Kostbarkeiten aus meinen Kirchen – das Altarbild der Dorfkirche Groß Kienitz

Den Altar der Dorfkirche in Groß Kienitz ziert eine der schönsten Darstellungen das letzten Abendmahls, die ich kenne. Der Künstler stellt in vollendeter Manier die zwölf Jünger dar, die sich um Jesus versammelt haben, um das Passahfest mit ihm zu feiern. Im Zentrum des Bildes steht Christus, der nach dem traditionellen Mahl Brot und Wein nimmt und beides mit einfachen und doch machtvollen Worten weiter gibt und dem Mahl damit eine völlig neue Bedeutung verleiht. Seit Christus sagte: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut; esst und trinkt das in Erinnerung an mich.“ – seitdem sind uns Brot und Wein der Erweis seiner Gegenwart in unserer Mitte und erfahrbares Zeichen dafür, dass wir Christinnen und Christen in aller Welt zu einem Leib, zu Seiner Kirche verbunden sind.

Das Altarbild in Groß Kienitz gefällt mir besonders auch deshalb, weil der Künstler keinen Unterschied macht zwischen Judas Iskarioth, dem Jünger, der Jesus verriet, und den anderen, denen dieses Schicksal erspart blieb. Kein besonders grimmiges Gesicht, kein auffälliger Geldbeutel am Gürtel, nichts zeigt den Betrachtern, welcher von den Zwölfen der Jünger ist, der in der Nacht im Garten Gethsemani seinen Meister küsste und so seinen Verfolgern zeigte, wer er ist…

„Herr, bin ich’s?“ fragten am Abend des letzten Mahles alle seine Jünger, einer nach dem anderen, so als ob jeder von ihnen sich dieses Verbrechen zutrauen würde, so als ob niemand von ihnen sich seiner Treue und Glaubensstärke wirklich sicher wäre.

Jesus war von Menschen umgeben, die ihre Schwachheit kannten, die um ihre Fehlbarkeit wussten.

Für mich geht ein großer Trost von dem Gedanken aus, dass er sich nicht vollkommene und „unfehlbare“ Nachfolger gesucht hat, sondern Menschen, die verzagen und versagen, die ängstlich sind und in ihrer Angst zu Verrätern werden, Menschen wie mich. Einer der Jünger dreht sich um zu mir, fragend einerseits und auch einladend: Wenn Du Dir auch die Frage stellst „Bin ich es, Herr?“ – dann gehörst Du zu uns, dann tritt ein in unseren Kreis und nimm Teil am Mahl, das die Vergebung der Sünde bedeutet…

Dieser Trost macht für mich dieses Altarbild in Groß Kienitz unendlich wertvoll…

Bisher habe ich nicht in Erfahrung bringen können, wer wann und wo dieses Bild gemalt hat – aber ich bleibe dran…

Was mir fehlte, war eine Berufung…

Ich bin von Bischof Martin Kruse zum Pfarrer ordiniert worden. Davor habe sechs Jahre Theologie studiert, zuerst drei Jahre in Berlin an der Kirchlichen Hochschule, dann drei Semester in Tübingen, und dann noch einmal drei Semester hier in Berlin zur Vorbereitung auf das Examen. Danach war ich Vikar in der Kirchengemeinde Lichtenrade und am Lindenthal-Gymnasium in Steglitz.

Als ich mit meinem Studium begonnen habe, war ich mir nicht sicher, ob es für mich richtig ist, Pfarrer zu werden. Meine Interessen lagen damals eher im Bereich der Naturwissenschaften, ich hatte beim Abitur Mathematik und Physik als Leistungskurs gewählt und hatte immer davon geträumt, einmal Physiker zu werden.

Es waren meine Eltern, die mich dann auf die Idee brachten, mit dem Theologiestudium zu beginnen. Zwar fand ich das Studium anregend und interessant, aber ich war mir auch nach dem sechsten Semester noch unsicher, ob ich wirklich eine Gemeinde leiten und in ihr Predigen sollte.

Was mir fehlte, war eine Berufung. Ich wartete habe darauf gewartet, dass Gott mir in irgendeiner Weise mitteilt, dass er diesen Weg für mich ausgesucht hat, dass er mich als Pfarrer in seiner Kirche haben will.

In der Bibel fand ich so viele Geschichten, wie Gott Menschen in seinen Dienst beruft; Geschichten darüber, wie er Moses im brennenden Dornbusch erscheint, wie er Samuel mit hörbarer Stimmer ruft, wie Jesus Petrus und die anderen Jünger beauftragt, wie Paulus vor Damaskus geblendet von seinem Reittier fällt. Propheten wie Jesaja haben sogar geschrieben, dass die den Ruf Gottes fast wie einen Zwang empfunden haben, sie sind krank geworden, als sie sich ihm entziehen wollten.

Alles das hatte ich bis dahin nicht erlebt. Ich wartete auf eine Begegnung, ein Erlebnis, wenigstens einen Traum oder etwas ähnliches, dass mich davon überzeugen könnte, dass ich einen göttlichen Auftrag habe, Pfarrer zu sein.

Um es kurz zu machen: Ich habe nie ein solches Erlebnis gehabt. Kein Licht vom Himmel, kein Engel ist mir erschienen, ich habe nicht erlebt, dass der Geist Gottes wie eine Feuerflamme auf mich herabgeschwebt kam.

Und doch glaube ich, dass ich berufen bin; ich bin überzeugt, dass Gott mich als Verkünder seines Wortes haben will. Bischof Kruse hat damals in dem Ordinationsgottesdienst gesagt, dass die Ordination dem Glauben des Pfarrers helfen kann. Wenn er an sich zweifelt, an seinem Auftrag, an seiner göttlichen Berufung, dann kann er sich jenen Moment vor Augen halten, als ihm vor der versammelten Gemeinde dieses Wort ans Herz gelegt wurde: Siehe, in Zukunft wirst du Menschen fangen…

Bei meiner Ordination habe ich versprochen, das Wort Gottes zu predigen, seine Barmherzigkeit und seine Gnade zu verkünden, so wie es in den Bekenntnisschriften der Kirche steht: Allein durch Christus, allein durch Glauben, allein durch die Gnade Gottes werden wir gerecht.

Macht mich meine Berufung zu einem „besonderen“ Menschen? Nein, nicht im Mindesten. Viele Gemeindeglieder erwarten zwar von ihrem Pfarrer oder von ihrer Pfarrerin Besonderes – besonders fromm, besonders geduldig, besonders gläubig sollte er sein; irgendwie „anders“, auch wenn dieses Anderssein kaum jemals konkret beschrieben wird. Ich kenne viele Pfarrerinnen und Pfarrer und kann ihnen versichern – da „menschelt“ es genau so wie überall. Wir sind kein bisschen „heiliger“ als andere Christenmenschen.

Der einzige Unterschied ist, dass ich frei gestellt bin, zu forschen, zu beten, zu lesen, Theologie zu treiben – und um Seelsorger, zum Lehrer des Wortes Gottes, zum Prediger gewählt wurde.

Aber ich bin es nicht allein: Jedes Gemeindeglied ist dazu berufen, den anderen Vorbild und Lehrer zu sein; sie sind dazu berufen und dazu berechtigt, darüber zu sprechen, was Sie im Glauben als richtig erkannt haben. „Prüft alles, und das Gute behaltet!“ So werden wir von den neutestamentlichen Zeitzeugen aufgefordert – gelten wird nicht das Wort eines Einzelnen, sondern das, was die Gemeinde gemeinsam bekennt.

…slightly smaller than Montana.

Das World-Fact-Book des amerikanischen CIA ist im Internet frei zugänglich. Über jedes Land der Welt findet man dort interessante Fakten und wichtige Daten, mit der Genauigkeit einer staatlichen Organisation recherchiert und regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht.

Manche Tatsachen sind recht deutlich aus nordamerikanischer Perspektive heraus formuliert, was auf Menschen aus anderen Ländern oft lustig wirkt. „Deutschland“ – so heißt es da beispielsweise – „ist ein bisschen kleiner als der Bundesstaat Montana.“ Ähnliche Vergleiche findet man dort für jedes Land der Welt – und das ist dann doch wieder sehr interessant. Denn für uns, die in der Schule nichts anderes als Mercators winkeltreue Projektion der Welt gesehen haben, ist die tatsächliche Größe von Ländern und Kontinenten oft überraschend. Die von dem deutschen Kartographen Gerhard Mercator gezeichnete Karte dominiert bis heute unser Bild von der Welt. Sie verzerrt aber die Wirklichkeit auf eine letztlich fatale Weise:

So sehen Länder, die weit im Norden liegen, unverhältnismäßig viel größer aus als Länder in der Nähe des Äquators oder auf der Südhalbkugel unserer Welt – Kanada erscheint zum Beispiel um ein Vielfaches größer als Australien und Grönland größer als ganz Südamerika.

Die winkeltreue Projektion war und ist ein wichtiges Instrument der Navigation von Schiffen und Flugzeugen; aber sie ist völlig irreführend, wenn es um die Größe von Staaten und um Entfernungen geht. Für solche Zwecke gibt es linientreue und flächentreue Karten, auf denen aber dafür die Länder grotesk verzerrt erscheinen. Andere Entwürfe, die Flächen und Winkel recht detailgetreu darstellen, bezahlen diese Genauigkeit damit, dass sie nicht in einem zusammenhängenden Rechteck darstellbar sind: Buckminster Fullers „dymaxion-world-map“ beispielsweise besteht aus einer großen Zahl von Dreiecken, zwischen denen leere Flächen liegen. Wenn man die kugelförmige Oberfläche der Erde auf eine Ebene abbilden will, muss man eben immer Kompromisse eingehen.

Problematisch wird die Vorherrschaft der Mercator-Projektion auf Landkarten, in Schulatlanten, auf Schreibtischunterlagen, in Reisekatalogen, Lexika und Schulbüchern, sogar auf Google Maps und im CIA Factbook eben dadurch, dass die Länder südlich des Äquators dort als kleiner und damit unwichtiger dargestellt werden. Die Wirtschaftsmacht, die Bevölkerungszahlen, Produktion und Verbrauch und alle anderen wichtigen Kennzahlen über das Leben in einem bestimmten Land der Welt werden so mit einer falschen Intuition verknüpft, was Lage und Größe des Landes betrifft.

Der japanische Designer und Architekt Hajime Narukawa entwickelte Anfang des letzten Jahrzehnts eine eigene Projektionsmethode für Karten namens AuthaGraph, die zur Zeit als die beste und genaueste Projektion gilt und die seit 2015 auch in japanischen Schulbüchern zu finden ist und 2016 den „good design award“ gewann. Sie ist eine mathematisch recht aufwendige Konstruktion, die auf Fullers dymaxion-world-map basiert, aber eine Reihe von interessanten Unterschieden aufweist: Die Gestalt der Welt ist in einem Rechteck oder einem einzigen Dreieck darstellbar, ohne Risse und Lücken in der Karte. Man kann mehrere dieser Weltkarten wie Badezimmer-Kacheln aneinander legen und dann frei einen neuen Ausschnitt wählen, so dass es keinen festgelegte Mittel- oder Zentralpunkt in der Weltkarte gibt – anders als in üblichen Darstellungen ist also weder Europa noch Amerika oder der ostasiatische Raum der „Mittelpunkt der Welt.“

Ich hoffe, dass dieser neue Kartenentwurf sich auch bei uns durchsetzen wird und eine neue Sicht auf diese Welt befördert – ein neues Gefühl dafür, dass alle Länder dieser Erde wichtig sind und einen gleichwertigen Anteil zum Ganzen dieser Erde beitragen können und müssen.

Gerade in der Zeit, in der die Auseinandersetzung um die Weltökonomie immer größere Kreise zieht, wird auch eine korrekte Vorstellung von der wahren Gestalt der Erde für politisch weitreichende Entscheidungen immer wichtiger.

Bücher für den Urlaub

Aaronovitch, Ben: Der Galgen von Tyburn

Dies ist schon der sechste Band aus der Reihe um den jungen Polizisten Peter Grant, der in einer ganz besonderen Abteilung der Londoner Polizei Ganoven jagt und Verbrechen aufklärt – er ist der Schüler des letzten Zauberers der Stadt. Zusammen mit seinem Lehrer und Mentor Thomas Nightingale stellt er sich Trollen und Kobolden, Feen und Magiern und auch leibhaftigen Göttinnen in den Weg, um die Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten. Nicht gerade hilfreich dabei ist es, dass ausgerechnet die Mutter seiner Freundin in die Ermittlungen eingreift – aus nicht ganz uneigennützigen Motiven.

Denn in einem der vornehmsten Gebäude Londons wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Sie ist an einer Überdosis gestorben, und die Tochter der Flußgöttin Lady Ty hat die Drogen besorgt. Es ist höchste Zeit, dass sie bei Peter Grant einen Gefallen einfordert…

Ben Aaronovitch hat seine Bücher humorvoll, spannend und mit einer großen Prise Ironie geschrieben. Wer als Teenie „Harry Potter“ gelesen hat, wird als Erwachsener diese Bücher lieben.

Egan, Jennifer: Der größere Teil der Welt

„Bennie Salazar, ein Musikproduzent mit Visionen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Auch seine Assistentin Sasha hat Probleme, von denen er allerdings nichts ahnt. Als Scotty, der Leadgitarrist von Bennies einstiger Punkband, überraschend wieder auftaucht, holt die Vergangenheit beide ein.“

Dieser Roman gefällt durch seine Vielschichtigkeit. Über mehrere Jahrzehnte hinweg schildert Jennifer Egan die Höhe- und die Tiefpunkte im Leben ihrer Protagonisten. Ganz nebenbei erhält man Einblicke in das Lebensgefühl einer Generation von Musikern in der wirbelnden Stadt New York – und in das Leben ihrer Kinder und Enkel, das sich so sehr von dem ihrer Vorfahren unterscheidet.

„Ich wollte ein Buch schreiben, das einen beim Lesen spüren lässt, wie die Zeit verfliegt…“ schrieb die Autorin, die für dieses Buch 2011 den Pulitzer-Preis erhielt.

Allende, Isabel: Fortunas Töchter

»Fortunas Tochter« erzählt die bewegte Geschichte der Eliza Sommers, einer lebenshungrigen jungen Frau, die zwischen zwei Kulturen lebt und einen abenteuerlichen Weg geht. Als chilenisches Findelkind in der Obhut einer englischen Familie aufgewachsen, bricht sie, kaum 17jährig, aus ihrer wohlbehüteten Welt aus.

Wenn Isabel Allende einen Roman schreibt, wird es automatisch ein Klassiker: ein bunter, stinkender, würziger, aufreibender, klangvoller Eindruck aus dem Leben, der lange in der eigenen Seele nachwirken wird. Eliza folgt dem Ruf der Liebe, sucht ihren Verlobten in den Wirren des Goldgräberfiebers in Kalifornien und trifft auf Treue und Vertrauen, auf Gewalt und Verrat, auf Verzweiflung und Humor und findet letztlich das Selbstbewusstsein, das sie erst zu einer wahren Bürgerin der neuen Welt macht.

Dieses Buch ist von einer emanzipierten Frau geschrieben, die weiß, dass Selbstbestimmung nichts Theoretisches sein kann, sondern im wirklichen Leben erkämpft wird.

Bolz-Weber, Nadia: Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen

Eine ungewöhnliche Pastorin schreibt von den Irrungen und Umwegen ihres Lebens. In Denver / Colorado gründete sie eine lutherische Kirchengemeinde und nannte sie das Haus für alle Sünder und Heiligen. Um dieses Haus herum versammelten sich Menschen, die auf der Suche nach einer geistlichen Heimat waren: Obdachlose, Alkoholiker, Homosexuelle und andere Menschen, die in der Kirche normalerweise mit verdrehten Augen angesehen werden. Genau solche Menschen, schreibt sie, sind es, mit denen Jesus sich umgeben hat. Er hat nicht die Gesunden und Selbstbewussten gesucht, sondern die Geknickten und Zerstörten, die, die wissen, was Tod und Auferstehung bedeutet, weil sie es selbst erlebt haben.

Kirche ist für Nadia Bolz-Weber nicht ein Ort, an dem sich alle wohlfühlen und gemütlich zusammen feiern, sondern ein Platz, an dem jede und jeder erfahren kann, was es heißt, dass Gott es ernst meint mit der Liebe.

Pfingsten unvollkommen…

Es war einmal, vor langer Zeit, am Anfang der Welt, da lebten die Menschen noch alle zusammen an einem Ort. Sie waren ein kluges und stolzes Geschlecht, tüchtig und stark, wissensdurstig und neugierig, und was sie sich in den Sinn gesetzt, gelang ihnen leicht, denn sie hatten alle die gleiche Sprache und Zunge und verstanden sich ohne Irrtum und Streit.

Aber sie überhoben sich in ihrem Stolz ohne Weisheit und sagten zueinander: „Auf! Lasst uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Denn wir wollen Gott sehen, ihn erkennen und verstehen. Ja, den Göttern gleich wollen wir sein, wir wollen ihre Werke zu unseren machen und tun, was sie getan. So können wir uns für alle Zeiten Ruhm erwerben und Ansehen und Ehre.“

So fingen sie an zu bauen, und ihr Turm wuchs schnell empor. Gott im Himmel aber sah sich an, was die Menschen da bauten und spottete darüber. Wie vergeblich war ihr Bestreben, wie vergänglich alles, was sie sich vornahmen! Und Gott machte sich auf, und mit einem Fingerzeig verwirrte er die Sprache der Menschen, so dass sie bald in Zank und Zorn gerieten und einander nicht mehr verstanden; so nahm er ihnen ihre Einheit und ihre Kraft.

Bald verstreuten sie sich in alle Himmelsrichtungen, siedelten hier und dort, bauten und wohnten, wo es ihnen gefiel, und es entstanden die Völker der Welt. Aber sie wurden nie wieder eins, und der Friede zwischen ihnen war brüchig und schwach. Und die Sprache, die sie einst verband, wurde ihnen zum Fallstrick, sie wurde die Quelle aller Missverständnisse und der Ursprung des Streits…

Paulus legte das „gute Buch“ aus der Hand und seufzte tief. Wie vertraut war ihm das, was er hier beschrieben fand; wie aktuell waren diese alten und ehrwürdigen Worte. Er dachte an den nicht endenden Streit in der Gemeinde in Korinth; er dachte an die immer wieder aufbrechenden Konflikte zwischen den „Christen“, wie man die kleine Gemeinde der Anhänger Jesu in diesen Tagen zu nennen begann, und den Juden, dem Volk Gottes; er dachte daran, wie oft er sich unverstanden fühlte… Kein Wunder, oft genug konnte er sich ja selbst kaum verstehen, verzweifelte beinah an der Erkenntnis, wie beschränkt er war und wie fern von den Idealbildern, die er vor seinen inneren Augen sah…

Ja, die Gemeindeglieder in Korinth machten ihm das Leben schwer. Stolz und klug waren die Menschen dort, weltgewandt und schwer zu überraschen: Sie wussten so viel und hatten Kontakte in alle Welt, denn sie trieben Handel mit allen Ländern bis an den Rand der Erde. Oft genug war er, Paulus, mit ihnen auf den Schiffen gefahren…

Aber sie waren nicht weise, genau wie damals die Menschen, die den Turm bauten in Babylon; wie sie wollten sich auch die Korinther zu gern „einen Namen machen“ und vergaßen in ihrer Selbstsicherheit das, worauf es wirklich ankam: sie hielten ihre eigenen Maßstäbe, „Modeerscheinungen“ der Spiritualität, auffällige, ja blendende Erweise der „Kraft“, für wichtiger als die Weisungen Gottes und sein Gebot der geschwisterlichen Liebe.

Oft genug war auch hier in der Gemeinde schon die Sprache die Quelle der Missverständnisse; sie sprachen vom Geist Gottes und meinten doch nur ein „göttliches Prinzip“ im Menschen; sie sprachen vom „Fleisch“ und meinten eher eine Art irdisches Gefängnis, dass es zu überwinden gilt. Sie sprachen von Freiheit und sahen nicht die Mauern und Gitter, in die sie sich selbst einsperrten – aber die Predigt des Paulus, seine Wort von der Freiheit, die das Kreuz Jesu Christi eröffnet, wollten sie nicht hören… Manchmal musste er mit den Christen in Korinth reden, als ob sie noch Kinder wären…

So viele Fragen verunsicherten die Gemeinde: Ist es erlaubt, Fleisch zu essen – auch wenn es aus einem Opfergottesdienst für einen heidnischen Gott stammt, wie eigentlich alles Fleisch, das es auf dem Markt in der griechischen Hafenstadt zu kaufen gab? Widerspricht Homosexualität ganz allgemein dem Willen Gottes, oder geht es in den bekannten Bibelstellen eigentlich um die“Knabenliebe“, wie zum Beispiel die alten griechischen Philosophen sie praktiziert hatten? Muss man der irdischen Obrigkeit gehorchen, auch wenn ihre Anordnungen der christlichen Gemeinde schaden könnten? Was kommt eigentlich nach dem Tod; und kann man wirklich sicher sein, dass auch die geliebten Menschen, die man ohne christlichen Segen bestattet hat – weil man es eben noch nicht besser wusste – im Frieden Gottes ruhen können?…

Und vor allem: Wie steht es um das Verhältnis zwischen den „Christen“ und den anderen Religionen, wie verhält sich Christus zu dem Gott Jahwe, der im Tempel von Jerusalem verehrt wird, zu dem Zeus und dem Hermes der Griechen, zu Jupiter und Merkurius, die die Römer verehrten, oder zu Odin und Wotan, die bei den Heiden am Ende der Welt in hohem Ansehen standen? So viele Fragen, so viel Ratlosigkeit… Kein Wunder, dass sich die Gemeindeglieder immer wieder verführen ließen, irgendwelchen Populisten nachzulaufen, rhetorisch geschickten „Superaposteln“, die ihnen einfache Antworten auf solch komplizierte Fragen versprachen…

Dazu kamen dann noch die üblichen Streitigkeiten in der Gemeinde, die es immer gibt, wenn eine größere Menge Menschen zusammenkommt – Streit um Macht und Einfluss, Vereinsmeierei, Klüngelei und Eitelkeit… Ja, das kennt man ja…

Wo aber bleibt in all dem die Liebe, die Christus geboten hat und an der man nach seinen Worten die Gemeinde erkennen soll? War die geschwisterliche Liebe nicht das größte Geschenk, die höchste Gabe überhaupt, die Gott seiner Kirche geschenkt hatte?

Paulus griff nach einem anderen Blatt, das ihm ein gewisser Lukas geschickt hat. Lukas war ein griechischer Arzt, der sich vor kurzem erst zu Christus bekehrt hatte und der nun durch die Lande reiste und überall die Geschichten und Erzählungen über Jesus sammelte, die von Mund zu Mund erzählt werden. In diesem kurzen Brief berichtete er vom Anfang der Christengemeinschaft in Jerusalem:

„Die Jünger waren alle zusammen in einem Haus; wie gewohnt waren sie in der Oberen Stube, um zu beten. Da erfüllte plötzlich ein Dröhnen das ganze Haus, ein Wind stürmte durch die Fenster, und der Geist Gottes erfüllte die Jünger. Wie ein helles Licht, wie eine Flamme der Begeisterung leuchtete es aus ihren Augen, und was sie zuvor nicht gewagt, das taten sie jetzt: sie gingen hinaus auf den Markt und redeten laut von den großen Taten Gottes, die er durch Christus getan hatte. Die Leute wunderten sich sehr über das, was die Jünger sagten; es war ihnen, als ob Gott selbst zu ihnen gesprochen hätte, und sie verstanden, was da gesagt war: Allein an diesem Tag bekannten sich 3000 Männer und Frauen zu dem Glauben der Christen.“

Der Geist Gottes erfüllte die Jünger… Diese Worte blieben im Gedächtnis des Paulus haften. Ja, es war seine Kraft, die Kraft des göttlichen Atems, die die Menschen verändert hatte. Auch das gab es ja in der Kirche; nicht nur Vereinsmeierei und verletzte Eitelkeiten. Es gab auch Menschen, die wirklich wie verwandelt waren, berührt von Gott, deren Leben neu geworden war durch ihren Glauben. Sie waren mutiger geworden, lebendiger, kraftvoller, einfach voller Energie, als ob ein Segen über sie gekommen wäre. Hatten davon nicht schon die alten Propheten gesprochen, dass Gott dies tun würde auf der Höhe der Zeit?

Beinahe hätte Paulus es selbst vergessen. Ja, die geistlichen Dinge müssen geistlich beurteilt werden, sonst werden sie nicht verstanden, scheinen sinnlos und töricht. Wirkliche Erkenntnis kommt nur dem Verstand, der für die Erkenntnis Gottes offen ist. Der nicht nur mit den menschlichen Möglichkeiten rechnet, sondern die Hoffnung hat, dass Gott Trauer in Freude verwandelt, die Einsamkeit der Mutlosen in die festliche Gemeinschaft der Menschen an Gottes Tisch, dass er aus einem Trauergesang einen Freudentanz machen kann – und dass er es nicht nur kann, sondern das er es will und dass er es tut, weil Gott doch nichts unmöglich ist und er ein Gott des Lebens ist… Beinahe hätte er es vergessen…

„Gut, dass es Menschen wie Lukas gibt, die mich von Zeit zu Zeit daran erinnern.“ dachte Paulus und legte das Blatt auf seinen Schreibtisch. Er trat ans Fenster und öffnete es weit. Vom Hafen her hörte er Musik, der Duft von Gewürzen und Gebratenem drang zu ihm herein. Es war Zeit, mit den anderen zu feiern. Pfingsten…

Kostbarkeiten aus meinen Kirchen – die DEREUX-Orgel

Ich habe in dieser Woche ein bisschen Zeit gehabt, in den Kirchengebäuden meines kleinen Sprengels herumzusuchen und zu kramen, und ich habe dabei entdeckt, dass es in der Kirche der Kirchengemeinde Wassmannsdorf eine DEREUX-Orgel gibt. Dies ist eine elektronische Orgel mit analog gesampleten Klängen; ein sehr ungewöhnliches und technisch außerordentlich interessantes Instrument aus dem Jahr 1973.

Die Töne werden in diesem Instrument nicht durch elektronisch erzeugte Sinus- oder Rechteckkurven produziert, wie es bei der Hammond-Orgel beispielsweise der Fall war, noch waren sie digitalisiert gespeichert, wie es bei den späteren digitalen Instrumenten die Regel ist.

Der französische Erfinder dieses ganz eigentümlichen Prinzips hat die Wellenformen, die von echten Orgelpfeifen erzeugt werden, vom Bildschirm eines Oszillographen abgezeichnet und mit einem Silber-Druckverfahren auf Bakelitscheiben gedruckt.

Für jeden Ton der Tonleiter gibt es einen eigenen Tongenerator, in dem die Klänge in verschiedenen Klangfarben und Tonhöhen aufgezeichnet sind. Jeweils zwei feststehende Bakelitscheiben tragen diese Information, und zwischen ihnen drehen sich die Abtastscheiben, die berührungsfrei durch ein elektrostatisches Verfahren diese Wellenforman auslesen, die dann mit Röhren- oder Transistorverstärkern weiterbearbeitet werden.

Leider ist die Orgel zur Zeit nicht zu benutzen, obwohl der Motor läuft und auch der Verstärker offensichtlich in Ordnung ist. Es könnte aber sein, dass der Hochspannungsgenerator defekt ist; und daran traue ich mich mit meinem Laienverstand nicht – immerhin arbeitet die Orgel intern mit Spannungen um 1000 Volt!

Faszinierend an diesem Prinzip ist, dass die Dereux-Orgel mit einer Art analogem Sampling arbeitet. Vor dem Einsatz des elektrostatischen Verfahrens experimentierte Dereux auch mit Schallplatten und Tonbändern als Datenträger für die Klang-Informationen; konsequent zu Ende gedacht ist seine Idee aber erst in den Geräten, die in den siebziger Jahren gebaut und in Deutschland vor allem durch die Firma Steinway & Sons vertrieben wurden. Eine Dereux-Orgel kostete damals nur etwa ein zehntel des Preises, den eine entsprechende Pfeifenorgel kostete, und war gegenüber Umwelt-Einflüssen wesentlich weniger empfindlich. Sie war auch viel leichter zu transportieren und aufzustellen und brauchte wesentlich weniger Wartung.

In der Gebrauchsanweisung steht:

Nach eingehendem Studium der klanglichen Eigenschaften berühmter historischer Kirchenorgeln in Paris nahm der französische Erfinder Dr. J. A. Dereux den Ton jeder Pfeife, Register für Register, mit Spezialmikrophonen auf und hielt die Schwingungskurven mit einem zu diesem Zweck entwickelten besonders empfindlichen Oszillographen zeichnerisch fest.

Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen konnten die so aufgezeichneten Schwingungskurven im Druckverfahren mit einer Silbermetall-Legierung auf Bakelitscheiben konzentrisch übertragen werden. Aus diesem wesentlichen Teil des Tongenerators wird durch den Abstand der einzelnen Kurven vom Mittelpunkt die Oktave bestimmt, in welcher der Ton angehalten wird, während die Schwingungskurve selbst den Ton des wiederzugebenden Registers darstellt.

Jeder der zwölf Tongeneratoren, die jeweils einem Ton und dessen Oktaven entsprechen, besteht aus zwei feststehenden Bakelitscheiben. Zwischen diesen dreht sich die Abtastscheibe. Die einzelnen Generatoren bestimmen die Tonhöhe durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ihrer Abtastscheiben.

Wird nun ein Register gezogen und eine Taste gedrückt, entsteht ein Kapazitätenwechsel zwischen den beiden feststehenden Scheiben und der rotierenden Abtastscheibe. (…)

Mit äußerster Präzision wird die durch Taste und Register bestimmte Schwingungskurve auf der Abtastscheibe abgelesen, und ein entsprechend modulierter Strom gelangt zum Verstärker, durch den er über die Lautsprecheranlage zum Ton umgewandelt wird.

Der Vorteil dieses Systems liegt darin, daß beim Tongenerator, Hauptbestandteil des Instrumentes, jeglicher Materialverschleiß entfällt, weil zwischen den beiden feststehenden Scheiben lediglich ein Kapazitätenwechsel des elektrischen Stromes stattfindet, aber keine Berührung. Das Instrument kann sich nicht verstimmen, weil die Schwingungskurven auf den beiden Scheiben des Tongenerators festliegen. Weder klimatische Veränderungen noch Heizungseinwirkungen haben Einflüsse auf die Tonqualität.

#march for science – über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion

Heute gehen weltweit fast eine halbe Millionen Menschen auf die Straße – für die Wissenschaft. Sie wollen ein Zeichen setzen für ihre Überzeugung, dass Forschung und wissenschaftliches Studium frei sein müssen – dass sie den Gegenstand ihrer Untersuchungen frei wählen darf, ihre Ergebnisse unzensiert veröffentlichen kann und dass sie die Möglichkeit hat, ohne Beeinflussung durch Wirtschaft oder Politik arbeiten zu können.

Der unmittelbare Anlass für diese Protestmärsche und Sympathiekundgebungen ist das Bestreben des amerikanischen Präsidenten, Forschungsergebnisse zu unterdrücken, die darauf hinweisen, dass es zu einer Veränderung des Weltklimas durch die Aktivitäten von Menschen gekommen ist – durch den Verbrauch von fossilen Brennstoffen, durch das Abholzen der Regenwälder und durch die Freisetzung von Kohlendioxyd und anderen Treibhausgasen. Unliebsamen Instituten und Universitäten werden die Mittel gekürzt; die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in den fachlichen und den populären Medien wird erschwert durch Propaganda und falsche Darstellung der Realität.

Darüber hinaus ist auch in vielen anderen Ländern eine zunehmende Bevormundung und Unterdrückung der wissenschaftlichen Forschung festzustellen, oft auch politisch-ideologisch oder religiös begründet.

Es ist für mich deutlich, dass es in diesem Streit nicht nur um finanzielle Interessen geht, sondern ganz grundsätzlich um Fragen der Macht. Wer die Macht hat, die Wirklichkeit zu deuten und die Welt zu erklären, hat Einfluss auf das Fühlen und Denken der Menschen und kann auch ihr Handeln beeinflussen.

In vergangenen Jahrhunderten war es oft die Kirche, die im Konflikt mit der wissenschaftlichen Forschung stand und die die alleinige Deutungshoheit über die Realität in allen ihren Erscheinungsformen für sich beanspruchte. Nicht nur Galileo und Darwin gerieten ins Visier des kirchlichen Bannspruchs; noch bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein, als man längst Atome spaltete und den genetischen Code zu entschlüsseln suchte, wurden bestimmte Bereiche der Forschung in päpstlichen Verlautbarungen als gottlos und ketzerisch verboten. Als „Modernisten“ bezeichnete man Soziologen und Philosophen, aber auch Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Naturforscher, die sich gegen das Primat der katholischen Kirche und ihren Anspruch, die Wirklichkeit zu deuten, engagierten. Von den katholischen Priestern wurde noch im Jahre 1910 erwartet, dass sie in einem „Antimodernisteneid“ dieser liberalen geistigen Strömung absagten.

Aber auch von der Seite der Wissenschaft aus ist es zu vergleichbaren Grenzüberschreitungen gekommen: Aus der Möglichkeit, viele Phänomene und Erscheinungen erklären zu können, ohne dafür auf ein Eingreifen Gottes hinweisen zu müssen, wurde geschlossen, dass Gott nicht existent sei, dass es gar keinen Gott geben könne. In manchen Ausprägungen hat Wissenschaft selbst die Züge einer Religion angenommen, wo sie nicht mehr nur wahrnimmt und beschreibt, was ist, und daraus Schlüsse auf Zusammenhänge zieht und so eine diesen zugrundelegende Theorie bildet, sondern darüber hinaus sinnstiftend und moralisch verpflichtend wirksam werden will.

Welches Verhältnis sollten Religion und Wissenschaft, Glaube und erkenntnisgeleitete Weltanschauung sinnvollerweise haben?

Ich denke nicht, dass der Glaube nur für die Dinge zuständig ist, die die Wissenschaft (noch) nicht erklären kann. Auf diese Weise würden Wissenschaft und Religion in einer Art Konkurrenz zueinander stehen und der Glaube müsste sich mit jedem neuen Fortschritt der Wissenschaft weiter zurück ziehen; der Vernunft ein verlorenes Territorium überlassen.

Es ist sicher viel sinnvoller, auf eine Zusammenarbeit beider Bereiche menschlichen Denkens und Forschens hin zu streben: Wissenschaft erforscht und beschreibt die Tatsachen der materiellen und fassbaren Wirklichkeit – während Religion und Glauben den Menschen spirituelle und moralische Maßstäbe an die Hand geben, mit denen sie ihr Handeln und Hoffen auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse prüfen und bewerten kann.