Urlaubslektüre 2

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks
S. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2017

Ich habe gezögert, über diesen Artikel „Urlaubslektüre“ zu schreiben, denn dieses Buch hat es in sich. Vor dem Hintergrund der Bürgerkriege, Attentate, Folter und Mord und anderer terroristischen Akte, die in den letzten dreißig Jahren in Indien und Pakistan geschehen sind, wird die Geschichte mehrerer „Helden“ erzählt, die jede und jeder auf ihre Art versuchen, zwischen Trümmern, Scherben und Gräbern zu leben. Arundhati Roy schont ihre Leser nicht und konfrontiert ihre Leserinnen und Leser gnadenlos mit der Wirklichkeit. Erholsame Lektüre ist das nicht.

Am Anfang werden wir auf einen Friedhof in der Altstadt von Delhi entführt. Dort lebt und liebt eine Gruppe von Aussenseitern, Menschen vom Rand der Gesellschaft, die zwischen Grabsteinen und Müll ein Zuhause gefunden haben. Das „Jannat Guest House“ wird zum Zufluchtsort für Menschen, die nirgendwo sonst Ruhe und Frieden gefunden haben, zum „Ministerium des äußersten Glücks“ – aber auch dort ist Leben, Freiheit und Liebe immer in Gefahr. Glück ist immer nur für den Augenblick.

Wie auch in dem bekannten und sehr empfehlenswerten Buch „Der Gott der kleinen Dinge“ malt Arundhati Roy ein überwältigendes Puzzle vor die Augen ihrer Leserinnen und Leser, ein Bild, das betört durch die Farbenpracht und den Duft der Gewürze Indiens; eine Geschichte, die manchmal weich und wärmend ist wie ein Schal aus Kaschmir und dann plotzlich wieder hart und unbarmherzig wie die Folterknechte, die es in allen politischen Richtungen gibt.

Im Gegensatz zu mir 🙂 schafft es Arundhati Roy aber, dabei alle Klisschees über Indien und Pakistan, über Hindus und Muslime, über Militär und Widerstand, sogar über Männer und Frauen (und alles, was es dazwischen noch gibt) zu vermeiden.

So entstand ein Roman, auf den absolut zutrifft, was im Klappentext gesagt wird: „Erzählt mit einem Flüstern, einem Schrei, mit Freudentränen und manchmal mit einem bitteren Lachen, ist dieser Roman Liebeserklärung und Provokation zugleich: eine Hymne auf das Leben.“

Zwischen dem Entsetzen über die Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind, und der Sehnsucht nach diesen Ländern, die Arundhati Roy so detailverliebt und farbensüchtig beschreiben kann, hin und her gerissen, habe ich dieses Buch in meinem letzten Urlaub gelesen und bin versunken in dieser Welt, die unsere eigene ist und doch so fremd und fern wie ein anderer Planet.

Wer dieses Buch liest, ist eine Woche lang für die eigene Umgebung verloren – und auch danach kreisen die Gedanken immer wieder um dieses zerbrochene, großartige Land. Pakisten und Indien, Afghanistan und Syrien sind so nah – und diese unglaublichen Geschichten spielen nicht in einem fernen Mittelalter, sondern jetzt, in unserer Zeit, in diesen Tagen. Mein Blick auf diese Welt ist danach nicht mehr gleich.

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Sommer – Gemeindebriefartikel

Juli

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!
Hos 10,12 (L)

Liebe Gemeindeglieder und Freunde in Schönefeld und Großziethen…

Mir gefällt an diesem Spruch, dass Liebe hier nicht so was romantisch Verschwurbeltes ist. Sie hat was mit handfesten Begriffen zu tun, auch wenn die hier wohl im übertragenen Sinn gemeint sind. Säen, Pflügen, Ernten – das sind Worte, mit denen die Leute hier in Großziethen und Schönefeld noch etwas anfangen können, das haben Sie jedes Jahr wieder vor Augen. Dass die Zeit knapp ist und dass man manchmal sehr schnell etwas tun muss, wenn die richtige Zeit da ist, das wissen sie auch. Zur Zeit ist es hier fürchterlich trocken und heiß, und die paar Tropfen, die letzte Woche vom Himmel gefallen sind, helfen da auch nicht. Regen wird da sehnsüchtig erwartet.

Außerdem ist der Gedanke an die Liebe mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ verbunden. Das ist auch schon eher ein verschwurbeltes Wort – aber doch irgendwie ein bisschen „irdischer“ als die Liebe. Man könnte sich jetzt streiten, was genau denn Gerechtigkeit ist: wenn jeder und jede das bekommt, was er oder sie braucht – oder wenn jede und jeder das gleiche bekommt – oder wenn jede und jeder das bekommt, was er oder sie verdient hat. Aber ich glaube, dass das in diesem Zusammenhang egal ist.

Gerechtigkeit kann es auf jeden Fall nur geben, wo Menschen sich gegenseitig im Blick haben – wo sie aufeinander eingehen, sich umeinander kümmern und wo einer dem anderen nicht egal ist. Also da, wo Liebe ist. zumindest Nächstenliebe. Wo es solche Gerechtigkeit gibt und wo solche Liebe da ist, da wird nicht gemobbt oder getratscht, da wird niemand vergessen und keiner ganz allein gelassen.

Das ist – auch in der Kirche – zur Zeit noch ein Wunschtraum. „Gerechtigkeit nach dem Maß der Liebe“ ist unser Leitstern, ein Ziel, auf das unser innerer Kompass zeigt. Aber wir sind noch lange nicht da. Wir sind zwar dorthin unterwegs, aber der Weg ist noch weit, und oft genug verirren wir uns.

Und da ist es ein Trost, dass man immer wieder neu anfangen kann, das Misslungene oder Vertrocknete sozusagen unterpflügen kann, damit man neu säen kann, neu düngen und gießen, bis man ernten kann, was man gesät hat: Gerechtigkeit, Liebe, Frieden.

August

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.
1 Joh 4,16 (E)

Wirkliche Liebe und wirkliche Gerechtigkeit kommen von Gott. Gerechtigkeit und Liebe sind heilig. Wer daran fest hält, hält sich an Gott fest.

Natürlich lieben auch Menschen, die nicht an Gott glauben, und auch Atheisten wissen, was gerecht ist. Aber für glaubende Menschen ist beides mit Gott verbunden, weil er uns vor allem anderen ein Beispiel für Liebe und Gerechtigkeit ist. Vielleicht ein Beispiel, das uns immer wieder überfordert.

Gottes Liebe ist bedingungslos und gilt, trotz allem, was Menschen tun oder lassen. Man kann sie sich nicht verdienen, aber sie kann auch durch nichts, was wir tun, verdunkelt oder gelöscht werden. Und genau so ist es auch mit der Gerechtigkeit Gottes. Er steht nicht mit dem Tabletcomputer hinter uns und notiert jeden Fehler, den wir machen, sondern er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns Gerechtigkeit, indem er unsere Sünden löscht und dann die gelöschten Dateien mit Liebe und Barmherzigkeit überschreibt.

Und dann sagt er: „Fang noch einmal neu an. Pflüge ein Neues! Säe Gerechtigkeit nach dem Maß der Liebe! Streue Samen aus, die zu den Früchten heranwachsen, nach denen du dich sehnst. Und ich, Gott, will Regen und Sonne dazugeben zur rechten Zeit.

Urlaubslektüre

Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge
Verlag Kein und Aber, Zürich – Berlin, 1. Aufl. 2018

Wie er es geschafft hat, den seltsamen Eignungstest zu bestehen, wird ihm für immer ein Rätsel bleiben. Und warum die ziemlich undurchschaubare Organisation USIC ausgerechnet einen Pfarrer auf die Reise zu einem Trillionen Kilometer weit entfernten Himmelskörper schickt, wird Peter Leigh auch erst nach langer Zeit erkennen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der wissenschaftlich-technischen Kolonie auf dem Planeten Oasis sind jedenfalls nicht die wichtigste Zielgruppe seiner missionarischen Bemühungen. Es sind die nichtmenschlichen Bewohner des Planeten, die „Freaks“ von „Freaktown“, die um seine Dienste gebeten haben. Und voller Erstaunen erkennt Peter Leigh, dass er nicht der erste Mensch ist, der das Wort von Jesus und die Bibel, das „Buch der seltsamen neuen Dinge“, nach Oasis bringt.

Das Leben auf dem fremden Planeten fordert dem jungen Pfarrer viel ab; die schwüle Hitze, der seltsame Regen, die karge Landschaft stellen seine Ausdauer auf eine harte Probe. Doch am härtesten ist für ihn die Trennung von seiner Frau, der er nur unregelmäßig Briefe schreiben kann. Er wäre nicht der erste Mensch von der Erde, den das einsame Leben auf Oasis um den Verstand gebracht hätte. Aber die einheimischen Bewohner zeigen sich sehr viel leichter zugänglich, als Peter Leigh zuerst befürchtet hatte.

Während Pfarrer Leigh sich zunehmend begeistert in seine Arbeit stürzt, schreibt seine Frau immer beunruhigendere Briefe aus der Heimat. Eine Katastrophe folgt der anderen, und plötzlich steht alles in Frage, was das Ehepaar bisher zusammen gehalten hat: der Glaube an ein Wiedersehen, die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, sogar das Vertrauen auf Gott.

Es ist nicht leicht, den Roman von Michel Faber einzuordnen: es ist kein science fiction und kein Zukunftsroman, keine Liebesgeschichte und kein Thriller, kein Krimi und keine Erzählung über die Soziologie der Außerirdischen – und doch von alledem ein bisschen. Immer wieder werden neue, interessante Fragen aufgeworfen, immer wieder nimmt die Geschichte überraschende Wendungen. Dabei gelingt es Michel Faber, einen großen zusammenhängenden Spannungsbogen aufzubauen, so dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen. Dies ist ein Buch, über das man noch lange nachdenkt, wenn die letzte Seite gelesen ist.

Lebendige Gesichter

Ich mag es, wenn Menschen beim Sprechen ein „lebendiges“ Gesicht haben. Wenn die Augenbrauen tanzen, die Augen mitlächeln, die Lider blinzeln und die Lippen Worte in die Luft küssen. Wenn die Sprechende mit ihren Händen energisch die Haare aus dem Gesicht streicht, voll von leidenschaftlicher Überzeugung, und wenn sich ihre Nase nachdenklich kräuselt, sobald sie unsicher ist. Wenn mich Blicke packen und festhalten können…

Wenn man gewissermaßen den Ton abstellen könnte und trotzdem noch ahnen kann, was sie sagt…

Faszinierende Menschen.

Das mag ich.

Psalm 145 (neu formuliert für einen Abiturgottesdienst)

Psalm für den Abiturgottesdienst
(nach Psalm 145)

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Wir danken dir, Gott, für deine Hilfe
jeden Tag wieder wollen wir dir dankbar sein.

Jeden Tag wieder erleben wir, wie freundlich du bist,
darum hören wir niemals auf, Gutes von Dir zu sagen.

Du, Gott, bist wunderbar und faszinierend
Du bist größer als alles, was wir verstehen und begreifen könnten.

Erstaunliches hast du geschaffen,
Unfassbares tust du in unserer Welt.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Unser Leben verdanken wir Dir,
dass wir atmen können, hast du uns geschenkt.

Du hast uns die Augen geöffnet für deine Wunder,
du hast uns den Verstand gegeben, sie zu bedenken.

Du hast uns die Sprache gegeben, darüber zu reden,
Ideen und Begriffe, die Welt zu beschreiben.

Wir haben so Vieles gelernt und verstanden
unser Können und unsere Begabung verdanken wir dir.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Alles, was nötig ist, damit wir leben können,
alles, was nötig ist, gibst du uns, Gott.

Du gibst, was wir brauchen, um uns zu ernähren,
Sogar genug, dass wir teilen und abgeben können.

Talent und Begabung, Kraft und Begeisterung,
Mut und Neugier hast du uns gegeben.

Wir wollen sie einsetzen, den Menschen zu nützen
und um dir für alles zu danken, was du uns geschenkt hast.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

 

Himmelfahrt drei

Da stehen sie und legen den Kopf in den Nacken, bis ihnen schwindelig wird. Immer höher richten sie ihre Blicke, geblendet vom Licht…

Es ist keine sechs Wochen her, dass ihr Traum zerbrach. Alle ihre Hoffnung hatten sie in den einen Menschen gelegt, der nicht nur überzeugend und mitreißend von der Liebe Gottes sprach, sondern der kompromisslos und ernsthaft aus dieser Liebe lebte.

Drei Jahre waren sie ihm gefolgt, hatten alles andere hinter sich gelassen und lebten mit ihm von der Hoffnung auf eine Zeit, in der kein Mensch mehr einen anderen klein machen muss, um groß zu sein, in der kein Mensch mehr einen anderen knechten muss, um frei zu sein, in der kein Mensch mehr einen anderen töten muss, um leben zu können.

Drei Jahre lang hatten sie gesehen und miterlebt, wie seine Worte auf andere wirkten: Lahme warfen ihre Krücken fort, Fanatiker legten ihre Waffen nieder. Menschen, die blind vor Angst und Verzweiflung waren, sahen neue Hoffnung. Selbst Tote erwachten neu zum Leben.

Drei Jahre haben sie mit ihm gegessen und getrunken, gefeiert und gebetet, gesungen und getrauert, getanzt und geseufzt. Sie waren seine Schwestern und Brüder geworden. Niemand kannte ihn so gut wie sie, und in ihrer Mitte entstand der Gedanke – ER ist es, in ihm ist der Himmel zur Welt gekommen.

Es gab aber auch die anderen, in denen seine Worte den Hass weckten. Selbst seine eigenen Brüder hielten ihn für verrückt. „So kann man doch nicht leben,“ sagten sie zu ihm, „komm nach Hause; du blamierst doch die ganze Familie!“ Es gab andere, ihn im Gefängnis sehen wollten, oder noch besser, tot in irgendeinem Straßengraben oder zur Abschreckung für alle verblutet am Kreuz.

Sie haben sich am Ende durchgesetzt, so wie sich Angst und Hass immer durchsetzen, so wie Macht und Gewalt sich immer behauptet und die Wirklichkeit definiert. Am Kreuz atmet er sein Leben aus, mit einem Schrei… Mein Gott, warum?!

Es ist keine sechs Wochen her. Und sie lebten in den Trümmern ihrer Hoffnung, in den Scherben, die Ihnen von ihrem Glauben geblieben waren, ihre Seelen mehr nackt als bekleidet mit den Fetzen ihrer Liebe. Noch immer trafen sie sich regelmäßig, aber heimlich und voller Angst, in irgendeinem Dachboden, immer bereit, vor den Schergen der Mächtigen und den Helfershelfern der Gewalttätigen zu fliehen.

Aber dann…

Wie schon oft in der Geschichte entzündet sich gerade im Augenblick des Zusammenbruchs die Hoffnung neu. Er ist nicht tot. Er ist auferstanden. Simon hat ihn gesehen. Andere Jünger haben mit ihm gesprochen, haben ihn berührt, haben mit ihm zusammen gegessen. Eine Erinnerung weckt die andere, eine Geschichte ruft die andere ins Leben. Der, der das Leben so geliebt und gelebt hat, wie sollte der tot sein? Der, die Hoffnung immer neu erweckt hat, wie sollte der diesmal versagen? In ihm hat Gott selbst seine Wohnung genommen, ER ist die Hütte Gottes bei den Menschen… Wie könnte sie jetzt unbewohnt bleiben?

Doch tief in ihrem Herzen fühlen die Jünger Jesu, dass auch dieses Zeichen der Liebe Gottes bedroht bleibt, dass schon jetzt das Rumpeln und Fauchen dieser unerbittlich weiter laufenden Uhr zu hören ist, die die Zeit selbst am Laufen hält und immer wieder den Brunnen des Lebens auszutrocknen versucht…

Wer kennt den Willen Gottes? Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Noch im selben Jahrhundert zerfällt die junge Kirche in verschiedene Konfessionen. Menschen, die miteinander das eine Glaubensbekenntnis gesprochen haben, die den einen Kelch und das eine Brot geteilt haben, zerstreiten sich um Nichtigkeiten. Die Menschen aus verschiedenen Nationen und Glaubensrichtungen werden je ihre eigenen Wege gehen – obwohl sie sich alle auf Christus berufen. Krieg und Blutvergießen zwischen den Glaubensgeschwistern ziehen sich über Jahrtausende hin. Der Name Gottes wird missbraucht zur Manipulation genzer Völker und zu Hetze und Propaganda über Generationen hinweg.

Aber in all der Unruhe, in Kampf und Krieg, bleibt der Glaube an die Liebe Gottes in Einzelnen bestehen. Denn die Kirche besteht nicht in Gebäuden, die verwittern, nicht in Strukturen und Gesetzen, von Menschen gemacht. Sie besteht nicht im Stolz auf das, was menschenmöglich gemacht wird durch den Einfallsreichtum der Ingenieure und den Wissensdurst der Wissenschaftler. Sie besteht nicht im Streben nach Macht und Einfluß und Vollkommenheit.

Wo immer die Kirche diesen Versuchungen erlegen ist, ist sie in die Krise geraten und zugrunde gegangen. Aber sie ist neu aufgeblüht da, wo sie Kirche für die Menschen war, die um Gottes willen bereit war, Grenzen aufzubrechen, Angst zu überwinden, mit den Wolken zu träumen und in den Himmel zu sehen, so wie am Anfang. Wieder und immer wieder auf den zu hören, der sagt: „Ich bin bei Euch, jeden Tag, von jetzt an bis zum Ende der Welt.“

Himmelfahrt zwei

Da stehen sie und legen den Kopf in den Nacken, bis ihnen schwindelig wird. Immer höher richten sie ihre Blicke, bewundern den gewaltigen, mächtigen Turm, der noch halbfertig im Licht der aufgehenden Sonne glänzt… Eine Stufenpyramide, mehr als sechzig Meter hoch, überragt eindrucksvoll die anderen Gebäude der Stadt, macht Paläste und Villen an ihrem Fuß zu Zwergen; Babylon, die mächtige, prachtvolle Hauptstadt des Weltreiches hat ein neues Schmuckstück, eine Sehenswürdigkeit, über die die Welt noch in tausend Jahren sprechen wird. Nur die großen Pyramiden der Ägypter werden sich mit diesem Triumph der Wissenschaft und der Kunst der Ingenieure messen lassen können.

Mit diesem Turm sichern sich die Bewohner der Stadt den Zugang zum Himmel, denn die Priester des Bel und des Marduk werden die breite Treppe an der Westseite des Turms hinauf und hinabsteigen und die Botschaften Gottes überbringen und die Not und die Bitten der Menschen vor sein Angesicht tragen.

Zum ersten Mal in der Geschichte greift die Menschheit nach den Sternen, baut einen Turm, der bis an den Himmel reicht – ja, noch mehr: Die oberste Kammer im Turm ist schon selbst der Himmel, ist der Palast, in dem Marduk seine Wohnung nehmen wird, die Hütte Gottes bei den Menschen….

Doch tief in ihrem Herzen fühlen die Bewohner Babylons, dass auch dieses Zeichen der menschlichen Größe vergehen wird, dass schon jetzt das Rumpeln und Fauchen des Zornes der Götter über der Stadt und dem Weltreich zu hören ist, denn nichts, was Menschen tun, ist wahrhaft für die Ewigkeit. Zusammen mit der Bewunderung für die machtvollen Bauten der Babylonier wird sich auch der Gedanke an die unmenschlichen, mitleidlosen Gesetze erhalten, die die Stadtoberen ihrem Volk aufgezwungen haben, die Qualen, die die Soldaten des Kaisers den Menschen in fernen Ländern zufügten, die Millionen von Menschen, die mit ihrem Blut und ihren Tränen für diese Pracht und Herrlichkeit bezahlen mussten…

Wer kennt den Willen der Götter? Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Noch im selben Jahrhundert zerbricht der Staatenbund Babyloniens. Die Menschen aus verschiedenen Rassen, Traditionen und Glaubensrichtungen werden je ihre eigenen Wege gehen. Krieg und Blutvergießen ziehen sich über Jahrzehnte hin. Und der stolze Turm verfällt zu einer Ruine und die Barbaren vom Rand der Wüste werden die staubigen Straßen bevölkern, ohne Blick für die blauen Kacheln und die goldenen Löwen, die sie einst zierten…

Die Sprache, in der die Gesetzbücher verfasst sind, wird vergessen, und die Tafeln mit der ehrwürdigen Schrift gehen verloren im Wüstensand. Ob wohl jemals wieder ein denkendes oder fühlendes Wesen diese Botschaften entziffern wird? Wird dort draußen jemand oder etwas sein, das Sinn und Verständnis für diese Ordnungen und Gebote hat?