quälen und foltern, dann wird man ihn dem Tod überlassen…“ Nichts davon war jetzt zu spüren, es war eine stille Nacht im späten Frühling und die Hitze des Tages in Jerusalem wie eine ferne Erinnerung. Aber ER war immer noch schwermütig, sein Gesicht war blass und schien im Dunklen zu leuchten.

„Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Wacht doch heute mit mir und betet, dass wir diese schweren Tage bestehen…“ sagte er. Wir gingen ein Stück mit ihm, doch dann verschwand er zwischen den Büschen und betete allein. Wir setzten uns, warteten, redeten leise. Ich sah ihn dort im Mondschein knien, es sah aus, als ob er weinte. Vielleicht hätte ich zu ihm hingehen sollen, aber es war mir, als ob mich etwas davon abhielte. Dies war die Stunde seiner Versuchung, und ich musste seinen Wunsch, allein zu sein, respektieren.

Wir waren alle eingeschlafen, denn plötzlich stand er neben mir und rüttelte an meiner Schulter: „Schläfst Du, Jochannan? Kannst Du nicht wenigstens in dieser Stunde mit mir beten? Ich habe Angst, große Angst, und ich brauche Dich…“ Ich weckte die anderen, und wir beteten mit ihm. Seine Stimme war wie ein Flüstern: „Vater, wenn es möglich ist… Ich will diesen Kelch nicht trinken. Will nicht… Nein. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe… Dein Wille. Mir geschehe, wie Du gesagt hast…“ Ich schlief wieder ein, und wieder rüttelte er mich wach: „Jochannan? Komm, steh auf, die Stunde ist da…“

Schlaftrunken und verblüfft sah ich mich um. Der eben noch so stille Garten war erfüllt von Wortfetzen, von dem Geklirr römischer Kurzschwerter und dem Klappern langer Wurfspieße, Tempelwächter liefen mit Fackeln auf mich zu, riefen: „Da ist er!“ Sie meinten Jesus, nicht mich, und trotzdem bekam ich einen Todesschrecken, als einer von ihnen nach mir griff… Er hielt mich an meiner Toga fest, ich machte einen Sprung zur Seite und ließ das weiße Tuch in seiner Hand… Nur mit dem Untergewand bekleidet rannte ich, ließ dies alles hinter mir, rannte, rannte, nur fort, weg aus diesem Garten, bis mir die Luft wegblieb und mir schwindelig wurde…

Ich habe meinen Freund im Stich gelassen, mehr noch, ich habe das Gefühl, versagt zu haben vor dem, an den wir beide glauben: Versagt habe ich vor dem EWIGEN, vor dem Licht, vor dem unaussprechlichen Namen. Ob er mir das jemals verzeihen kann?

Ich war dabei, als ER zum Tod verurteilt wurde durch den Gerichtsrat im Hof des Hohenpriesters; ich war dabei, als ER befragt und verurteilt wurde vor dem Statthalter des Kaisers. Ich war dabei, als ER gegeißelt wurde und man ihm die Dornenkrone auf das Haupt drückte. Aber ich war nicht da, als er mich brauchte…

Ich stand unter dem Kreuz, und er vertraute mir dort seine Mutter an; er vertraute mich ihr an, dort, unter dem Kreuz, kurz bevor er starb… An seiner Statt soll ich nun der Sohn seiner Mutter sein, für sie sorgen, soll die Stütze ihres Alters sein. Sein Vertrauen ehrt mich, denn verdient habe ich es nicht. Aber es ist mir das Zeichen dafür, dass er mir vergeben hat. Dass er mich liebt. Und dass ich meinen Platz im ewigen Licht bei ihm nicht verloren habe – weil man sich diesen Platz gar nicht verdienen kann, sondern ihn immer nur geschenkt bekommt – allein aus Gnade…