#march for science – über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion

Heute gehen weltweit fast eine halbe Millionen Menschen auf die Straße – für die Wissenschaft. Sie wollen ein Zeichen setzen für ihre Überzeugung, dass Forschung und wissenschaftliches Studium frei sein müssen – dass sie den Gegenstand ihrer Untersuchungen frei wählen darf, ihre Ergebnisse unzensiert veröffentlichen kann und dass sie die Möglichkeit hat, ohne Beeinflussung durch Wirtschaft oder Politik arbeiten zu können.

Der unmittelbare Anlass für diese Protestmärsche und Sympathiekundgebungen ist das Bestreben des amerikanischen Präsidenten, Forschungsergebnisse zu unterdrücken, die darauf hinweisen, dass es zu einer Veränderung des Weltklimas durch die Aktivitäten von Menschen gekommen ist – durch den Verbrauch von fossilen Brennstoffen, durch das Abholzen der Regenwälder und durch die Freisetzung von Kohlendioxyd und anderen Treibhausgasen. Unliebsamen Instituten und Universitäten werden die Mittel gekürzt; die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in den fachlichen und den populären Medien wird erschwert durch Propaganda und falsche Darstellung der Realität.

Darüber hinaus ist auch in vielen anderen Ländern eine zunehmende Bevormundung und Unterdrückung der wissenschaftlichen Forschung festzustellen, oft auch politisch-ideologisch oder religiös begründet.

Es ist für mich deutlich, dass es in diesem Streit nicht nur um finanzielle Interessen geht, sondern ganz grundsätzlich um Fragen der Macht. Wer die Macht hat, die Wirklichkeit zu deuten und die Welt zu erklären, hat Einfluss auf das Fühlen und Denken der Menschen und kann auch ihr Handeln beeinflussen.

In vergangenen Jahrhunderten war es oft die Kirche, die im Konflikt mit der wissenschaftlichen Forschung stand und die die alleinige Deutungshoheit über die Realität in allen ihren Erscheinungsformen für sich beanspruchte. Nicht nur Galileo und Darwin gerieten ins Visier des kirchlichen Bannspruchs; noch bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein, als man längst Atome spaltete und den genetischen Code zu entschlüsseln suchte, wurden bestimmte Bereiche der Forschung in päpstlichen Verlautbarungen als gottlos und ketzerisch verboten. Als „Modernisten“ bezeichnete man Soziologen und Philosophen, aber auch Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Naturforscher, die sich gegen das Primat der katholischen Kirche und ihren Anspruch, die Wirklichkeit zu deuten, engagierten. Von den katholischen Priestern wurde noch im Jahre 1910 erwartet, dass sie in einem „Antimodernisteneid“ dieser liberalen geistigen Strömung absagten.

Aber auch von der Seite der Wissenschaft aus ist es zu vergleichbaren Grenzüberschreitungen gekommen: Aus der Möglichkeit, viele Phänomene und Erscheinungen erklären zu können, ohne dafür auf ein Eingreifen Gottes hinweisen zu müssen, wurde geschlossen, dass Gott nicht existent sei, dass es gar keinen Gott geben könne. In manchen Ausprägungen hat Wissenschaft selbst die Züge einer Religion angenommen, wo sie nicht mehr nur wahrnimmt und beschreibt, was ist, und daraus Schlüsse auf Zusammenhänge zieht und so eine diesen zugrundelegende Theorie bildet, sondern darüber hinaus sinnstiftend und moralisch verpflichtend wirksam werden will.

Welches Verhältnis sollten Religion und Wissenschaft, Glaube und erkenntnisgeleitete Weltanschauung sinnvollerweise haben?

Ich denke nicht, dass der Glaube nur für die Dinge zuständig ist, die die Wissenschaft (noch) nicht erklären kann. Auf diese Weise würden Wissenschaft und Religion in einer Art Konkurrenz zueinander stehen und der Glaube müsste sich mit jedem neuen Fortschritt der Wissenschaft weiter zurück ziehen; der Vernunft ein verlorenes Territorium überlassen.

Es ist sicher viel sinnvoller, auf eine Zusammenarbeit beider Bereiche menschlichen Denkens und Forschens hin zu streben: Wissenschaft erforscht und beschreibt die Tatsachen der materiellen und fassbaren Wirklichkeit – während Religion und Glauben den Menschen spirituelle und moralische Maßstäbe an die Hand geben, mit denen sie ihr Handeln und Hoffen auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse prüfen und bewerten kann.

Die Nacht des neuen Lebens…

Wir feiern gemeinsam die Osternacht. Feierlich sind wir hinter der Osterkerze in die Kirche gezogen und haben gesungen „Christ – unser Licht!“ Wir haben die Lesung von der Schöpfung der Welt gehört und das Exultet, den alten liturgischen Gesang „Frohlocket nun, ihr Engel…“ Und manchem von Ihnen hier in der Kirche kommt dabei dieses Gefühl der warmen Vertrautheit oder auch der Gewohnheit und der Gedanke: „Alle Jahre wieder…“

Immer wieder wird es Ostern im Kirchenjahr, und mancher unter uns könnte schon an Händen und Füßen abzählen, wie oft er hier in der Kirche die Kerzen zur Feier der Auferstehung entzündet hat. Aber Ostern ist für mich keine Gewohnheit geworden, sondern immer wieder Erlösung, Ermutigung und Ermunterung; und das Bekenntnis und die Bitte Christus ist glorreich auferstanden vom Tod; sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen ist mir jedes Jahr neu wie der Aufgang der Sonne nach einer langen Nacht.

Es geht ja um Leben und Tod in der Osternacht; wie könnte uns das gleichgültig sein! Jedes Jahr sind wir ein Jahr näher an unserer Todesstunde, und so wird die Frage für uns dringender und quälender: Was wird aus uns werden? Ist da nichts nach dem Tod – oder ein neues Leben? Ist da Dunkel und Finsternis nach dem Tod oder Gottes Licht? Ist da Gericht und Verdammnis nach dem Tod oder Gnade und Barmherzigkeit?

Die Antwort auf diese Fragen ist nicht selbstverständlich. Ärzte können zwar das Leben verlängern, aber auf die Frage nach dem Tod wissen sie keine Antwort. Gentechniker könnten zwar einen Menschen klonen, aber das schafft den Tod nicht ab. Viele Menschen, auch Christen, flüchten sich heute in den Glauben an eine Wiedergeburt, vielleicht als ein anderer Mensch, oder als Tier oder Pflanze, so wie die Buddhisten es glauben. Und auch ich – der Pfarrer – weiß keine Antwort, mit der ich einen anderen Menschen überzeugen könnte, der an Gott nicht glaubt.

Denn ich weiß nichts – ich glaube aber! Ich glaube an den auferstandenen Christus, an den Sohn, den Gott auferweckt hat zu ewigem Leben. Dies ist nicht eine Reinkarnation in ein neues Leben in dieser Welt, das doch wieder zu einem neuen Tod verdammt wäre und zu einer neuen Wiedergeburt und einem neuen Tod in einer ewigen Wiederkehr des Gleichen. Nicht so wie der Tod im Zeichentrickfilm oder in einem Computerspiel, wo nach dem „Game over“ ein neues Leben und eine neue Chance auf einen Sieg nach Punkten besteht.

Sondern ich glaube an einen wirklichen, umfassenden Neuanfang, so wie die Bibel es sagt, durch die Gott spricht: Das Alte ist vergangen, siehe, ich mache alles neu!

Tag der Auferstehung: ein günstiger Anfang! Lassen wir unser Licht am Festtag leuchten! Umarmen wir einander! Bezeichnen wir als Brüder auch jene, die uns hassen. Fügen wir uns in allem der Auferstehung!

Verzeihen wir einander: Gestern wurde ich mit Christus gekreuzigt, heute werde ich verherrlicht. Gestern wurde ich mit ihm getötet, heute werde ich mit ihm zum Leben gerufen. Gestern wurde ich mit ihm begraben, heute werde ich mit ihm auferweckt. Wohlan, bringen wir Opfer dem, der für uns gelitten hat und auferstanden ist. Opfern wir uns selbst, den Gott teuersten und eigensten Besitz.

Werden wir wie Christus, da Christus gleich uns geworden ist! Werden wir um Seinetwegen Götter, da Er unseretwegen Mensch geworden ist; das Geringere nahm Er an, um das Bessere zu geben. Er wurde arm, damit wir durch Seine Armut reich würden. Er nahm die Gestalt eines Knechtes an, damit wir die Freiheit erhielten. Er stieg zur Erde herab, damit wir erhöht würden. Er ließ sich versuchen, damit wir siegen. Er ließ sich entehren, um uns zu ehren. Er starb, um zu retten. Er fuhr zum Himmel, um die, welche von der Sünde zu Boden gestreckt wurden, wieder an sich zu ziehen. Alles, alles soll man Ihm geben, alles Ihm opfern, der sich selbst als Lösegeld und als Sühne für uns hingegeben hat. Keine Gabe aber wird wertvoller als die eigene Person, sofern sie das Geheimnis erfaßt und um Christi willen alles geworden ist, was Er unseretwegen geworden war.

Practice Random Acts of Kindness and senseless Acts of Beauty…

1982 hat eine Künstlerin und Schriftstellerin aus Sausalito in dem us-amerikanischen Staat Californien diese Worte auf die Fußmatte vor ihrer Tür schreiben lassen. „Übe dich in ungeplanter Freundlichkeit und in absichtslosen Taten der Schönheit…

Anne Herbert hat sich jedes Mal, wenn sie ihr Haus verließ, von diesen Worten auf ihrer Fußmatte insprieren lassen, sich ihren Mitmenschen gegenüber großzügig und liebevoll zu verhalten. Worte wie „Barmherzigkeit“ oder „Nächstenliebe“ hat sie wohl bewusst vermieden, denn sie klingen immer ein bisschen moralisch und erscheinen für alltägliche Handlungen eine Nummer zu „groß“. Freundlichkeit und Schönheit gibt es aber auch in kleinen Portionen; und gerade, wenn sie eher zufällig und absichtslos erscheinen, geht sie einem Menschen leicht von der Hand. Manchmal genügt ein Lächeln…

Einen Tag der „unverhofften Freundlichkeit“ hat Pfarrer Heiko Kuschel aus Schweinfort ausgerufen – und hat damit ein ungeahntes Medienecho ausgelöst. Zeitungen, Radiosender und sogar das Fernsehen berichtete über seinen Aufruf,
am 11. April einmal ganz bewusst darauf achten, wie Menschen mit anderen umgehen.
Im realen Leben, aber auch im Internet.

Er selber schreibt: Wie wäre es mit „mal sehen, was passiert, wenn jeder von uns heute einem Obdachlosen was zu Essen gibt und fünf Minuten mit ihm redet.“ Oder „mal sehen, was passiert, wenn wir alle am gleichen Tag auf trostlosen Flächen Blumensamen ausstreuen“. Oder einfach nur „lasst uns jeder heute irgend eine gute Tat vollbringen“ – ach nein, das gibt’s schon, das sind ja die Pfadfinder. Oder „was passiert, wenn jeder, der diese Sendung sieht, mindestens eine Mark für Äthiopien spendet“ – ach, das gab’s auch schon, das war der Beginn von „Menschen für Menschen“ mit Karlheinz Böhm.

Aber gerade diese letzte Geschichte ist für mich der Beweis: Wir können die Welt verändern, wenn wir uns zusammenschließen. Wir können Gutes bewirken. Viel mehr, als wir uns das vorstellen können.

Nun ist der 11. April schon vorbei. Ich habe es mehrfach versucht, unverhoffte Freundlichkeit zu zeigen. Ein Lächeln hier und da. Jemandem die Tür aufhalten. Einem anderen die Vorfahrt lassen. Alles Kleinigkeiten, die eigentlich nichts kosten.

Ob es etwas bewirkt hat, kann ich nicht sagen. Vielleicht wirkt das Lächeln ja fort, wenn Menschen aus der Begegnung mit mir – und sei sie auch nur Sekunden lang – ein gutes Gefühl mit nehmen.

Der König hat heilende Hände – Meditation zum Karfreitag 

Jesus

Du König der Schmerzen
Dein Reich ist nicht von dieser Welt.
Vom Vater bist du gekommen.
Du bist von oben her.

Gott von Gott und Licht vom Licht
hast Du Dich uns gleich gemacht
gelebt an unserer Seite
ein Mensch unter Menschen

von Hunger und Krankheit bedroht wie wir
versucht zur Sünde wie wir
wehrlos und arm, einsam und gefangen wie wir
zum Tode hin lebend wie wir

So klein hat sich Gott gemacht in dir
so niedrig, so tief
so klein für uns Kleine
so gering für uns Geringe

um uns die Angst zu nehmen
um uns vom Tod zu befreien
um uns den Frieden zu bringen
um uns das Leben zu geben.

Das haben nicht begriffen
die dir die Krone aufsetzten.
die dir die Dornen drückten auf dein Haupt,
bis das Blut über deine Stirn lief.

Die Angst hatten um ihre Macht
die fürchteten um ihren Einfluß
die sich sorgten um ihren Reichtum
die festhielten an Ordnung und Brauch

sie banden dich, wie sie selbst gebunden sind
sie schlugen dich,
weil sie wissen, daß ihnen selbst irgendwann
die Stunde schlägt

sie krönten dich mit Dornen,
weil auch ihre Arbeit und Mühe
nur Disteln und Dornen hervorbringt.

Die aus der Finsternis
haben das Licht nicht erkannt,
haben es unter den Scheffel gestellt,
sie haben es nicht ergriffen.

Du aber hast dein Leid erduldet
ohne ein Wort
wie das Lamm auf der Schlachtbank
wie das Schaf vor dem Scherer

du warst dem Vater gehorsam bis in den Tod
hast den Kelch getrunken, der nicht an dir vorüberging.
am Kreuz noch hast du für deine Verfolger gebetet

du bist um unseretwillen in den Tod gegangen,
als wir noch Feinde waren

ans Kreuz erhöht war der geliebte Sohn
ins Grab hinab trug man den Erlöser
in den Tod fiel, der das Leben schuf
doch tot ist der Tod – – –

Darum ist dein Name hoch über allen Namen
und alle Knie beugen sich vor dir
dem Lamm, das erwürgt war
das die Sünde der Welt getragen hat
das Freiheit ist den Gebundenen
Trost denen in Angst
Leben den Sterblichen
den Blinden das Licht.

Woran erkennt man den König?

am goldenen Thron?
am purpurnen Mantel?
an goldener Krone?

Er bringt den Frieden.
Er hat segnende Hände.
Er ist der Hirte.
Er führt die Seinen zur lebendigen Weide.

Und trägt er auch Dornen.

Aschermittwoch – der Blinde von Jericho

Es beginnt wie ein Film. Die Sonne brennt herab auf eine staubige Straße. Sie führt durch das kleine Dorf und dann weiter durch eine Reihe anderer kleiner Dörfer bis zur Hauptstadt Jerusalem. Die Straße ist menschenleer. Nur ein Bettler sitzt im Schatten einer kleinen, zerbröckelnden Mauer; seine blinden Augen sehen ins Nichts. Mit ein paar schwarzen Fetzen hat er sich notdürftig bedeckt. Fliegen summen um ihn herum, ab und zu muss er eine besonders Freche von seiner Nase wischen. Sonst ist alles still. Sogar die Zikaden sind müde.

Später bellt ein Hund, ein Esel schreit, weit weg auf der Straße kommt eine Gruppe von Wanderern auf das Dorf zu. Mit den scharfen Ohren des Blinden hört er die vielen Schritte schon lange, bevor sie dem Hund auffallen. Aus einem der Häuser des Dorfes tritt ein Mann, der Blinde kennt seinen Schritt: „Amos, wer kommt?“ fragt er. „Keine Ahnung,“ knurrt der Mann, der sich die Hand an die Stirn hält, um in der gleißenden Sonne besser sehen zu können, „aber es sind viele.“ Die beiden Männer warten. Sie haben Zeit.

Nach eine Weile wischt sich Amos den Schweiß aus der Stirn. „Es ist dieser Wanderprediger, glaub ich…“ sagt er dann. „Jehoschua, aus Nazareth. Früher war er Zimmermann. Guter Mann. Machte ordentliche Arbeit. Aber dann ist er irgendwann durchgedreht und glaubt nun, Gott selber hätte ihn zum Prediger berufen. Ich habe gehört, dass er sich hier in der Gegend herumtreibt…“ „Jesus?“ sagt der Blinde. Nach einer Weile knurrt der andere: „Ja, der ist es. Ich erkenne ihn jetzt; es ist dieser Wunder-Rabbi aus Nazareth. Und dazu ein ganzer Haufen Leute um ihn herum…“
„Hol ihn her!“ sagt der Blinde. – „Was? Was willst Du von dem?“ – „Vielleicht kann er mich gesund machen.“ – „Der?“ Amos schnaubt verächtlich. „Eher werden die blöden Fliegen auf deiner Glatze dich heilen. Das ist doch ein Schwätzer, wie alle anderen auch.“ Brüsk dreht Amos sich um, geht ins Haus und knallt die Tür hinter sich zu. Sein Vater hatte einmal die Tempelsteuer nicht bezahlen können, da hatten sie ihn in den Turm von Jerusalem gesperrt, und seitdem wollte Amos von den Frommen nichts mehr wissen.

Der Blinde wartet. Als er die Schritte näher kommen hört, ruft er: „Jesus, erbarme Dich über mich!“ Die alten Worte, die Bettler seit Jahrhunderten rufen: „Erbarmen! Gnade!“ Wie oft werden diese Bitten überhört! „Jesus, Sohn Davids, höre mich an!“ Die Schritte gehen vorbei. Andere Menschen kommen und gehen, und der Blinde ruft lauter: „Jesus! Erbarmen! Höre!“  Unfreundliches Gemurmel ist die Antwort. „Sei still! Stör ihn nicht…“ zischelt es um den Blinden herum. „Wo kommen wir denn da hin…“ – „Jetzt will schon dieses blinde Geschmeiß…“ – „Was bildet der sich ein?“

Der Blinde hört nicht hin, diese Worte kennt er, er hat sie sein ganzes Leben lang immer wieder gehört. So laut er kann, schreit er jetzt: „Jesus, höre, erbarme dich! Gnade, Sohn Davids!“ Zwei Füße treten mit müdem Schritt vor ihn hin, bleiben vor ihm stehen. Er hört einen Menschen atmen. Er riecht den Gestank eines Körpers, der schon Stunden unter der Wüstensonne schwitzt. Er hört ein weites Gewand rascheln, wie es die Beduinen tragen.

Der Fremde, Jesus, spricht zu ihm: „Was soll ich für dich tun? Was willst du?“ Der Blinde hört, wie die Menschen um ihn herum auf einmal still werden. Gespanntes Warten. Neugier. Auf einmal wird er unsicher.

Was soll er sagen? Es ist fast wie in einem Märchen: Die gute Fee sagt ihm: Einen Wunsch hast Du frei… Sag nur, was du willst… Alles – ALLES ist möglich… Was hätte ich gesagt?

Soll er sagen: „Gib mir zu essen! Gib mir Geld!“? Hofft er, durch Jesus irgendwie von Gott ernährt und versorgt zu werden? Fern liegt das nicht: Er kann ja nicht arbeiten, der Blinde, er ist sein Leben lang auf die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Will er, dass sich das ändert? Dass er frei und selbstständig sein kann? Ernährt durch seiner eigenen Hände Arbeit? Will er eine Art Wunder von Jesus? Vorstellbar, glaubwürdig wäre das. Aber er erwartet noch viel mehr, eigentlich ganz anderes von ihm…

Soll er sagen: „Nimm mich mit! Hol mich heraus aus diesem gottverlassenen Dorf, in dem es keine Zukunft gibt, für mich nicht, für Amos nicht, für niemanden…“ Ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist? Ein Ort, an dem sich seit Jahrzehnten nichts mehr entwickelt hat, das wie in einem tiefen Schlaf liegt? Wäre es nicht erstrebenswert, ein solches Kaff verlassen zu können?

Aber was sollte – auf der anderen Seite – jemand wie Jesus mit einem blinden Taugenichts wie ihm anfangen? Wird ihn ein Blinder nicht nur behindern auf seinen Wanderungen? Ein Mann, der weder mit der Wüste noch mit dem Meer Erfahrungen gemacht hat? Jemand, der noch nie gewandert ist, der geführt werden muss, sobald er die vertrauten Mauern des eigenen Dorfes verlassen hat?

In der Bibel steht, dass er sagt: „Rabbi, ich will, dass ich SEHEN kann!“ Mir kommt auch diese Antwort unwahrscheinlich vor. Es ist die Bitte, die ein Sehender äußern würde. Also – jemand, der wenigstens irgendwann einmal sehen konnte. Für einen Menschen, der sieht, ist die Vorstellung, blind zu werden, eines der schlimmsten Schicksale, die er sich denken kann.

Aber jemand, der von Geburt an blind war, der weiß, dass andere Sinne stellvertretend eintreten, wo die Augen fehlen. Durch das Gehör, durch den Tastsinn, sogar durch unterschiedliche Gerüche kann sich ein Blinder orientieren, durch sie hat er Zugang zu Informationen über seine Umwelt, die einem Sehenden verschlossen bleiben. Ein Blinder ist nicht „behindert“, nur „anders“. Er ist nicht beschränkter oder begrenzter als andere Menschen, aber er hat eine andere „Sicht“ der Welt und ein anderes inneres „Bild“ von dem, was ihn umgibt. Das nimmt ihm einiges von dem, was Sehenden selbstverständlich ist, aber es eröffnet ihm auch Möglichkeiten, von denen Sehende nur träumen können.

Darum halte ich es für unwahrscheinlich, dass der Blinde diesen Wunsch geäußert hat. In der Bibel wird erzählt, dass er nach der Begegnung mit Jesus sehen kann. Aber was eigentlich geschehen ist: Er – der ohne Hoffnung war – glaubt wieder an seine Zukunft, an eine Bestimmung, daran, dass sein Leben Sinn und Ziel hat; er kann wieder glauben, ein wertvoller Mensch zu sein – ein Mensch, den Gott gebrauchen kann und wird. Er kann sein eigenes Leben wieder wahrnehmen – dafür hat Jesus ihm die Augen geöffnet.

„Burn out“ heißt heute die Diagnose, wenn ein Mensch sich über dem alltäglichen Kampf selbst vergessen hat, wenn er kein Gefühl mehr hat für das, was er braucht, was er will, was ihm gut tut. Depression ist eine Krankheit, die einem Menschen den Kontakt zu sich selbst nimmt; er „funktioniert“ nur noch, ohne zu wissen, was er eigentlich tut; er „reagiert“ nur noch, ohne beurteilen zu können, ob seine Reaktionen überhaupt sinnvoll und angemessen sind. Solche Blindheit für die eigenen Bedürfnisse, für die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Gefühle trocknet einen Menschen auf Dauer innerlich aus.

Sich selbst wieder „sehen“ zu lernen ist, was Depressiven helfen kann. Das ist aber oft ein langer und nicht ungefährlicher Prozess, denn sie müssen sich sozusagen selbst erst wieder kennen lernen, sich hinein fühlen in die eigene Persönlichkeit; lernen, dem eigenen Urteil zu vertrauen und an sich selbst und die eigenen Möglichkeiten zu GLAUBEN. In einem gewissen Sinn müssen sie auch wieder lernen, an GOTT zu glauben.

Von dem Blinden wird erzählt, dass er nach seiner Heilung das Dorf verlässt, dass er mit Jesus geht und einer seiner Jünger wird, einer seiner Schüler. Er macht sich mit ihm auf den Weg aus dem engen Gehäuse seines Alltags heraus in einen weiten Raum, dessen Grenzen er nicht kennt. Mut, Vertrauen, Leidenschaft und Lebenskraft – das ist, was Jesus dem blinden Mann zurück gegeben hat. Ein Wunder, ja. Durch den Glauben des Blinden konnte Jesus ihm seine Augen öffnen für seine eigene Kraft.

Heute beginnt die Fastenzeit, vierzig Tage, in denen Christen sich wieder besonders auf die Begegnung mit Gott vorbereiten. Eine Zeit, in der sie sich eine Veränderung ihrer Lebenshaltung zumuten. Buße tun – so hat man es früher genannt. Maßstäbe verändern und andere Werte setzen – so würde man vielleicht heute reden. Wieder ernst nehmen, was man sonst unter der Rubrik „Man müsste doch mal wieder…“ unterbringt und dann verdrängt. Bewusst leben! Eine Zeit für die Christen, in der ihnen vielleicht die Augen geöffnet werden und sie erfahren, dass Gott ihnen sehr viel näher ist, als sie bisher dachten…

Irgendwann kommt Amos wieder aus seinem Haus, um nach dem Blinden zu sehen. Aber er ist nicht mehr da. Die laute Wandergruppe ist vorbei gezogen. Und der Platz im Schatten, wo bisher tagein, tagaus der Blinde auf ein Almosen wartete, ist nun leer. Mitleid und Hilfe braucht der nun nicht mehr. Sein Leben hat sich gewandelt… Amos schüttelt nur den Kopf. Er geht zurück in sein Haus und zieht die Tür langsam hinter sich zu.

In anderen Zeiten…

​Gestern hatte ich wieder mal einen guten Grund, mir eine Stunde Zeit zu nehmen, um in den alten Kirchenbüchern zu blättern. In den Kirchenbüchern werden Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Todesfälle aufgezeichnet; früher – also so vor dreihundert Jahren – wurden auch einschneidende Ereignisse aus der Geschichte des Dorfes bzw. der Stadt in den Kirchenbüchern vermerkt. Hungersnöte, große Brände, Pest und Cholera und Raub und Mord durch feindliche Soldatenheere sind da penibel vermerkt. Gute Nachrichten findet man seltener; man spürt es aber der großen und deutlichen Handschrift ab, wie stolz ein Pfarrer war, der zum Beispiel die Taufe oder die Hochzeit eines eigenen Kindes in ein Kirchenbuch eintragen konnte.

Für mich ist das immer ein besonderes Erlebnis, Zeit zu haben für diese alten Bücher und mit meinen eigenen Händen die Seiten berühren zu dürfen, die vor über dreihundert Jahren beschrieben wurden – mit einem Federkiel und Tinte aus einem Tintenfass, von einem Pfarrer, der weder Telefon noch elektrisches Licht kannte und dessen Gemeindeglieder im Winter jeden Sonntag ein Holzscheit mit zur Kirche brachten, mit dem dann am nächsten Sonntag die Kirche geheizt werden konnte…

Diese Schrift zu lesen, die fein geschwungenen, oft kaum noch zu entziffernden Buchstaben zu berühren, das ist wie ein Handschlag über die Jahrhunderte hinweg. Und ich frage mich, wer wohl in dreihundert Jahren die Namen und Daten liest, die ich in die Kirchenbücher schreibe, ganz schnöde mit einem (dokumentenechten) Kugelschreiber mit meiner krakeligen, durch das Tippen auf Tastaturen verdorbenen Gelehrtenschrift…

Heutzutage werden keine Informationen mehr in die Kirchenbücher geschrieben, die über das Nötigste hinaus gehen – ob der Bräutigam des gerade getrauten Paars Fernmeldetechniker oder Bauer, Schauspieler oder Astronaut war, wird man aus meinen Einträgen nicht lesen können. Ob ein Verstorbener an Krebs oder einer Herzrhythmusstörung gestorben ist – niemand wird es im nächsten Jahrhundert noch wissen können. Und vielleicht wäre es ja noch in dreihundert Jahren interessant, dass hier im Ort Selchow schon seit vielen Jahren immer wieder die Deutsche Luft-und-Raumfahrt-Ausstellung stattfindet; aber im Kirchenbuch steht nichts davon.

Vielleicht sollte ich ja anfangen, kleine Zettel mit Grüßen an Leserinnen und Leser aus dem 24. Jahrhundert zwischen die Seiten meiner Kirchenbücher zu legen und ein bisschen davon zu erzählen, wie wir heute leben und was uns heutzutage wichtig ist. Aber – was wird wohl jemanden in dreihundert Jahren interessieren? Was denkt Ihr darüber?

Ein neues Herz, ein neuer Geist…

Andacht in der Evangelischen Schule Großziethen

 

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben…“ Dieser Satz aus dem Buch des Propheten Hesekiel ist für dieses Jahr als Jahreslosung ausgesucht worden; und die Gruppe aus Eurer Schule, die heute die Andacht für Euch vorbereitet hat, hat ihn als Thema über ihre Gedanken und Ideen gestellt.

2600 Jahre alt sind diese Worte, denn der Prophet Hesekiel wurde im Jahr 622 vor Christus geboren. Damals herrschte Krieg zwischen dem großen und mächtigen Land Babylon und dem kleinen und ziemlich unwichtigen Land Israel. Natürlich verloren die Israeliten den Krieg, und viele Bewohner der Städte, die Reichen und gebildeten Leute, wurden als Kriegsgefangene nach Babylon gebracht. Dort weinten sie um ihre verlorene Heimat und zweifelten an Gott, der sie anscheinend verlassen hatte.

Aber der Prophet Hesekiel war mit ihnen in die Gefangenschaft gekommen, und er fing dort im fremden Land an, von der Treue Gottes zu reden. Nein, Gott hat euch nicht verlassen, hat Hesekiel gesagt, sondern ihr habt ihn verlassen. Ihr habt nach Macht und Reichtum, nach Bewunderung und Luxus gesucht, und was Gott von euch erwartet hat, war euch herzlich egal. Die Armen habt ihr verachtet, die Schwachen unterdrückt und die euer böses Spiel nicht mitspielen wollten, habt ihr gemobbt, gefoltert und vertrieben. Darum hat Gott euch bestraft. Darum hat Gott euch in die hand eurer Feinde gegeben. Darum seid ihr gefangen in einem fremden Land.

Aber – so sagt es Hesekiel – Gott will euch die Chance geben, noch einmal neu anzufangen. Er gibt euch ein neues Herz und einen neuen Geist.

Wenn Hesekiel von Herz redet, meint er den Sitz der Vernunft und des Verstandes im Menschen. Mit dem Herzen – so dachte man damals – trifft man Entscheidungen, wählt zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch. Das Herz war der Sitz der Moral und des vernünftigen Denkens. Alles, was wir normalerweise mit dem Gehirn, mit dem Kopf, mit dem Geist verbinden, war für die alten Israelis mit dem Herzen verbunden. Und das, das will Gott neu machen.

Hesekiel spricht nicht zu einzelnen, so wie Prediger es heute oft tun. Er sagt nicht: Du musst und wirst Dich ändern; er sagt nicht: Dein Denken wird Gott neu machen… Sondern er spricht das Volk als Ganzes an. Ihr alle, die ihr als Fremde in Babylon lebt, ihr alle, die ihr eure Heimat verloren habt, euch wird Gott ein neues Denken, Wollen und Tun schenken. Gemeinsam mit Euch wird er neu anfangen, und es wird Friede sein.

Wie kann das gehen, dass Gott so das Denken eines ganzen Volkes ändert?

Wir begehen heute auch den internationalen Holocaust-Gedenktag. Seit 1996 denken wir jedes Jahr wieder am 27. Januar daran, dass das deutsche Volk in der Nazi-Zeit unvorstellbares Leiden über die Juden gebracht hat. Überall im Deutschen Reich und in den eroberten Gebieten wurden Männer, Frauen und Kinder missachtet, misshandelt, ausgeschlossen und verachtet. Viele Millionen Juden wurden eingesperrt und unter undenkbaren Bedingungen in Konzentrationslagern gefangengehalten, sechs Millionen Menschen wurden in Gaskammern getötet, von sadistischen Wächtern erschossen oder sind erfroren oder verhungert. Am 27. Januar 1945, heute vor 72 Jahren, wurden die gefangenen Menschen aus dem KZ Auschwitz von russischen Soldaten befreit.

Früher hat die Kultur der Juden zusammen mit der christlichen Kultur Deutschland geprägt, Kunst und Theater, Wissenschaft und Wirtschaft waren auch vom jüdischen Glauben und Denken mitbestimmt und geprägt. Nach dem Krieg gab es nirgendwo in Deutschland noch eine Synagoge oder eine jüdische Gemeinde, keinen Albert Einstein und keinen Lyonel Feininger, keine Anne Frank und keinen Siegmund Freud. Nach dem Krieg gab es keine Juden mehr in Deutschland. Viele sind gestorben, und noch mehr sind geflohen, weil es hier keinen Frieden und keine Heimat mehr für sie gab.

Und niemand hätte damals geglaubt, dass es jemals wieder so etwas wie Freundschaft zwischen Deutschland und Israel geben könnte. Niemand hätte geglaubt, dass sich das Denken der Menschen in Deutschland so ändern würde, dass sie beschließen, dass nie wieder ein Krieg von Deutschland ausgehen soll. Niemand hätte geglaubt, dass es einmal einen Holocaust-Gedenktag in Deutschland geben würde und dass einmal ein deutscher Bundeskanzler in Warschau auf Knien um Vergebung bittet für das, was eine Generation vorher in dem jüdischen Ghetto getan wurde.

Vielleicht wäre es zu viel gesagt, dass das Umdenken in Deutschland allein auf das Eingreifen Gottes in unserer Geschichte zurück geht. Aber ich bin sicher, dass es Gott war, der uns einen neuen Anfang, eine neue Chance geschenkt hat. Ich bin sicher, dass Gott die vielen Gebete erhört hat, die für ein neues Denken in Deutschland gesprochen wurden. Vielleicht haben auch Juden dafür gebetet, dass Gott sich über die Deutschen erbarmt. Wir haben ein neues Herz und einen neuen Geist bekommen…

Haben wir das? Wirklich?

Ich mache mir oft Sorgen, wie viel von dem alten Denken unter einer dünnen Schicht Weltbürgertum noch da ist. Man braucht nur ein bisschen am schönen, bunten Lack zu kratzen, schon bekommt der Risse und man erkennt den alten Germanen wieder, der sich vor allem Fremden fürchtet und darum nur zu sehr bereit ist, „Deutschland, Deutschland über alles“ zu brüllen. Und nicht nur in Deutschland gibt es solche, die glauben, sie seien besser als alle anderen Menschen auf der Welt, und sie müssten deshalb Zäune bauen und ihre Grenzen schützen, indem sie auf Frauen und Kinder schießen…

Das Leben ist kompliziert geworden, unsere Politikerinnen und Politiker müssen schwierige und weitreichende Entscheidungen treffen. Wo der richtige Weg liegt, welches Urteil sich am Ende als das beste erweisen wird, welche Entscheidung vernünftig ist, das ist in dieser Zeot nicht leicht zu erkennen. Das war es aber auch zur Zeit des Propheten Hesekiel nicht. Und unter Adolf Hitler hatten viele Menschen nicht den Mut, Nein zu sagen. Ich weiß doch auch nicht, ob ich selbst solchen Mut gehabt hätte.

Aber heute weiß ich: Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit gibt es nicht umsonst. Demokratie ist nicht selbstverständlich. So, wie sie einmal mit großem Mut und viel Mühe erkämpft wurde, so muss sie mit Anstrengung und Engagement bewahrt werden. Nicht mehr lange, und Ihr werdet Entscheidungen treffen, die über Frieden und Sicherheit entscheiden. Wenn ihr wählen geht, zum Beispiel. Oder wenn ihr selbst Politiker werdet. Oder Polizisten. Sozialarbeiter oder Entwicklungshelfer. Lehrer oder Pfarrer.

Und sicher dürfen und sollen wir auch immer wieder darum beten, dass wir weiterhin in Frieden leben dürfen – zusammen mit allen, die aus fernen Ländern zu uns kommen, weil sie hier den Frieden suchen, den es bei ihnen in ihrer Heimat nicht gibt. Wir hoffen und glauben, dass Gott uns dafür immer wieder ein vernünftiges Herz und einen mutigen Geist geben wird – immer wieder die Chance, neu anzufangen.