Reality Check – ein Vormittag im Gemeindebüro

Was in einer normalen Firma das Vorzimmerbüro ist, das ist in einer Kirchengemeinde die Küsterei: Dort kommen Kunden bzw. Gemeindeglieder zuerst an, hier findet der erste Kontakt statt. Die Besucher nennen ihre Wünsche, beschweren sich, machen Vorschläge, geben Bestellungen auf und so weiter, und der Küster kümmert sich dann selbst um viele Dinge, stellt Patenbescheinigungen aus, fertigt beglaubigte Auszüge aus den Kirchenbüchern an, organisiert die Belegungspläne der Gästewohnung und des Festsaals, informiert über Termine von Taufen, Hochzeiten und Bestattungen; alles Dinge, bei denen der Pfarrer gar nicht gebraucht wird. Vor diesen Alltäglichkeiten wird er abgeschirmt, damit er sich um seine eigenen Aufgaben kümmern kann: Seelsorge, Bestattungen, Unterricht, Krankenbesuche, Gottesdienste – und nur hin und wieder kommt jemand, den
der Küster sozusagen weitergeleitet hat, weil es ein Problem gab, das er nicht selbst lösen konnte.

Wenn der Küster aber einmal krank ist und auch die lieben Gemeindeglieder, die sonst die Vertretung übernehmen, im Urlaub sind oder aus anderen Gründen nicht können, dann muss sich der Pfarrer selbst in die Küsterei setzen… Das ist jedes Mal eine Art reality check, da bekommt er mal mit, was da draußen in der Gemeinde wirklich los ist.

Um halb zehn blubbert der Kaffee durch die Kaffeemaschine in der kleinen Küche am Ende des Flures im Gemeindehaus. Die wird morgens immer als erstes eingeschaltet, noch vor dem Computer. Ich weiß, dass der Küster das auch so macht; warum sollte ich diese Reihenfolge nun ändern? Während der drei bis fünf Minuten, die der altersschwache Rechner braucht, um seine Betriebstemperatur zu erreichen, höre ich den Anrufbeantworter ab…

Das Bestattungshaus Lammfromm & Peinlich bittet um einen Termin für eine Trauerfeier in der Dorfkirche; der Klempnermeister B. Haebig verspricht zum dritten Mal in dieser Woche, dass er heute ganz, ganz wirklich kommen wird, um die undichte Dachrinne zu reparieren, und Frau Kümmering, eine Mutter, die sonst am Dienstag vormittags die Krabbelgruppe für die Babys zwischen fünf und fünfzehn Monaten leitet, sagt wegen der Erkältung ihres eigenen Windelpupsers ab; sie will nicht riskieren, dass die anderen Kinder angesteckt werden. Die anderen Mütter würden aber allein zu recht kommen, sie kennen ja die Regeln, und es müsste nur jemand morgen früh die Tür aufschließen…

Das war es schon, mehr ist nicht auf dem Anrufbeantworter… Gut so, keine Notfälle und keine Katastrophen. Ich mache mir ein paar Notizen und stelle die Telefonanlage um, damit der Anrufbeantworter nicht auch zu den Büroöffnungszeiten die Anrufer erschreckt. Inzwischen ist auch der Computer hochgefahren, von dem alten Röhrenmonitor grinst mich die Freundin des Küsters an, und direkt auf ihrer Nase prangt das Symbol, auf das man klicken muss, um das Email-Programm zu starten. Einen komischen Humor hat der Küster ja; ob der zu Hause auch immer seiner Freundin auf die Nase drückt, damit sie ihm die neuesten Nachrichten vom Tage erzählt? Ich hole mir erst einmal meinen Kaffee aus der Küche, und während der Duft die Küsterei zu einem irgendwie heimeligen Ort macht, lese ich die Betreffzeilen der übers Wochenende aufgelaufenen Emails: Ein Brief vom Bischof mit einer Erklärung zur Situation der Christen in der Türkei, eine Einladung zu einem Taizé-Gottesdienst mit der Bitte, diese im nächsten Gottesdienst der Gemeinde vorzulesen, die Statistik über die Erträge der Sammlung für Brot für die Welt. Auch hier nichts Ungewöhnliches oder Beunruhigendes…

Es könnte ja sein, dass das mal ein ganz ruhiger Vormittag wird und ich mal Zeit habe, ganz gemütlich einen Blogeintrag zu komponieren und danach den einen oder anderen Geburtstagsbrief zu schreiben…

Eine Viertelstunde später stehen sechs Leute hier im Büro. Zuerst kam Erika aus dem Kirchhofsbüro, sie brauchte Unterschriften, damit sie die Gebühren für Gärtner, Musiker und Sargträger überweisen kann. Kurz danach kam Philippe, der Kirchenmusiker, der nur mal eben etwas kopieren wollte und der nun gemeinsam mit Erika meine Kaffeekanne leer trinkt und ihr immer wieder tief in die Augen sieht. Dann kam Frau Helena Springer, um mir mitzuteilen, dass sie immer noch sehr unzufrieden darüber ist, dass ihr Nachbar jeden Abend bis halb zwölf in die Nacht laute Musik in seiner Wohnung hört, obwohl der doch weiß, dass die Wände im Gemeindehaus so hellhörig sind…

Während sie noch schimpft, kommt ihr Nachbar Kurt Bauer und beginnt einen Streit mit ihr, weil sie kurz vor Mitternacht noch mit ihrem Krückstock gegen die Wand in ihrer Wohnung gehämmert hat, obwohl sie doch weiß, dass die Wände im Gemeindehaus so hellhörig sind…

Und zuletzt kommen noch die Kessler-Zwillinge (die heißen nicht wirklich so, aber niemand in der Gemeinde kennt ihren echten Namen und sie nennen sich auch selbst so) und wollen die Geburtstagsbriefe in die vorgestempelten Briefumschläge eintüten, das machen die beiden ehrenamtlich, und die Briefumschläge hat der Küster zum Glück schon letzte Woche vorbereitet. Jetzt aber futtern die beiden erst einmal die Büro-Keks-Schüssel leer, während Erika und Philippe in der Küche die Kaffeemaschine überreden, eine zweite Kanne von dem braunen Zaubertrank zu brauen…

Nach einer halben Stunde gelingt es mir endlich, die vergnatzten Nachbarn raus zu werfen; Erika und Philippe haben sich in die Kirche verzogen, um dort an der Orgel „zu üben“, und die Zwillinge reden und lachen im Sonnenzimmer, während sie bei ihrer Arbeit noch mehr Kekse essen und noch mehr Kaffee trinken…

Ich habe vergessen, was ich eigentlich in mein Blog schreiben wollte, außerdem habe ich jetzt auch gar keine Zeit mehr für schriftstellerische Tätigkeiten, also mache ich mich an die Geburtstagsbriefe… Alle zwei Monate laden wir die Gemeindeglieder, die über siebzig geworden sind, zu einem Geburtstagsfrühstück in den Festsaal der Gemeinde ein. Sie bekommen als Einladung eine Karte mit einem Foto – dem schönen bunten Kirchenfester in der Dorfkirche -, dazu das Gemeindeblatt und eine Antwortkarte, die sie zurückschicken sollten, damit wir dann auch genug Kuchen da haben, wenn der große Tag kommt… Normalerweise habe ich den Ehrgeiz, in diese Einladungen ein paar humorvolle und durchdachte Anekdoten hinein zu schreiben, aber inzwischen habe ich Kopfschmerzen, und der Text gelingt mir nicht. Vielleicht haben diese Einladungsbriefe ja doch noch Zeit bis Mittwoch…

Um halb zwölf läuten die Glocken der Dorfkirche herüber, durch das Fenster sehe ich, dass da fünfzig Leute vor der Kirche auf eine Trauerfeier warten. Der Verstorbene ist katholisch, darum macht der Pater unserer römischen Nachbargemeinde diese Trauerfeier. Auf unserem Kirchhof liegen Evangelen und Katholen einträchtig nebeneinander, das war hier in Schöneberg nicht immer so, aber seit gut vierzig Jahren funktioniert das ökumenische Miteinander an unserer Straßenecke ganz ordentlich; sogar die Glocken in unseren Kirchtürmen harmonieren miteinander; na, wenn das nichts ist.

Der Klempner ist tatsächlich gekommen, ich mache drei große rote Kreuze in den Kalender, aber jetzt steht er hier vor mir und beschwert sich, dass er mit seinem Werkstattwagen nicht auf das Gelände kommt, weil alles mit den Autos der Trauerfeier-Gäste zugeparkt ist. Er musste die Gasflaschen mit dem Acetylen vom Parkplatz hier her tragen, und die sind schwer… Er guckt mich an und erwartet, dass ich jetzt schuldbewusst gucke und ihn bemitleide. Das tu ich aber nicht, dafür bekommt er die letzte Tasse Kaffee, und das beruhigt ihn etwas. Er trinkt schnaufend seinen Milchkaffee in sich hinein, und dann verzieht er sich, und eine Viertelstunde später höre ich ihn auf dem Dach rumoren… Er ist nicht nur pünktlich da, er tut sogar was, ausgezeichnet!

Zehn Minuten später steht eine aufgebrachte Frau vor „meinem“ Schreibtisch, der Schreibtisch und ich haben uns inzwischen richtig miteinander angefreundet… Die Frau habe ich aber noch nie vorher gesehen. Sie ist sehr wütend und schreit fast, was uns denn einfiele, und wieso denn alle Parkplätze belegt seien, und sie müsste doch einkaufen… Nach einer Weile verstehe ich, dass sie mit unserer Gemeinde gar nichts zu tun hat, aber jede Woche im Supermarkt auf der anderen Straßenseite einkauft und dabei mit ihrem Kleinwagen auf unserem Parkplatz parkt. „Und jetzt ist da alles voll, das ist eine Frechheit, das lasse ich mir nicht bieten…“

Ich erkläre der Frau so freundlich, wie ich es kann, dass der Parkplatz der Gemeinde Privatgelände ist und sie hier nur parken darf, wenn sie in der Gemeinde oder auf dem Kirchhof oder in der Diakoniestation etwas zu tun hat, ansonsten müsste sie ihr Auto auf den Parkplatz des Supermarktes stellen… „Ja, aber die nehmen einen Euro pro Stunde Parkgebühren, und hier ist es umsonst!“ Ich erkläre der Frau noch einmal, dass unser Parkplatz nur für die Besucher der Kirche ist. „Ja, aber ich zahle doch Kirchensteuer, und wenn ich hier nicht parken darf, dann trete ich eben aus!“ Sprach’s und verschwand und ward nicht mehr gesehen…


Viertel nach zwölf, kurz vor Feierabend wird es draußen auf dem Flur noch einmal laut. Eine betrunkene Frau hat sich aus der Kneipe nebenan zu uns verirrt… Die Kneipe heißt Geisterbahn und hat diesen Namen auch verdient, dreiundzwanzig Stunden am Tag hängen in und vor dem Lokal leicht, mittel und stark Alkoholisierte herum…

Diese Frau hat den Weg nach Hause nicht mehr gefunden, sitzt jetzt im Flur des Gemeindehauses und weint lautstark, und wo sie doch schon mal hier ist, will sie unbedingt mit dem Pfarrer sprechen… Hm, ja, das bin ich doch.

„Sie sind der Pfarrer?“
„Ja…“
„Sie sehen aber nicht so aus…“
„Naja, den Talar und das alles hab ich ja nur an, wenn Gottesdienst ist,
und heute sitze ich nur im Büro…“
„Ok, also, wenn sie der Pfarrer sind, dann muss ich ihnen was sagen…“

„Gut, ich höre zu.“
„Gestern abend hab ich im Fernsehen einen Film über Jesus gesehen,
wie der gelebt hat und was der gemacht hat, so Kranke geheilt und Leute gesegnet und so.
Ich hab immer gedacht, das sind nur so Geschichten,
aber wenn es im Fernsehen kommt, dann muss das doch stimmen, oder?“

„Ja, ich hab gehört, dass die im Fernsehen meistens ganz sorgfältig recherchieren…“
„Und am Schluss haben die gezeigt, dass die Römer
den Jesus ans Kreuz geschlagen haben, und da ist der dann gestorben.“

„Ja, und?“
„Sie wissen davon?“

„Ja.“
„Na, wenn sie das wissen, wieso hat dann die Kirche nichts dagegen gemacht?“

Was soll man da antworten? Ich habe genug für heute. Drei Stunden im Büro haben mal wieder gereicht, dass ich weiß, wofür unser Küster eigentlich sein Geld bekommt…

…und dann fange ich ganz gemütlich an, zu schaukeln.

Früher habe ich mich oft gefragt, was alte Männer eigentlich so denken, wenn sie einfach nur da sitzen, introvertiert gucken und sauer werden, wenn man sie stört… Inzwischen bin ich selbst ein alter Mann, gerade sechzig Jahre alt geworden, und ich weiß es jetzt.

Mein Kopf ist zur Zeit so voll mit Sehnsucht und Hoffnung, mit Dankbarkeit und Wut, mit Ideen, Plänen und Erinnerungen, dass ich kaum dazu komme, einmal einen Gedanken bis zum Ende zu denken. Wenn ich die Zeit habe, sitze ich an meinem Tisch, starre in eine Kerzenflamme und gebe mich meinem Kopfkino hin.

Ich erinnere mich an meine Jugendzeit, die erste Liebe, die ersten gemeinsamen Ferien, der erste Kuß, der erste Streit, der erste Liebeskummer… Ich denke an Konfirmandenfahrten, Sommertage im Freibad, Zelten in eiskalten Nächten kurz vor Pfingsten, Abendstunden am Lagerfeuer, Lieder und Erzählungen bis spät in die Nacht. Ich erinnere mich an Glühwürmchen und viele viele Sterne am Himmel. Im Kopf mache ich Listen mit Reisezielen, die ich gesehen habe, und mit solchen, die ich gern noch sehen würde, und es sind immer solche, an denen es nachts einen großen Sternenhimmel gibt…

Ich erinnere mich an Musik, die ich gehört habe, große Konzerte in riesigen Hallen, in der Waldbühne, in Arenen, die jetzt alle nach Banken und Versicherungen heißen. An ganz kleine Veranstaltungen in meinen Dorfkirchen oder im Garten, mit einem guten Dutzend Zuhörenden nur. An gemeinsames Singen im Chor. An Lieder allein gesummt, beim Duschen, nackt unter der Brause…

Ich denke an beeindruckende Filme, die meine Sicht auf die Welt verändert haben, an Bücher, die mich geprägt haben, die ich acht mal oder öfter gelesen habe, weil die Sprache darin so berauschend, die Bilder so mitreißend, die Szenen so lebensnah waren.

Wütend machen mich Situationen, die von Kleingeistigkeit und Gier der beteiligten Personen zeugen, Geschichten von Hass, Selbstsucht, von fehlendem Einfühlungsvermögen und Gleichgültigkeit gegenüber Menschen in Not. Immer wieder hat sich Krieg in meine Träume geschlichen, mit Bildern von tödlichem Feuer, mit dem Heulen von fallenden Bomben, mit Schüssen an trennenden und lebenszerstörenden Grenzen.

Dankbar macht mich, dass ich gesund bin, größtenteils, und dass Schmerzen in meinem Leben immer noch die Ausnahme sind, noch… Dankbar bin ich dafür, dass ich eine sinnvolle Arbeit habe, die ich gern tue, größtenteils. Dankbar mnacht mich, dass ich immer wieder von Menschen umgeben bin, die es gut mit mir meinen…

Viele Menschen, die ich kannte, kommen mir in den Sinn; von manchen würde ich sehr gern wissen, wo sie jetzt wohnen, was sie jetzt tun, ob sie glücklich sind… Manchen habe ich weh getan, manche haben mir weh getan, viele haben mich glücklich gemacht, einige vermisse ich. Viele Freunde hatte ich nie.

Erwachsen bin ich nie geworden, noch immer spiele ich gern. Ich erfinde Worte, die es noch nicht gibt. Ich denke mir Dinge aus, male Bilder in meinem Kopf, diskutiere mit meinem achtjährigen inneren Ich. Ich denke mir Rätsel aus, was viel spannender ist, als Rätsel zu lösen.

Im Sommer höre ich auf den unendlich leisen Klang der Himmelsglocke, blau über Feld und Wald und Land. Im Winter bedrückt mich das gleichförmige Grau über mir und um mich herum und auch in mir, aber ich habe immer die Hoffnung, dass in all dem Grau irgendwo weißer, unberührter, reiner Schnee darauf wartet, dass er endlich fallen darf.

Ich hoffe sehr, dass mir die Zeit bleibt, ganz viele von diesen Gedanken zu Ende zu denken.

Noch ist es eine ganze Weile hin, bis ich in den Ruhestand gehen werde, mindestens sechs Jahre habe ich noch vor mir, wenn ich gesund bleibe. Und der Kopf ist so voll…

Wenn es soweit ist, werde ich mir einen Schaukelstuhl kaufen, ihn auf den Balkon stellen und mich dort hinein setzen und nachdenken. Jeden Tag wieder, mindestens ein halbes Jahr lang. Und dann fange ich ganz gemütlich an, zu schaukeln…

Die Zehn-Tage-Woche

Jede Berufsgruppe hat ihre eigenen Fachworte, spezielle Begriffe, die die Kommunikation zwischen ihren Angehörigen eindeutig und klar machen, aber für Außenstehende oft völlig unverständlich sind.

Ärzte und Therapeuten, Apotheker und Mediziner haben für jeden Muskel, jeden Knochen und jede Sehne im Körper ihre Bezeichnung, die „normale“ Menschen nur kennen, wenn sie zu viel „Dr. House“ oder Gray’s Anatomy gesehen haben. Biologen und Sprachwissenschaftler haben Fachbegriffe, die sich auch hervorragend als Beleidigung oder „Verbalinjurie“ eignen würden; ihr erinnert euch vielleicht an meinen Blogeintrag zum „stimmlosen postvolearen Frikativ“…

Auch nicht-akademische Berufsgruppen haben und brauchen solche bezeichnenden Worte, die zum Beispiel Anweisungen in einer Werkstatt sehr viel einfacher und präziser machen: ein „Kuhfuß“, ein „Engländer“ und eine „Ratsche“ sind dann nicht unbedingt das, was der Nicht-Fach-Mensch erwarten würde.

Bei Elektrikern gibt es keine Glühbirnen, die heißen da „Lampen“ oder „Leuchtmittel“, und was ich eine Lampe nennen würde, ist unter Fachleuten eine „Leuchte“. So was machen die doch mit Absicht!

Ganz besonders ausgeprägt ist diese Tendenz zu missverständlichen Bezeichnungen bei Jägern und Seeleuten.

Aber wir Theologen haben da längst gleichgezogen: das Gerücht hält sich hartnäckig, daß, wer das Wort „Transsubstanziationslehre“ fehlerfrei aussprechen und schreiben kann, am selben Tag noch ehrenhalber das erste theologische Examen besteht – oder zumindest eine Urkunde dafür bekommt.

Jeder Sonntag im Kirchenjahr hat einen eigenen phantastisch-kompliziert klingenden Namen, von einfachen wie „Okuli“ und „Judika“ bis hin zu Buchstabenmonstern wie „Quasimodogeniti“ und „Misericordias Domini“.

Oft könnte man die Namen auch ganz einfach ins Deutsche übersetzen, aber dann klingen sie gar nicht mehr so „fancy“…

Der kommende Sonntag zum Beispiel heißt „Septuagesimae“ – was einfach bedeutet „Siebzig Tage vor Ostern“. Der Sonntag danach heißt „Sexagesimae“ – und das heißt „Sechzig Tage vor Ostern“.

Das macht die Woche des kommenden Sonntags zur längsten des Jahres – aber wen interessiert das schon, wenn nur die liturgischen Bezeichnungen korrekt sind…

Kann man Gott beweisen?

Kann man beweisen, dass es Gott gibt?

Viele Gläubige haben Erfahrungen gemacht, die für sie ein Beweis dafür sind, dass Gott sie sieht und an den wichtigen Stationen ihres Lebens bei ihnen ist. Gebete wurden erhört: kritische Lebenssituationen fanden ein gutes Ende, Probleme ließen sich unerwartet leicht lösen… Zuletzt sagen Glaubende dankbar: Gott hat mich begleitet und geführt, er hat mich gesegnet. Diese Erfahrungen sind für sie selbst eine Bestätigung dafür, dass ihr Glaube nicht vergeblich und leer ist, dass sie einen festen Grund für ihre Hoffnung haben. Solche Erfahrungen stärken den Glauben, das Vertrauen auf Gott, und bringen die Glaubenden dazu, sich auch in Zukunft darauf zu verlassen, dass Gott in ihr Leben eingreift, Gutes bewirkt und Schlimmes verhindert.

Menschen, die nicht an Gott glauben, werden diese Erfahrungen aber anzweifeln, andere Erklärungen für die „Wunder“ suchen und finden. Der Glaube an Gott ist für sie eine Selbsttäuschung, ähnlich wie die Hoffnung, dass ein Hufeisen Glück bringt und dass es ein gutes Vorzeichen ist, wenn man vierblättriges Kleeblatt findet.

Ungläubige Menschen vergleichen uns mit ängstlichen Kindern, die im Dunklen pfeifen und Trost bei ihrem Kuscheltier suchen. Sie sagen: Glaubende verlassen sich auf eine Art „imaginären Freund“ und lassen sich von solchen Vorstellungen von einem höheren Wesen beruhigen. Religion ist nur „Opium für das Volk“, eine Methode, die Menschen in Sicherheit zu wiegen und sie von dem Kampf für ihre eigenen Interessen abzuhalten.

Immer wieder wurde in der Geschichte der Theologie versucht, „Beweise“ für die Existenz Gottes zu finden, logische, mathematische oder philosophische Gründe für das Dasein Gottes aufzuführen, denen auch ein nur weltlich denkender Mensch am Ende nicht mehr widersprechen kann.

Die Erkenntnis, dass alles, was geschieht, eine Ursache haben muss, dass man immer wieder Fragen kann, „Was ist der Grund dafür?“ führt zwangsläufig dahin, dass es ein erstes Ereignis gegeben haben muss, das selbst nicht in irgendeiner Weise begründet und verursacht ist, einen „ersten Beweger“ – und das ist Gott. Es muss eine Art „größten Gedanken“ geben, etwas, das größer nicht gedacht werden kann – und ein Gott, den es gibt, ist ja sicher größer als einer, den es nicht gibt – also muss es logischerweise einen Gott geben, der existiert. ..

Ein anderer, ziemlich skurriler „Gottesbeweis“ findet sich in dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Der „Babelfish“ ist eine typische Adams-Kreation: Ein Fisch, den sich die Bewohner sämtlicher Galaxien ins Ohr stecken, weil er die Gabe hat, alle Sprachen simultan übersetzen zu können.

„Ich weigere mich zu beweisen, dass ich existiere”, sagt Gott, „denn ein Beweis
ist gegen den Glauben, und ohne Glauben bin ich nichts!”
„Aber”, sagt der Mensch, „der Babelfisch ist doch eine unbewusste Offenbarung,
nicht wahr? Er hätte sich nicht zufällig entwickeln können. Er beweist, dass es
dich gibt, und darum gibt es dich, deiner eigenen Argumentation zufolge, nicht.
Quod erat demonstrandum.”
„Ach, du lieber Gott”, sagt Gott, „daran habe ich gar nicht gedacht”, und löst
sich in ein Logikwölkchen auf. „Na, das war ja einfach”, sagt der Mensch und
beweist, weil’s gerade so schön war, dass schwarz gleich weiß ist, und kommt
wenig später auf einem Zebrastreifen ums Leben.“

.

Von dieser Art und geistigen Durchschlagskraft sind die meisten Gottesbeweise – und sie alle lassen sich auch widerlegen. Fast immer führen sie auch nur zu einer Art Theorie, die über den Gott der Bibel nichts aussagt: Wenn es einen ersten Beweger gegeben hat, könnte er auch danach die Welt völlig sich selbst überlassen haben, ohne je wieder in seine Schöpfung einzugreifen. Ein „erstes Prinzip“ ist aber nicht der Gott, den Jesus Christus seinen „Vater“ nannte, zu dem man beten kann und der die Glaubenden in guten wie in schweren Zeiten durch das Leben begleitet. Ein solcher Gott ist kein Grund zur Hoffnung.

In der Bibel werden Erfahrungen als eine Art Gottesbeweis berichtet: Jesus war mit seiner Mutter und einigen seiner Jünger auf eine Hochzeit in dem kleinen Ort Kana in Galiläa eingeladen. Dort ging bei dem Fest der Wein aus, und Jesus wandelt Wasser in Wein. So offenbarte er „seine „Herrlichkeit“, und seine Jünger glaubten an ihn.

Auch Moses soll Gott „mit eigenen Augen“ gesehen haben, im brennenden Dornbusch, in der Feuersäule, die das Volk Israel durch die Wüste führte.

Den schönsten Gottesbeweis habe ich – Sie werden lachen – bei Berthold Brecht gefunden: In seinen „Geschichten von Herrn K.“ findet sich folgender kleine Dialog:

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe.
Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der
Antwort auf diese Frage sich ändern würde.
Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen.
Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich
sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden:

Du brauchst einen Gott.“

.

In der Bibel werden Erfahrungen als eine Art Gottesbeweis berichtet: Jesus war mit seiner Mutter und einigen seiner Jünger auf eine Hochzeit in dem kleinen Ort Kana in Galiläa eingeladen. Dort ging bei dem Fest der Wein aus, und Jesus wandelte Wasser in Wein. So offenbarte er „seine „Herrlichkeit“, und seine Jünger glaubten an ihn.

Auch Moses soll Gott „mit eigenen Augen“ gesehen haben, im brennenden Dornbusch, in der Feuersäule, die das Volk Israel durch die Wüste führte. Solche Zeichen – sie doch wohl eher symbolisch verstanden werden müssten – sind Chiffren für eine Erfahrung, die eben so wirkmächtig ist wie ein unwiderlegbarer Gottesbeweis. „Ich liebe den Herrn, denn er hat mein Gebet gehört / meine Augen haben seine Wundertaten gesehen!“ heißt es begeistert in einem Loblied für Gott, in einem Psalm.

Beweisen, denke ich, kann man Gott nicht; man wird es nie können.

Die Frage, ob man Gott „braucht“, um ein sinnvolles Leben zu führen, ist eine ganz andere – und meiner Ansicht nach viel interessanter.

Wetterfühlig…

Schon seit meiner Teenagerzeit kann ich spüren, wenn ein Gewitter aufzieht. Einen halben Tag vorher ist der Himmel noch blau, keine Wolke zu sehen, alles eitel Sonnenschein. Aber ich bin aufgeregt, fürchterlich nervös und unruhig. Mich treibt dann eine Art Fluchtreflex, als wäre ich ein Kaninchen, das vor den ersten Regentropfen unbedingt noch in seinen Bau will. Erst Stunden später wird es dunkel und schwül, dann spüren auch die anderen um mich herum, dass es Zeit ist, aus dem Wasser zu kommen, die Wäsche von der Leine zu nehmen und die Fenster zu schließen.

Dieser sechste Sinn ist nicht unfehlbar, aber in acht von zehn Fällen liegt er richtig. Ich kann diese besondere Spannung in der Luft über ein paar Dutzend Kilometer fühlen. Manchmal zieht der Sturm dann einen anderen Weg.

Wenn es um Spannungen zwischen Menschen geht, ist mein Gefühl leider nicht so gut entwickelt. Da ist oft der Streit schon explodiert, bevor ich überhaupt mitbekomme, welche Wolken sich da zusammen ziehen…

Du bist ein Gott, der mich anschaut…

Gedanken zur Jahreslosung 2023

Es tut gut, wenn jemand mich sieht. Wenn jemand mich wahrnimmt, auf mich achtet und danach fragt, wie es mir geht. Es tut gut, wenn jemand meine Sorgen zu seinen macht, sich um mich kümmert. Wenn jemand da ist für mich.

„GOTT sieht mich.“ Dieser kurze Satz, der im kommenden Jahr 2023 die Jahreslosung ist, stammt aus dem 1. Buch Mose. Dort wird erzählt, wie Hagar, die Magd des Stammvaters Abraham, aus ihrer Heimat vertrieben wird. Ihre Wohnung, ihre Familie, ihre Arbeit und ihr Lebenssinn sind ihr genommen worden. Verloren sitzt sie mit ihrem Sohn in der Wüste.

Und dort erlebt sie – gerade dort, wo alles  hoffnungslos scheint – dass Gott sich um sie kümmert.

In der Wüste spricht Hagar ihr Glaubensbekenntnis „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Wir wissen alle nicht,  was uns im kommenden Jahr in die Wüstenzeiten unseres Lebens treibt. Aber vertrauen dürfen wir darauf, dass Gott uns begleitet, dass er mitgeht und trägt und hilft. Dass er da ist. Dass er uns sieht.

AD 7E7

Ein gesegnetes und erfüllendes neues Jahr wünsche ich Dir und allen, die hier mitlesen. Wir hatten alle kein leichtes Jahr, aber irgendwie haben wir es alle überstanden.

Und nun: Auf ein Neues! We are golden ✨️ and ready to go!

Schwimmbadpommes

Es passt zwar nicht ganz in die Jahreszeit, aber dieses Wort aus meinem letzten Blogeintrag ist doch ziemlich inspirierend, und darum will ich hier doch noch ein bisschen in Erinnerungen schwelgen.

Schwimmbadpommes sind nämlich die leckersten Fritten, die es überhaupt gibt. Das weiß ja eigentlich jeder: wenn man mit Freunden oder mit der einen ganz besonderen Freundin eine halbe Stunde lang an der Bude angestanden hat, albern dumme Witze erzählt hat, gelästert und geprahlt hat, wenn man dann endlich das Papptellerchen mit den Kartoffelstäbchen und der verdächtig dünnflüssigen Tomatensosse bekommen hat, dann merkt man schon am Geruch, dass es nichts Besseres als das gibt, in allen Gourmetrestaurants der Welt gibt es nichts, das so sehr nach Sommer schmeckt, nach Ferien, nach Jugend, nach Glück.

In Berlin war es das Strandbad Lübars, wo wir sogar eine eigene Ecke für die Teenies aus unserer Kirchengemeinde belegt hatten: Jeder, der ins Strandbad kam, guckte zuerst dort nach, ob jemand von den anderen schon da war.

In den Ferien fuhren wir mit unseren Eltern nach Kellenhusen an der Ostsee. Dort mieteten wir einen Strandkorb und bauten eine Sandburg drumherum, natürlich mit dem Wappen Berlins aus Muscheln zusammengelegt, groß genug für Oma, Opa, Mutti und Papa und für uns Kinder.

An den schönsten Tagen durften wir mittags zur Pommesbude laufen und dort gebratene Hähnchenbeine und Schwimmbadpommes mit Ketchup kaufen. Fünf Portionen zum Teilen für die ganze Familie. Und Limonade, eiskalt, direkt aus der Flasche zu trinken.

Kellenhusen war überhaupt ein Traum: neben dem Ostseestrand und der Pommesbude gab es auch noch einen Minigolfplatz. Dort haben wir in jedem Urlaub wieder ernsthafte Wettbewerbe ausgetragen, und der Verlierer musste beim nächsten Mal die Punkte auf der Spielkarte eintragen und zusammenzählen. Meistens war ich das…

Ich erinnere mich noch lebhaft an ein kleines Spielzeugmodell, ein batteriebetriebenes Wasserflugzeug, das ich immer wieder in dem Planschbecken am Kurmittelhaus schwimmen lassen konnte. Es hatte keine Schiffsschraube wie die Boote der anderen Kinder, sondern einen richtigen Propeller, eine Luftschraube, die gefährlich laut summte, während das Flugzeug durch das Planschbecken sauste.

In Kellenhusen habe ich auch zum ersten Mal die Familie richtig zum Essen eingeladen: wir waren beim Jugoslawen, es gab Cevapcici mit Gemüsereis, und ich hatte lange mein Taschengeld dafür gespart. Mann, war ich stolz, als am Ende die Rechnung auf den Tisch gelegt wurde und ich sagen konnte: „Ich bezahle!“

Aber die Schwimmbadpommes waren trotzdem viel besser…

Kinderquatsch mit Kerstin und Christiane

.

Es ist bestimmt fünfunddreißig Jahre her. Vielleicht noch mehr. Ich schlenderte nach dem Gottesdienst über den Flohmarkt am Rathaus Schöneberg. Oder war es im Einkaufszentrum im Märkischen Viertel? Ich weiß es nicht mehr genau.

Neben den üblichen Ständen, an denen Geschirr, alte Radiogeräte, Uhren und Töpfe und anderer Kram angeboten wurden, hatten zwei Mädchen eine Decke ausgebreitet und mit Dingen aus ihrem Kinderzimmer belegt, die sie nicht mehr brauchten. Von dem Geld, das sie dafür bekommen würden, wollten sie sich einen Tagesausflug zum Wannsee finanzieren, mit Eintritt ins Schwimmbad, jeder Menge Eis und dann noch Limo und Schwimmbadpommes am Kiosk am Strand. Jedenfalls haben die Beiden mir das so erzählt.

Ein paar Puppen mit Zubehör lagen da, ein paar ziemlich zerlesene Comichefte, Springseil, Kinderbücher und Musikcassetten mit Hörspielen von Bibi und Tina, Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg.

Nur diese eine selbstgemachte Cassette fiel mir ins Auge, und die habe ich dann auch gekauft. Für zwei Mark. Bei dem Preis habe ich nicht einmal gehandelt.

Kerstin und Christiane haben eine tolle „Radiosendung“ improvisiert: sie erzählen Witze, rezitieren Gedichte, singen bekannte und selbstgemachte Lieder und machen ein „Intawiv“ mit Papa Moll. Einmal platzt auch die Mama unangemeldet in das „Aufnahmestudio“ hinein…

Die beiden sprechen mit Engagement, großem Talent, Betonung und Begeisterung. Manche Szenen erinnern mich an das Fernsehcabaret „Klimbim“, manches ist ganz offen von der DADA-Bewegung inspiriert. Und alles ist immer großartig und echte Kunst.

Leider steht keine Adresse oder Telefonnummer auf der Cassette. Ich würde gerne mit Kerstin und Christiane Kontakt aufnehmen – bestimmt hätten sie nach all den Jahren ihre Radiosendung wieder einmal gehört. Falls jemand die beiden kennt, sagt mir bitte Bescheid – ich würde ihnen gern ihr Band zurück geben…

Aber es gibt fast fünfhundert mal den Namen „Anders“ in Berlin… Es wäre schon ein Wunder…