„SEID EIN BISSCHEN MUTIGER“ – Im Gespräch mit Pfarrer Richard Horn aus dem Sprengel Selchow

Herr Horn, als Pfarrer im Sprengel Selchow betreuen Sie sechs Gemeinden im Süden unseres Kirchenkreises. Normalerweise sind Sie also viel unterwegs. Wie ist das im Moment?

Viele Gemeindeglieder, mit denen ich mich sonst regelmäßig treffe, gehören zur „Risikogruppe“. Und ich mit meinen 57 Jahren inzwischen auch. Darum habe ich meine Arbeit, soweit es geht, ins Homeoffice verlegt. Zweimal in der Woche fahre ich in die Gemeinde Selchow, wo mein Büro ist, um den Briefkasten zu leeren. Ich telefoniere sehr viel und arbeite eifrig am Online-Angebot der Gemeinde. Und ich habe wieder angefangen, Fahrrad zu fahren!

Welche Formen geistlicher Gemeinschaft gibt es im Sprengel Selchow jetzt, wo wir auf unsere regulären Gottesdienste verzichten müssen?

Jeden Tag um zwölf Uhr – und am Sonntag zusätzlich um elf – werden die Kirchenglocken geläutet. Ich weiß, dass einige Gemeindeglieder dann das ‚Vater Unser‘ beten und daran denken, dass andere Menschen aus der Gemeinde gleichzeitig mitbeten. Letzten Sonntag sind viele Menschen während des Läutens vor ihre Haustüre getreten und haben sich zugewunken. Sie haben sich gefreut, sich wieder einmal zu sehen, wenn auch nur aus der Entfernung.

Was hilft, in diesen Zeiten hoffnungsvoll zu bleiben? Welchen Rat können Sie den Menschen im Kirchenkreis mit auf den Weg geben?

Ich bin überzeugt, dass es gut ist, in diesen Zeiten eine gewisse Struktur im Leben zu behalten: Pünktlich aufzustehen, sich jeden Tag schick zu machen, etwas Gutes zu essen kochen, auch wenn man allein ist. Mit der Lebensqualität geht sonst auch die Selbstachtung verloren. Stellt Euch Blumen ins Zimmer! Wichtig ist, die gewohnten Kontakte beizubehalten: Telefonieren, Briefe schreiben, Skypen. Das Internet macht vieles möglich, was vor zehn Jahren noch undenkbar war – sogar Videokonferenzen mit sechzig Leuten oder mehr! Manche Älteren wollen mit dem Internet nichts zu tun haben und haben Angst vor Betrügern. Aber ein Smartphone haben sie doch – damit kann man mehr machen als whatsappen und Essen bei Lieferdiensten bestellen. #WirSindDa … Seid ein bisschen mutiger. Schaut nicht so viel Fernsehen, sondern lest mehr! Und wenn ihr Spaß daran habt – schreibt selbst etwas, Gedichte, Kurzgeschichten und so fort. Und spielt – Skat, Schach, Jenga oder Monopoly. Auch wer allein ist, kann Patiencen legen – das hält den Kopf fit!

Das Interview führte Ebba Zimmermann

Geheime Superkräfte #2

Das wünsche ich mir: freundlich sein können mit mir selbst.

In allen Medien wird davor gewarnt, dass in Zeiten von Corona die häusliche Gewalt zunimmt. Frauen und Männer, Eltern und Kinder sind gezwungen, viel dichter und viel länger als sonst beieinander zu sein. Schnell geht man sich dann gegenseitig auf den Keks und es fallen harte Worte. Es wird geschrien und gebrüllt, manchmal auch hingelangt – bis einer weint. Oder alle.

Wovor nicht gewarnt wird, ist, dass die meisten Menschen jetzt auch viel mehr und viel länger mit sich selbst zusammen sein müssen. In „normalen“ Zeiten gibt es Vieles, das ablenkt. Die Arbeit, das Fernsehen, zocken und spielen, Freunde und Nachbarn, na ja, alles…

Aber nun habe ich Zeit, nachzudenken, in mich hinein zu horchen, die Tagtraum-Filme anzusehen und meinem inneren Team beim Streiten zu zu hören.

Ja, meistens streitet es sich und macht mir Vorwürfe. Niemand von da draußen ist so gemein und fies zu mir, ist so anspruchsvoll und so schnell zu vernichtender Kritik bereit wie diese Stimmen in meiner Seele oder wo auch immer sie sind.

Ich würde mir solche Reden auch von niemandem sonst gefallen lassen.

Aber es ist mein eigenes Ich, das mir sagt: Du bist nicht genug. Du hast zu wenig getan. Du hast Gelegenheiten verpasst. Du hast versagt. Du lässt andere im Stich. Du bist nicht wert, geliebt zu werden.

Stimmen, die immer da sind, die ich aber in „normalen“ Zeiten besser ignorieren kann. Weil da die anderen Stimmen von draußen sind, die sagen: Gut gemacht! Das war hilfreich! Weiter so! Wenn wir dich nicht hätten…

Aber diese Stimmen sind jetzt verstummt. Und die innere Stimme ist selten so freundlich.

Im Buch über Harry Potter habe ich einen Tip gefunden, was man da machen kann. Stell Dir eine Situation vor, in der Du sehr glücklich gewesen bist. Male sie Dir in allen Einzelheiten aus; je detaillierter, um so besser. Versetze Dich gedanklich in diese Situation hinein, spüre die Wärme, rieche, wie es duftet, höre die Musik und das Vogelgzwitscher, schau in das Licht. Und dann sage „expecto patronum!„.

Es kann sein, dass es funktioniert. Und wenn nicht, übe es, wiederhole den Zauber. Er ist ziemlich fortgeschritten und für Anfänger nicht leicht zu meistern. Aber die Übung wird helfen.

Geheime Superkräfte #1

Inkompetenzkompensationskompetenz

Das ist die Fähigkeit, damit klar zu kommen, dass man irgendetwas nicht weiß, oder nicht kann, oder dass man einfach schlecht vorbereitet ist.

Dann kann man natürlich sagen: Ich weiß das nicht, ich kann es auch nicht, weil ich total verpeilt bin und mich nicht vorbereitet habe. Das ist dann zumindest ehrlich, und es ist ja auch eine Art Superkraft, sich in solchen Situationen nicht raus zu reden und dazu zu stehen, dass man es gerade ziemlich vermasselt hat. Dann können alle ihre Sachen einpacken und wieder nach Hause gehen und man hat wenigstens nicht all zu viel Zeit verplempert.

Man kann aber auch frech drauf los improvisieren. Das geht erstaunlich oft gut. Wenn man selbst nicht all zu gut über irgendetwas Bescheid weiß, holt man sich Leute ins Team, die gutwillig und neugierig sind und Spaß an der Sache haben, und dann findet man gemeinsam raus, wie es funktioniert. Da lernt man sogar etwas dabei. Und es ist lustig und macht Freude.

Oder es geht schief und man fährt die Karre direkt und ohne Umwege total in den Sand. Dann hat man zumindest noch eine gute Geschichte zu erzählen.

Tag der offenen Tür – Eine Predigt zum Palmsonntag

Palmsonntag – Tag der offenen Tür

Macht hoch die Tür; die Tor macht weit…

Die Menschen in Jerusalem kannten das. Jedes Jahr wieder zog der römische Statthalter in einem Triumphzug in die Hauptstadt Judas ein. Prachtvoll aufgemacht in blitzender Rüstung, stolz und aufrecht stehend auf einem Streitwagen, um ihn herum die Soldaten, große, starke Männer, denen man ansah, dass sie Kämpfen und Siegen gewohnt waren, klirrende Schwerter an der Seite, große Schilde am Arm, auch sie alle in lederner oder eiserner Rüstung. Und vorneweg die Standarte mit den Buchstaben SPQR – der Senat und das Volk von Rom. Dieser Einzug des kaiserlichen Statthalters war eine Demonstration von Macht und Kraft, auch wenn hinter dem Mann auf dem Streitwagen ein Sklave stand, der ihm fortwährend zuflüsterte: „Denke daran, dass auch du nur ein Mensch bist!“

Gerne hätten die Bewohner Jerusalems jenes aufgezwungene Schauspiel ignoriert, aber das ließ die Besatzungsmacht nicht zu: Sie hatten dort anzutreten, mit Winkelementen und Jubelgeschrei, sonst riskierten sie, im Gefängnis zu landen. Die Römer ließen den Juden viele Freiheiten, mehr als allen anderen „befriedeten“ Völkern unter der Pax Romana, aber wenn es um Loyalität ging, verstanden sie überhaupt keinen Spaß.

Und nun kam DER. Fast könnte man es eine Karikatur, eine Parodie nennen: Der Wanderprediger aus Nazareth zog in einem Triumphzug ein in die Stadt: Statt des Streitwagens hatte er nur einen Esel, nicht die reichen Bürger der Stadt jubelten ihm zu, sondern die Armen, die Leute vom Land und die zweifelhaften und zwielichtigen Typen von den kleinen Gassen und den Ecken und Zäunen aus den Stadtvierteln, wo man besser nicht allein hin ging, wenn es abends dunkel wurde…

Viel wurde über ihn geredet, Gerüchte gingen um: Wunder hat er getan, Blinden hat er die Augen geöffnet; Lahmen hat er auf die Beine geholfen; Aussätzige von ihrer Seuche befreit. Er hatte keine Berührungsängste, wenn es um Bettler, Krüppel und Obdachlose ging, sogar mit Frauen hat er geredet, Witwen und solchen, mit denen kein anständiger Familienvater etwas zu tun haben sollte.

Manche sagten, er sei ein Aufrührer, hätte öffentlich gegen den Gottesdienst im Tempel gewettert. Klar, es gab da viel zu kritisieren, so dachten alle, aber er hatte das Gotteshaus eine Räuberhöhle genannt. Und er hat gesagt: Reißt doch den Tempel ab, in drei Tagen baue ich einen besseren auf! Das grenzte an Gotteslästerung…

Es war kurz vor dem Passahfest, darum war die Stadt voll von Menschen, und nun standen sie dicht gedrängt an der Hauptstraße, begierig, einen Blick auf diesen Menschen zu erhaschen, der sich so unangepasst und aufmüpfig verhielt: Jesus von Nazareth.

Und da kam er endlich. Durch das weit geöffnete Stadttor zog er ein. Um ihn herum seine Jünger: Fischer, Handwerker, sogar ein Zöllner. Ein paar religiöse und politische Eiferer, Zeloten. Nur wenige, die wirklich Ahnung hatten von Theologie, von der Lehre, die die Priester am Tempel verkündeten. Sie warfen ihre Umhänge auf den Boden, dass sein Esel nicht über die staubigen Steine der Strße traben musste, und viele jubelten ihm zu, riefen „Hosianna!“ und wedelten mit Palmzweigen, die sie eilig von irgendwelchen Bäumen gerissen hatten. Besonders die Kinder riefen begeistert: „Gelobt sei, der da kommt…“ Wo sie das nur her hatten? Es stand in den Heiligen Schriften, dass einst die Könige Israels so begrüßt wurden: Sie ritten auf einem Esel und die Menschen riefen ihnen zu: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosianna!“ Die Römer wussten nichts davon, sonst hätten sie ihnwohl gleich wegen Hochverrats verhaftet. Aber die Priester und Schriftgelehrten wussten es. Und wohl auch die Kinder, die ihm zujubelten. Es war für sie eine fröhliche Stunde…

Warum nur schaute er so ernst?

Klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit…

Am nächsten Tag öffnete noch jemand seine Tür für ihn. Eingeladen war er in das Haus des Simon. Simon, der Aussätzige, so wurde er genannt, um ihn von den vielen anderen Simons, die es in seinem Viertel gab, zu unterscheiden. Kein schmeichelhafter Name. Ja, er war einmal aussätzig gewesen. Seine Krankheit lag aber schon viele Jahre zurück, und nichts war geblieben als ein paar Narben – und immer wieder mal Alpträume in der Nacht; bedrückende Erinnerungen an ein paar Jahre seines Lebens, in denen er draußen vor dem Stadttor hausen musste, allein, um niemanden anzustecken. Wenn jemand in seine Nähe kam, musste er „Unrein, unrein!“ rufen, dann wandte der sich mit Grausen ab. Soziale Distanz musste eingehalten werden, damit die Krankheit sich nicht verbreitet. Nicht einmal zum Beten in den Tempel durfte er – die Tote zu Gottes Haus blieben für ihn verschlossen. Nur seine Familienmitglieder kamen täglich, um ihm Etwas zu essen zu bringen, aber auch sie durften ihn nicht umarmen oder küssen, und oft sah er die Tränen in ihren Augen…

Ja, das war Gott sei Dank lange her, seine Klagelieder waren verstummt; aber noch immer waren die sichtbaren Narben ein Makel und brachten oft Menschen dazu, erschrocken zurück zu weichen. Immerhin hatte er jetzt wieder ein Haus in der Stadt, einen eigenen Brunnen und ein großes Zimmer, wo er mit seinen Freunden essen konnte. Nun hatte er auch Jesus und seine Jünger eingeladen, und es gab ein gutes, reichhaltiges Mahl.

Jesus wurde ziemlich oft eingeladen. Manche Gastgeber wollten sich schmücken mit dem Besuch des Wundertäters und Skandal-Rabbis aus Nazareth, andere waren an seiner Lehre und seinem Bekenntnis wirklich interessiert, und wieder andere gehörten zu seinen Jüngern, wenn auch nicht zum engsten Kreis, denn er hatte nicht nur arme und mittellose Verehrer.

Und Jesus feierte gern. Es passte scheinbar nicht zu seiner Predigt, aber er wusste gutes Essen und einen süßen Schluck Wein durchaus zu schätzen. Seine Feinde warfen ihm sogar vor, ein Fresser und Weinsäufer zu sein. Wenn man ihn darauf ansprach, sagte er oft: „Wenn der Bräutigam da ist, gibt es Grund, zu feiern. Es wird eine Zeit kommen, in der der Bräutigam fehlt, dann könnt ihr fasten und trauern.“

Wer aber war die Braut?

Der Duft der großen, weiten Welt…

Jesus lag also zu Tisch im Haus des Simon, des Aussätzigen. Damals saß man nicht auf Stühlen oder Hockern beim Essen, man lag bequem auf einer Couch und ließ sich das Essen gut schmecken. Zwischen den Gängen wurden Neuigkeiten ausgetauscht, Aktuelles und Grundsätzliches diskutiert, manchmal auch gestritten, je nachdem…

Da kam plötzlich eine Frau in den Raum, in dem die Gäste waren. Sie ging auf Jesus zu, sank neben seiner Liege auf ihre Knie. Die Frau zog ein schneeweißes Gefäß aus ihrem Kleid, feinster Alabaster. Darauf in glänzendem Rot und Gold das Siegel der besten Parfümerie der Stadt. Die es sahen, hielten den Atem an, als sie mit einer raschen Handbewegung das Gefäß zerbrach und sich ein wunderbarer Duft ausbreitete. Nardenöl, das Kost-barste, was es in Jerusalem gab, nur die Frauen der Fürsten und der reichsten Kaufleute trugen so etwas. Die Alabasterflasche musste mindestens dreihundert Sesterzen gekostet haben, dafür musste ein Tagelöhner ein ganzes Jahr arbeiten, auch die römischen Legionäre bekamen im Monat nicht so viel Geld.

Die Frau strich das kostbare Öl über Jesu Haare, massierte es mit ihren langen, schmalen Fingern ein. Streichelte über seine dunklen Locken. Strich ihm beinahe zärtlich über die Stirn, verteilte das Öl in seine Schläfenlocken, kraulte es in die Haare am Hinterkopf. Der Duft war einfach unglaublich. Und der Gastgeber, seine Jünger und alle anderen Männer im Raum sahen entsetzt zu. Denn Jesus schien es zu genießen! Mit leisem Lächeln auf den Lippen ließ er es zu, dass diese Fremde ihn berührte, ihn in diesen kostbaren Duft tauchte und alle Grenzen des Anstands ignorierte – er freute sich darüber und nahm diese Frechheit geradezu dankbar hin!

„Welch eine Verschwendung!“ rief da einer, und die anderen stimmten erleichtert ein. „Verschwendung!“ – das war ein Vorwurf, auf den man sich einigen konnte. Man musste nicht reden über diese unterschwellige Erotik, über das Übergriffige im Handeln jener Frau, über die unangemessene Zärtlichkeit in ihrem Tun. Verschwendung – das war etwas Handfestes, das anzusprechen man sich wagen konnte.

Jesus, Du liegst da und läßt das zu, dass da ein Jahresgehalt verschwendet wird für teures Parfüm? Wie vielen Armen und Notleidenden hätte man da helfen können! Wie viele Hungernde sättigen! Wieviel hätte man kaufen können, um die Nackten zu kleiden und die Gefangenen frei zu kaufen! Und nun alles dahin in einem Augenblick, vergossen für einen Moment Luxus und Überfluss – Jesus, hast du denn vergessen, dass wir heute nacht wieder unter den Olivenbäumen im Garten Gethsemane übernachten werden wie der einsamste Landstreicher? Welchen Sinn hat dann dieser Duft?

Wenn auch geöffnete Türen verschlossen sind…

Jesus nimmt diese Frau in Schutz. Noch tropft das Öl aus seinen Haaren auf seine Schulter, so verschwenderisch und großzügig hat diese Frau ihn in Wohlgeruch gehüllt. da fragt er seine Jünger: Was betrübt ihr diese Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Noch vor der Zeit hat sie meinen Leib gesalbt fürmein Begräbnis…

Hätte es Simon nicht besser wissen müssen, er, der so lange ausgeschlossen war aus der Gemeinschaft der Menschen in seinem Viertel wegen der ansteckenden Krankheit? Hat er nicht gewusst, wie es ist, wenn Menschen ihre Türen vor ihm schließen? Hätten es die Jünger nicht besser wissen müssen, die schon so lang mit ihm durch Judäa und Samarien gezogen waren und am eigenen Leib erlebt hatten, wie vor ihnen die Türen zugeschlagen wurden?

Wie könnt ihr die Türen schließen, euer Herz hart machen gegen diese Frau, die nichts weiter gemacht hat, als mich zu trösten, mich auf die dunkelste und härteste Stunde meines Lebens vorzubereiten? fragt Jesus sie.

Arme Menschen, Bedürftige, Traurige, Ratlose und Hilflose habt ihr doch immer in eurer Mitte. Ihnen könnt und sollt ihr helfen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Was aber nutzt das alles, wozu ist es gut, wenn eurem Tun die Liebe fehlt? Wenn ihr helft und euch engagiert, aber eure Tür dabei verschlossen bleibt? Ist es nicht nur tönendes Erz, nutzloses Geklimper, wenn ihr euch aus der Verantwortung für eure Geschwister freikaufen wollt? Macht die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, denn in diesen – den Ärmsten und Geringsten eurer Zeit – kommt der Herr der Welt zu euch!

Lesetipp: Nassim N. Taleb – Der schwarze Schwan

Lesetip: Nassim Nicholas Taleb:
Der schwarze Schwan
Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse
Carl Hanser-Verlag 2008, 456 Seiten, ca. 19 Euro

Alle Schwäne sind weiß – davon waren die Europäer bis ins 17. Jahrhundert hinein überzeugt. Dann wurde Australien entdeckt. Dort gab es schwarze Schwäne, und was keiner für möglich gehalten hatte, war auf einmal Realität.

Auf kluge und sehr unterhaltsame Weise schreibt Nassim Taleb in diesem Buch über die gundlegenden Annahmen, die die Arbeit von Politikern und Finanziers bestimmen. Alle Menschen, die Strukturen für die Zukunft planen, müssen Entscheidungen treffen, die von solchen Annahmen und Glaubenssätzen ausgehen. Meistens gehen sie dabei davon aus, dass die Regeln aus der Vergangenheit auch in Zukunft gelten werden.

Taleb schreibt über die Gefahr unüberlegter Annahmen, auf die die meisten Menschen ihr Leben gegründet haben. „Es ist bisher noch immer gut gegangen…“ – damit beruhigen sie sich selbst und laufen so in vorhersehbare Katastrophen. Denn ähnlich denken auch die Martinsgänse im Oktober…

Mit vielen Beispielen aus der Praxis erklärt er, wie anfällig Systeme für plötzliche Veränderungen sind und wie hilflos die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft reagiert, wenn ihre grundlegenden Voraussetzungen sich plötzlich ändern.

Ob es um eine plötzliche Virusepedemie geht, die Wirtschaftsstrukturen nachhaltig ändert, ob es um neue Erfindungen in der Technik geht, die plötzlich die Aufmerksamkeit von Millionen möglicher Kunden auf sich ziehen oder ob es langsam schleichende Entwicklungen wie den Klimawandel geht, dessen Folgen sich dann doch sehr unerwartet auswirken – Grundlagen ändern sich immer irgendwann, und Sicherheiten gibt es nicht.

Gerade gut strukturierte, durchgeplante und „krisenfeste“ Systeme haben sich dabei oft als besonders verletzlich erwiesen, während sich flexible, bewegliche und „unordentlich“ wirkende Konstruktionen viel besser anpassen konnten.

Es ist dabei nicht die Frage, ob die Katastrophe kommt, sondern nur, wann. Kann man sich vorbereiten? Kann man Strategien entwickeln, die auch dann noch halten? Eine dringende Frage in unseren Zeiten, die nicht zuletzt auch die Kirche betrifft.

Der libanesische Autor dieses Buches war viele Jahre als Mathematiker und Finanzexperte in den Vereinigten Staaten tätig und kennt die Grundlagen und Strukturen des Banken- und Versicherungswesen aus eigener Erfahrung. Risikoabschätzungen und das Rechnen mit unvorhergesehenen Entwicklungen waren sein Tagesgeschäft. Inzwischen ist er auch als Philosoph an der Universität von Massachusetts Amherst tätig und lehrt dort in der Fakultät für Statistik die „Wissenschaft der Unsicherheit“.

In treuer Verbundenheit…

Manchmal versteht man gewisse Dinge erst viele Jahre später.

Ich hatte einen Arbeitskollegen, der seine Briefe immer mit den Worten „In treuer Verbundenheit, C.F.“ unterschrieben hat. Ich habe das immer einfach so hin genommen, denn diese Worte passten zu ihm. Er ist ein Pfarrer vom alten Schlag, wie es heute nicht mehr viele gibt; und nicht nur in seinen Briefen, sondern auch in seiner Predigt verwendet er gern und oft altmodisch wirkende Worte.

In diesen Tagen denke ich oft an die Menschen, die mir wichtig sind, die mich über viele Jahre begleitet haben und an die ich mich gern erinnere. Und plötzlich sind mir diese Worte wieder eingefallen, und ich verstehe auf ein Mal, wie schön, wie tief und bedeutend sie sein können, wenn sie ernst gemeint sind.

Ich habe wenig Freunde, und wahrscheinlich habe ich oft viel zu wenig getan, um Freundschaften zu pflegen, aufzubauen und sich entwickeln zu lassen.

Zu diesen Wenigen aber empfinde ich eine tiefe Verbundenheit, auch wenn ich sie nur ein paar mal im Jahr sehe und manche überhaupt nur online kenne. C. kenne ich seit vierzig Jahren, und bei jedem Kontakt ist es, als ob wir uns täglich treffen würden. Die alte Vertrautheit ist sofort wieder da. G. habe ich vor fünfundzwanzig Jahren kennengelernt, und sie ist ein paar Monate später weggezogen und reist seitdem beruflich auf der ganzen Welt herum. Wir haben uns nur einmal wieder gesehen seitdem. M. ist für mich der einzige Mensch, mit dem ich wirklich über alles reden kann, ohne Angst. Vor zwölf Jahren haben wir uns im Internet getroffen. Und mein Leben wäre anders ohne sie.

I. habe ich lange aus den Augen verloren, aber seit drei Jahren haben wir ein Jahrzehnte alte Freundschaft wiederbelebt. Und dann sind da M. und A. und ihre Kinder.

Jetzt in der Corona-Zeit haben viele von ihnen Sorgen, Angst vor der Krankheit, Angst um die Familie, Angst um die berufliche Existenz und alles, was damit zusammen hängt. Ich würde gerne trösten, beruhigen, in den Arm nehmen. Aber es geht nicht.

Und auf einmal sind die Worte, die mein Arbeitskollege immer schrieb, ein starker Trost, denn das bleibt uns. In treuer Verbundenheit. Richard

All the lonely people…

Ich schreibe auch diese Woche wieder eine Predigt und mache mir Gedanken über eine Reihe von Passionsandachten. Wahrscheinlich wird aber niemand diese Worte hören, niemand diese Gebete mitsprechen. Ich spüre aber, dass es mir selbst gut tut, zu schreiben. Es macht mir Freude. Vielleicht ist es auch nur eine Möglichkeit für mich, einen Anschein von Normalität zu wahren…

Denn auch für mich sind diese Wochen ungewöhnlich, beängstigend und verstörend. Ich weiß, mir geht es unglaublich gut: Ich bin gesund, ich muss mir keine Sorgen machen wegen meines Gehalts und wegen meiner Arbeitsstelle. So vielen anderen Menschen, die mir wichtig sind, geht es aber wirklich schlecht – einer ist im Krankenhaus, mehrere Freundinnen und Freunde sind in Quarantäne; andere müssen noch jeden Tag zur Arbeit und haben Angst, sich anzustecken…

Für manche sieht die Zukunft kompliziert aus, weil das Einkommen wegbricht, die laufenden Kosten aber weiterhin gezahlt werden müssen. Und ich kenne einige Menschen, die schon vor Corona in prekären Verhältnissen lebten und nun leiden, weil sie in vollen Fluren und Wartezimmern von Ämtern und Behörden sitzen müssen…

Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit, Gemeindeglieder anzurufen, von denen ich vermute, dass sie allein und einsam sind. Fast alle sind aber relativ gut gelaunt, werden von Nachbarn und Freunden unterstützt und leben selbst in dieser Zeit ein „normales“ Leben. Das Einzige, was fehlt, sind die Besuche der Enkelkinder…

Die meisten Leute, die ich anrief, haben sich darüber gefreut, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie einsam sind.

Und ich frage mich, ob ich als Pfarrer im Moment überhaupt gebraucht werde. Ich schreibe, um nicht nichts zu tun, weil ich das schwer aushalte, nicht irgendwie und irgendwo tätig zu sein. Vielleicht wäre aber genau das jetzt dran: ausschlafen, Kraft sammeln, nachdenken. Lesen, wie sonst nur im Urlaub. Wandern und meine sechs Dörfer mal zu Fuß erkunden. Beten, einmal nur für mich und nicht als Vor-Beter für eine kleine Gemeinde.

Das Internet verführt dazu, sich zu betätigen: ich könnte einen Podcast in mein Mikrofon sprechen, Andachten auf Video veröffentlichen, Flugblätter und Handzettel mit Gottesdiensten „für zu Hause“ schreiben – aber ich weiß, dass meine Gemeindeglieder das nicht erreicht, dass sie es auch gar nicht brauchen. Podcasts und Online – Andachten gibt s massenhaft. Vieles, was jetzt im Internet erscheint, ist richtig, richtig gut. Meine Gemeindeglieder werden sich das trotzdem nicht ansehen. Es würde ihnen nicht nützen. Sie kommen größtenteils mit der Situation klar – anscheinend besser als ich.

Father McKenzie
Writing the words of a sermon that no one will hear
No one comes near
Look at him working
Darning his socks in the night when there’s nobody there
What does he care?

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

The Beatles – Eleanor Rigby