Die Zärtlichkeit einer Kirchengemeinde

In der vergangenen Woche ist es mir nicht gut gegangen. Die Schwermut klopfte an die Tür, unterstützt von den Dunkelheiten der ersten Herbststürme, und stellte Ausdauer und Motivation auf die Probe.

Man muss mir das angesehen haben, denn als ich am Sonntag zum Gottesdienst in der Kirche von Brusendorf eintraf, nahm mich eine Frau spontan in den Arm. „Ich habe das Gefühl, dass sie das jetzt gebraucht haben.“ sagte sie danach zu mir. Nach dem Gottesdienst bekam ich von einem älteren Herrn aus dem Gemeindekirchenrat ein Stück Kuchen gebracht. Und er zwinkerte mir aufmunternd zu: „War wieder sehr gut, die Predigt!“ Aus seinem Mund bedeutet das etwas, denn er geht sehr häufig zum Gottesdienst, auch bei den Kollegen.

Nach dem zweiten Gottesdienst in der Kirche von Schönefeld hat mich der Organist umarmt. Er tut das manchmal, wenn uns ein Gottesdienst besonders gut gelungen ist. Und ein Konfirmandenvater hat mir freundschaftlich auf die Schulter geklopft.

Es sind diese kleinen Zeichen der Zuneigung, die so gut tun!

In den meisten Gemeinden, überhaupt oft am Arbeitsplatz besteht eine so große Scheu, andere zu berühren. Selbst die flüchtigste Zärtlichkeit kann ja so leicht missverstanden werden; und die Strafe kommt sogleich hart und unerbittlich in den Zeiten der Hashtags und der Whats-App-Gruppen. Das macht vielen Menschen Angst, besonders den Männern.

Respektvoller und „grenzwahrender“ Umgang miteinander ist so wichtig für ein auf Dauer gedeihliches Zusammenleben, aber wo das Einverständnis vorausgesetzt werden kann, ist eine aufmunternde Berührung oder eine tröstende Umarmung wirksamer und hilfreiche als tausend Worte oder ein Blumenstrauß in der Mitarbeiterbesprechung.

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Zeitzonen: 12.00 GMT: Greenwich, London

 

Es hätte auch jeder andere Ort auf der Welt sein können. Die Erde ist rund, und überall ist es einmal am Tag Mittagszeit. Den nullten Längengrad durch das Königliche Observatorium in dem schönen Park an der Themse im Londoner Ortsteil Greenwich zu legen war dennoch keine vollkommen willkürliche Entscheidung. Die Briten waren lange Zeit die wichtigste seefahrende Nation, und nicht zuletzt für die Navigation der Handelsschiffe und Kriegschiffe wurde ein weltweites System benötigt, das selbst den Ort der fernsten Inseln eindeutig bestimmen kann. Auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington, D.C. mit Vertretern aus 25 Nationen wurde am 13. Oktober 1884 der durch Greenwich verlaufende Meridian als Basis des internationalen Koordinatensystems eingeführt. In Deutschland wurde der Meridian von Greenwich 1885 übernommen.

Was kaum jemand weiß: Lange vor den Koordinatensystemen für Nautik und Geographie, die sich an der Lage des Royal Observatory orientieren, gab es unterschiedliche andere Systeme: Die Stadt Paris lag für französische Wissenschaftler und Seefahrende lange auf dem Nullmeridian, in der Antike (seit 150 v. Chr.) rechnete man mit einem Koordinatensystem, dessen Nullpunkt auf der Insel Rhodos lag. Und noch bis in das letzte Jahrhundert hinein rechneten Seefahrer ihren Standpunkt nach der Entfernung von der Insel Hierro, der kleinsten und am meisten westlich gelegenen Insel der Kanarischen Inseln – was sinnvoll war, da man so die Lage aller europäischen Orte und Meere mit einfachen positiven Zahlen angeben konnte. Als dieses System eingeführt wurde, war Amerika noch nicht bekannt. Jenseits der „Inseln der Seeligen“ gab es nur unendliche Weite, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte.

Durch immer genauere Messmethoden, zum Beispiel mit Hilfe von Satelliten und dem GPS-System, wurde es möglich, die Gestalt der Erde so exakt zu bestimmen, dass die Unregelmäßigkeiten ihrer Form bemerkbar macht. Sie weicht deutlich von der idealen Kugelform ab, was unter anderem dazu führt, dass der exakte Nullmeridian nicht mehr genau durch das Observatorium von Greenwitch führt, sondern durch den benachbarten Park, etwa 110 Meter entfernt. Mit dem GPS im Mobiltelefon kann man das leicht überprüfen. Die Längen- und Breitenkreise liegen zudem nicht mehr unverrückbar fest, sondern ändern sich je nach Jahreszeit und z.B. auch durch die Kontinentaldrift langsam mit der Zeit, denn sie sind nicht mehr durch die tatsächliche Form des Planeten, sondern durch einer berechenbare, aber abstrakte Geometrie der Erde definiert.

Bei der Internationalen Meridian-Konferenz 1884 wurde auch beschlossen, die Ortszeit am Greenwich Observatorium zur Grundlage der Zeitberechnung auf der Erde zu machen. 24 breite Bänder umschließen die Erde, innerhalb derer sich die Menschen nach der gleichen Uhrzeit richten: Die Zeitzonen.

Eine Zeitzone ist auf der Erdkugel normalerweise 15 Grad „breit“. Anders gesagt: Alle 15 Grad fängt eine neue Zeitzone an. Auf der Höhe von London und Berlin („in unseren Breiten“) entsprichen diese 15 Grad etwa einer Entfernung von 1000 Kilometern, weiter im Süden (bis hin zum Äquator) ist es entsprechend mehr.

Die meisten Länder richten sich nicht stur nach der geometrischen Länge, sondern definieren für ihr gesamtes Gebiet eine gemeinsame Uhrzeit. Die Mitteleuropäische Zeit MEZ gilt beispielsweise von Spanien bis Polen, obwohl Spanien bereits deutlich westlich von England liegt. Das führt dazu, dass es in Spanien abends erst mehr als eine Stunde später dunkel wird.

Und nur, wenn es in Greenwich 12 Uhr Mittags ist, schreibt man überall auf der Welt das gleiche Tages-Datum. Aber dazu später mehr…

Mittagsläuten

Ich sitze in meinem Büro in Selchow, dem kleinen Dorf gleich neben dem großen Flughafen, der nicht fertig wird und auf dem trotzdem schon so viel Betrieb ist.

Es ist fast Mittag, und gleich werden die Glocken der Dorfkirche läuten.
So, wie sie es jeden Tag tun.

Sie erinnern alle Menschen im Dorf daran,
in ihrer Tageshektik eine kurze Pause zu machen.

Sie erinnern mich daran, einmal alles weg zu legen und von mir weg zu sehen.

Durchzuatmen.

Still zu werden.

Sich auf Gott zu konzentrieren.

Zu beten.

Gott, ich danke Dir, dass ich auch heute wieder genug zu essen und zu trinken habe.
Ich danke Dir für ein Dach über dem Kopf und ein Bett, in dem schlafen kann.
Ich danke Dir für meine Frau und dafür, dass sie mich liebt.
Ich danke Dir für meinen Arbeitsplatz
und dafür, dass ich genug verdiene, um Leben zu können.
Nichts von dem allem ist selbstverständlich.

Ich danke Dir für die Kirchen hier in den Dörfern,
in denen ich mit den lieben Leuten aus der Gemeinde
Gottesdienst feiern kann.

Ich bitte mich, dass Du mir die Kraft gibst,
ihnen ein guter Pfarrer zu sein.

Dass Du mir die Kraft gibst, meiner Frau ein guter Ehemann zu sein.

Dass Du mir die Kraft gibst, zu tun, was Du willst.

Du, mein Gott.

Du.

Sechzig Jahre und ein bisschen Weise

Heute haben wir in einer meiner Kirchengemeinden eine Diamantene Hochzeit gefeiert. 60 Jahre gelungene Ehe, sechs Jahrzehnte gemeinsames Leben durch helle und dunkele Jahre. Das war für alle Beteiligten ein Grund, „Danke“ zu sagen.

Die beiden Jubilanten (oder sagt man Jubilare?) waren schon fast neunzig, jeder, und immer noch und immer wieder verliebt. Klar haben auch die sich manchmal gestritten, haben sie mir verraten, aber sie haben sich immer wieder am selben Abend noch versöhnt.

Das ist Weisheit!

Fast glaube ich, dass es solche Lebensentwürfe nur auf dem Dorf geben kann. Fest verbunden und vertraut mit dem eigenen Grund und Boden, eingewurzelt in einer Familie, die schon seit mehreren Jahrhunderten in diesem einen Ort wohnt, haben alle Familienmitglieder das sichere Gefühl, hier hin zu gehören, an dem einzigen Platz in der Welt, den man mit einem einzigen Wort bezeichnen kann – Heimat.

In der Stadt kennt man dieses Gefühl kaum noch. Hier ist man zu Hause, aber nicht wirklich verwurzelt. Wer in der Stadt wohnt, ist meistens schon mehrfach umgezogen, wenigstens in einen anderen Stadtteil… und er ist überall daheim.

Es gab einen schönen Gottesdienst (das kann ich sagen, obwohl ich ihn selber gemacht habe) und dann mit dem halben Dorf ein leckeres Essen im nächsten Hotel…

Es gab

echten Kuchen (ungelogen)
echten Bohnenkaffee (aus dem Westen)

Und
(zum Aussuchen):

Aal mit Kartoffeln und Gemüse (mit passender Soße)
Ente mit Klößen und Rotkohl (mit passender Soße)
Schnitzel mit grünen Bohnen und Kroketten (mit passender Soße)

und hinterher

Schokoladenpudding (mit passender Soße)

((Es war aber jedes mal eine andere Soße…))

Und dann wurde getanzt.

Und ich bin nach Hause gefahren. Der Pfarrer muss ja nicht ÜBERALL dabei sein…

Dinge am Rand…

Eins der schönsten Weihnachtsgeschenke, das ich jemals bekommen habe, war ein selbstgeschriebenes Buch. Als ich gerade volljährig geworden war, hat eine Freundin aus der Kirchengemeinde dieses Wunderbuch für mich geschrieben. Sie hatte Kurzgeschichten, Gedichte, Witze und Märchen gesammelt und mit der Hand in ein großes Notizbuch abgeschrieben – 52 Seiten!!! – und am Rand dann mit Buntstiften Bilder von Blumen, Tieren und Landschaften dazu gemalt, es war ein richtiges, kleines Kunstwerk. Dieses Buch habe ich geliebt.

Weil ich selbst fast nur noch auf dem Computer schreibe, ist für mich ein mit der Hand geschriebener Text, ein Brief, ein solches Buch etwas ganz Besonderes, beinahe so wie eine Umarmung von dem, der mir geschrieben hat. Durch dieses Buch bin ich immer noch mit meiner alten Freundin verbunden, auch wenn ich sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe.

Ein besonderes Erlebnis war es für mich, ein fünfhundert Jahre altes Buch in der Hand zu halten, in dem an den Rändern der Seiten handgeschriebene Bemerkungen eines Gelehrten aus der Reformationszeit zu lesen waren… Während meiner Studienzeit in Tübingen habe ich dieses Buch ein paar Stunden lang lesen dürfen, ich musste dabei weiße Leinenhandschuhe tragen und einen Mundschutz…

Das Buch selbst war gedruckt, in großen, tiefschwarzen Lettern, mit Blei gedruckt und nach einem halben Jahrtausend noch auf dem rauen Papier fühlbar, aber die Randbemerkungen in zierlichen Buchstaben hatte eine geübte und geschickte Hand mit einer sehr feinen Feder und schwarzer Tinte dazugesetzt. Und auf einmal habe ich mich in diese Zeit geträumt, die so lange vergangen ist, in der noch niemand an Computer oder Elektrizität dachte, an Lichtsatz oder Siebdruck; eine Zeit, in der Demokratie nur etwas war, das man vor sehr langer Zeit in Griechenland ausprobiert hatte, und in der das Wort der Kirche die unhinterfragbare Wahrheit war – und ich habe daran gedacht, dass dieser Mann, der diese Randbemerkungen schrieb, einer der ersten Menschen in Deutschland war, der mit seinen Gedanken eine Veränderung in Gang setzte, die am Ende zur Aufklärung und zur Moderne führte…

Dieses Buch hat er zuerst in der Hand gehabt, und Hunderte Männer und Frauen nach ihm, und nun war ich der vorerst Letzte in dieser Reihe… Durch so ein Buch weht der Wind der Jahrhunderte, der Atem der Geschichte…

“Marginalien” nennt man solche Randbemerkungen. In alten Büchern findet man sie oft nachträglich ergänzt, sie sind Spuren eines Lesers, der für seine Nachfolger deutlich machen will, dass er eine abweichende Meinung hat, dass er – nach vielen Jahren weiterer Forschung – mehr und Besseres weiß, der vielleicht auch einfach nur in ein – freilich recht einseitiges – Gespräch mit den späteren Benutzern dieses Buches treten will: “Das habe ich mir dabei gedacht; und ich glaube, Du könntest es interessant finden…” (Leider reagieren die meisten Bibliothekare heutzutage sehr ungehalten, wenn man solche Notizen auf den Rand eines der kostbaren Bibliotheksbücher schreibt… Ich habe aber schon manchmal kleine Zettel mit ein paar kurzen Sätzen darauf in Büchern aus der Stadtbücherei liegen gelassen – in der Hoffnung, dass ein anderer Leser sie zur Kenntnis nimmt…)

Marginalien werden aber auch – besonders in wissenschaftlichen Büchern, zum Beispiel in Bibelausgaben, die für das theologische Studium gedacht sind – gleich beim Drucken auf der Seite platziert; ähnlich wie Fußnoten und in den Text geschaltete Rahmen und Kästchen. Sie enthalten Informationen, die den im Haupttext dargestellten Gedankengang ergänzen (zum Beispiel Hinweise auf andere sinnverwandte Bibelstellen, auf passende Forschungsergebnisse der Religionsgeschichte oder auf Textvarianten in anderen Bibelübersetzungen).

Manchmal sind die Randbemerkungen in solchen Büchern interessanter und wichtiger als der eigentliche Text. Sie erklären nicht nur Dinge, die im Haupttext missverständlich oder unklar bleiben, sondern zeigen auch, wie spätere Generationen diesen Text verstanden haben und wie sie von ihm beeinflusst wurden.

Es ist überhaupt immer sehr hilfreich, die Randerscheinungen und Marginalien zu beachten. Auch auf Parties haben die “Mauerblümchen” oft die spannenderen Geschichten zu erzählen….

In den Schuhen des Predigers…

Wenn ich jede Woche wieder vor der Gemeinde stehen und predigen darf, mache ich mir nur selten klar, dass die Frauen und Männer in den Bänken mich nicht nur hören, sondern auch sehen; und dass also Aussehen und Erscheinung ein Teil der Botschaft werden.

Erst die Blogeinträge von davidssplitter und die Tweets von @pastoracara haben mich daran erinnert, dass ich auch schon darauf angesprochen wurde.

Als ich Vikar in der Kirchengemeinde Lichtenrade war und Gemeindeglieder zur Vorbereitung einer Trauerfeier besuchte, bekam ich immer wieder einmal zu hören: „Sind Sie nicht viel zu jung, um eine Trauerfeier zu leiten?“ Ich war damals dreißig Jahre alt, sah aber jünger aus. Manche Leute haben mir damals eher Konfirmandenunterricht oder Kindergottesdienste zugetraut, aber nicht so etwas ernstes wie eine Bestattung. Das änderte sich aber schlagartig, als ich mir einen Bart stehen ließ.

Jetzt bin ich fast dreißig Jahre älter, habe kräftige graue Haare, zum Glück noch keine Glatze, und ich habe auch ordentlich zugenommen. Mit Bauch, Doppelkinn und Seniorenfrisur entspreche ich eher dem Bild, das die Leute sich von einem Pfarrer machen. Dass ich innerlich immer noch eine „einflussreiche“ kindliche Seite habe und mich immer noch nicht wirklich erwachsen fühle, ändert nichts daran. Und so muss ich nicht mehr um Respekt und Vertrauen kämpfen wie damals als Vikar.

Sicher achten Leute auch auf die Kleidung und auf die Schuhe, auf Beffchen und Talar. Wenn ich es einmal sehr eilig hatte und etwas zerrupft vor die Leute getreten bin, gab’s auch schon Kommentare. Gerade „einfache“ Menschen sehen in Jeans unter dem Talar ein Zeichen mangelnder Wertschätzung der Gemeinde gegenüber. Sie selbst sind ja auch im „Sonntagsstaat“ gekommen.

Vor einiger Zeit war in unserem Pfarrkonvent ein Image-Berater zu Gast, der uns erklärt hat, welch großen Aufwand Politiker, Schauspieler und Menschen in der Werbebranche auf ihr Äußeres verwenden müssen. Er selber hatte sogar 18 verschiedene Brillen für unterschiedliche Anlässe, die er ganz gezielt einsetzt, um Vertrauen, Respekt, Zuneigung oder Achtung in seinem Publikum hervor zu rufen. Er sagte, dass solche Accessoires ganz unterschwellig wirken und kaum bewusst bemerkt werde, zusammen mit anderen Aspekten doch sehr großen Einfluss auf die Kommunikation haben.

Solchen Aufwand treiben Lehrer oder Pfarrer in der Regel nicht – aber ich habe schon öfter gehört, dass in der Gemeinde auch mal ganz schön spöttisch getuschelt wird, wenn der Talar mal ganz zu heftig verknittert ist…

Äthiopisches Neujahrsfest…

Heute, am 11. September feiern die äthiopisch orthodoxen Christen das Meskal-Fest, bei dem sie sich erinnern, dass Monika, die Mutter des Heiligen Augustin, bei einer Reise nach Jerusalem das einzige, wahre und echte Kreuz gefunden hat, an dem Jesus Christus gestorben ist. Die absolute Super-Reliquie! Wenn das kein Grund zum Feiern ist…

Als ich noch in Alt-Schöneberg Pfarrer war, wurde das von unserer äthiopischen Partnergemeinde jedes Jahr wieder gefeiert; und ich war froh und auch ein bisschen stolz, dabei sein zu dürfen. Ich habe zwar kein Wort im Gottesdienst verstanden, weil alles in Ge’ez gesungen und gesprochen wurde; das ist die alte, äthiopische Kirchensprache, die auch in Äthiopien kein Mensch mehr versteht, ausser die Kirchenleute…

Nach dem Gottesdienst sind wir raus auf den Platz vor unserem Gemeindehaus, wo ein großer Haufen Holz aufgestapelt war, und dann versuchten wir gemeinsam, das anzuzünden… Aber: es regnete, und es hatte auch die ganze Nacht und den ganzen Tag davor geregnet, und das Holz war pitsche-patsche-nass. Also steckten wir erst einmal den halben Inhalt das Alt-Papier-Containers zwischen die Holzbalken, das Papier brannte auch fröhlich, das Holz rauchte gefährlich, dann ging das Feuer wieder aus und das wars fürs Erste.

Also haben wir die andere Hälfte des Inhalts aus dem Alt-Papier-Container da hinein gesteckt, einen halben Liter Spiritus darüber gekippt und dann das ganze wieder angezündet. Es gab eine vier Meter hohe Stichflamme, das Papier verbrannte in ein paar Minuten, und der Holzhaufen qualmte so stark, dass ich dachte, gleich kommt die Feuerwehr… (Wir haben das Feuer natürlich vorher bei der Stadtverwaltung angemeldet, aus genau diesem Grund…) Ich musste irgendwie an Gandalf, den Zauberer denken, der mal versuchte, im Schneesturm auf einem Berggipfel ein Feuer anzuzünden… „Naur an edraith ammen!“ Und an Elia, den Propheten, der ja mal Feuer vom Himmel herab gerufen haben soll… Und dann war wieder alles aus.

Während der ganzen Zeit stand die ganze äthiopische Gemeinde um das nicht brennende Feuer herum, tanzte und sang, weil das ja alles noch zu dem Gottesdienst dazu gehörte, als liturgischer Höhepunkt sogar, und wurde auch immer nasser.

Zuletzt brachte jemand kleine orangefarbene Fackeln aus Wachs, die bei den Äthiopiern sonst im Gottesdienst in der Weihnachts-Nacht verwendet werden, zündete gleich zwanzig davon an und steckte die zwischen die Holzscheite, und jetzt endlich, nach einer guten Stunde, brannte das Feuer so, wie es sollte. Ja, und dann konnten wir schön rund herum gehen, noch mehr Psalmen und uralte Texte in Ge’ez aufsagen (klingt auch fast wie Gandalf…), und dann konnten wir endlich wieder rein zum Essen. Und, ja, es gab die leckeren Äthiopischen Pfannenkuchen.