Welche Farbe hat der Mond?

Auch in mir weckt der Mond romantisches Gefühl. Ich erinnere mich an Nachtwanderungen im Winter, bei denen der Mond silbrig auf meinen Weg leuchtete, so hell, dass ich deutlich die Schatten der Bäume über dem Schnee erkennen konnte. Ich erinnere mich an Grillabende an lauen Sommerabenden, bei denen kurz nach dem Sonnenuntergang ein blutroter, riesengroßer Vollmond über dem nahen See aufging und uns alle in sprachloses Staunen versetzte.

Silbrig hell oder blutig rot, aschgrau oder hellbraun wie Sand – welche Farbe hat der Mond denn nun wirklich?

Diese Frage ist wirklich nicht leicht zu beantworten – bis heute nicht. Die Astronauten, die über den Mond gelaufen, gehüpft und gefahren sind, könnten vielleicht antworten, wenn sie nicht den Mondstaub nur durch mehrere Lagen an dichten Filtern hätten betrachten können. Wie jeder, der einmal eine Sonnenbrille getragen hat, bestätigen kann, ändern solche Filter das Farbempfinden enorm. Wenn wir nachts zum Himmel blicken und den Mond betrachten, wirkt die Atmosphäre der Erde wie solch ein Filter – auch wir können nicht den echten, unverfälschten Eindruck von der Farbe des Mondes haben.

Mondstaub, der von den Astronauten zurück auf die Erde gebracht wird, zeigt eine aschenfarben-dunkle Färbung. Aber auf der Erde haben wir nur das durch die Atmosphäre gefilterte Licht der Sonne oder das künstliche Licht der Lampen im Labor, das es sonst nirgends im Weltall so gibt. Welche Farbe die Mondoberfläche „vor Ort“ dort auf dem Mond hätte, werden wir wohl niemals herausfinden.

Es wurden Farbfotos auf dem Mond gemacht, doch ist der Eindruck von Farben, den ein Farbfilm oder ein Diapositiv bietet, oft anders als der Farbeindruck, den man durch direktes Betrachten mit den eigenen Augen empfindet. Das weiß jeder, der einmal versucht hat, die Haare eines Menschen mit Blitzlicht zu fotografieren – strohblond, kupferrot, rabenschwarz-bläulich, kastanienbraun-brünett – es kommt auf dem Foto fast nie so heraus, wie man es selbst sieht.

Überraschend ist die Tatsache, dass der Mondstaub sehr dunkel ist – beinahe schwarz wie Teer, wie Kohle oder wie geröstete Mohnkörner ist der Mond, dunkelgrau wie Asphalt. Das passt so gar nicht zu dem silbrig leuchtenden Himmelslicht, das uns durch die Nacht begleitet! Tatsächlich wirft der Mond aber weniger als 15 Prozent des einfallenden Lichtes zurück und ist damit der dunkelste, schwärzeste Himmelskörper in unserem Sonnensystem. Die Erde wirft immerhin ein Drittel des einfallenden Lichtes zurück ins Weltall, und die helle Wolkenschicht, die die Venus bedeckt, reflektiert sogar 80 Prozent.

Die Romantik bleibt für mich, das silberhelle Licht tut seine Wirkung – auch wenn ich weiß, dass da eigentlich ein großer Ball aus Stein wie Kohle schwarz für uns im Dunkeln leuchtet.

Fly me to the moon…

Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich im Fernseher die erste Mondlandung sehen. Zum ersten Mal durfte ich länger als bis zehn Uhr abends aufbleiben, um zu sehen, wie der erste Mensch auf dem Mond herumläuft.

Ich habe es aber nicht gesehen.

Keine Ahnung, was die Astronauten so lange aufgehalten hat, aber nach der Landung saßen die noch Stunden in ihrer Landefähre herum, taten, was Astronauten eben so tun, wenn sie zum ersten Mal auf einem bis dahin unerreichten Himmelskörper landen, und machten sich wahrscheinlich vor Angst in die Hose. Harro Zimmer, der mit viel Geduld und immer neuen Anläufen zu beschreiben versuchte, was nun gleich geschehen würde, machte es so spannend wie das Warten aufs Christkind. Aber die Zeit vertickte, und irgendwann setzten sich meine Eltern durch: Ich musste ins Bett, und die unsterblichen Worte vom kleinen Schritt für einen Menschen, aber so großen Schritt für die Menschheit habe ich erst am nächsten Morgen in den Nachrichten gehört.

Heute ist das fünfzig Jahre her; Grund genug für mich, ein Jubiläum zu feiern und mit einem Glas Sekt anzustoßen…

Bis heute fasziniert und erregt dieser kleine Schritt des ersten Menschen auf dem Mond meine Phantasie und die Gemüter derer, die von solch einer Reise nur träumen können. Die Zukunftsgläubigkeit, die die westlichen Gesellschaften damals beflügelt hat, ist aber größtenteils verflogen; heute machen wir uns eher Sorgen, obwohl wir – von 1969 aus gesehen – wie in einem Science fiction-Roman leben. Handies, selbstfahrende Autos, Navigationssysteme und das Internet mit allen seinen Möglichkeiten war damals beinahe unvorstellbar, aber auch die drohende Klimakatastrophe, das massenhafte Aussterben von Säugetierarten, Pflanzen und Insekten und die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch den steigenden Meeresspiegel und Mega-Stürme war damals nur Gegenstand düsterer Anti-Utopien. Wieviel Bäume müsste man wohl pflanzen, um allein den ökologischen „Fußabdruck“ des Raumfahrtprogramms der Vereinigten Staaten auszugleichen?

Heute weiß ich, was manche Astronauten so lange aufgehalten hat: „Buzz“ Aldrin z.B. hat in der Landefähre *Eagle* einen kleinen Gottesdienst gefeiert und dabei das Abendmahl genommen – der Pfarrer seiner Kirche hatte ihm einen kleinen, silbernen Kelch, eine versiegelte Hostie und eine Ampulle Wein mitgegeben. Die erste „Mehlzeit“ auf dem Mond war eine gottesdienstliche Feier – als Pfarrer finde ich diesen Gedanken sehr befriedigend und dem Anlaß angemessen. Ich kann mich aber nicht erinnern, das Harro Zimmer etwas darüber in seiner Sendung gesagt hat. Es war wohl ein sehr persönlicher und privater Moment der Astronauten.

Als erster Mensch auf einem anderen Himmelskörper an den zu denken, der Himmel und Erde gemacht hat; das Staunen auszudrücken über die unendlichen Weiten, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat, und die stumme Bitte, dass Gott diesen kleinen, blauen, wunderschönen und aus der Entfernung so zerbrechlichen Planeten am Himmel bewahren möge – wie könnte man das besser tun als mit diesem alten Ritual der Verbundenheit mit Gott und mit allen Menschen guten Willens auf der Erde.

Am Sonntag kommt auf SAT 1 um 20.15 Uhr der Film „Hidden Figures“, ein Film über drei farbige Mathematikerinnen, die als Mitarbeiterinnen der NASA die Daten für die Landung auf dem Mond berechneten und die dazu nötigen Formeln erarbeiteten – ein sehr bewegender Film über die Rolle von „people of color“ und besonders der schwarzen Frauen im damaligen Amerika. Auch das, finde ich, muß man mit bedenken, wenn man heute die Erinnerung an die damaligen Errungenschaften feiert: Das Land, das zu solchen technologischen Höchstleistungen fähig ist, war und ist bis heute auch ein Land, in dem solcher Rassismus, unfassbarer Hass, sexistische Vorurteile und Ungleichbehandlung der Menschen möglich sind.

Gemischte Gefühle

Ich habe seit Jahren nicht mehr gemalt. Malerei ist für mich eines dieser „Ich müsste einfach nur mal wieder…“-Dinge, die ich mir immer wieder vornehme und dann doch nie mache.

Dabei liebe ich es, zu malen. Besonders schön ist es, wenn ich mir gutes Material gönne: echte Leinwand, auf einen Holzrahmen gespannt, gute Acrylfarbe und neue Pinsel. Wenn ich einen halben Tag Zeit habe und ohne schlechtes Gewissen das Telefon ausschalten kann.

Eigentlich kann ich gar nicht malen. Wenn ich einen Hund oder ein Pferd malen will, ein Segelschiff oder ein Auto, dann sieht das immer aus, als hätte sich ein Grundschulkind am Pinsel ausprobiert. Wenn ich einen Garten male oder einen Straßenzug, dann sieht es zwar besser aus, aber nie so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und auch Gesichter sehen auf meinen Bildern ganz interessant aus, es erkennt sich nur niemals jemand wieder.

Meine Rettung ist die abstrakte Kunst. Ich habe ein gutes Gespür für Harmonie, Gleichgewicht und Spannung, für Rhythmus und Symmetrie in meinen Bildern, ich liebe es, Farben zu mischen und herzhaft und leidenschaftlich über die Leinwand zu schmieren, gerne auch mal mit den bloßen Händen, und mich dann überraschen zu lassen von dem, was da ungeplant entsteht…

Meine Lieblingsfarben sind blau, rot und gelb. Reine, unvermischte Grundfarben. Wie auf Bauklötzen und Möbeln im Kindergarten. Grün, orange und lila als einfache Mischungen gefallen mir auch. Schwierig wird es mit allem, was darüber hinaus geht. Dann wird es nämlich kompliziert.

Schon die Namen dieser Farben dritter und vierter Ordnung finde ich uneindeutig und nicht wirklich schön. Was genau ist bitte „mauve“, „petrol“ oder „turquoise“? Und warum sind alle diese Bezeichnungen dem Französischen entnommen? Überzüchtete, barocke, dekadente Phänomene!

Beim Malen verwende ich auch solche Farben, aber nie geplant und absichtlich. Sie entstehen nebenbei und meist zufällig bei wilden Farbenspielen direkt auf der Leinwand.

Diese Spiele gelingen mir mit Acrylfarbe am besten. In der Grundschule habe ich fast immer mit Wasserfarben gemalt; damals sah der Tuschkasten aber nach kurzer Zeit unansehnlich und dreckig aus. Alle Farben hatten einen schmutzigen Grauschleier und am Schlimmsten war es, dass das Gelb die Strahlkraft, die Reinheit und den leuchtenden Glanz verloren hatte. Wie konnte man mit einem solchen Gelb noch eine Sonne oder die Sterne malen?

Darum mag ich die sauberen und ungemischten Malerfarben direkt aus der Tube…

In meinem Alter weiß ich, dass es auch Gefühle fast nie rein und unverfälscht gibt. „Gemischte Gefühle“ zu haben ist ganz normal und für mich eigentlich ein Zeichen von Reife und Intelligenz. Das Leben ist zu vielfältig und zu oft gebrochen, um es mit Worten aus dem Kindergarten zu beschreiben und mit den Grundfarben aus dem Tuschkasten zu malen.

Aber ich habe Sehnsucht nach der Zeit, in der Gefühle noch sauber und unvermischt waren, ohne den allgegenwärtigen Grauschleier aus Traurigkeit und Wut, aus Sorgen und Enttäuschung. Ich habe Sehnsucht nach dem Rot der reinen Freude, dem Grün der sicheren Hoffnung und nach dem leuchtenden, strahlenden Gelb des Glücks.

Aber das gibt es nach dem Kindergarten nur noch selten.

Predigtnachgespräch mit Jesus: Vom reichen Mann und vom armen Lazarus

Bitte zuerst lesen: Lukas 16, 19-31

Ich stelle mir vor, wie Jesus und die Jünger am Abend beisammen sitzen, vielleicht auf dem Dach eines kleinen Hauses am Stadtrand. Es ist still in der Dämmerung, die ersten Sterne funkeln, und alle haben gut gegessen und sind in froher Stimmung bei einem letzten Glas Wein…

Da sagt Matthäus: Jesus, das war aber eine seltsame Geschichte, die du heute erzählt hast… Ich meine, der reiche Mann, er muß doch gut und fromm, tüchtig und Gott wohlgefällig gewesen sein. Darum hat Gott ihn doch sichtbar gesegnet mit allem Guten, was die Welt zu bieten hat.

All unsere Lehrer haben uns gesagt: So wie du handelst, so wird es dir auch ergehen, was immer du tust, fällt auf dich zurück: Gutes bringt Gutes hervor und Schlechtes bringt Böses hervor. Also ist es doch klar, dass der Reiche wegen seiner Güte von Gott gesegnet wurde. Lazarus aber muss ein Sünder gewesen sein, der nicht nach Gott fragt und von dem Herrn verstoßen ist, darum ist er auch arm und trägt die Buße für seine Schuld.

Es gefällt mir nicht, Jesus, dass der Reiche in deiner Geschichte am Ende so schlecht weg kommt. Meine Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes wird da in Frage gestellt. Warum sollte Gott einen Menschen sozusagen sein Leben lang in Sicherheit wiegen und ihm alles Gute geben, so dass er doch denken muss, er sei auf einem guten, ja dem richtigen Weg; und dann, wenn er gestorben ist – zack! – kommt die Keule und alles war plötzlich falsch?!

Später am Abend, als alle sich schon in ihre Decken wickeln, flüstert Petrus Jesus zu: Mir hat deine Geschichte gut gefallen, Meister. Ich fand es schon so oft ungerecht, dass es in der Wirklichkeit oft den Bösen so gut geht und die Gerechten leiden müssen. Ich habe mich geärgert darüber, dass die ehrlichen, guten und fleißigen Leute ihr ganzes Leben lang zu nichts kommen, und die Betrüger, Lügner, Verbrecher und Ausbeuter steinreich sind und fett. Ich habe darum schon an Gott gezweifelt und an der Wahrheit der Schrift. Nun hast du gesagt, dass es bei Gott im Himmel einen Ausgleich geben wird. Dann werden all die Bösen ihre Strafe empfangen und die Armen werden bekommen, was ihnen zusteht: Segen, Reichtum und Herrlichkeit. Das ist gut so. Das tröstet mich.

Jesus flüstert zurück: Meinst du, du hast mich richtig verstanden? Wenn es um das Heil geht, Petrus, ist Reichtum oder Armut nicht wichtig. Die Liebe zu Gott ist wichtig. Ich will dir noch eine Geschichte erzählen: Da waren ein paar Höhlen in den Bergen, in denen eine Gemeinschaft von Mönchen wohnte. Sie waren alle sehr arm und teilten das weinige miteinander, was sie hatten. Von einem einzigen Hühnchen aßen sie alle zusammen einen ganzen Monat lang. Sie beteten und fasteten und gaben den Armen von dem, was sie hatten mehr als alle anderen und feierten Gottesdienst nach einer wunderschönen Ordnung. Sie nannten sich die „Kinder des Lichts“ und taten alles, um so zu leben, wie es Gott gefällt.

In einem Tal in den Bergen aber war eine Stadt, in der viele reiche Leute lebten. Die fragten nicht nach Gott, lebten und genossen ihren Reichtum jeden Tag, sie feierten und waren fröhlich. Allein von dem, was sie wegwarfen, hätten sich die Mönche oben in den Höhlen zehnmal ernähren können, und tatsächlich konnte man oft genug Mönche sehen, die am Stadtrand die Müllhaufen durchwühlten.

Dann aber starben die Mönche und auch die reichen Menschen in der Stadt, und sie erschienen vor dem Richter des letzten Tages. Und die Menschen in der Stadt wurden verurteilt, weil sie ihren Reichtum genossen hatten, ohne nach Gott zu fragen und ohne ihm zu danken. Aber die Mönche wurden auch verurteilt, weil sie nur nach ihrer eigenen Seligkeit getrachtet hatten und die Stadt vor ihrem Kloster nicht einmal bemerkt hatten und keinen Versuch unternahmen, die Menschen in ihr von ihrem falschen Weg zu bekehren. Und doch schenkte Gott allen das Paradies. Sie hatten es nicht verdient, sie bekamen es umsonst. Darum ist es ja ein Geschenk!

Petrus, wer sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn, sag selbst: Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?

Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser

Früher, wenn zwei Menschen geheiratet haben, dann haben sie vorher um den „Segen“ ihrer Eltern gebeten. Eigentlich bedeutet diese Formulierung: Sie haben gefragt, ob Mutter und Vater es erlauben, dass die beiden sich trauen lassen. Wenn die Eltern zustimmten, konnte das Aufgebot bestellt werden (auch so eine altmodische Formulierung; ich muss demnächst mal nachgucken, was das eigentlich bedeutet) und dann wurde Hochzeit gefeiert.

Bei der Hochzeitszeremonie wird dem Brautpaar der Segen zugesprochen. In der Regel macht das der Pfarrer, aber auch Trauzeugen, Eltern, Geschwister oder die „guten Feen“ können Segenswünsche aussprechen.

Immer aber ist es Gott, der den Segen gibt, den Pfarrerinnen und Pfarrer, Verwandte oder Freunde aussprechen. Viele Leute denken, dass der Segen bedeutet, dass diesem gesegneten Menschen nichts Schlimmes mehr passieren kann, denn er wird von Gott oder einem Schutzengel bewacht und beschützt. Ich glaube das nicht, und ich finde es auch leichtsinnig, wenn Pfarrerinnen oder Pfarrer Menschen in diesem Glauben bestärken. Es ist ein kindlicher Glaube, der zerbrechen wird, wenn es einmal hart kommt, denn auch getaufte Menschen werden Unfälle haben, auf die schiefe Bahn geraten und unglückliche Zeiten erleben. Hat Gott dann sein Versprechen gebrochen?

Das Wort „Segen“, so habe ich es mal gelernt, kommt von dem lateinischen Wort „signare“, das heißt „ein Zeichen setzen“, „bezeichnen“, „mit einem wiedererkennbaren Merkmal versehen“ oder auch einfach „unterschreiben“. Bei Kindertaufen erkläre ich oft, dass es ist wie mit den Limonadenbechern beim Kindergeburtstag: Jedes Kind malt ein kleines Zeichen auf seinen Becher, ein Herzchen, ein Kleeblatt, ein Einhorn oder Darth Vader, und an diesem Bild kann es seinen Becher wiedererkennen, und gleichzeitig wissen alle anderen Kinder, dass dieser Becher nicht ihnen gehört.

So ist es auch, wenn Gott segnet – er macht ein Zeichen an die gesegneten Menschen, das ihm und allen anderen sagt: Dieser Mensch ist ein Mensch Gottes; er gehört zu mir und ich zu ihm.

Gottes Versprechen heißt also nicht „Dir wird nie etwas Unangenehmes oder Schlimmes geschehen!“, sondern „Ich bin immer bei Dir, in guten wie in schweren Zeiten; in hellen wie in dunklen Tagen bin ich an Deiner Seite.“ Das klingt nach nicht viel. Aber wer es glaubt und erlebt hat, der kann bestätigen, dass dieses Versprechen Gottes sehr wertvoll ist.

Urlaubsbuch I

Thomas Harding

Sommerhaus am See.

Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte

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Deutschland vor hundert Jahren: die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein: Der Krieg ist vorbei, die politischen Verhältnisse verheißen den Bürgern der Stadt eine gewisse und sichere Zukunft. Hinter der Berliner Stadtgrenze am still gelegenen Groß Glienicker See lässt der jüdische Arzt Alfred Alexander ein Wochenendhaus errichten: Das Haus, das von innen größer wirkt als von außen betrachtet, bietet seiner Familie genug Platz mit seinen vier Zimmern, einer Küche, einem kleinen Raum für das Dienstmädchen und einer von außen zugänglichen Unterkunft für den Fahrer. Viele Wochenenden verbringt die Familie dort mit köstlichem dolce far niente. Die Kinder spielen Tennis und streifen durch den Wald, die Familie genießt das Baden im See und feiert bei Wein und gutem Essen mit Nachbarn und Freunden.

Aber dann dreht sich der Wind: Laute und selbstbewusste Menschen kommen in das Dorf, pöbeln im Wirtshaus, lärmen nachts am Seeufer und sorgen für zunehmende Unruhe in der Nachbarschaft. Sie bedrohen die jüdischen Familien aus der Stadt, Angst macht sich breit, und die ersten Bürger aus Berlin geben ihre Sommerhäuser auf. In der Stadt fühlen sie sich sicherer.

Als das nahe gelegene Rittergut der von Ribbecks an einen nationalsozialistisch eingestellten Nachkommen der Familie Wollank vererbt wird, wird die Situation noch schwieriger für die alt-eingesessene Dorfbevölkerung und die meist jüdischen Eigentümer und Mieter der neuen Sommerhäuser am See. Die Familie Alexander ist eine der letzten, die am Ort bleibt; Alfred Alexander glaubt bis zu seinem Tod, dass die Menschen in der Hauptstadt wieder Vernunft annehmen werden und es nicht zum Äußersten kommen lassen wird. Doch dann kommt er bei einem Autounfall in der Stadt ums Leben…

Die Familie gibt das Haus auf, zieht sich in die Stadt zurück. Dort erleben sie die Pogrome der Nationalsozialisten, den Reichstagsbrand, die Machtergreifung der NSDAP und die sogenannte Reichskristallnacht, in der die Synagogen in der Stadt brennen und Juden mit dem Tod bedroht werden. Die Familie Alexander flüchtet aus der Stadt und zieht ins Exil nach England. Sie werden von den Nationalsozialisten enteignet, und das Sommerhaus am See wird verkauft.

Will Meisel, der später ein bekannter und erfolgreicher Komponist werden sollte, pachtete das Haus und richtete dort ein Musikstudio ein. Um seinen Erfolg nicht zu gefährden, tritt er in die Partei ein und wird Mitläufer in der Bewegung um Adolf Hitler; er arbeitete auch an Propagandafilmen und Propagandamusik mit. Während der Kriegszeit fand er im Sommerhaus in Groß Glienicke mit seiner Familie Zuflucht und konnte vom See aus beobachten, wie die Flugzeuge der Alliierten ihre Bomben auf die Hauptstadt wurfen.

Nach dem Krieg zog er für mehrere Jahre nach Österreich und versuchte danach, bei den Entnazifizierungsbehörden seine Beteiligung an den Machenschaften der Nationalsozialisten klein zu reden und zu verharmlosen. Es dauerte trotzdem einige Jahre, bis er wieder als Verleger in seinem Musikverlag arbeiten durfte, doch dann hatte er mit romantischen Schlagern und populärer Filmmusik wieder große Erfolge. Das Sommerhaus blieb aber für seine Familie verloren, denn die Stadt und das Land wurde geteilt, und Groß Glienicke lag nun im Machtbereich der russischen Besatzer und im Sperrgebiet an der Zonengrenze.

In das Sommerhaus zog eine Nachbarsfamilie, deren Haus durch einen Bombentreffer zerstört wurde; bald darauf mussten sie sich die vier Zimmer mit einer Flüchtlingsfamilie teilen. Wenige Jahre später wurde die Mauer gebaut, die den Hausbewohnern den Zugang zum See unmöglich machte.

Mehr und mehr gewann die sozialistische Regierung Einfluss im Dorf, und wieder teilte sich die Bevölkerung in begeisterte Anhänger, opportunistische Mitläufer und zunehmend verzweifelte Gegner. Die Mitarbeiter der Stasi suchten und fanden Menschen im Ort, die bereit waren, ihre Nachbarn zu überwachen und zu melden, wenn sie zum Beispiel West-Fernsehen sahen oder zu amerikanischer Musik tanzten.

Nach dem Mauerfall wurde das Haus erlassen und verfiel immer mehr; es wurde unbewohnbar und sollte bereits abgerissen werden. Der englische Schriftsteller Thomas Hardy besuchte zusammen mit seiner Großmutter, die als Kind im Haus gewohnt hatte, das Grundstück und das verfallene Haus, und sie beschlossen, es wieder zu errichten und nutzbar zu machen. Zusammen mit vielen Bewohnern des Dorfes Groß Glienicke und mit geschichtsinteressierten Menschen aus der Stadt brachten sie Grundstück und Haus in Ordnung. Sie gründeten einen Verein, der jetzt im Haus eine Gedenkstätte betreibt und vor allem über das Schicksal der jüdischen Opfer der Nationalsozialisten informiert, aber auch die Geschichte des Ortes während der sozialistischen Regierung der DDR thematisiert.

Ich fand das Buch über die Geschichte des Sommerhauses am See sehr inspirierend und interessant. Ich habe einiges über die Situation der Dörfer, in denen ich jetzt arbeite, gelernt, denn in manchen Dingen ist die Geschichte von Groß Glienicke sicher mit der von Orten wie Großziethen, Schönefeld oder Brusendorf vergleichbar. Thomas Hardy schreibt seine Geschichte wunderbar unaufgeregt und unvoreingenommen und bietet mit seiner Chronik über hundert Jahre gerade deshalb einen tiefen Einblick in den Alltag der Menschen in den so unterschiedlichen Epochen der deutschen Geschichte. Ein interessantes, nachdenklich machendes, wunderbares Buch!

Gottesdienst mit Second Screen

Meine Gemeinde ist Jugendlichen gegenüber ziemlich aufgeschlossen. Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher freuen sich darüber, dass ziemlich viele Konfirmandinnen und Konfirmanden am Sonntag in der Kirche sind, und sie singen gerne auch moderne Kirchenlieder mit, beten entsprechend formulierte Gebete gern mit und verstehen auch jugendgemäße Beispiele und Anspielungen in der Predigt. Jedenfalls, solange es nicht zu nerdig wird, aber dann können auch viele von den Teenies nicht mehr mit. „Herr der Ringe“ und „Monty Python’s Flying Circus“ – das ist einfach zu lange her. Und „Game of Thrones“ habe ich nie gesehen.

Was aber auf Widerstand stößt bei den Älteren, ist, wenn die Jugend während des Gottesdienstes auf ihren Handies herum drückt. Ich nehme mal an, dass sie das nicht tun, weil es ihnen zu langweilig im Gottesdienst ist, sondern einfach, weil sie es IMMER tun und gewohnt sind, ständig mit Freundinnen und Freunden im Kontakt zu sein. Dann müssen sie einfach Dinge in ihre Whats-App-Gruppe schreiben wie „Uh, ist da heute heiß hier in der Kirche!“ oder „Kommst Du nachher auch mit an den Döner-Stand?“ So schreiben sie hin und her mit Leuten, die direkt neben ihnen in der Bank sitzen genau so wie mit Leuten, die sie nach dem Gottesdienst treffen wollen.

Ich selber habe mich eine ganze Zeit lang darüber geärgert, denn ich habe gedacht, dass sie so einfach nicht ganz bei der Sache sein können und darum vieles von dem verpassen, was ich vorbereitet habe.Sie sind einfach nicht wirklich da, wenn sie geistig schon das gemeinsame Mittagessen planen. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass eine besondere Chance zu entdecken wäre, wenn man den Gebrauch des zweiten Bildschirms sinnvoll einbindet: Ich mache das ja auch, wenn ich bei der Heute Show mitlese, was andere darüber twittern; und beim ESC habe ich den Laptop neben dem Fernseher stehen gehabt, um Informationen zu den Liedern und den aktuellen Punktestand sehen zu können.

Wie wäre es, wenn es im Gottesdienst eine Webseite mit den Bibeltexten gäbe, mit den Liedern und dem Gottesdienstablauf, Bildern, die zum Gottesdienst passen und Memes, die man teilen kann, wenn man will. Und dann später moderiert man einen Twitterfeed zur Predigt, wo Konfis und Jugendliche sich noch gegenseitig schreiben könnten, was „hängen geblieben“ ist. Vielleicht wird dann noch beim Döner essen der zweite Bildschirm aus dem Gottesdienst beobachtet.

Ich bin mir nicht sicher – wäre das eine Verbesserung, oder würde es das unkonzentrierte Verhalten noch fördern? Stress im Gottesdienst erzeugen? Sollte ich die Konfis doch eher bitten, das Smartphone für eine Stunde einmal auszuschalten, weil Feiertag ist? Und was sage ich den Alten, die
sich gestört fühlen?