Die fünfte Jahreszeit

Was ist das für ein Tag! Heute hat der Karneval begonnen, zumindest im Rheinland; und viele „Narren“ sind schon wieder außer Rand und Band.

Ich mag den Karneval eigentlich gar nicht, aber ich habe diesen Tag immer wieder zum Anlaß genommen, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Gemeinde Pfannkuchen zu kaufen. Vielleicht sagt Ihr ja „Berliner“. Oder Krapfen. Sicher gibt es auch noch andere Namen, aber lecker sind die Dinger in jedem Fall.

In meiner neuen Gemeinde arbeitet heute am Montag nur eine kleine „Stammbesetzung“, also kaufe ich die Pfannkuchen heute nur für meine Frau und mich selbst. Aber irgendwie fehlt es mir, das Team mit süßem Fettgebäck zu beglücken. Das war schon so etwas wie ein fester Brauch…

Jetzt bald, in wenigen Minuten, tritt Merkur vor die Sonnenscheibe, von der Erde aus gesehen ist er dann als winzig kleiner schwarzer Fleck auf der Sonne zu sehen. So ein Merkurtransit ist ziemlich selten, er kommt nur so alle zehn bis fünfzehn Jahre einmal vor.

Nun guckt bloß nicht mit den Augen direkt in die Sonne, Ihr könnt blind davon werden! Aber auch mit einer Sonnenfinsternis-Schutzbrille kann man nichts erkennnen, der Merkur ist mit ca. 4000 Kilometern Durchmesser einfach zu klein und zu weit weg, um ihn mit bloßem Auge zu sehen. In der Sternwarte hier in Berlin kann man ihn durch ein Teleskop mit Filter gut erkennen, und die NASA streamt auf ihrer Webseite die Aufnahmen einer Live-Kamera in der Erdumlaufbahn. Hier ist der Link:

Nasa Merkurdurchgang Live-Video

Und heute Nachmittag um 17 Uhr ist Martinstag in meiner Gemeinde, die Kinder werden mit ihren Laternen durch die Straßen ziehen und „Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne…“ singen. Der Merkur kommt da leider nicht vor…

Gedanken zum Fest der deutschen Einheit

Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Ob ein Volksaufstand ein heroischer Kampf um die Freiheit war oder ein Putschversuch, hängt ganz davon ab, wer am Ende gewonnen hat. Rebellen oder Widerstandskämpfer, Invasoren oder Befreier, Schutzmacht oder Besatzer – letztlich hängt alles daran, wer am Ende gewonnen hat. Bis dahin ist alles nur Propaganda.

Heute wird in Berlin an vielen Orten an den Fall der Mauer gedacht. Es gibt Dutzende von Festen und Gedenkfeiern, überall erzählen Zeitzeugen von dem, was da vor dreißig Jahren geschehen ist, und die Menschen freuen sich gemeinsam darüber, dass die tödliche Grenze gefallen ist und Familien und Freunde wieder vereint waren.

Auch Kirchenleute sind stolz darauf, dass sie damals eine wichtige Rolle im Zeitgeschehen spielten. Die Gemeinden stellten ihre Räume für Diskussionen und Friedensgebete zur Verfügung, Pastoren und Pfarrer beteiligten sich an runden Tischen und Foren, auf denen über die Zukunft der Republik und über die möglichen Formen zukünftige Einheit diskutiert wurde. Demonstrantinnen und Bürgerrechtler trafen sich an Kirchen und auf Marktplätzen, nicht ohne hohes persönliches Risiko. Sie haben gehofft und geglaubt, dass Gott durch sie wirkt und in die Geschichte eingreift. Vielleicht war es aber das größte Wunder von allen, dass nirgendwo ein nervöser Soldat den Auslöser an seinem Maschinengewehr zog.

Fast überraschend kam dann der Satz, dass die Ausreise nun möglich sei – „unverzüglich, ab sofort“ – und überall in beiden deutschen Staaten wurde improvisiert und und provisorische Fakten geschaffen; und nicht wenige fürchteten, dass schon in wenigern Tagen alles vorbei sein würde, dass die offene Grenze eine kurze wunderbare Episode bleiben würde.

Große Sätze wurden gesagt, einprägsam mit beinahe biblischer Wortgewalt: „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“ – „Wir Deutschen sind nun das glücklichste Volk der Erde!“ – „Berlin, nun freue dich!“ – „Wir sind ein Volk!“

Heute ganz besonders, aber wahrscheinlich noch im ganzen kommenden Jahr wird daran erinnert werden, wie die deutsche Teilung überwunden wurde. Und es wird so sein: Der Gewinner schreibt Geschichte, der Sieger der deutschen Einheit bestimmt die Sprache, Vergleiche und Bilder, mit denen diese Geschichte erzählt wird.

Anschluß oder Vereinigung, Beitritt oder Wiedervereinigung – mit den kleinen Worten für das, was zu planen war, fing es an. Und diese wirkten sich aus bis in die tägliche Praxis, in den Alltag der Menschen in Ost und West. Die Treuhand wurde gegründet, viele Betriebe, Kombinate und Produktionsgenossenschaften wurden abgewickelt. Es gab Streit um Häuser und Grundstücke zwischen den Menschen, die Eigentümer waren und denen, die seit Jahrzehnten darauf wohnten. Gebietsreformen und und Flurbereinigungen schufen Unsicherheit und Angst unter den Menschen im Osten, manche fühlten sich an die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, als die Russen alles demontierten und abtransportierten und ein Land am Rande des Abgrunds zurückließen.

Viele Menschen im Osten fühlten sich überrumpelt und betrogen, ihrer Jugend beraubt und um ihr Lebenswerk gebracht. Auf einmal sollte alles nicht mehr gelten, was sie in ihrem Leben aufgebat haben? Sollte wirklich nur das Ampelmännchen und der grüne Rechtsabbiegepfeil an den Kreuzungen von dem bleiben, was einmal ihre Heimat war?

Es ist Eins, zurück zu blicken auf eine großartige historische Errungenschaft wie die deutsche Einheit es zweifelsfrei ist; es ist ein Anderes, an so einem Gedenktag nach vorn zu blicken in die Zukunft und zu überlegen, was werden kann und soll. Nach dreißig Jahren ist die Einheit noch immer nicht verwirklicht, immer noch reden wir von Ost und West, immer noch zeigen Wahlergebnisse, Statistiken, Einkommensverhältnisse, Meinungsumfragen deutliche Unterschiede.

Es ist ein abgegriffenes Bild, aber trotzdem leider wahr: Die Mauer in den Köpfen steht nach dreißig Jahren immer noch. Es bleibt noch viel Arbeit zu tun.

Die Einheit, die Freiheit und das geschwisterliche Miteinander im Staat und in der Gesellschaft wird keiner Generation einfach so geschenkt. Jede Generation muss sich Einheit und Freiheit selbst erarbeiten. Sie muss es wollen, sie muss es erarbeiten und sie muss es gegen die Widersacher der Freiheit verteidigen. Sie muss neue Worte und andere Bilder finden, die wahr sind und nicht nur Propaganda. Sie darf sich nicht nur alte Wunden lecken und vergangenes Unrecht betrauern. Sie darf sich nicht einfangen lassen von Populisten, die Angst schüren aus eigennützigen Gründen. Sie darf sich nicht einreden lassen, dass es wieder Zeit ist, neue Grenzen zu ziehen und neue Mauern zu bauen und Fremde nicht länger willkommen zu heißen.

In der Bibel heißt es: Zur Freiheit seid ihr befreit, darum lasst euch nicht wieder einfangen und erneut unter das Joch zwingen! Mit Selbstbewusstsein und gesundem Menschenverstand wollen wir unsere Geschichte erzählen und uns dann umwenden und ebenso selbstbewusst und ebenso vernünftig unsere Zukunft gestalten!

Was kann und muss die Kirche dabei tun? Wir, die acht Gemeinden rund um den Flughafen, wollen Orte sein, an denen man miteinander spricht. Wir wollen helfen, Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Die Kirche hat schon immer eine etwas andere Perspektive gehabt; nicht immer zum Vorteil für die Menschen und die Gesellschaft, aber doch immer etwas außerhalb und als Gegenüber von Staat und Regierung. Wir haben nur noch wenig Möglichkeiten und Ressourcen in unseren Orten, aber was wir haben, das teilen wir gern. Wo es nötig ist, werden wir auch protestieren und Widerstand leisten. Wir werden immer für das Leben einstehen, für Frieden und Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen. Wir hoffen und glauben, dass Gott durch uns wirkt, wie er es will. Was wir können und was notwendig ist, wollen wir tun. Mit Gottes Hilfe. Amen.

Wo warst Du, als die Mauer fiel?

Ich bin 1973 nach West-Berlin gezogen, damals war ich zehn Jahre alt. Meine Eltern haben mir vor dem Umzug erzählt, dass Berlin eine geteilte Stadt ist, dass zwischen Osten und Westen eine Mauer gebaut wurde. Vorher wohnten wir in Braunschweig, und ich hatte seltsamerweise weder in der Grundschule noch bei den Gesprächen zuhause am Küchentisch etwas von der DDR gehört.

Als ich die Mauer dann zum ersten Mal sah, war ich enttäuscht. Ich hatte mir eine gewaltige Mauer aus schweren Felsblöcken vorgestellt, mindestens zwanzig Meter hoch und mit Zinnen oben drauf, wie die Burgmauern der Festungen, die ich in meinen Büchern über das Mittelalter gesehen hatte, wir die Kreuzritterburgen auf Malta und Rhodos.   Statt dessen gab es da nur ein ziemlich kümmerlich aussehendes Mäuerchen aus Betonplatten, mit einem Rohr oben darauf, damit man nicht einfach so rüberklettern kann. Dort, wo wir wohnten, gab es ausserdem einen hölzernen Aussichtsturm, auf den man steigen konnte; und von dort oben konnte man die Panzersperren sehen, die Gänge, in denen die scharfen Hunde liefen, die Straße, auf denen in unregelmäßigen Abständen Soldaten in kleinen Kübelwagen Patroullien fuhren, und die schmale Wiese, in denen Sprengfallen und Nagelbretter versteckt waren. Außerdem gab es da den Wachtturm, in dem immer zwei Soldaten mit Gewehren und Ferngläsern saßen. Vom Schießbefehl und von den Toten an der Mauer haben mir meine Eltern damals nichts erzählt.

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Wir hatten Verwandte im Osten, denen wir zu Weihnachten immer Pakete schickten, mit Sachen, die es im Osten nicht gab: Batterien, Taschenrechner, Kerzen, manchmal auch Obst. Als Antwort kam ein paar Wochen später ein Paket mit dem Dresdener Christstollen, den niemand in der Familie so wirklich gern mochte und dessen letzte Stücke wir immer erst gegen Ostern aßen, da waren sie dann hart und trocken wir altes Brot.

Einmal machten wir einen Besuch in Ostberlin; wir hatten uns dort mit Verwandten verabredet. Drei Wochen vorher mussten wir mit unseren Ausweisen in ein miefiges Büro in Wedding und dort einen Passierschein bestellen, dabei mussten wir auch den Zwangsumtausch bezahlen, und wir bekamen DDR-Mark dafür, billig wirkende Münzen aus Aluminium, für die wir uns später im Restaurant am Alexanderplatz Club-Cola und Kuchen kauften.

Unsere Verwandten luden uns ein, in das Restaurant in der Kugel auf dem Fernsehturm zu fahren. Dart gab es Kaffee und noch mehr Kuchen, und die Kugel drehte sich ganz langsam, so dass man einmal in der Stunde in alle Richtungen gucken konnte. Nach Norden hin konnten wir sogar unser Hochhaus im Märkischen Viertel erkennen, nach Westen hin das Brandenburger Tor und die Siegessäule, im Süden das Gasometer in Schöneberg und den Steglitzer Kreisel. Was im Osten zu sehen war, kannten wir nicht; wir sahen unzählige Häuser und breite Straßen, die für uns keine Namen hatten.

Die Kontrollen an der Grenze waren immer sehr aufregend. Im „Tränenpalast“ musste man lange anstehen, bis man endlich in eine kleine Kabine treten konnte, wo dann der Grenzbeamte in Uniform den Ausweis kontrollierte, den Passierschein entgegen nahm und das Visum ausstellte. Streng blickte er uns Kindern in die Augen, und vielleicht wusste er, wie sehr unser Herz dabei klopfte. Es war jedes Mal wieder eine Erlösung, wieder an der frischen Luft zu sein.

Nicht weniger aufregend waren die Kontrollen an der Transitstrecke. Wenn wir mit einem Bus voller Jungen und Mädchen auf Konfirmandenreise gingen, musste man am Grenzübergang immer eine Teilnehmerliste vorlegen, der Grenzbeamte ging dann durch den Bus und ließ sich von der Kindern ihre Ausweise zeigen, während der verantwortliche Gruppenleiter vorne im Bus betete, dass niemand einen dummen Spruch machte. Es wurden schon Busse stundenlang an der Grenze festgehalten, weil irgendwelche Spaßvögel was von Republikflüchtlingen im Kofferraum oder von Drogen unter dem Bus erzählt hatten. Meistens ging aber alles gut, und manchmal waren die Grenzbeamten sogar freundlich.

Ich stellte mir oft vor, wie öde der Tag für die Männer sein musste, die stundenlang in der Wachttürmen sitzen mussten, bei Sonne und Regen, Kälte und Hitze, und die grauen und trostlosen Grenzanlagen beobachten mussten. Was sie wohl über die Touristen auf der hölzernen Aussichtsplattform auf unserer Seite der Grenze gedacht haben?

Nur einmal im Jahr, wenn wir Silvester feierten und das Feuerwerk abbrannten, feierten die Menschen in den Wachttürmen anscheinend auch: Punkt zwölf stieg aus jedem Turm eine rote Leuchtkugel in den Himmel. Das sah wunderschön aus und war in seiner Bescheidenheit irgendwie feierlicher und angemessener als das bunte Lichtgeflitter und die Böllerschüsse auf unserer Seite. In diesem Moment fühlte ich mich diesen Männern sogar irgendwie verbunden.

Als ich älter wurde, bin ich manchmal auch allein nach Ost-Berlin gefahren. Ich hatte einen Brieffreund in Halle und zwei Tanten in Heiligenstadt. Die habe ich getroffen, bei den Tanten sogar einmal ein paar Tage übernachtet. Îch erinnere mich an Alpträume, in denen ich bei den Grenzkontrollen bei der Ausreise festgehalten wurde und nicht mehr nach Hause durfte, ich träumte von Nächten in Gefängnissen und von abenteuerlichen Fluchten über den Todesstreifen an der Grenze. Und ich wusste: Was ich nur träumte, haben andere wirtklich erlebt.

Aus unserem Küchenfenster konnten wir über die Mauer gucken. Dort war das Dorf Rosenthal mit einer kleinen Dorfkirche. Immer wieder dachte ich, dass ich zu gern einmal sehen würde, wie die Kirche von innen aussieht. Ich wollte wissen, ob dort überhaupt Gottesdienste gefeiert werden, ob es dort eine Gemeinde gab, und wie es sich wohl für die Menschen dort anfühlte, über die Grenze auf die Hochhäuser des Märkischen Viertels zu schauen.

Dann kamen die aufregenden Tage im November 1989. Ich habe in dieser Zeit studiert, wohnte und lente in Zehlendorf, ziemlich weit ab von den Bezirken in der Mitte Berlins, die damals vor Aufregung summten. Ich hörte von den Demonstrationen in Berlin und in Leipzig, die DDR-Sender berichteten von den Leuten, die riefen „Wir sind das Volk!“ Die alten Betonköpfe in der Regierung der DDR wollten die anstehenden Veränderungen nicht wahr haben, „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf…“ hieß es.

Die Nacht, in der die ersten Grenzübergänge geöffnet wurden, habe ich verschlafen. Am nächsten Morgen redeten meine Mitbewohner in der Küche im Studentenwohnheim davon, sie hatten im Fernseher die Menschenmassen gesehen, die auf der Mauer tanzten oder mit dem Trabant über die Bornholmer Brücke fuhren. Ich habe es ihnen zuerst nicht geglaubt, es kam mir trotz allem so unwirklich vor. Die meisten Menschen, die in diesen Tagen nach Berlin kamen, wollten nur einmal gucken, wie es im Westen ist, und sie sind dann wiede nach Hause gefahren. Nicht viele sind geblieben, kamen dann zuerst in eines der „Auffanglager“, bis sie Wohnung und Arbeit gefunden haben. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie hier auch ganz selbstverständlich zu Hause sein konnten.

Wie lang sollte der Mittagsschlaf dauern?

Als Kleinkind habe ich es gehasst, aber inzwischen – mit fast sechzig Jahren – bin ich froh, wenn ich mir nach dem Mittagessen ein Schläfchen gönnen kann. Ich will es so nennen – nicht Power nap, Siesta, Managerschlaf oder Nickerchen – Mittagsschlaf ist einfach das passende Wort dafür.

Wenn nach dem Essen die Lider schwer werden und die Gedanken träge, wenn im Neuronengetriebe der Sand knirscht und der Hirnmotor nur noch auf halber Kraft läuft, dann ist es Zeit. Meistens ist es schon nach drei, weil ich immer recht spät zu Mittag esse. Manchmal muss ich durchhalten, weil die Arbeit mir keine Freiheit lässt; aber wenn es geht, lege ich mich eine Viertelstunde hin.

Ich schlafe dann sehr schnell ein, und ich kann zum Glück überall schlafen. Ob im Bus oder am Schreibtisch, auf dem Sofa oder auf einem Stuhl im Gemeindezentrum – ich döse weg und werde fast immer eine Viertelstunde später von allein wieder wach. Einen Wecker habe ich mir noch nie gestellt.

Letzte Woche habe ich einmal fast anderthalb Stunden geschlafen; aber ich hatte kein schlechtes Gewissen. Mein Körper hat diesen Schlaf gebraucht und ich habe keinen wichtigen Termin verpasst – also war doch alles in Ordnung.

Vor einiger Zeit habe ich einmal gelesen, dass die Art, wie wir in Deutschland heute schlafen – 8 Stunden im Bett und dann sechzehn Stunden aktiv – noch gar nicht so lange üblich ist. Leute wie Goethe, Beethoven oder Leibnitz sind oft um drei oder vier in der Nacht aufgestanden und haben dafür am Nachmittag ausgiebig geschlafen, um danach noch einmal produktiv zu werden.

Fachleute nennen diesen über mehrere Zeiten des Tages verteilten Schlaf „polyphasischen Schlaf“. Es gibt einen spannenden Wikipedia-Eintrag dazu.

Bei Babies und Kleinkindern ist ein zunächst unregelmäßiger und dann polyphasischer Schlaf normal. Erwachsene praktizieren heutzutage meistens einen monophasischen Schlaf, dh. sie schlafen in der Nacht sechs bis acht Stunden und sind dann achtzehn bis sechzehn Stunden aktiv. Ältere Menschen und Menschen, die in sehr heißen Klimazonen leben, schlafen sechs Stunden in der Nacht und dann noch dreißig Minuten bis zwei Stunden tagsüber. Das nennen die Schlafforscher biphasischen Schlaf.

Mehrere Schlafphasen führen bei manchen Menschen dazu, dass sie insgesamt weniger Schlaf brauchen. Experimentiert wurde mit einer vierstündigen Schlafphase nachts und drei power naps von jeweils dreißig Minuten über den Tag verteilt.

Am Bekanntesten ist vermutlich das Schlafmuster des Künstlers, Ingenieurs und Architekten Buckminster Fuller, der über Jahre hinweg viermal am Tag eine Stunde geschlafen hat und danach jeweils fünf Stunden wach war – angeblich ohne Leistungseinbußen und ohne krank zu werden.

Ich denke, dass der optimale Schlafrhythmus bei jedem Menschen anders liegt – mir tut die Viertelstunde mittags gut; in der Nacht schlafe ich in der Regel sechs Stunden, am Wochenende etwas länger.

Was ich hasse, ist das frühe Aufstehen. Wenn ich bis Mitternacht gearbeitet habe, möchte ich nur sehr ungern um sieben oder acht Uhr schon wieder voll aktiv sein. Es ist schön, wenn ich noch ein bisschen „rum-pröpeln“ kann, bevor ich wieder hellwach sein muss. Zum Glück habe ich einen Beruf, in dem ich meine Zeit relativ frei selbst einteilen kann.

Wohin mit dem Plastikmüll?

Heute habe ich die dritte Bestattung in diesem Monat „gefeiert“. Ich weiß immer noch nicht – nach mehr als 3000 Trauerfeiern – ob man es nicht anders formulieren könnte. Feiert man eine Bestattung? Es ist ja irgendwie auch ein Gottesdienst, und oft genug wirklich ein Grund zu feiern, zum Beispiel heute, wo der Verstorbene fast ein ganzes Jahrhundert gesehen hat und ein reiches, erfülltes, vielfältiges Leben hatte. Also, diesen Gottesdienst habe ich mit den Angehörigen gefeiert.

Eigentlich wollte ich aber über etwas anderes schreiben: Was mich zunehmend mehr irritiert, ist, dass die meisten Urnenträger vor dem Hinablassen der Urne in das Grab das Blumengesteck oben an der Urne abmachen. Es soll nicht mit in das Grab, sondern hinterher oben drauf gelegt werden. Leuchtet mir ein. Die Blumen waren teuer und man kann sie sich ja in den Tagen nach der Trauerfeier noch ein paar mal angucken, bevor sie verwelken.

Was mich aber stört, ist, dass sie die grünen Plastikpöpsel, mit denen das Gesteck befestigt waren, einfach an der Urne lassen. Und dann liegt also die Urne von Opa Hans zwanzig Jahre lang in der Erde mit den häßlichen Plastikpöpseln oben drauf. Man sieht sie nicht, aber man weiß, dass sie da sind. Mich stört das sehr. Vor allem, weil man ja ahnt, dass nach ein paar Jahren die Urne sich auflöst und die Asche vom Regen in die Erde gespült wird und alles zurückkehrt in den großen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Nach zwanzig Jahren ist dann nur noch eins im Grab: drei bis vier alte grüne Plastikpöpsel zur Erinnerung an Opa Hans. Plastikmüll for Future. Muss dass sein?

Liebe Urnenträger und Bestatter, die Ihr das hier lest: Bitte macht diese Plastikdinger ab, bevor ihr die Urne ins Grab senkt! Es dauert nur ein paar Sekunden und stört viel weniger als der Gedanke an den Plastikmüll im Grab, der mich durch Jahrzehnte nervt.

Wenn ich könnte, würde ich das in mein Testament und in meine Patientenverfügung schreiben: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses und den Rest, wo immer ihr wollt – aber macht die Blumenpöpsel vorher ab! Bitte!

Gibt es Grund zur Angst? Greta Thunberg und die Folgen der Rede vor dem Weltklimagipfel

Letztes Jahr haben mich die Konfirmanden angesprochen und mich gefragt: Denken Sie auch, dass in zwanzig Jahren das Klima bei uns so sehr verändert sein wird, dass man hier nicht mehr wohnen kann? Ich habe einen Moment nachgedacht und überlegt, was wohl hinter dieser Frage stecken könnte.

Ich kenne diese Angst von früher. Vor dreißig Jahren war es die Angst vor einem Atomkrieg, die mich so sehr belastete, dass ich oft stundenlang nicht einschlafen konnte. Wir haben in der Schule einen Film gesehen, in dem sehr plastische dargestellt wurde, was geschehen würde, wenn eine Atombombe auf London fallen würde. Hunderttausend Menschen sofort tot, das Stadtzentrum eine qualmende und radioaktiv verseuchte Wüste, Millionen Menschen würden an den Spätfolgen sterben.

Was mir aber am meisten Angst gemacht hat, ist eine Szene, in der ein Mädchen in einem Garten steht und staunend diese Rakete beguckt, die einen weißen Strich über den makellos blauen Himmel zieht – und im nächsten Moment brennt ihr der Atomblitz die Augen aus, und sie schreit…

Diese emotionale Szene hat mich mehr berührt als all die Zahlen und Fakten, die sonst noch in dem Film vorkamen.

Später war es dann die Furcht vor dem Waldsterben, die durch die Medien geisterte. In den Illustrierten waren Bilder zu sehen von einst bewaldeten Hügeln, auf denen nur noch kahle Stämme standen, vertrocknete Auen, die ein paar Jahre zuvor noch grün und lebensfrisch gewesen sind. Und es gab immer wieder die Mahnung, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Wälder mehr in Deutschland geben würde, alles abgeholzt für kurzfristigen Profit oder vergangen in den immer heißeren Sommern, in den immer trockeneren Wintern.

Und nun waren es die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die mit dieser so vertrauten Zukunftsangst zu mir kamen; und ich habe einfach aus dem Bauch heraus geantwortet. Ich wollte beruhigen, ohne sie billig zu vertrösten. Ich kenne die Fakten nicht mehr als jeder andere Erwachsene auch, habe lange kein seriöses Werk über die aktuellen Entwicklungen gelesen. Ich habe gesagt: Ja, ich denke, das sich das Weltklima ändert und das es schwieriger wird, sich entsprechend zu verhalten, die Umwelt zu schützen und an ihrer Bewahrung zu arbeiten – aber ich denke nicht, dass schon in zehn oder zwanzig Jahren Berlin und Brandenburg unbewohnbar sein werden. Haltet die Augen offen, tut, was vernünftig ist, dann wird es schon gut gehen.

Und dann kam Greta Thunberg, und mit ihr kam das Thema Klimawandel zurück in die Massenmedien. Zuerst ging das Bild um die Welt, wie sie da ganz allein mit ihrem Pappschild auf der Straße saß: Schulstreik für das Klima. „Ich will, dass ihr beunruhigt seid!“ rief sie den Mächtigen in Europa zu; „denn das Haus brennt!“ – „Es ist keine Zeit mehr, zu diskutieren und schöne Reden zu halten, es ist Zeit, etwas zu tun!“ Schon bald taten es ihr Hunderte von jungen Leuten in aller Welt nach; sie gingen aus Protest am Freitag nicht mehr in die Schule. „Fridays for Future“ war geboren, eine Bewegung breitete sich rasch aus.

In den Medien und in den sozialen Netzwerken wurde gestritten, verehrt, bewundert, verhöhnt, beschimpft, vergöttert und verteufelt. Die junge Frau war innerhalb von Wochen zu einem Weltstar geworden, wahrscheinlich ist sie jetzt schon einer der bekanntesten und umstrittensten Menschen dieses Jahrzehnts. Alles wurde beredet und bewertet: Ihre Frisur und ihr Gesichtsausdruck, die Art, wie sie sprach und wie sie sich kleidete, ihr Autismus und immer wieder die Frage, ob man sie bewundert oder hasst, ab man sie leiden kann oder unausstehlich findet.

Vielen jungen Menschen war ihr Anliegen, die Welt zum Umdenken zu bewegen, ebenfalls wichtig, auch sie traten am Freitag in den Schulstreik und versammelten sich zu Demonstrationen. Greta Thunberg wurde zum Vorbild, die Mädchen flochten sich Zöpfe und malten Pappschilder, aber auf der Straße saßen sie nicht länger allein…

Haben Sie die Rede von Greta Thunberg noch im Ohr? „Was ist Dein Anliegen? Was hast Du den Mächtigen dieser Welt zu sagen?“ wurde sie auf dem Weltklimagipfel gefragt. Und sie antwortete zuerst: „Ich will euch sagen: Wir werden euch genau beobachten.“ Und dann begann sie mit einer sehr emotionalen Rede, die mich ähnlich beeindruckt hat wie die Szene aus dem Film damals vor vierzig Jahren: „Das ist alles so falsch! Ich sollte gar nicht hier stehen, ich sollte in die Schule gehen, drüben, auf der anderen Seite des Ozeans! Ihr nehmt mir meine Kindheit! Ihr nehmt mir die Welt, in der ich und meine Kinder leben sollen. Wie könnt ihr es wagen!“„Diese Welt steht am Rande eines Massenaussterbens, und ihr streitet euch um Verschmutzungsrechte und diskutiert über Obergrenzen für die Erhöhung der Temperatur auf dem Planeten, ihr schließt Verträge, die ihr schon nach Wochen eurer Profitgier opfert! Und ihr erzählt uns wieder und wieder das Märchen vom unbegrenzten Wachstum der Märkte und der Wirtschaft! Wie könnt ihr es wagen!“ Dann zählt sie auch Fakten und wissenschaftliche Daten auf, um ihre Argumente zu untermauern. Sie berichtet von den weltweiten Demonstrationen von Jugendlichen, die endlich eine Änderung fordern und endet dann mit dem Aufruf: „Die Welt ist erwacht! Veränderung wird kommen, so oder so. Ob ihr wollt oder nicht!“

Greta Thunberg bekam viel Applaus für diese Rede, erzielte auch den einen oder anderen Lacherfolg. Rhetorisch war die kurze Ansprache großartig gemacht. Sie steht für mich neben Reden wie „Ich habe einen Traum…“ oder anderen historisch bedeutsamen Äusserungen, die über ihr Jahrzehnt hinaus gewirkt haben. Die Mächtigen, denen Greta Thunberg ins Gewissen reden wollte, schmunzelten und klatschten freundlich lächelnd. Hatte sie nicht Recht, eigentlich, die zornige junge Frau?

Überhört wurde die Trauer und der Zorn hinter dem Satz: „Die Augen aller zukünftigen Generationen sehen euch an. Wenn ihr euch entscheidet, hier zu versagen, nichts für uns zu tun, werden wir euch niemals vergeben!“

Bald danach ging man aber zum Tagesgeschäft über, sprach über Zahlen und Fakten, diskutierte über Verschmutzungsrechte, beschloss neue Obergrenzen für die Erhöhung der Temperatur auf dem Planeten und vereinbarte Verträge zum Wachstum der Wirtschaft und der Märkte. Und eine Frau mit 28 Jahren Erfahrung in der Politik kritisierte öffentlich eine Frau, die gerade 16 Jahre alt ist, dass sie nicht konkretere und praktikablere Vorschläge gemacht hat…

Mich ärgert zunehmend die Berichterstattung über Greta Thunberg in den Medien. Das fängt schon damit an, dass fast jede Zeitung, jeder Fernseh- oder Radiosender und auch fast jeder Kommentar im Internet sie einfach „Greta“ nennt – als wäre sie eine Achtjährige, die gerade erst dem Kindergarten entkommen ist. Und in beinahe jedem Artikel wird über ihre Zöpfe geschrieben oder darüber, dass sie Autistin ist – als ob man ihre Argumente dann weniger ernst nehmen müsste! Ich bin mit sechzehn Jahren an der Schule von den Lehrern mit „Sie“ angesprochen worden. Und ich denke, dass auch eine Frau aus Schweden dieses Recht hat, auch das Recht dazu, mit Respekt angesprochen zu werden, auch und gerade wenn sie es wagt, in so jungem Alter sich der Weltöffentlichkeit zu stellen.

Weiter werden stereotyp Formeln wiederholt wie „Greta lehrt die Mächtigen das Fürchten“ oder „Sie liest den Politikerinnen und Politikern die Leviten.“ Das stimmt einfach nicht. Sie droht nicht mit Aufruhr oder Gewalt – sie sagt nur, dass viele Kinder und Jugendliche weiter die Schule am Freitag bestreiken werden, bis ihr Anliegen wirklich gehört wurde. Sie verbreitet nicht Angst, sondern sie legt die beängstigenden Tatsachen auf den Konferenztisch: „Ja, ich will, dass ihr in Panik geratet, denn wir leben in einem Haus, das brennt!“ Nicht sie oder was sie sagt, ist zu fürchten. Angst macht mir aber die Tatsache, dass weiterhin ihre Rede und die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung von Politik und Wirtschaft ignoriert oder geleugnet werden.

Und Greta Thunberg schwingt sich nicht zur Richterin über Politik und Wirtschaft auf, wenn sie sagt: „Wir“ – und damit meint sie wohl die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Bewegung „Fridays for Future“ engagieren – „Wir werden Euch genau beobachten!“ Dies ist ja, anders formuliert, eine der Grundlagen der Demokratie, dass Bürgerinnen und Bürger das Handeln der Politiker beobachten und entsprechend reagieren – mit Demonstrationen, Streik und anderen öffentlichen Meinungsäußerungen und nicht zuletzt dereinst an der Wahlurne. Dass auch Kinder und Jugendliche dies tun, dienoch nicht wählen dürfen, halte ich grundsätzlich für richtig und gut. So können sie sich von Anfang an eine begründete Meinung bilden und ihren Standpunkt auch selbst vertreten.

Drittens ist es auch einfach nicht wahr, wenn die Bewegung Fridays for Future mit einer Art Sekte verglichen wird und Greta Thunberg immer wieder als „Prophetin“ oder „Erlöserin“ oder ähnlich beschrieben wird. In ihren Reden und Ansprachen zitiert sie immer wieder Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die für die nahe Zukunft signifikante Veränderungen an Natur und Umwelt voraussagen – aber sie ist keine „Unheilsprophetin“ im Stil einer Kassandra oder eines Amos und beruft sich nie auf besondere, übernatürliche oder göttliche Eingebungen. Was sie sagt, kann jeder in veröffentlichten wissenschaftlichen Studien nachlesen.

Eines aber hat sie mit den alttestamentlichen Propheten wirklich gemein: Sie will bewirken, dass Menschen umdenken und ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten ändern. Nicht „Buße“ in einem religiösen oder moralischen Sinn ist gefordert, sondern einfach der Wille, den erkannten Notwendigkeiten entsprechend zu leben und uns so zu verhalten, dass die absehbaren katastrophalen Folgen unseres Tuns nicht in diesem oder im nächsten Jahrhundert eintreten.

Greta Thunbergs Argument dafür ist einfach – wenn wir uns nicht einschränken, anders leben, die Natur schützen, dann wird diese Welt schon bald nicht mehr die sein, die wir kennen. Dann wird das Leben auf ihr sehr viel schwerer werden. Vielleicht wird die Welt sogar für Menschen unbewohnbar. Was wir gewohnt sind, was die Menschen in den verschiedenen Kulturen der Erde über Jahrhunderte aufgebaut haben – es wird nicht mehr funktionieren. Weil die Veränderungen zu gewaltig, zu einschneidend sein werden, als das das „gewohnte“ Leben weiterhin möglich ist.

„Die Welt ist erwacht! Veränderung wird kommen, so oder so. Ob ihr wollt oder nicht!“ Die Jugend der Welt fordert Veränderung des Verhaltens der Wirtschaft und der Politik und ist bereit, auch selbst anders zu leben. Die Veränderung wird kommen, ob es uns gefällt oder nicht. Weil wir entweder freiwillig umdenken und anders leben – oder weil die Veränderung des Klimas und der Umwelt dazu zwingen werden.