9,5 Thesen zur Erneuerung der Kirche

1. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.

2. In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, über allem die Liebe.

3. Wenn Christen miteinander beten, erscheint das Ziel der Einheit näher.

4. Friede ist nicht Abwesenheit von Kampf, aber Anwesenheit von Gott.

5. Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

6. Es kommt nicht darauf an, dass wir dem Leiden entgehen, sondern dass das Leiden seinen Zweck erreicht.

7. Die Tradition zu bewahren heißt nicht, die Asche zu verehren, sondern das Feuer weiter zu geben.

8. Erlöster müssten die Christen aussehen, bessere Lieder müssten sie singen!

9. Frag nicht, was die Gemeinde für dich tun kann; frag, was du für die Gemeinde tun kannst.

9,5. Die Zukunft ist ein unbeschriebenes Blatt. Wir sind gerade im Begriff, es gemeinsam zu beschreiben.

1. Jacques Jean Edmond Georges Gaillot (*1935), französischer Bischof von Évreux – 2. Aurelius Augustinus, (354-430), Bischof von Hippo in Nordafrika, Philosoph, Kirchenvater, Heiliger – 3. Papst Johannes Paul II. – 4. Eva von Thiele-Winkler – 5. Berthold Brecht zugeschrieben – 6. Eva von Thiele-Winkler – 7. Thomas Morus, Gustav Mahler u. a. – 8. Friedrich Wilhelm Nietzsche – 9. nach J.F. Kennedy – 9,5. Aus dem Buch: Anleitung für einen Redner TED Projekt

Dinge, die ich eklig finde…

Ich bin bei der Vorbereitung der Predigt für Sonntag. Der Bibeltext ist Teil einer spannenden Geschichte, die ich im Gottesdienst ganz erzählen werde. Petrus, der ehemalige Fischer vom See Genezareth und einer der ersten Jünger Jesu, hat einen Traum. Vor ihn entfaltet sich ein Tischtuch, darauf stehen Teller, Schüsseln und Terrinen, Besteck liegt da und vielleicht auch noch eine Vase mit Blumen und eine Kerze in einem edlen Leuchter, aber auf den Tellern und in den Terrinen kringelt sich Gewürm und krabbelnde Insekten, staubige Termiten und zitternde Spinnen, und Petrus hört, wie eine Stimme zu ihm sagt: Nimm und iß! (Apostelgeschichte 10, 13)

Petrus fühlt sich wohl wie im Dschungelcamp und sucht nach den versteckten Kameras, aber er findet keine und sagt dann: „O nein! Ich habe noch nie etwas Unreines gegessen.“ (Apostelgeschichte 10, 14)

Ich kann ihn gut verstehen. Ich war schon als Kind ziemlich mäkelig, wenn es ums Essen ging. Ein Apfel mit Stellen oder eine Banane, die aussen schon ganz braun war, hat bei mir immer schon erheblichen Widerwillen ausgelöst. Tomaten esse ich bis heute nicht roh, weil da so ein eklig-grüner Glibbel drin ist. Leber, Herz, Nieren und Innereien, alles Glibbelige und Schwabbelige esse ich nur, wenn meine Frau es kocht, ansonsten bin ich nicht mutig genug. Meine Frau dagegen probiert alles: Austern, Tintenfisch, Muscheln und Schnecken, sogar Heuschrecken und Ameisen; auch wenn sie dann manchmal Gesichter dabei schneidet, die ich niemals fotografieren dürfte.

Thunfischsalat bekomme ich nicht runter, weil ich vor zwanzig Jahren welchen gegessen habe, der schlecht geworden war, und seitdem habe ich immer diesen Gestank in der Nase, wenn ich Thunfisch rieche, auch wenn er perfekt frisch und total in Ordnung ist.

Manche Sachen, die ich früher eklig fand, esse ich aber inzwischen ganz gern, zum Beispiel Spinat (der Klassiker!), Rotwurst, Blutwurst und Schweinebraten mit dem Fettrand dran. Manchmal ändert sich der Geschmack eben. Vielleicht werde wir uns ja alle in ein paar Jahren daran gewöhnen müssen, Dinge zu essen, die aus Algen oder Insekten hergestellt worden sind.

In dem Traum von Petrus geht es aber wohl nicht darum, dass er Schnecken, Würmer und Maden eklig findet; er sagt ja nicht „Ih, sowas esse ich nicht!“, sondern es geht ihm um Reines und Unreines, also um die Frage: „Was ist von der Religion her erlaubt?“.

Trefe oder Koscher, Halal oder Haram, rein oder unrein, erlaubt oder verboten – Regeln, die das Essen betreffen, sind in vielen Religionen und Glaubensrichtungen eine wichtige Kategorie. Wahrscheinlich, weil sie etwas so wichtiges und lebensnotwendiges wie die Ernährung betreffen; weil es etwas ist, wo jeder Mensch mitreden kann, weil es meistens eine einfache Entscheidung ist, zu essen oder nicht zu essen und weil man anhand der Speiseregeln Religionen und ihre Anhänger ganz einfach unterscheiden kann. Ob ich Schweinefleisch esse oder nicht, ob ich vegetarisch lebe oder nicht, ob ich faste oder nicht – es ist immer auch eine Art Glaubensbekenntnis, ein Akt des Gehorsams gegen Gott und ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, Kirche oder Gruppe von Glaubenden.

Petrus war vielleicht sogar ein bisschen stolz darauf, dass er die jüdischen Speisegebote und Verbote immer eingehalten hatte, darum war er verblüfft und empört, dass ihm nun zugemutet werden sollte, so handfest gegen die Regeln zu verstoßen und Dinge zu essen, die für ihn bisher verboten waren.

Was Gott geschaffen hat, nenne Du nicht unrein!“ sagt ihm seine Traumstimme und sagt damit, dass die Kategorien, nach denen Petrus bisher gelebt hat, nicht mehr Gottes Kriterien entsprechen.

Im Fortgang der Geschichte des Petrus wird deutlich, dass es nicht nur um Speisegebote geht. In fast allen Religionen wird nämlich auch nach rein und unrein getrennt, wenn es um Menschen geht: Frauen (besonders während ihrer Regel), Männer, die mit Totem und Verwesenden oder anderem kultisch Unreinen in Berührung gekommen waren, vieles, was in irgendeiner Weise mit Körperflüssigkeiten zu tun hatte – und natürlich Fremde oder Andersgläubige, die nicht nach den Reinheitsgeboten leben konnten oder wollten, galten als unrein. Sie waren zum Gottesdienst nicht zugelassen, und schon die Begegnung mit ihnen machte auch die Glaubenden unrein, so dass sie sich reinigen mussten und für eine gewisse Zeit vom Gottesdienst ausgeschlossen waren.

Religiöse Vorschriften erzeugen hier ein großes Konfliktpotential, denn von der Einschätzung anderer Menschen als „nicht zum Gottesdienst zugelassen“ über „unrein“ zu „dreckig, wertlos und gefährlich“ sind es nur ein paar kurze Schritte – und das öffnet die Tür zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Apartheid. So war es aber nie gemeint. Eine Religion braucht wohl immer eine Grenze zwischen „Gehört zu uns“ und „Gehört nicht zu uns“ – aber sie sollte nie als Grenze zwischen „ist wertvoll und liebenswert“ und „ist wertlos und eigentlich gar nicht wirklich Mensch“ verstanden werden. Leider wurde dieser Unterschied in der Geschichte der Kirche oft in einer falschen Weise bestimmt, und vor allem die Kirche hat sich da schuldig gemacht und schwer versündigt. Erbarme Dich, Herr!

Gerade diese Erzählung aus der Apostelgeschichte zeigt hier, dass es anders geht: Nachdem der Traum oder die Vision des Petrus beendet war, klopft es an seiner Tür. Draußen stehen die Diener und Freunde des römischen Hauptmannes Kornelius, also aus der Sicht des Paulus eines „Heiden“, aus der Sicht des strenggläubigen Juden „Unreine“, mit denen er sich besser nicht abgeben sollte. Doch Petrus hat seine Vision noch im Gedächtnis und reagiert jetzt anders, als er es noch am Tag vorher getan hätte: Er lässt sich auf die Begegnung ein, er geht mit und macht sich auf die Reise nach Cäsarea, um Gast des römischen Hauptmanns zu sein.

Zwischen dem christlichen Juden Petrus und dem römischen, aber dem jüdischen Glauben nahe stehenden Kornelius werden zunächst einmal Grenzen und Verbindungen ausgehandelt, aber dann berichtet Petrus von dem, was sein Herz, sein Leben, sein Denken und Glauben bewegt: die Überzeugung, dass Jesus Christus der versprochene Erlöser ist und dass im Glauben an ihn das Handeln Gottes zum Höhepunkt und zum Ziel kommt. Im Laufe des Abends entsteht so im Haus des Hauptmanns Kornelius die erste christliche Gemeinde außerhalb des Bereiches Judäa.

Angesichts des Handelns Gottes wird der menschengemachte Unterschied zwischen den Religionen bedeutungslos. „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“ (Apostelgeschichte 10, 34) „Gott hat auch den Heiden die (Möglichkeit zur) Umkehr gegeben, die zum Leben führt!“ (Apostelgeschichte 11, 18)

Der Glaube an Jesus Christus war einer der ersten, der eine weltweite Mission ins Leben rief. Das Christentum war keine Staatsreligion, kein Glaube einer bestimmten Sippe oder Gruppe oder Ethnie. Christus für alle – ohne Unterschied! So etwas gab es wohl noch nie zuvor. Auf dieser Grundlage konnten Jesus die Worte in den Mund gelegt werden, die jetzt bei jeder Taufe zitiert werden: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker! Seht, ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt.

Genau aus diesem Grund aber wurde auch das Verhältnis zwischen den Christen und anderen Religionen kompliziert. Bis dahin konnte man beispielsweise in Israel sagen: Unser Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Israels, der Heilige der Juden – und ihr habt eben euren anderen Gott und ein anderes höchstes Wesen, das ihr verehrt. Aber schon in der Geschichte Israels vor der Geburt Jesu begann der Anspruch, dass der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, allein Gott für alle Menschen ist und dass die anderen Götter darum nichtige Götzen sind.

Doch nun breitete sich im römischen Reich der christliche Glaube aus und kam weltweit in Kontakt mit anderen Religionen, und damit erhob sich die Frage: Soll man andere Völker missionieren, soll man ihnen den Glauben anbieten, so wie Petrus es in der Person des Kornelius und seiner Familie gegenüber den Römern tat? (Bezeichnend ist, dass hier von „Heiden“ die Rede ist, also der Begriff verwendet wird, der immer für „die nicht-gläubigen Völker auf der ganzen Erde“ stand!) Oder sollte hier das tolerante Wort gelten „In jedem Volk, wer Gott fürchtet und recht tut, der ist vor ihm angenehm!“?

Vor allem stand bald die Frage im Raum der Geschichte: Sollen auch die Juden missioniert werden und eingeladen werden, Anhänger Jesu zu werden, Judenchristen, die in ihm ihren Messias gefunden haben? Oder sollte ihnen weiterhin zugestanden werden, dass Gott mit ihnen einen eigenen Weg gehen wird?

Wie steht es mit den anderen großen Religionen Islam, Buddhismus, Shintoismus? Was ist mit all den kleinen, bodennahen, naturverbundenen Glaubenssystemen der Afrikaner, der Süd- und Nordamerikanischen Ureinwohner? Es hat lange gedauert, bis die europäischen Weltentdecker in der Lage waren, die Kunst, die Masken und Totempfähle, die Malereien und die Figuren, die Duft- und Räucherstäbchen dieser Menschen als Ausdruck echter Spiritualität zu erkennen. Doch nun, da wir begonnen haben, diese Form des Glaubens anzuerkennen – kann, darf und soll man in den Ländern noch missionieren und versuchen, die Menschen dort zu Christen zu machen?

Der größte Teil der Kirche versucht heute unter dem Stichwort Ökumene und interreligiöser Dialog das Gespräch mit glaubenden Manschen aus allen Religionen zu beginnen und weiter zu führen. Es sind wenige, die genau diese Versuche verteufeln und als Abfall vom wahren Glauben verurteilen. Noch vor Kurzem galt der Satz „extra ecclesiam nulla salus“ – „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil“. Heute ist selbst die katholische Kirche an vielen Orten der religösen Welt zumindest gesprächsbereit, die evangelischen und anglikanischen Christen haben an dieser Stelle schon einen gewissen Vorsprung gehabt.

Es gilt, den eigenen Standpunkt nicht zu verlieren und dennoch die Möglichkeit zu ergreifen, von fremden, anderen, unbekannten Glaubensrichtungen zu lernen, und nicht unrein zu nennen, was Gott geschaffen und geheiligt hat. Wir haben da noch viel zu lernen, auch nach zweitausend Jahren beginnen wir erst zu verstehen, was das bedeutet: Gott sieht die Person nicht an; in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

Wasser des Lebens.

Eine Predigt am Zweiten Sonntag nach Epiphanias
Predigttext: Jeremia 14, 1-9

Jedes Mal, wenn ich ein Kind taufen darf, versuche ich mir vorzustellen, in welcher Zukunft es leben wird. Was wird sein in dreißig oder vierzig Jahren? Wird es dann selbst Kinder haben, eine Familie, auf die es stolz sein kann? Wird es Arbeit haben und ein Dach über dem Kopf? Wird es in Frieden leben können? Und wie wird es leben? In einer Welt voller High-Tec, mit elektrischen Autos und allgegenwärtiger Verbindung im Netz? Im Kampf um die letzten Ressourcen einer sterbenden Welt? Als Teil einer Menschheit, die gelernt hat, sorgsam und schonend mit der Natur umzugehen? Wird es die Kirche noch geben? Und wird diesem Kind, das dann erwachsen sein wird, seine Taufe noch etwas bedeuten? Sicher machen sich vor allem Eltern solche Sorgen, aber ich denke, dass heute die ganze Gemeinde solche Gedanken macht und miteinander das Taufkind unter den Segen Gottes stellt und ihm alles erdenklich Gute in einer lebenswerten Zukunft wünscht.

Sicher wird Wasser in seiner Welt eine große Rolle spielen. Schon seit Jahren wird deutlich, dass sauberes Trinkwasser eine lange Zeit unterschätzte Ressource ist. Als Grundstoff des Lebens, als fundamentaler Faktor in unserer Umwelt und der aller anderen Lebewesen auch, als unverzichtbarer Bestandteil unserer Ernährung, als Rohstoff in vielen Bereichen traditioneller und hochtechnologischer Industrie, natürlich weiterhin in der Landwirtschaft und der Viehzucht ist Wasser genau so wichtig wie die Luft, die wir atmen und der Boden, auf dem wir stehen.

Wir nehmen es selbstverständlich hin, dass wir nur den Wasserhahn öffnen müssen, um klares kaltes Wasser zu haben, das wir ohne Bedenken trinken können. Leitungswasser ist sogar besser als viele Mineralwasser, die man teuer in Plastikflaschen kauft. Kein Lebensmittel wird so regelmäßig und streng kontrolliert wie Leitungswasser. Trotzdem ist es so billig und so reichlich vorhanden, dass wir es auch in der Toilette, zum Autowaschen und zum Rasensprengen verwenden.

Wir wissen, dass es diesen Reichtum in vielen Ländern nicht gibt, wo Wasser knapp ist und kaum zum Überleben für Menschen und Tiere reicht. Nicht nur in Australien brennen die Wälder, über die Naturkatastrophen in Afrika und Südamerika redet zur Zeit niemand. Die andauernde Dürre in vielen Ländern hat dazu geführt, dass ein Ring aus Feuer um die ganze Erde reicht und Millionen Menschen auf der Flucht vor dem Hunger und der Armut sind. Es werden bereits Kriege um Wasser geführt. Die Worte aus dem Predigttext, die der Prophet Jeremia vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben hat, beschreiben exakt die Situation vieler Menschen, die heute in der Nähe der brennenden Felder und der vertrocknenden Flüsse leben. Für Menschen und Tiere ist nicht genug da, die Politik versagt und die Wissenschaft steht hilflos da. Selbst europäische Entwicklungshilfe und Milliardensubventionen können nur die Not mildern, aber an den Ursachen nichts ändern.

Vor zehn Jahren habe ich auf einem Kirchentag einen „Liturgischen Tag des Wassers“ miterlebt. Der Tag begann, wie es auf dem Kirchentag üblich ist, mit einer Andacht und einer Bibelarbeit, dann gab es einen Vortrag und eine Diskussion. Alles drehte sich um das Thema Wasser. Zur Entspannung gab es später Musik und dann ein gemeinsames Mittagessen. Nachmittags haben wir in vielen kleinen Gruppen miteinander gebastelt, diskutiert, gebetet, gestaltet und gedichtet. Am Abend wurde der liturgische Tag mit einem Abendmahlsgottesdienst beendet.

Mich hat es damals sehr irritiert, dass damals Wasser im Abendmahlskelch war und nicht Wein oder wenigstens Saft wie sonst. Ich fand das damals sehr unpassend, die Liturgie stimmte nicht mehr, es wurde von der Frucht des Weinstocks und vom Blut Christi gesprochen, gegeben zum Heil und zum Leben, und dann war da nur Wasser im Kelch. Aber einen Gedanken konnte ich gut nachvollziehen: Wie das Blut Christi ist auch das Wasser lebensnotwendig, es spielt überall in der Bibel eine große symbolische Rolle als Zeichen des Segens Gottes, als Symbol für den Übergang vom Alten zum Neuen und in der Taufe sogar vom Tod zum Leben, die „Medizin der Unsterblichkeit“.

Für das Volk Israel war eine solche Dürre immer auch eine geistliche Katastrophe: Waren sie nicht das Volk, das Gott zu seinem Eigentum auserwählt hatte? Hatte er sie nicht vierzig Jahre durch die Wüste geführt und sie dabei täglich getränkt und genährt? Hatte er nicht gesagt, dass er seinen Auserwählten treu bleiben würde und sein Segen fließen würde wie Tau und Refen und ein nie versiegender Bach, wie Wasserquellen in der Wüste? War Gott nun zu schwach geworden, konnte er nicht mehr helfen? Oder – schlimmer – wollte er es nicht mehr? Hatte sich Gott abgewendet wegen der Sünde und Gottlosigkeit der Seinen?

Mit ihren Gebeten bestürmten die Menschen Gott, baten um Vergebung ihrer Schuld und um Gnade und Barmherzigkeit. Viele stellten ihr Leben um und beachteten mehr als bisher das Gesetz und die Gebote Gottes. Mit neuer Hoffnung, mit neuem Vertrauen und neuem Glauben suchten und fanden sie die Hilfe Gottes.

Uns kommt diese Vorstellung wahrscheinlich naiv vor, unzeitgemäß, vorwissenschaftlich. Wir wissen besser als die Menschen damals um die vielfach vernetzten Zusammenhänge, die das Weltklima bestimmen, wir haben viel mehr und genauere Daten und können zufällige Ausreißer in der Statistik von einem langfristigen Trend unterscheiden. Aber bei aller Klugheit und aller Wissenschaft sind wir doch ebenso hilflos, genauso wehrlos wie die Menschen vor zweitausend Jahren. Und die Wissenschaft sagt uns, wenn ihr eure Lebensgewohnheiten nicht ändert, wenn ihr dem Wissen und Glauben nicht Taten folgen lasst, wenn ihr nicht umkehrt und Buße tut, dann sind wir alle verloren.

Es gibt immer noch Menschen, die den Klimawandel für eine bloße Theorie halten und die Aufrufe zur Umkehr für eine fixe Idee von Weltuntergangspropheten. Denen ist man ja schon immer mit Skepsis und Spott begegnet. Jetzt sind die Kinder auf der Straße und protestieren, aber es sind wieder weniger, und viel haben sie nicht erreicht. Der Schwung scheint verloren, Greta Thunberg geht wieder in Schweden zur Schule, wir haben uns sogar an die Sorgen und den Zorn der Jugend gewöhnt. Und jeder denkt: Was kann ich allein schon ändern?

Vielleicht ist es Zeit, zu beten. Ernsthaft: So wie das Volk Israel, die Auserwählten Gottes, sich vor ihm niedergeworfen hat, so müsste auch die Kirche beten und flehen um die Gnade Gottes, dass er es mit dieser Welt noch einmal gut machen möge. Gebet war nie ein naives „Die-Verantwortung-abgeben-und-sich-selbst-nicht-mehr-kümmern“, wie es den Betenden oft unterstellt wird. Ernsthaft beten heißt, selbst alles Menschenmögliche zu tun, dass das Erbetene eintreffen kann – und dann auf die Hilfe Gottes zu hoffen. Wer ernsthaft für eine Welt betet, in der allen Menschen sauberes Wasser zur Verfügung steht, der wird sich nicht schweigend damit abfinden, dass manche Wirtschaftszweige in Asien, Südamerika und Afrika ganze Seen vergiften, um Rohstoffe für unsere Computer aus dem Boden zu waschen oder Öltanker und Elektroschrott zu recyclen. Der wird Früchte aus der Region und in der Saison essen, und nicht von Plantagen in Ländern, in denen das Wasser knapp ist und die Menschen hungern. Der wird sich informieren über politische und wirtschaftlich-ökonomische Zusammenhänge und sein Leben – soweit es möglich ist – ändern, um nicht auf Kosten anderer zu leben.

Ja, keiner wird allein die Welt retten, aber wir in der Kirche sind viele, und es wäre in jedem Fall ein Anfang. Und unser ernsthaftes Gebet öffnet die Tür für ein Eingreifen Gottes in dieser Welt. Wenn nicht wir beginnen, wer sonst?

Wenn ich ein Kind taufe, will ich mir vorstellen, dass es in einer Welt lebt, die lebenswert ist, und das es Chancen und Möglichkeiten hat, die Welt zu gestalten und zu erhalten, so dass sie auch für die dann folgenden Generationen lebenswert bleibt. Und ich will mir vorstellen, dass es auch dann noch eine Kirche gibt, die um Gottes willen für das Leben eintritt und die um Gottes Gnade betet und die die Menschen zur Umkehr ruft und selbst immer wieder Buße tut. Denn das heißt: Leben!

Gott, dein Wort ist Liebe…

inspiriert von Psalm 119

Gott, dein Wort ist Liebe.
Du zeigst mir den Weg durch mein Leben,
an Deiner Hand geht es mir gut.

Gott, ich weiß, dass Du zu mir sprichst.
Oft zeigst Du mir den richtigen Weg
Täglich nimmst Du mich bei meiner Hand
Tröstend sind Deine Worte, hilfreich und gut

Gott, dein Wort ist Liebe.
Du zeigst mir den Weg durch mein Leben,
an Deiner Hand geht es mir gut.

Dein Segen behütet mich am Morgen.
Ehe ich wach werde, denkst Du schon an mich
In jeder Stunde des Tages bist Du bei mir
Nachts weiß ich, Du bist an meiner Seite

Gott, dein Wort ist Liebe.
Du zeigst mir den Weg durch mein Leben,
an Deiner Hand geht es mir gut.

Worte und dankbare Lieder schenke ich Dir
Ohne dich, Gott, will ich gar nicht mehr sein.
Regen und Sonne sind für mich Grüße von Dir.
Tausendmal täglich erlebe ich: Du bist mir nah.

Gott, dein Wort ist Liebe.
Du zeigst mir den Weg durch mein Leben,
an Deiner Hand geht es mir gut.

Ich denke manchmal, Du lässt mich allein
Schwer sind die Tage und kalt ist mein Herz.
Trost ist dann jedes Wort, das Du zu mir sagst
Liebe ist, was Du mir schenkst auch in dunkeler Zeit.

Gott, dein Wort ist Liebe.
Du zeigst mir den Weg durch mein Leben,
an Deiner Hand geht es mir gut.

Ich danke Dir, Gott, und bin fröhlich.
Erde und Himmel und alles, was lebt, ist froh über dich.
Bis an das Ende der Zeit will ich Dir danken.
Ewig ist Dein Wort, für immer die Liebe, die bleibt.

Gott, dein Wort ist Liebe.
Du zeigst mir den Weg durch mein Leben,
an Deiner Hand geht es mir gut.

Der Tag der fabelhaften wilden Männer

12. Januar: fabulous wild men

„The Internet says it´s a thing…“ Heute morgen habe ich im Radio gehört, dass heute der „Tag der fabelhaften wilden Männer“ sei. Es gibt Seiten im Internet, die für fast jeden Tag einen besonderen Anlaß anbieten, den man feiern könnte oder dessen man gedenken kann, wenn man will.

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, und darum gibt es den Handtuch-Tag (25. Mai) in Erinnerung an den Autor von Per Anhalter durch die Galaxis, den Star-Wars-Tag (May, the Fourth…), den Tag der Bratwurst (16. August, warum auch immer), den Tag der Zahl Pi (14. März) und noch viele andere mehr oder weniger sinnloser Gedenktage.

Manche haben einen durchaus ernsten Hintergrund, wie zum Beispiel der Equal-Pay-Day, der den Tag im Jahr markiert, bis zu dem Frauen länger arbeiten müssten, bis sie so viel verdient haben, wie Männer im vergangenen Jahr verdient haben; bemerkenswert ist auch der Welt-Ressourcen-Tag, an dem die Menschheit so viel von den nachwachsenden Rohstoffen der Erde verbraucht hat, wie in diesem Jahr gewachsen ist – ein Tag, der jedes Jahr früher stattfindet und inzwischen schon im Spätsommer angekommen ist.

Christopher-Street-Day erinnert an den Kampf der Schwulen und Lesben dafür, dass ihre Art zu Leben und zu Lieben als gleichwertig anerkannt wird und die Kriminalisierung der homosexuellen Liebe endlich beendet wird. Viele Gedenktage sind offensichtlich nur ein Scherz, wie der „Gegenteil-Tag“ und der Spendiere-Deinem-Pfarrer-ein-Bier-Tag (9. September), aber es gibt ja keine Pflicht, diese Tage zu feiern, aber wenn man einen Grund für ein Bier, ein Glas Wein, eine Party oder einen Blumenstrauß braucht – hier findet man immer einen.

Manche Tage haben schon eine lange Geschichte, andere gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten oder sind noch ganz neu. Viele dieser Feiertage stammen ursprünglich aus Amerika und werden nun weltweit gefeiert, manche sind nach wie vor das „Geheimwissen“ einer nur sehr kleinen Zielgruppe.

Der Gedanke an einen Tag des fabelhaften wilden Mannes hat mich fasziniert, so dass ich erst einmal ein bisschen geg**gelt habe – das Ergebnis fiel aber eher mau aus: Es gibt zwar einige Stichworte und Fundstellen zu diesem Tag, einige auch zu seinem englischsprachigen Pendant, dem „fabulous wild men day“. Es wird aber nicht klar, seit wann es diesen Tag gibt, wer ihn sich ausgedacht hat und was genau da eigentlich gefeiert werden soll. Eine Frauenzeitschrift ermuntert ihre Leserinnen, die Gesellschaft der fabelhaft heißen Kerle zu genießen, die im Büro, im Supermarkt, auf der Tanzfläche oder zu Hause anzutreffen sind. Andere Seiten im Internet beziehen sich auf das Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, in dem auf anschaulichen Bildseiten erzählt wird, wie man auf einer einsamen Insel den Kerlen begegnen kann, die zuerst fürchterlich wild zu sein scheinen, dann aber sich nett und freundlich und immer zu einer Party aufgelegt zeigen. Unglaublich, dass dieses Buch einmal in manchen (Schul-)Bibliotheken verboten war, weil es eben zu – wild war.

Einen Gedanken habe ich aber gar nicht gefunden, dabei würde dieser meiner Meinung nach einen solchen Gedenktag mehr als rechtfertigen: der „wilde Mann“ ist eine immer wiederkehrende Figur in der Volksmythologie und in alten Märchen und Sagen, und sogar in der Bibel kann man diesen Typos finden. Unzählige Orte sind nach dem wilden Mann benannt, Dörfer, Berge, Gasthäuser und Bergwerke; auf vielen Wappen und historischen Siegeln ist er zu finden. In der Entwicklungspsychologie spielt er als Metapher für eine bestimmte Entwicklungsstufe auf dem Weg zum Erwachsen-Sein eine Rolle.

Es gibt einen ausführlich recherchierten Artikel zu diesem Thema bei Wikipedia, darum hier nur ein paar Stichpunkte: In vielen alten Legenden repräsentiert der wilde Mann eine archaische, ungezähmte, unzivilisierte Form der Männlichkeit, die oft in einer durchaus zwiespältigen Weise gesehen wird: Als Beispiel stelle man Jakob und Esau nebeneinander, die beiden ungleichen Zwillingsbrüder des alttestamentlichen Patriarchen Isaak. Während Jakob als zivilisierter Bauer Landwirtschaft betriebt, lebte Esau nach alter Art als halbnomadischer Jäger. Mit einem dichten Bart und einem Tierfell als Bekleidung, sonnenverbrannter roter Haut und ungepflegter Erscheinung entspricht er auch äußerlich dem Typos des wilden Mannes, er verachtet aber auch die höheren Werte von Religion und Kultur, indem er sich bereit erklärt, das Mahl seines Bruders gegen sein Erstgeburtsrecht zu tauschen. Jakob dagegen wird „mit glatter Haut“ und listig-schlau zu dem Typos des späteren Stadtmenschen und verfeinerten Bürgers, obwohl er ja im Rahmen der Geschichte auch noch ein sonnenverbrannter Feldarbeiter sein müsste.

Samson, der als Gott geweihter Heiliger über übermenschliche Kräfte verfügt und zum Beispiel die Stadttore der feindlichen Philisterstadt ganz allein aus den Angeln hebt und davon trägt, wie auch Goliath, der Riese, den der spätere König David als junger Mann mit einer Steinschleuder besiegt, können sicher auch die Reihe jener ungezähmten Urmenschen gestellt werden. Auch Johannes, der Täufer, der im Kamelhaarmantel als Einsiedler in der Wüste wohnt, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt, muss seine Zeitgenossen mindestens ebenso durch seine wilde und fremde Lebensweise beeindruckt haben wie durch seine flammenden, aufrüttelnden und radikalen Predigten.

Chuchulain, der mythologische Kriegsherr der wilden Horde des eisenzeitlichen Irlands, gehört ebenso in diese Reihe wie der Berggeist Rübezahl und der Waldwicht Rumpelstilzchen, der Schneemensch Yeti und der Höhlenbewohner Rulaman. Nikolaus und Knecht Ruprecht und andere Kindererschrecker spielen auch in dieser Liga.

Oft wird in Sagen und Legenden die kraftvolle Männlichkeit durchaus auch in ihrer sexuellen Komponente gesehen – einerseits bestätigt die große Potenz des wilden Mannes seinen Machtanspruch und seine Stärke, gleichzeitig ist seine mangelnde Selbstbeherrschung und Zügellosigkeit auch seine größte Schwäche, denn sie macht ihn manipulierbar und so kann er leicht verführt oder zumindest abgelenkt werden.

Der Erzählungen vom wilden Mann haben leider schon bald nach dem Mittelalter eine rassistische Komponente erhalten, der „Wilde“ ist oft auch der Schwarze, der Unbekannte und Fremde, dem in seiner Unberechenbarkeit nur mit Vorsicht und Mißtrauen begegnet werden kann und der zu jeder Gemeinheit fähig ist. Selbst so unverdächtige Werke wie die „Zauberflöte“ von W.A. Mozart enthalten solche Motive, Monostratos, der einfältige Lügner, ist beinahe selbstverständlich ein Mann mit schwarzer Hautfarbe.

Der Patriarch, der Krieger, der alte Weise, der Zauberer, der Priester und der Heiler, der Wissenschaftler, der kundige Handwerker und der Lehrer und was es sonst an männlichen Stereotypen gibt, wird durch das Bild vom wilden Mann durchaus sinnvoll ergänzt. Nicht zuletzt darum haben sich die entsprechenden Mythen über Jahrtausende hinweg erhalten und entwickelt.

Vielleicht wäre der Tag des wilden Mannes doch eine gute Gelegenheit, über das Nebeneinander und das Miteinander von angeblich zivilisierter und moderner und angeblich naturnaher, wilder Lebensentwürfen nach zu denken, sich an die Fehler eines gedankenlosen Kulturkolonialismus zu erinnern und in geeigneter Weise auch die eigene Kraft einer Männlichkeit ins Bewusstsein zu rufen, die sich in Verantwortung auch ihre wilde Seite, ihre erotische Komponente und ihren eigenen Stolz bewusst macht, auch ohne daran zu denken, was die Leserinnen einer Frauenzeitschrift „heiß“ finden…

Auf dem Weg zur Arbeit…

Heute war in Berlin-Neukölln Pfarrkonvent. Einmal im Monat kommen alle Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises zusammen und reden miteinander über die Dinge, die die gemeinsame Arbeit betreffen. Erfahrungen werden ausgetauscht und Verabredungen getroffen.

Am Schluss diskutieren wir in kleinen Gruppen über den Predigttext des kommenden Sonntags; es ist für mich immer sehr interessant, zu hören, welche Einsichten die Kolleginnen und Kollegen da mitteilen. Ausserdem gibt es regelmäßig Vorträge, Gesprächsgruppen und anderes, was man Fortbildung nennen kann.

Heute sind wir in einer dieser Gesprächsgruppen auf das Thema gekommen – wie fahren wir eigentlich zur Arbeit und was erleben wir dabei? Viele Kollegen, die in der Stadt wohnen, fahren mit dem Bus oder mit dem Fahrrad. Sie haben berichtet, dass es einerseits schön für sie ist, durch „ihren“ Gemeindebereich zu fahren und dabei Menschen zu treffen und von Gemeindegliedern angesprochen zu werden. Es entsteht ein Gefühl von Vertrauen und Nähe, Nachbarschaft und Zugehörigkeit. Andererseits sind sie manchmal bedrückt, wenn sie erleben, wie viel Armut es gerade im Norden Neuköllns gibt, wie bedürftig viele Menschen sind. Auch Streit und Aggression ist in vielen Straßen Berlins der Normalfall, fast jeden Tag kann man erleben, wie Verkehrsteilnehmer sich anschreien, weil einer dem anderen in der Hektik die Vorfahrt genommen hat oder auf eine andere Art behindert hat. Die „Frustrationsschwelle“ ist da oft sehr niedrig; und es gibt auch regelmäßig Schlägereien und Schlimmeres, wo dann die Polizei eingreifen muss.

Ich will keinen falschen Eindruck erwecken, Neukölln ist ein sehr schöner Bezirk in Berlin, interessant, vielfältig, voller Leben und spannender Herausforderungen. Aber eben nicht einfach. Und viele Kolleginnen und Kollegen werden schon auf dem Weg zur Arbeit mit dieser Komplexität konfrontiert.

Mir geht es auf dem Weg zur Arbeit ganz anders. Ich fahre aus der Stadt hinaus; schon nach fünf Minuten bin ich auf der Bundesstraße und fahre dann eine Viertelstunde über Land, im Sommer ist es da hellgrün, dunkelgrün, himmelblau und voller Blüten, jetzt im Winter liegt oft Reif auf den Feldern und auf den kahlen Bäumen, und wenn die Sonne scheint, glitzert es wie die Landschaft auf meinem Adventskalender.

Leider muß ich Auto fahren, mit dem Rad bin ich zu lange unterwegs und der Bus fährt viel zu selten. Ich wäre einfach nicht flexibel genug.

Es ist aber schön, dass die Landschaft so sehr beruhigend und entspannend ist; das ist ein Grund, warum ich es so sehr genieße, in den kleinen Dörfern rund um den Flughafen zu arbeiten.