Vom Reden in fremden Sprachen – Von Gott so reden, dass man es verstehen kann…

Wenn wir ein Kind taufen, übernehmen die Eltern und die Paten, aber auch die ganze Gemeinde eine große Verantwortung. Gemeinsam übernehmen wir die Verpflichtung, den Glauben, die Liebe zu Gott, ein christliches Urvertrauen in einem Menschen zu wecken und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich unser neu getauftes Gemeindeglied irgendwann dazu entscheiden kann, selbst Christ zu sein und in und aus diesem Glauben zu leben.

Sicher, wir wissen und verlassen uns darauf, dass es der Heilige Geist selbst ist, der die Menschen zu Gott ruft, der in ihnen den Glauben bewirkt und stärkt – aber er benutzt dazu uns Menschen, fast immer. Wenn wir an unsere eigenes Leben denken, gibt es da fast immer eine Großmutter, die an unserem Bett mit uns gebetet hat, einen Vater, dem es wichtig war, dass vor dem Essen Gott in einem Tischgebet gedankt wird, eine größere Schwester oder eine Freundin, die uns in den Kindergottesdienst begleitet hat…

Vielleicht hat eine Patentante irgendwann gesagt: Du solltest dich jetzt zum Konfirmandenunterricht anmelden, manchmal war es sogar ein Pfarrer, der bei einer Reise zur Vorbereitung auf die Konfirmation Worte gesagt hat, die hängen geblieben sind und weiter gewirkt haben über den Tag hinaus.

Ich weiß, wie schwer es ist, solche Worte zu finden. Als ich achtzehn Jahre alt war, kurz bevor ich mit meinem Studium begann, versuchte ich, einem Freund zu erklären, warum es für mich so wichtig war, an Gott zu glauben. Aber ich spürte damals selbst, wie unglaubwürdig diese Worte waren. Es gab für mich keine Sprache, in der ich glaubhaft erzählen konnte, was ich mit Gott erlebt hatte, welche Hoffnung die Auferstehung Jesu in mir wach hielt, was der Heilige Geist in mir bewirkt. Es klang alles formelhaft, geplappert, abgelesen, es schien nicht wirklich aus meinem eigenen Herzen zu kommen.

Und das hat sich auch im Theologiestudium kaum geändert. Als Pfarrer lernt man uralte Gebete und Glaubensbekenntnisse, diskutiert über Liturgien und Lieder von Menschen, die vor tausend Jahren gelebt haben und erfährt von den theologischen Gedanken und Theorien, über die man sich vor Jahrhunderten gestritten hat. Das alles ist sehr viel spannender, als es klingt; man kann sich mit großer Begeisterung in ein solches Studium stürzen und lernt sehr viel dabei – aber zu einem eigenen Glauben trägt es meist wenig bei, und es gibt meist nicht die Worte, die nötig sind, in einem anderen Menschen wirklichen Glauben zu wecken.

Ich denke, dieses Problem betrifft auch die Kirche als Ganzes, betrifft auch unsere Gemeinden. Wenn man Leute danach fragt, was sie vom Gottesdienst halten, fallen sehr oft die Worte „langweilig“, „uninteressant“, „belanglos“, „veraltet“ – dabei waren die Menschen meistens seit Jahren nicht mehr in der Kirche, tragen nur ein altes Vorurteil weiter.

Manchmal haben sie aber auch wirklich schlechte Erfahrungen in der Kirche gemacht. Wenn selbst ein Kardinal sagt, dass er spürt, dass die Kirche an einem toten Punkt angekommen ist und sich nicht mehr weiter entwickelt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer statt vom Glauben nur noch von Moral und Ethik reden, weil sie denken, das sei leichter zu vermitteln, wenn schon das Wort zum Sonntag in fünf Minuten die Zuhörenden von ihrem Fernseher vertreibt, dann stimmt ziemlich sicher etwas Entscheidendes nicht mehr.

Was haben wir noch zu sagen? Was ist aus der „frohen Botschaft“ geworden, dass keiner mehr sie hören will?

Vielleicht liegt es ja wirklich an der Sprache, die wir sprechen.

Ich liebe die christliche Tradition, ich mag die alten Gebete, ich liebe die Sprache der Lutherbibel, ich kann begeistert in die alten Psalmen und Kirchenlieder einstimmen und die alten ökumenischen Glaubensbekenntnisse mitsprechen. Aber ich weiß, dass das alles sehr viel „Insiderwissen“ voraussetzt und dass Menschen, die nur selten in den Gottesdienst kommen, ziemlich ratlos dabei sitzen, weil sie gar nicht wissen können, was da gepredigt und gesungen wird.

Ich – und wir alle – müssen also lernen, über unseren Glauben so zu reden, dass es auch Menschenskinder verstehen, die nicht in der Kirche zu Hause sind.

Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass wir nun alles in einer Art populären Kindersprache formulieren sollten. Dazu ist, was wir glauben, zu komplex, zu gewichtig. Man kann das Glaubensbekenntnis nicht auf drei einfache Sätze eindampfen, oder? Der Glaube an Gott wird immer eine gewisse Anstrengung von Taufkindern, Konfirmanden, Gottesdienstbesuchern, Pfarrerinnen und Lehrern verlangen.

So wie Musiker, Sportler, Handwerker und Künstler lange Zeit brauchen, um Meister zu werden, so brauchen auch Christinnen und Christen eine Zeit lang – oft eine lange Zeit – um geistlich reif zu werden und für sich selbst eine Sprache zu finden, in der sie sagen können, was sie glauben und wie der Glaube ihr Leben verändert.

Wir brauchen klare, wahre Worte. Die Versuchung ist immer groß, sich hinter verschwurbelten Begriffen und unklaren Bildern zu verstecken. Wenn der Pfarrer nichts zu sagen hat, sagt er Sätze wie „Gott ist das Licht“ – kann dann aber nicht sagen, was er eigentlich damit meint. „Gott hat alle Kinder lieb“ singen wir im Kindergottesdienst – aber was ist mit den Kindern, die krank sind oder mit ihren Eltern im Lager für Geflüchtete sitzen? Warum glauben wir trotzdem, dass Gott alle Kinder liebt, wenn manche Kinder so traurig sein müssen?

Nehmen wir die Fragen noch ernst, die „normale“ Menschen sich stellen, wenn sie unsere Gebete und Predigten hören, oder verstecken wir uns hinter einer theologischen oder philosophischen Fachsprache und richten uns in einem kirchlichen Elfenbeinturm ein, wo es sich gemütlich fachsimpeln lässt?

Wir müssen hinsehen, was die Menschen in unserer Zeit bewegt, was die Alten und die Jungen begeistert oder traurig macht, was ihnen den Atem nimmt und ihnen die Tränen in die Augen treibt – erst, wenn wir gelernt haben, ihre Sprache zu sprechen, werden wir auch ihr Herz berühren können.

Wir müssen die Welt sehen, wie sie ist und nicht davon träumen, wie wir sie in unseren Kirchenmauern gerne hätten. Natürlich hätte ich gerne an jedem Sonntag fünfzig Leute hier in unseren Reihen sitzen – aber wie kann das gehen, wenn schon die eigenen Gemeindeglieder die Stunden am Sonntagvormittag brauchen, um die Blumen zu gießen, die Tiere zu versorgen oder den Enkel zu besuchen, der nur dann Zeit hat, weil er auch an allen anderen Tagen der Woche zu beschäftigt ist…

Und wir müssen glaubhafte Worte dafür finden, welche Hoffnung der Glaube in uns weckt. Für uns ist ja der Glaube an Gott nicht nur etwas Zusätzliches, was zu all dem „Normalen“, was unser Leben ausmacht, noch dazu kommt. Für uns ist der Glaube an Gott wie ein Licht, wie ein Sonnenschein, der alles beglänzt und wärmt, was uns in unserem Leben begegnet, und uns hilft, auch mit schweren Zeiten und an dunklen Tagen die Hoffnung nicht zu verlieren.

War das jetzt für Sie ein seltsames Bild in einer unverständlichen Sprache oder konnten Sie verstehen, was ich meine? Es geht uns Christen doch genau wie allen andern Menschen, wir haben Angst, geraten in Not, machen uns Sorgen und fürchten uns – aber wir wissen, dass wir in all dem auf eine besondere Weise nicht allein gelassen sind, weil Gott mit uns durch dick und dünn geht… So, wie das Sonnenlicht uns auch im Winter begleitet, so, wie wir wissen, dass es die Sonne gibt, auch wenn sie gerade hinter dunklen Regenwolken versteckt ist.

Vielleicht ist das letztlich eine Erfahrung, die man nicht wirklich mit Worten vermitteln kann und die nur Menschen verstehen, die selbst schon Ähnliches erlebt haben. Gerade Kinder beobachten viel mehr, was wir tun, als das, was wir sagen. Sie ahmen unser Vorbild nach.

Was wir sagen, muss man uns also auch abspüren können. Was wir glauben, müssen wir auch in dem zeigen, was wir tun. Darin müssen wir nicht einmal perfekt sein, denn wir glauben ja an einen Gott, der unsere Fehler kennt und unsere Schwächen verzeiht – aber gerade darum sollten wir uns auch selbst verzeihen können und so diesen Glauben sichtbar machen.

Denn auch das stimmt ja – wir haben glauben gelernt durch unsere Oma, durch unsere Mutter oder unseren Vater, durch eine Freundin oder vielleicht sogar durch einen Pfarrer – weil diese Menschen nicht nur mit uns geredet haben, sondern weil sie uns vorgelebt haben, was Glauben eigentlich bedeutet.

Durch ihr Vorbild haben sie uns gezeigt, was es bedeutet, Christ zu sein; durch ihr Beispiel haben sie uns Hinweise gegeben, denen wir vielleicht folgen können; und so erst sind ihre Worte zu unseren geworden und so erst wissen wir, was es bedeuten kann, wenn jemand sagt: „Er hat mich bei meinem Namen gerufen, ich bin sein.“ Nur so können wir den Glauben weitergeben an den, der uns versichert „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“

Nachts, wenn alles schläft, sollte es dunkel sein…

Schon immer war ich fasziniert von dem Sternenhimmel über mir. Als kleines Kind habe ich im Sommer stundenlang nachts draußen auf der Wiese gelegen und hinauf geschaut, wo die Sterne glitzern. Ich kannte sie noch nicht mit Namen: großer Bär, kleiner Bär, Kassiopeia, Orion, Adler, Waage, Löwe – all diese Sternzeichen konnte ich noch nicht benennen, und ich konnte die ach so fernen Lichtpunkte nicht von den kleinen Scheibchen der Planeten unterscheiden. Ich war noch ein Kind, und das milde Glitzern dort oben war mir Wunder genug.

Als ich sechs Jahre alt war, durfte ich zum ersten Mal länger aufbleiben, um die erste Mondlandung zu sehen. Als es dann aber eine gefühlte Ewigkeit dauerte und kein Astronaut aus der Mondlandefähre stieg, um „Ein kleiner Schritt für einen Mann…“ zu sagen, musste ich dann doch ins Bett und habe das Jahrtausendereignis um ein paar Stunden verpasst.

Aber mein Interesse war trotzdem entfacht, und gute sechs Jahre lang wollte ich unbedingt Astronaut werden. Ich habe alles gelesen, was man über Raketen, Raumschiffe, Astronauten und Piloten in der Stadtbücherei ausleihen konnte, habe mich für Mathematik, Physik und Astronomie begeistern lassen, in meinem Zimmer hingen selbst gemalte Bilder von allen Planeten. Ich habe sämtliche Filzstifte ruiniert, indem ich Raketen, Satelliten und Raumsonden malte, und Astronauten im Raumanzug bei Wartungsarbeiten im Weltraum. Aber dann wurde doch nichts aus diesem Plan; ich fühlte eine andere Berufung…

Als ich in der Zweiten Gesamtoberschule in Reinickendorf Schüler war, wurde ich Mitglied in der Astronomie-Gruppe, die ein Lehrer für Interessierte anbot. Natürlich konnten wir uns nur ab und zu nachts treffen, darum war das größte Projekt, das wir in diesem Jahr bearbeiteten, eine Sternenkarte mit fast drei Metern Durchmesser. Wir klebten große rote Punkte auf für die hellsten Sterne am Himmel, mittlere gelbe für die meisten anderen Sterne und kleine blaue Punkte für die planetaren und galaktischen Nebel aus dem Messier-Katalog.

Einmal trafen wir uns an einem kalten Wintertag auf der Mülldeponie, die alle nur den „Müllberg“ nannten. Der war aber in dieser Zeit schon schön rekonstruiert und war ein Naherholungsgebiet für die Familien aus dem Märkischen Viertel; man konnte im Winter dort prima Schlitten fahren. Dort bauten wir auf einem schweren Stativ das Cassegrain-Teleskop auf, das die Schule gerade erst bekommen hatte, und bestaunten Jupiter mit seinen Monden und Saturn mit seinen Ringen. Endlich konnte ich die Planeten „in echt“ in einem Okular flimmern sehen und nicht nur auf Fotos in meinen Büchern… Ich habe die Astronomiegruppe verlassen, als ich dort immer mehr wegen meines Glaubens an Gott ausgelacht wurde. Wie man gleichzeitig Naturwissenschaftler sein kann und gleichzeitig an den lebendigen Gott glauben kann – das ist bis heute ein wichtiges Thema für mich, und ich bin noch lang nicht damit fertig.

Schon damals war am Stadtrand die Milchstraße nur sehr selten zu sehen, die Dunstglocke über der Stadt und die „Lichtverschmutzung“ ließ es niemals so dunkel werden, dass das schwache Lichtband sichtbar wurde. Nur wenn wir in den Alpen oder an der Ostsee Urlaub machten, zeigte sich der Himmel in all seiner glitzernden Pracht. Nun suchte ich mit dem Feldstecher in der Hand nachts nach Jupiter und Saturn, nach den Pleijaden und nach dem Andromedanebel…

Ab und zu zog ein heller Lichtpunkt sehr schnell über den Himmel und kam dann an diesem Tag nicht wieder, das war ein Staellit oder eine Raumstation, „Mir“, „Spacelab“ und später dann, besonders hell, die „International Space Station“.

Mit all dem ist es nun fast vorbei. Hier in Lichtenrade, wo ich jetzt wohne, überstahlt das Licht der Stadt auf der einen Seite und die Beleuchtung des Flughafen Schönefeld auf der anderen Seite fast komplett die Sterne, nur die allerhellsten stehen spätabends an einem hellgrauen Himmel: das Sommerdreieck aus Vega, Deneb und Atair; Orion im Winter, Kassiopeia und der große Wagen… Schon der Polarstern ist hier meistens nicht zu sehen. Venus, Mars, Saturn und Jupiter sind jeweils zu ihrer Zeit zu sehen… Aber an die Millionen Sterne der Milchstraße erinnert nichts mehr…

Ich habe gehört, dass in den vergangenen Jahren bis hinunter zu den Breiten, in denen Berlin liegt, Polarlichter vorgekommen sein sollen – aber hier in der Stadt werden sie wohl nicht zu sehen sein – ebensowenig wie die Meteor-Schwärme der Leoniden und Perseiden oder andere lichtschwache Himmelserscheinungen wie die leuchtenden Nachtwolken oder der „Gegenschein“.

Nun lese ich, dass die Firma SpaceEx Tausende von winzigen Satelliten starten und in die Erdumlaufbahn bringen darf, so dass man im Sommer wie im Winter zu jeder Stunde in der Nacht fast 300 Satelliten gleichzeitig am Himmel sehen kann. Sie werden gebraucht, um einen weltweiten Internetzugang zu ermöglichen. Dafür – so meinen die Befürworter des Projekts – sei ein kleiner störender Faktor doch ein sehr kleiner Preis.

Ich staune sehr, dass es einer Firma erlaubt ist, einen so großen Eingriff in die Natur vorzunehmen. Angeblich hat eine amerikanische Behörde der Firma SpaceEx die Raketenstarts und die Nutzung des niedrigen Erdorbits zu diesem Zweck gestattet. Aber ich frage mich, wie sich eine nationale Behörde das Recht herausnehmen kann, eine weltweite „Verschmutzung“ des Himmels zu gestatten. Astronomen haben schon seit Jahren protestiert und bewiesen, dass die Vielzahl der beweglichen Lichtpunkte am Himmel sowohl die Optische- als auch die Radiostronomie sehr stark behindern wird und die Forschung von irdischen Standpunkten aus unmöglich macht. Weder hier bei uns noch in den Anden, weder über den Wüsten in Afrika oder Asien noch über dem ewigen Eis am Nord- und Südpol wird der Himmel unberührt sein. Nur vom Mond aus und von Sonden in der Umlaufbahn um die Sonne herum wird noch echte Forschung möglich sein, die über das hinaus geht, was einem jede Volkssternwarte zeigen kann.

Der Internetzugang über Starlink wird wahrscheinlich sowieso für die meisten Menschen unbezahlbar sein und dazu noch eine Menge Probleme aufwerfen, Datenschutz und Abhörsicherheit betreffend. Die Satelliten kreisen in einer relativ niedrigen Umlaufbahn um die Erde, so dass sie durch den Luftwiderstand jeweils nach fünf bis zehn Jahren so weit abgebremst sind, dass sie verglühen und nur Reste über meist unbewohntem Gebiet abstürzen. So entsteht kein Weltraumschrott, andererseits müssen die Satelliten relativ häufig ersetzt werden, damit das System weiter funktioniert.

Gegen die Lichtverschmutzung und die Nutzung des erdnahen Weltraums für kommerzielle Zwecke haben sich mehrere Initiativen gebildet. Ich nenne hier nur die „Dark-Sky Initiative gegen Lichtverschmutzung“ und die „Paten der Nacht„, die mit ehrenamtlichen Aktivistinnen und Aktivisten ein Problembewusstsein wecken wollen und Initiativen größerer Gruppen ins Leben rufen wollen, zum Beispiel die Earth Night, ein Abend, in dem an vielen Sehenswürdigkeiten weltweit die Beleuchtung abgeschaltet wird, und die Dark Sky Reserve Nationalparks, in denen exzessive Beleuchtung verboten ist und das nächtliche Dunkel ein geschütztes Gut ist.

Geh nicht im Frieden in die gute Nacht…

Do not go gentle into that good night   (Dylan Thomas)

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light. 

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night. 

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light. 

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night. 

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light. 

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Geh nicht im Frieden in diese gute Nacht!

Dylan Thomas, übersetzt von mir…

Geh nicht im Frieden in diese gute Nacht!
Das Alter sollte brennen, rasen wenn der Tag sich neigt,
im Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht.

Wenn weisen Menschen auch zu recht das Licht vergeht,
weil ihre Worte niemals Blitze in das Dunkle sandten, auch
sie gehen nicht im Frieden in diese gute Nacht.

Gute Menschen, die zuletzt noch ahnten, mit welcher Kraft
und doch vergeblich ihre Taten tanzten, weinend gehen sie,
im Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht.

Wilde Männer zähmten einst im Flug der Sonne Pracht,
zu spät erlernten sie auf ihrem Weg, um ihren Glanz zu trauern,
sie gingen nicht im Frieden in eine gute Nacht.

Die ernsten Menschen, dem Tode nah, die beinah blind ein letztes Mal
die Augen öffnen, gleißend hell und glühend wie ein Meteor, sie gehen auch
im Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht.

Und du, mein Vater, dort auf trauriger Höh,
Fluche mir, segne, ich bitte dich, mich auch mit deinen heißen Tränen,
und gehe nicht im Frieden in diese gute Nacht.
Geh hin mit Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht!

Trauerfeier in B.

Gestern hatte ich – zum ersten Mal seit langer Zeit wieder – eine richtige Dorfbeerdigung. Fast hundert Leute drängten sich auf dem kleinen Friedhof in B., um eine Kapelle herum, in der gerade mal dreißig Leute Platz hätten, wenn wir nicht auch noch die Corona-Regeln einhalten müssten.

So saßen nur sechzehn Leute aus dem engsten Familienkreis hier zusammen, außerdem der Organist, ein alter Mann, der schon oft die Tasten an dem ausgeleierten Harmonium verfehlte, und der Bestatter. Und natürlich ich.

Draußen standen die anderen, die gekommen waren, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen: Am auffälligsten war eine Gruppe von Feuerwehrleuten, die in Uniform gekommen waren und ihre silbernen Helme in ihren weißen Handschuhen hielten. Seit seinen Kindertagen gehörte er zur Freiwilligen Feuerwehr; ohne seinen Einsatz würde es diese Einheit wohl gar nicht mehr geben. Einge Gemeindekirchenratsmitglieder waren auch gekommen, der Tote war zwanzig Jahre lang auch im Kirchenvorstand gewesen. Und auch einige Vertreter aus dem Gemeinderatsamt in Mittenwalde kamen mit einem Kranz aus roten Rosen, denn dort hatte er auch viele Jahre mit gearbeitet, eine Zeit lang sogar als Bürgermeister.

Die meisten Anwesenden waren aber dankbare Nachbarn und Freunde, die mit ihm ihr Leben geteilt haben. In ihrer Jugendzeit haben sie den Nationalsozialisten widerstanden (zumindest sagen das jetzt alle…) und ängstlich zugesehen, wie die Bomber der Aliierten über das Dorf in die Stadt flogen, die nachts am Horizont dunkelrot glühte. Manch einer warf seine Bombe auch schon hier draußen ab, denn es gab ein Flak-Geschütz in der Nähe, dessen Sperrfeuer die Engländer gern vermieden.

In den Jahrzehnten des realexistierenden Sozialismus haben sie sich im Dorf gegenseitig in allen Schwierigkeiten der Zeit ausgeholfen, sei es mit einer Autobatterie für den Traktor, sei es mit einer guten Summe West-Geld, wenn es mal wieder irgend etwas nur im Intershop zu kaufen gab. Man strich sich gegenseitig die Häuser mit weißer Farbe und kratzte dem Nachbarn das Moos von den Dachschindeln. Holz, Kohle, Ziegel und anderes wurde da eingesetzt, wo es gebraucht wurde, und selten ging dafür ein Geldschein von Hand zu Hand. Man kannte sich im Dorf und jeder wusste, was der andere gerade braucht.

Und gemeinsam haben sie legendäre Feste im Ort organisiert: Erntedankumzüge gab es, „so wie früher“, mit blumengeschmückten Wagen, die von Ochsen gezogen wurden und später dann von Traktoren, durch den ganzen Ort zum Festplatz an der Kirche, wo es dann Bier gab und Kümmelschnaps und Likör für die Frauen… Die Dorfjugend hat im Winter die silbernen Kugeln vom Weihnachtsbaum geklaut und sie am Neujahrstag dem Pfarrer vor die Tür gelegt. Auf den Dorfteichen konnte man zusammen Schlittschuh laufen und irgend jemand teilte immer ein paar Thermosflaschen Glühwein oder Grog mit den anderen, wenn die Kälte all zu bissig durch die Handschuhe drang. Zu Ostern gab es bunte Eier und Kuchen in Menge, Kaffee aus den Paketen, die Freunde aus dem Westen geschickt hatten, und Kringel und Kugeln aus im Fett gebackenen Quark, manchmal mit viel Zucker, manchmal herzhaft mit Speck und Gewürzen.

Der Grund und Boden, ein Heimatgefühl verband sie alle miteinander: die reichen Familien, denen die Felder und die Höfe gehörten, und die eher Armen, die in den Tagelöhnerhäusern wohnten und auf den Feldern säten und die Ernte einbrachten, den Müller und den Bäcker mit den Lehrlingen und Gehilfen, den Lehrer, der in der Volksschule alle Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren gemeinsam unterrichtete und den Pfarrer, mit dem der Lehrer jeden zweiten Abend ein Bier trinken ging, bis irgendwann der Wirt starb und die Gastwirtschaft ihre Türen für immer schloss.

Seit Jahrhunderten lebt die Familie des Verstorbenen hier im Ort, und eine neue Generation ist herangewachsen und führt Haus und Hof gewissenhaft und gekonnt fort. Beruhigt und dankbar konnte der Verstorbene das Heft an seine Erben weiter geben. In der Einfahrt zum Hof steht ein Findling, ein großer Stein, der hier schon seit der Eiszeit liegt. Man hat dort die Daten eingraviert, die man auch in der Dorfchronik nachlesen kann – seit 450 Jahren ist die Familie hier ansässig. Der Pfarrer dagegen ist erst seit fünf Jahren am Ort…

Nach der Trauerfeier gab es auf dem Hof Kaffee und Kuchen, belegte Brote mit Wurst, Käse und Hackepeter, alle Gäste der Familie saßen an schön gedeckten Tischen und redeten wild durcheinander und es wurde auch schon wieder gelacht; und zwischen den Erwachsenen mit grauen oder schwarzen Mänteln huschten die Kinder herum und spielten Fangen, während die Teenies in den Ecken standen und auf ihren Mobiltelefonen herum drückten. Wird die nächste Generation auch noch hier bleiben und die Tradition aufrecht erhalten?    

Geheimnis des Glaubens

Gott, der Vater; Gott, der Sohn und Gott, der Heilige Geist. Drei, und doch eins. Ein Gott, und doch irgendwie drei. Geheimnisvoll ist das und nicht wirklich zu verstehen.

So viele Bilder haben wir uns ausgedacht, um uns an das Geheimnis der Dreieinigkeit anzunähern, aber sie alle verfehlen das, worauf es ankommt. Viele Erklärungsversuche sind in der Geschichte der Kirche erarbeitet worden, um die göttliche Wahrheit zu begreifen, aber sie ist immer noch für uns verborgen.

Ist es so, dass Gott, der Vater, der Schöpfer des Universums ist, dass Gott, der Sohn, die Welt erlöst und dass Gott, der Heilige Geist für die Gegenwart Gottes in der Kirche steht? Falsch ist das nicht, aber das Werk Gottes ist nicht in ein zuerst, danach und jetzt teilbar – es ist immer ganz Gott, der tätig ist in Schöpfung, Heilung und Heiligung… Die Trinität steht nicht für eine Art zeitliche Abfolge im Wesen Gottes, und einen geteilten Gott können wir uns nicht denken.

Ist es so, dass Gott so ist wie Wasser, das fest als Eis, flüssig als Regen und gasförmig als Dampf erscheint? Ja, vielen Menschen liegt diese Vorstellung sehr nah, aber die Bekenntnisse der Kirche beschreiben das Wesen Gottes so: Es ist unterschiedlich im Vater, im Sohn und im Geist – und ist doch immer gleich, unvermischt, aber untrennbar verbunden… Gottes Wirken ist immer das Wirken der ganzen Gottheit.

Ist es so, dass die Dreieinigkeit von verschiedenen Aspekten Gottes spricht, hinter denen unterschiedliche Erfahrungen stehen, so wie in dem Gleichnis vom Elefanten, den die blinden Wissenden nie ganz begreifen, weil der eine den Rüssel betastet, der andere den Elefantenfuß und der dritte den dürren kurzen Schwanz? Wohl bleibt auch den christlichen Menschen, Forschern, Mystikern und Betern das wahre Wesen Gottes unbegreiflich und verborgen – aber das liegt wohl nicht an der Dreieinigkeit…

In meinem Studium habe ich das Nachdenken über das Wesen der Dreieinigkeit irgendwann aufgegeben. Es ist nicht zu begreifen, und es ist viel leichter zu sagen, was sie nicht ist, als zu sagen, was sie ist. Jeder Versuch, hier etwas zu erklären, stellt sich früher oder später selbst ins Abseits…

Gott als Dreieiniger, als Vater, Sohn und Geist, will nicht verstanden und erklärt werden – er will angebetet und verherrlicht werden, und so wendet er sich den Glaubenden in seiner ganzen Fülle zu.

Das Quanten-Tele-Chronoskop

„Komm!“, sagte Professor Zwiffels und drückte entschlossen auf die Klinke der eisernen Tür. „Ich werde es Dir zeigen.“ Als er die Tür öffnete, gab es ein zischendes Geräusch, und ein leiser Windhauch strömte den beiden entgegen, wehte ihnen die Haare aus dem Gesicht. Zögernd folgte Anna dem Professor in einen großen, runden Raum.

Ihre Augen brauchten eine Weile, bis sie sich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, aber dann erkannte sie, dass sich über ihr eine große, metallene Kuppel wölbte. Sie sah nicht aus wie die bemalten Kuppeln, die Anna aus den Kirchen kannte, sondern schlicht und irgendwie – technischer. Hier und da waren Zahnräder zu erkennen, die mit Antriebsketten aus kleinen schwarzen Kettengliedern verbunden waren, und dort am unteren Rand, wo die Kuppel in die Seitenwände des Raumes überging, waren große Räder wie von Eisenbahnwagen, die auf einer Schiene rollen konnten. Anscheinend ließ sich die Kuppel über dem Raum drehen so wie der obere Teil einer Windmühle.

In der Mitte des Raumes stand eine Maschine, die aussah wie eine gigantische Stimmgabel mit zwei Zinken, und zwischen den Zinken hing ein großes Rohr in einem drehbaren Gestell, wie eine Kanone auf ihrer Lafette. „Mit diesem Ding kannst Du in die Vergangenheit sehen.“ sagte Professor Zwiffels, „Du kannst Planeten, Sterne und ganze Galaxien sehen, aber nicht so, wie sie jetzt aussehen, sondern wie sie vor langer Zeit ausgesehen haben, Du kannst sogar zurück sehen bis zu dem Moment, in dem die Weltgeschichte begonnen hat…“

„Ist das eine Zeitmaschine?“ fragte Anna. Dieses Gerät unter der Kuppel sah zwar seltsam genug aus, aber eine Zeitmaschine hatte sie sich doch erheblich komplizierter vorgestellt, und – hm, nun ja, futuristischer, nicht aus Zahnrädern, Kanonenrohren, schweren Gewichten und dicken Fahrradketten zusammengesetzt.

„Nein“, sagte der Professor, „das ist mein Quanten-Tele-Chronoskop. Es ist schon über hundert Jahre alt, und eigentlich ist es nur ein besonders großes Fernrohr. Es macht mir nur Spaß, einen interessanten Namen dafür zu haben, mit dem ich die Touristen beeindrucken kann. Aber du kannst wirklich in die Vergangenheit damit sehen.“

„Uiih!“ staunte Anna und machte große Augen… „Wie funktioniert es denn? Bestimmt ist das ein großes Geheimnis. Hat der, der es erfunden hat, den Nobelpreis dafür bekommen?“

„Nein, als das Fernrohr erfunden wurde, gab es den Nobelpreis noch gar nicht. Es ist aber auch kein wirklich großes Geheimnis dabei; in jeder Stadtbücherei findest Du ein Buch, in dem steht, wie Du ein solches Fernrohr bauen kannst und wie es funktioniert. Es besteht aus einem großen Spiegel und ein paar Linsen aus Glas; der Rest ist nur, hm, Verzierung… Und – Du kannst mit jedem Fernrohr in die Vergangenheit sehen, aber das macht sich nicht jeder klar.“

„Eigentlich blickst Du immer, mit jedem Augenblick, in die Vergangenheit, denn – wohin Du auch guckst – das Licht braucht einen winzigen Sekundenbruchteil, um von dort in Deine Augen zu kommen. Denn Lichtstrahlen sind zwar unglaublich, geradezu wahnsinnig schnell – aber eben nicht unendlich schnell.

Lichtstrahlen fliegen 300 000 Kilometer in jeder Sekunde. Schneller als alles andere, was es gibt. Wenn Du zum Beispiel beim Wandern eine Bergspitze siehst, die noch drei Kilometer weg ist (Du würdest wohl eine knappe Stunde bis dahin brauchen…), dann braucht das Licht von dieser Bergspitze in deine Augen eine hunderttausendstel Sekunde. Du siehst also die Bergspitze nicht so, wie sie jetzt ist, sondern so, wie sie vor einer hunderttausendstel Sekunde war. Natürlich hat sie sich in dieser Zeit nicht sehr verändert, darum merkst Du es nicht.“

Der Professor drückte ein paar Knöpfe auf einem Schaltpult, ein kleines rotes Licht leuchtete auf, und irgendwo surrte es leise. Über Anna und dem Professor öffnete sich die Kuppel einen Spalt breit, und sie konnte Sterne am Nachthimmel erkennen, kleine flimmernde Lichtpunkte, die zu ihr herunter blinzelten.

Dann sagte er: „Im Weltall, wo die Entfernungen viel größer sind als auf der Erde, könnte man solche Dinge viel deutlicher wahrnehmen. Wenn zum Beispiel jemand jetzt, in diesem Moment, die Sonne ausknipsen würde wie eine Glühbirne, dann würden wir fast acht Minuten lang gar nichts davon merken, denn so lange braucht das Licht von der Sonne zur Erde. Erst nach acht Minuten würde es plötzlich dunkel und kalt. Wenn Du draußen zur Sonne siehst, siehst Du also die Sonne nicht so, wie sie jetzt ist, sondern, wie sie vor acht Minuten war.“

„Um den Planeten Jupiter kreisen eine ganze Menge Monde, die vier größten davon hat man gleich mit dem allerersten Fernrohr entdeckt, schon vor Jahrhunderten.“ erklärte der Professor. „Und man hat sie genau erforscht. Man kennt ihre Größe, ihr Gewicht und die Zeit, die sie brauchen, um um den Planten Jupiter herum zu kreisen. Immer wieder treten sie in den Schatten des Planeten ein, dann werden sie von der Erde aus unsichtbar, aber man kann genau ausrechnen, wann sie wieder erscheinen werden. Als man diese Rechnungen überprüfen wollte, stellte man fest, das irgendetwas nicht stimmte: Man hatte die ersten Messungen im Sommer gemacht, und als man im Winter danach die Messungen noch einmal überprüfte, gingen die Jupitermonde eine Viertelstunde nach. Sie traten später in den Schatten des Planeten ein, als sollten, und kamen auch entsprechend später wieder in das Licht.“

„Die Wissenschaftler wunderten sich darüber und konnten diese Ungenauigkeit nicht erklären. Als sie ein paar Monate später noch einmal nachmessen konnten, stimmte auf einmal alles wieder…“

„Es war ein sehr heller Kopf, dem auffiel, dass in diesem Sommer die Erde auf ihrer Umlaufbahn auf der selben Seite der Sonne stand wie der Planet Jupiter, im Winter stand sie auf der anderen Seite, also ein paar hundert Millionen Kilometer weiter vom Planeten Jupiter entfernt. Und das Licht, das vom Planeten Jupiter und seinen Monden zur Erde kam, brauchte darum auch ungefähr eine Viertelstunde länger für die Strecke.

Das war das erste Mal, das man wirklich beweisen konnte, dass das Licht nicht unendlich schnell ist. Wenn es den Nobelpreis damals schon gegeben hätte: Olaf Römer, so hieß der Mann mit dem hellen Kopf, hätte ihn sicher verdient…“

Während der Professor sprach, hatte er das Quanten-Tele-Chronoskop auf das Sternbild Orion ausgerichtet. Anna kannte es gut, sie hatte es schon oft am Winterhimmel gesehen, es war auffällig und leicht zu finden: zwei helle Sterne „oben“, drei helle Sterne in einer Reihe „darunter“, und ganz „unten“ noch einmal zwei helle Sterne. Das Ganze sah ein bisschen so aus wie eine riesige Eieruhr, oder wie ein Kerl mit breiten Schultern, der stolz und breitbeinig zwischen den Sternen stand. Unter seinem Gürtel aus drei Sternen konnte Anna so ein rötliches Geflimmer erkennen, das nicht wie ein Stern aussah, aber sie konnte sich nie denken, was es sonst sein sollte.

Als sie nun durch das Fernrohr sah, erkannte sie leuchtende, rote Wolken, fast wie die zwei Flügel eines Schmetterlings, ein paar dunkle Schleier davor und einige helle Sterne. „Die Sterne, die Du da siehst, sind ganz neu, gerade erst entstanden. Sie sind noch keine hunderttausend Jahre alt. Für Dich und mich ist das zwar eine Menge Zeit, aber nicht für einen Stern. Das da sind noch richtige Babies, die ihr ganzes Sternen-Leben noch vor sich haben.“

„Das Licht braucht von dort, wo dieser Sternennebel ist, bis hierher zu uns tausend dreihundert und fünfzig Jahre. Vielleicht sind in diesen tausend Jahren, in denen die Lichtstrahlen durch das dunkle Weltall geflogen sind, dort drüben noch ein paar neue Sterne entstanden, die wir nur darum nicht sehen, weil ihr Licht noch gar nicht hier angekommen ist. Wir könnten auch sagen: Wir sehen in die Vergangenheit und sehen den Orionnebel so, wie er vor 1350 Jahren war. Das ist genau dasselbe, nur mit anderen Worten gesagt.“

Wieder schwenkte Professor Zwiffels das Quanten-Tele-Chronoskop unter der dunklen Kuppel herum. Jetzt zeigte es in Richtung einiger eher unscheinbarer Sterne in der Nähe des großen Himmels-W, das, wie Anna wusste, Kassiopeia hieß. Als sie hindurch sah, erkannte sie einen nebligen Fleck, wie eine Mandel geformt… „Das ist kein Nebel, keine Gaswolke mit ein paar Sternen, wie der Orionnebel, den Du gerade gesehen hast.“,sagte Professor Zwiffels, und seine Stimme klang beinahe ehrfürchtig, als ob er über etwas Heiliges reden würde. „Das ist eine Galaxie, eine andere Milchstraße, so wie unsere eigene auch. Eine riesige flache Scheibe aus hundert Milliarden Sternen. Es gibt dort mehr Sterne, als es Menschen auf der Welt gibt.“

„Hier im Fernrohr kannst Du nur den hellen Kern dieser Scheibe sehen, dort stehen die Sterne so dicht zusammen, dass man keine einzelnen Sterne mehr erkennen kann. Die Andromeda-Galaxie ist aber viel größer als dieser Kern, sie hat um den Kern herum Spiral-Arme aus Sternen und Staub, aber sie sind nicht so hell, dass Du sie in meinem Teleskop sehen könntest. Das Licht von dort, das jetzt gerade in deine Augen fällt, war mehr als zwei Millionen Jahre unterwegs!“

„Wenn dort jemand leben würde, der ein Super-Quanten-Teleskop hätte, das so fantastisch wäre, dass er unsere Erde darin erkennen könnte, der würde jetzt sehen, wie hier die allerersten Australopithecus-Menschen von den Bäumen klettern, und wie sie vielleicht gerade das Feuer entdecken oder das Rad erfinden…“

„Sehr viel weiter kannst Du mit diesem Teleskop nicht in die Vergangenheit sehen, das Licht von Sternen oder Galaxien, die noch weiter weg sind, ist für unsere Augen zu schwach. Wir sehen ja immer nur das Licht, das gerade jetzt hier ankommt. Ich kann aber einen Fotoapparat hier unten an das Fernrohr montieren, dann kann ich ein Foto machen, das die ganze Nacht lang belichtet wird, das sozusagen die Lichtstrahlen von vielen Stunden in einem Bild sammelt. Auf so einem Foto werden dann Sterne sichtbar, die noch nie ein Mensch mit eigenen Augen gesehen hat.“

Anna konnte etwas wie Sehnsucht in den Augen des Professors entdecken. Reiselust, Fernweh. Bestimmt hatte er sich schon oft heimlich ein Raumschiff gewünscht, mit dem er schnell wie ein Gedanke, wie ein Traum zu diesen fernen Sternen reisen konnte, um die Leute zu treffen, die dort wohnen, und die Wunder in ihrem Teil des Weltalls zu erforschen…

„Es gibt auch ein Teleskop, das im Weltall in einer Umlaufbahn um die Erde kreist und dort Fotos macht. Weil es dort keine Luft gibt und das Teleskop nicht erst durch die Atmosphäre in das Weltall sehen muss, werden die Bilder sehr viel schärfer und man kann sehr viel deutlicher Dinge erkennen, Planeten, Sterne, ferne Galaxien…

„Einmal hat man das Teleskop auf eine dunkle Stelle am Himmel gerichtet, wo es scheinbar gar nichts zu sehen gab, und hat zwei Wochen lang das Licht gesammelt: Dann waren hunderte von Galaxien auf dem Bild zu erkennen, die mehr als 10 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt (und 10 Milliarden Jahre in unserer Vergangenheit) sind. Man vermutet, dass man einige von aller-ersten Galaxien überhaupt fotografiert hat, die damals im Weltall entstanden sind. Vorher gab es keine Galaxien, und das Weltall sah ganz anders aus als heute. Aber das ist eine andere Geschichte, die werde ich Dir später mal erzählen.“

Professor Zwiffels sah auf seine Uhr… „Du musst wirklich dringend ins Bett jetzt, meine Dame,“ sagte er, „sonst kriegen wir mächtig Ärger mit Deiner Mutter… Die ist mir zwei Wochen lang böse, wenn ich Dich jetzt nicht nach Hause bringe…“

Später, als Anna im Bett lag, schwirrte ihr ein bisschen der Kopf, diese Zahlen waren geradezu unvorstellbar groß. Millionen, Milliarden, alles das bedeutete ihr jetzt noch nichts.

Aber eins würde sie niemals wieder vergessen: Wie sie in dieser Nacht den Kern des Andromedanebels gesehen hatte, der in der Mitte des runden Bildes im Quanten-Tele-Chronoskops tanzte wie eine Fata Morgana, diesen kleinen leuchtenden Fleck, der in Wirklichkeit das vereinte, gesammelte Licht von unzähligen Sonnen war, die ihr über einen Abgrund aus Trizilionen Kilometer dunklen Raumes zuzwinkerten…

*innen und *aussen

Jeder Mensch, der etwas schreibt, jede Autorin und jeder Schriftsteller muss sich heutzutage entscheiden: Willst du irgend eine Art der inklusiven Sprache nutzen – und wenn ja, welche? – oder schreibst du wie früher in Worten, bei denen sich Frauen „mit gemeint“ fühlen sollen?

Ich schreibe nicht nur hier in meinem Blog. Ich bin Pfarrer, und das heißt, dass Worte mein Beruf sind. Ich lebe von geschriebenen und gesprochenen Worten; und darum gebe ich mir sehr viel Mühe, mit Sprache geschickt und verantwortungsvoll umzugehen. Dazu gehört auch, sich darüber Gedanken zu machen, welche Worte Menschen nicht ausschließen oder „unsichtbar“ machen.

Ich weiß gar nicht mehr, wann das Bestreben begann, mit besonderen neuen Formen des schriftlichen Ausdrucks die inklusive Sprache ins Bewusstsein der Sprechenden und Lesenden zu bringen. Gefühlt schon zu meiner Studentenzeit wurde das Binnen-I propagiert, so dass man StudentInnen schrieb und „Studentinnen und Studenten“ sprach.

Wenig später kam auch der Doppelpunkt mitten im Wort auf, Reporter:innen und Journalist:innen haben diese Form gern verwendet.

Der E-Mail-Ästhetik ist wahrscheinlich die Form mit Unterstrich geschuldet, User_innen und Programmierer_innen konnten so ihre political correctness beweisen.

Die Parodie der „feminispräch“ entstand ungefähr zu jener Zeit, als „PC“ begann, zum Selbstzweck zu werden… Googelt das mal!

2007 erschien die Bibel in „gerechter Sprache“ und viele Theologinnen und Theologen waren begeistert. Endlich gab es eine Übertragung der Bibel in eine Sprache, die Frauen nicht nur „mit meint“, sie nicht länger ausgrenzt, die auch die Behinderten, sozial Benachteiligten in ihrer Wortwahl wertschätzend achtet und die Diskriminierung von Juden vermeidet. Sogar in der Übersetzung des Namens Gottes ging diese Bibel neue Wege: wo Luther den Namen Gottes durchweg mit „der HERR“ übersetzte (und durch die Großschreibung deutlich machte, dass hier im Urtext das Tetragrammaton steht, also die vier Buchstaben des Gottesnamens JHWH), schlagen die Übersetzerinnen eine große Vielfalt vor – vorwiegend weibliche Formen wie „die Gnädige“, „die Barmherzige“, „die Weise“. Oft lässt sie den Namen auch einfach unübersetzt und liest die hebräischen Namen, wie sie in den Synagogen verwendet werden: „haSchem“, „Elohim“, „Schechinah“, oder „der Name“. Ähnlich machte es auch Luther, indem er Worte wie Elohim oder Zebaoth unübersetzt ließ, auch Halleluja und Amen werden ja kaum noch als Worte einer fremden Sprache empfunden.

Formulierungen, die antisemitisch gedeutet werden können, werden anders übertragen, und wo Völker oder Volksgruppen diffamiert werden könnten, werden Worte verwendet, die solche Interpretationen ausschließen.

Gut gemeint, aber schlecht gemacht. Diese Bibel liest sich an vielen Stellen wie übelstes Amtsdeutsch, weil sie anstößige Worte um jeden Preis vermeiden will und stattdessen einen komplizierten Eiertanz um sie herum aufführt. Und die Vielfalt in der Wahl der Namen Gottes erzeugt eine Irritation, die so von den Autorinnen und Autoren der biblischen Schrift nicht beabsichtigt war. Das Anliegen, inklusive und feministische Intentionen in den Bibeltext hinein zu tragen, überlagert die eigentliche Botschaft, die hier vermittelt werden soll.

Ich denke, dass diese Übersetzung ganz gegen ihre eigentliche Absicht sehr wohl ausgrenzt und insofern „ungerecht“ ist – denn sie setzt an vielen Stellen sehr viel theologische Bildung voraus, ist ohne intensive Beschäftigung mit anderen Übertragungen eigentlich nicht zu verstehen. Für den Gottesdienst ist sie meiner Ansicht nach total ungeeignet.

Gut – manche Kritikpunkte könnte man auch gegen die Lutherbibel richten – auch sie ist oft schwer zu verstehen und irritiert durch die altmodische Sprache. Aber sie ist dichter am Urtext, irritiert nicht durch Verfremdung und trägt keine sachfremden Anliegen in den Text hinein. Außerdem ist sie Teil der evangelischen Kulturgeschichte und genießt darum eine Art Denkmalschutz. Im Gottesdienst verwende ich sie gern; und wenn sie einmal gar zu schwer verständlich ist, lese ich aus der Basis-Bibel oder aus dem „Genfer Neuen Testament“, zwei modernen Übersetzungen, die auch wissenschaftlichen Anforderungen genügen.

Die vorerst letzten beiden Versuche für neue inklusive Formen in der Sprache sind das Gender-Sternchen, das als Gender-Gap gesprochen wird, wie man jetzt im Radio und im ZDF immer öfter hören kann. Vor allem in Schiften, die im universitären Kontext umlaufen, gibt es Bezeichnungen mit X, also zum Beispiel „Professx“ – keine Ahnung, wie das ausgesprochen werden soll. In diesen Formen sollen nicht nur männliche und weibliche Menschen angesprochen werden, sondern auch Trans- und Nichtbinäre Menschen, also Menschen, die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zuordnen können.

Ich kann verstehen, dass es auch diesen Menschen wichtig ist, nicht einfach „mitgemeint“ zu sein, aber ich fürchte, wenn ich diese Formen im Gemeindebrief oder in der Predigt verwendete, dass ich die Mehrheit meiner Gemeindeglieder damit verlieren würde – gerade auch die Frauen. Denn die Frauen in meiner Gemeinde sind selbstbewusst genug, dass sie nicht mit kompliziert verdrehten Formen der Sprache angesprochen werden müssen. Darum lasse ich es bei den vertrauten Formen und sage „Christinnen und Christen“ und „Liebe Schwestern und Brüder…“

Das F-Wort – oder: Wie man im griechischen Restaurant angenehm auffällt…

Wenn ich essen gehe, bin ich eher konservativ. Ich liebe zwar die Abwechslung, gehe mal gerne in ein kroatisches, dann wieder in ein indisches Restaurant, ich liebe spanische, italienische und thailändische Gerichte, ich esse äthiopisch und mexikanisch, sogar bayrisches Essen (Leberkäse!) und badisches (Zwiebelkuchen!), und am liebsten bin ich beim Griechen – aber in jedem Restaurant esse ich dann immer wieder das gleiche: Cevapcici hier, Chicken tikka massala dort, Spaghetti carbonara, Reis mit doppelt gebackener Ente – auf jeder Speisekarte gibt es mein Lieblingsgericht, was ich immer wieder wähle…

Und ich habe dann noch den (zugegeben manchmal etwas peinlichen) Ehrgeiz, die Gerichte mit ihrem richtigen Namen zu bestellen und nicht einfach zu sagen: „Einmal Nummer 42 mit scharfer Soße…“ Also sage ich „einen Teller Mutton Roghanjosh“, wenn ich das Lammfleisch mit Curry und Yoghurt haben will, und „eine Portion Keftedes“, wenn ich die leckeren panierten Hackfleischbällchen von meinem Leib-und-Magen-Griechen serviert bekommen möchte – als Vorspeise zur Ouzo-Platte selbstverständlich…

Peinlich wird es deshalb, weil ich die meisten fremden Sprachen nicht wirklich verstehe und darum gar nicht weiß, ob ich nicht aus Versehen im Steak-House „einen gepfefferten Schuh mit Mitternachts-Mützen“ bestelle. Die vorsichtige Bedienung fragt dann noch einmal nach: „Sie meinen Nummer 23, Steak mit Paprika, ja?“ und ich sage dann zerknirscht: „Genau…“ – Zum Glück merkt das aber fast nie jemand.

Ein bisschen Griechisch kann ich aber, und darum bestelle ich nicht nur die Gerichte mit ihrem richtigen Namen, sondern begrüße die Crew des Restaurants schon beim Eintritt in die wohldekorierten Räume mit einem fröhlichen „Kalli Sperra!“ Das heißt in etwa Guten Abend, denn das eher bekannte „Kalli merra“ heißt Guten Morgen und wird darum logischer Weise nur am Vormittag gesagt. Zum Abschied sagt man dann liebevoll „Kalli nicht da!“, und das heißt Gute Nacht… (Kalli scheint meistens früh schlafen zu gehen, abends ist er immer nicht da…)

Woher ich das weiß? Bei meinem Lieblingsgriechen gibt es besondere Servietten, auf denen in blauer Schrift steht „Jetzt lerne ich griechisch!“ und dann die Übersetzungen der wichtigsten Worte, die man im alltäglichen Leben in einer fremden Stadt und in einem unbekannten Land so braucht: Ich habe Hunger heißt Pineo. Ich habe Durst heißt Dipso. Für Berliner verwirrend, aber trotzdem relativ gut bekannt ist Folgendes: Ja heißt Nee – und Nee heißt Ouchie. Autsch…

Am wichtigsten aber ist das F-Wort. Wann immer man etwas Leckeres serviert bekommt, sei es der Ouzo vom Haus (fast immer mit dem Bonmot „ein Schluck Medizin für die Gesundheit“ präsentiert) oder die Nachspeise (Yoghurt mit Honig und Walnüssen) – wann immer etwas Angenehmes und Freude Spendendes auf den Tisch kommt – bedanke Dich mit „F-Charrissto“. Damit fällt man garantiert angenehm auf im griechischen Restaurant… „F-Charrissto“ heißt Danke; und das kann man ja gar nicht oft genug sagen…

Im Kindergarten wollte eine der Erzieherinnen den Kindern beibringen, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Als so ein Drei-Käse-Hoch einmal sagte: „Ich WILL Kuchen!“ sagte sie: „Wie heißt das Zauberwort?“
Da sagte der Kleine – ohne Nachdenken: „HokusPokus!“

Unter uns Pfarrerstöchtern ist dieses Wort natürlich bekannt. Es kommt aus dem altgriechischen Wortstamm eucharisto, Ich bin dankbar, aus dem auch das Wort Eucharistie kommt, das unter Katholiken gebräuchliche Wort für das Abendmahl…

Zwischen Ostern und Pfingsten…

Jeder weiß – theoretisch zumindest – dass manche Christinnen und Christen zwischen Aschermittwoch und Ostern fasten. Sie verzichten sieben Wochen lang „um Gottes Willen“ auf Dinge, die sie in den anderen Wochen des Jahres genießen – sie leben vegetarisch oder sogar vegan, verzichten auf Alkohol oder Süßigkeiten, sehen weniger oder gar nicht fern oder nehmen sich etwas ganz anderes vor, um die Fastenzeit zu einer Erfahrung zu machen, die ihnen den Glauben an Gott bedeutsamer und wichtiger macht.

Auch die Adventszeit vor dem Weihnachtsfest ist eigentlich eine Fastenzeit – die ganzen Süßigkeiten, die wir im Advent essen, sind ursprünglich ein Ausgleich gewesen für die nahrhaften, fetten Speisen, auf die die Mönche im Kloster während dieser Zeit verzichteten. In den ungeheizten Zellen war es aber im Winter so kalt, dass sie auf eine andere Art die nötige Energie zu sich nehmen mussten, und da half der Zucker in dem Pfefferkuchen, dem Marzipan, den Spekulatiuskeksen und den anderen Leckereien…

Was aber kaum jemand weiß: Auch die sieben Wochen nach Ostern, zwischen der Osternacht und dem Pfingstfest, sind eine traditionell besonders geprägte Zeit. Die „österliche Freudenzeit“ hat eine besondere Liturgie, in der das „Halleluja“ und das „Christ ist erstanden!“ im Gottesdienst eine hervorragende Stellung einnimmt. Nachdem man in der Fastenzeit auf so vieles verzichtet hat, strahlt und leuchtet die Kirche jetzt ganz besonders schön, die Orgel jubelt und singt, und die Dichter, die vor Wochen noch den „Schmerzensmann“ besungen haben, preisen jetzt den „Sieger, der den Tod überwunden“ und „die Schlüssel zu den Toren der Hölle erobert“ hat.

Wie die Sonntage der Fastenzeit haben auch die Sonntage der Osterzeit ihre lateinischen Namen im Kalender des Kirchenjahres. Sie orientieren sich an den Wechselgesängen zwischen Pfarrer und Gemeinde, die am Beginn der Liturgie vor dem Psalmengebet gesungen werden. An ihnen und an der dazu passenden Evangeliumslesung orientiert sich die Predigt und alles, was sonst noch im Gottesdienst stattfindet.

Die österliche Freudenzeit beginnt mit dem

Sonntag Quasimodo geniti (Wie die neugeborenen Kinder)

An diesem Tag wurden früher viele Kinder und oft auch Erwachsene getauft, denn in der Fastenzeit fanden solch fröhliche Feiern nicht statt. Sie mussten bis nach Ostern warten. Die Taufe wurde als ein Sterben und Neu-Geboren-Werden verstanden. Noch Luther schrieb: „So wird denn der alte Adam, der sündige Mensch, im Wasser der Taufe ersäuft; und es kriecht aus der Taufe hervor ein neuer Mensch, neu geboren nach dem Willen Gottes.“ Was an Christus geschehen ist, geschieht auch an den Menschen, die sich zum Glauben an ihn bekennen.

Wie neugeborene Kinder, als ganz junge Christenmenschen, werden die Neugetauften in der Gemeinde feierlich und jubelnd begrüßt. Die Kinder werden in einem ganz gewissen Sinn als Vorbilder für die Gemeinde gesehen; auch Jesus selbst ermahnte ja seine Jünger: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen.“ Die Kinder mit ihrem Verlangen nach der „reinen Milch der guten Botschaft Gottes“ werden als ein Beispiel beschrieben, wie die ganze Gemeinde sich um die Lehre, die Predigt, das verbindende Glaubensbekenntnis versammelt.

Es folgt der

Sonntag Misericordias Domini (Barmherzigkeit des Herrn)

An diesem Tag denkt die Gemeinde an Jesus, der gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte…“ Mit diesen Worten hat er ein ganz altes, schon vorchristliches Bild aufgenommen und auf sich selbst gewendet. Er, der der Sohn Gottes ist, leitet und führt seine Gemeinde, so wie ein Hirte seine Schafherde zum frischen Wasser und auf die grünen Weiden führt. Als Hirte, der seine Schafe liebt, ist er auch bereit, sein Leben für sie zu lassen. Hier steht im Hintergrund nicht das romantisch-schön verklärte Bild des Hirten, der mit seinem Stab und seinen Hunden die Herde durch Schwarzwaldtäler führt, sondern die Erinnerung an die kampfbereiten Halbnomaden, die am Rand der Wüste Schafe und Ziegen bewachen, sie gegen wilde Tiere und räuberische Banden verteidigen und im Extremfall auch Verletzungen und sogar den Tod erleiden.

Auch die „Hirten der Gemeinde“ selbst, also Pastorinnen und Pastoren, sind manchmal Thema in diesem Gottesdienst, denn sie müssen sich genau so vor Gott verantworten wie Regierende und andere Menschen in Leitungsämtern. Hinter ihnen allen steht Gott, der der oberste Hirte ist und jeden über sein Tun zur Rechenschaft ziehen wird.

Der dritte Sonntag nach Ostern ist der

Sonntag Jubilate (Jubelt!)

Die Gemeinde feiert im Gottesdienst an diesem Tag, dass Gott durch das, was an Ostern geschehen ist, einen neuen Anfang machte. Wie in der Schöpfung am Anfang der Zeit ist der Mensch neu war, so ist er auch durch die Auferstehung neu geworden, verändert, verwandelt. Gott hat von sich aus die Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf neu bekräftigt. Er hat das Leben wiedergebracht. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Durch die Auferstehung ist das Alte vergangen – es ist alles neu geworden.

Das Bild vom Weinstock und den Reben steht dafür, dass die Menschen ohne Gott nichts tun können, das bleibende Kraft hat für Zeit und Ewigkeit. Er selbst ist der Weinstock, der uns „zuströmt Kraft und Lebenssaft.“ Es ist diese Kraft Gottes, die die Gemeinde in einem Glauben eint und mit Gott verbindet.

Die Halbzeit der österlichen Freudenzeit bildet der

Sonntag Kantate (Singet!)

„Wer singt, betet doppelt…“ Dieser Überzeugung soll schon der Kirchenlehrer Augustinus gewesen sein, der im vierten Jahrhundert nach Christus lebte. Schon immer hat Musik und Gesang im Gottesdienst eine große Rolle gespielt, Melodien und Rhythmus öffnen ja Türen in den menschlichen Geist und in die fühlende Seele hinein, die Worte allein so nur selten finden.

Im Gesang vereinen viele Christinnen und Christen ihre Stimmen zu einem einzigen Lobpreis des ewigen Gottes. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Der Dank und die Freude über den auferstandenen Christus bricht sich in diesem Gottesdienst Bahn und nimmt den Jubelauf, der im Gottesdienst der vergangenen Woche begann.

Die fünfte Woche beginnt mit dem

Sonntag Rogate (Betet!)

Auch, wer nicht singt, betet, wem das Singen und das Sprechen vergangen ist, ruft trotzdem zu Gott – das Gebet kennt viele unterschiedliche Formen. Alles, was Menschen in schönen, freudigen und erhebenden Erfahrungen fühlen, kann seinen Weg in ihr Gebet finden. Genau so aber auch Not und Schmerz, Angst und Verzweiflung. Zwischen jubelndem Lobpreis und zornigem Klageruf bewegt sich das Gebet – nichts Menschliches ist ihm fremd.

Der Sonntag Rogate kann darum sehr unterschiedliche Schwerpunkte haben, aber es geht immer um die Nähe des glaubenden Menschen zu Gott, der in guten wie in schweren Zeiten den Kontakt nicht abbricht. Der Geist Gottes selbst wohnt im Herzen der Beter und vertritt uns auch da noch „mit unaussprechlichen Worten“, wo wir selbst nicht mehr wissen, wie wir beten können.

Und der letzte Sonntag vor Pfingsten hat den Namen

Sonntag Exaudi (Erhöre mich, Gott!)

In der Erwartung, dass Gott seinen Heiligen Geist sendet, blickt die Gemeinde an diesem Sonntag zurück auf die großen Taten, die Gott getan hat. So, wie er sie bewahrt und behütet, getröstet und geführt hat, wird es es weiter tun, auch wenn nach dem Pfingsttag die österliche Freudenzeit beendet ist. In gewisser Weise ist ja jeder Sonntag ein kleines Osterfest, ein Gedenken an die Auferstehung und das neue Leben, das von Gott kommt.

Der Geist ist Gottes Trost, Gottes Liebe, Gottes Barmherzigkeit: Wer ihn anruft, der wird gehört. Durch ihn erkennen die Glaubenden die vielen Dimensionen des Handelns Gottes in der Welt…