Fahrrad fahren…

Heute bin ich mit dem Fahrrad zu meinen Gottesdiensten gefahren. Um neun Uhr war die Luft noch frisch und wenig Verkehr auf den Straßen, die Sonne schien und ich war voller Vorfreude. Hinaus aufs Land zu fahren hat immer noch irgendwie etwas,das Urlaubsgefühle in mir weckt, auch wenn ich zur Arbeit fahre.

Auf dem Rückweg nach den Gottesdiensten habe ich mich erinnert, wie ich als Kind Rad fahren gelernt habe: zuerst auf einem Klapprad mit Stützrädern, in einer Nebenstraße vor dem Haus, in dem wir damals wohnten. Aber die Stützräder haben das Lernen fast unmöglich gemacht: wenn man gar nicht umfallen kann, lernt man ja auch nicht, was man tun muss, um das zu vermeiden…

Später, Jahre später, hat mein Vater mir das Fahren beigebracht: er hat mich angeschoben und rannte neben mir her, immer wieder, und ich merkte gar nicht, dass er mein Rad schon lange nicht mehr hielt: ich fuhr allein und wusste es nicht.

Bald danach war ich kaum mehr vom Fahrrad runter zu bekommen. Auf dem kleinen Klapprad fuhr ich bestimmt 20 Kilometer am Tag, bis mir der Po weh tat und ich Krämpfe in den Beinen hatte.

Als Teenager machte ich mit ein paar Freunden eine Radtour von Münster nach Amsterdam, wir übernachteten in Jugendherbergen und manchmal auch bei Bauern in Heuschober. Ohne Plan fuhren wir und wussten morgens nicht, wo wir abends schlafen würden. Diese ungewisse Freiheit gefiel mir sehr.

Während meiner Zeit in Schöneberg bin ich kaum noch dazu gekommen, mich aufs Rad zu schwingen, nach einem der wenigen Ausflüge wurde es gestohlen und ich habe mir kein Neues mehr gekauft.

Erst seit ich hier in Lichtenrade wohne, juckt es mich wieder. Ich habe vor zwei Jahren einer Frau aus der Gemeinde das Fahrrad ihres Mannes abgekauft, der zum Fahren zu alt geworden ist. Sie freut sich, dass das Rad noch gebraucht wird und regelmäßig in Bewegung ist. Und ich freue mich, dass ich günstig zu einem guten Rad gekommen bin…

Papa, ich weiß dass Du das hier liest… Ganz vielen Dank dafür, dass Du mir damals das Rad fahren beigebracht hast, dass Du mich gestützt und gehalten hast und dass Du los gelassen hast, als es an der Zeit war…

Bücher für den Sommerurlaub…

Unterhaltsam wie immer ist der neunte Fall um den Polizisten und Zauberer Peter Grant, der in eine gefährliche und undurchsichtige Mission hinein gezogen wird: in den streng bewachten Silberkammern unter den Flüssen von London treibt sich ein Wesen herum, das Menschen das Herz aus dem lebenden Körper reißt… Nicht einmal in den alten Büchern im „Folly“ ist etwas darüber verzeichnet, und so begeben sich Peter, sein Lehrer Nightingale und die anderen Constables aus dem Team für „abstrusen Kram“ auf unerforschtes Terrain…

Das Buch „Spiegel“ von Cixin Liu ist eigentlich eine Mogelpackung: es enthält nur eine Kurzgeschichte von etwa 100 Seiten Länge, der Rest ist eine Leseprobe aus der Trisolaris-Trilogie. Aber die Geschichte ist interessant und hat ein paar spannende philosophische Implikationen.

Ein ganz besonderer Tip ist „Der Susan-Effekt“: in einem spannenden, actionreichen Krimi um eine starke Frau stellt sich immer wieder die Frage, wie Manipulation, Charisma, Liebe und vielleicht auch Quantenphysik das Zusammenleben von Menschen prägen, verkomplizieren, oder überhaupt erst möglich machen. Ein Buch voller witziger, skurriler, absurder und atemberaubender Einfälle. Das MUSS man gelesen haben.

Das Buch von Anne Gesthuysen habe ich noch nicht gelesen, es fängt aber vielversprechend an…

Eine Frage der Größe…

Ein kleiner Hahn ist nur ein Hähn-
chen, ein Minizahn ist nur ein Zähn-
chen, ’ne Bimmelbahn ist nur ein Bähn-
chen, das Bahnsignal zeigt doch auf rot.

Ein kleiner Bub ist auch ein Büb-
chen, das Häschen frisst an einem Rüb-
chen, Platz ist in dem kleinsten Stüb-
chen für ein Glas Bier zum Abendbrot…

Ein kleines Brot nennt man ein Bröt-
chen, und ein kleines Lot ein Löt-
chen, ein kleiner Zwerg stirbt nur ein Töd-
chen, und trotzdem ist er nachher tot.

Advice, wasted on the youth… Use Sunscreen!

Der einzige wirklich zuverlässige Rat, den ein Mann in den späten Vierzigern der Jugend mit auf ihren Weg geben kann, ist dieser: BENUTZT Sonnencreme!

Benutzt Sonnencreme!

Dieses Lied habe ich zum ersten Mal gehört, als ich selbst gerade mal so fünfundzwanzig Jahre alt war, und es ist mir dieses Jahr im Urlaub wieder eingefallen. Der Duft von Sonnencreme gehört mit zu meinen frühesten (und schönsten) Kindheitserinnerungen. Die Cremes hießen Delial, Piz Buin und Nivea oder auch Tiroler Nußöl und hatten diesen ganz besonderen Geruch von Sommer und Sonne, von heißem Sand unter den Füßen und Möwengeschrei in der Luft.

Nach dem Einreiben war die Haut noch stundenlang klebrig, und wenn man dann einige Zeit am Strand gespielt hatte, sah man aus wie ein paniertes Schnitzel. Wahrscheinlich war ein guter Teil der Sonnenschutzwirkung dieser Cremes darauf zurückzuführen, dass man, wenn man sie benutzte, sowieso den größeren Teil des Tages unter einer zentimeterdicken Sandschicht versteckt erlebte… Ins Wasser bin ich nämlich an der Ostsee nur selten gegangen, denn es gab fast jeden Tag viel angeschwemmten Seetang und Algen, die ich eklig fand, und dazu noch jede Menge grauselig-glibschige Quallen, die mit ihren Nesselarmen noch fieser brannten als die Brennnesseln, die rechts und links an dem Wanderweg vom Strand zu unserem Hotel wuchsen.

Auf den Packungen der Sonnenschutzcremes stand schon damals die magische Zahl des Lichtschutzfaktors: bei einer Creme mit LSF 4 konnte man vier mal so lange in der Sonne spielen, Sandburgen bauen und ferngesteuerte Boote am Dorfteich fahren lassen wie ohne Creme, bis die Haut rot wurde und man einen Sonnenbrand bekam. Es gab auch Sonnencremes mit höheren Lichtschutzwerten, aber bei LSF 12 war damals Schluss – es war noch vor der Entdeckung des berüchtigten Ozonlochs – , und solche hochwirksamen Cremes waren auch fast unbezahlbar, und man brauchte sie eigentlich auch nur in den Bergen beim Ski-Fahren, wenn der Schnee die Sonne noch einmal reflektierte… Moderne Sonnencremes mit Lichtschutzfaktoren von dreißig und mehr waren damals völlig unvorstellbar – wozu sollte man die brauchen?


Heute scheint es aber Menschen mit so empfindlicher Haut zu geben, die schon nach fünf Minuten Sonnenbrand und Hitzepickel bekommen – die können dann mit Sonnencreme und vier Zentimetern Sand auf der Haut immerhin auch unter der brutalen Sonne von 2022 noch zwei bis drei Stunden auf den Terrassen ihrer Wellness-Hotels brutzeln, auch wenn sie danach dann aussehen wie ein gegrilltes Huhn…

In Amerika soll man schon jetzt Sonnenschutz mit dreistelligen Lichtschutzfaktoren kaufen können, und in der gar nicht fernen Zeit der transplanetaren Raumfahrt wird es Cremes geben, deren Werte man in wissenschaftlicher Notation ausdrücken muss: Piz Buin hyper ultra safe total sun blocker creme mit Lichtschutzfaktor 3,8*10^8 erlaubt es dann dem sonnenhungrigen raumfahrenden Urlauber, auch auf der Sonnenseite des Merkur ein stundenlanges Solarerlebnis zu genießen und dabei eine nahtlose Bräune zu entwickeln, während ungeschützte badefreudige Organismen an der selben Stelle innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem nicht wiedererkennbaren kartoffelchipartigen Haufen Krebszellen zusammenschrumpeln würden.

Denn auch in den Zeiten der interstellaren Raumfahrt wird sich der einzige Rat bewähren, den ein erfahrener Mann der Jugend mit auf ihren Weg geben kann:
Trust me on sunscreen…

Erdbeermond…

Gestern haben wir einen Abendspaziergang gemacht und dabei gesehen, wie der Vollmond aufgeht. Ganz rot, wie eine riesige Blase, die aus der Tiefe steigt. Es war ein magischer Anblick, ein bezaubernder Moment.

Der Volksmund hat jedem Vollmond im Jahr einen eigenen Namen gegeben. Manche nennen den Junimond „Honigmond“, einige Indianerstämme in Nordamerika nennen ihn den Erdbeermond, weil jetzt da die Walderdbeeren reif sind, klein, rot und süß.

Das Lexikon der unbenutzten Wörter

Wenn ich Zeit habe, auf Irgendetwas warten muss oder nicht einschlafen kann, spiele ich Spiele in meinem Kopf. Zum Beispiel suche ich nach unbenutzten Wörtern.

Spannend finde ich, wie sich die Bedeutung vieler Worte verändert, wenn man unterschiedliche Vorsilben davor setzt:

Wenn man einen Aufsatz schreibt, sollte man viel Einsatz zeigen. In jedem Absatz des Textes stehen dann interessante Gedanken. Zusätzlich sollte man Quellenangaben einfügen, dann hat später niemand etwas an der Arbeit auszusetzen. Sie sind in vielen Fällen ein sinnvoller Zusatz.

Man kann unterstellen, dass der Lehrer dann ein gutes Zeugnis ausstellen wird, das dann mit der Post zugestellt wird. Mit einem guten Zeugnis wird man in einer guten Firma angestellt… Mit der richtigen Einstellung kann man es dann weit bringen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor.

Man kann annehmen, dass ein klug geführtes Unternehmen solche Bewerber aufnehmen wird, denn wer bereit ist, auch anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen, kann dem Chef viel Mühe abnehmen. Der Einfluss eines solchen Menschen wird zunehmen, mit einem guten Gehalt kann er im Überfluss leben – oder er geht halt zu einer anderen Firma, die ihm mehr zahlt. Man muss ja nicht hinnehmen, dass manche Unternehmer ihre Mitarbeiter auf unfaire Weise ausnehmen…

Und so weiter und so fort…

Es gibt aber auch jede Menge solcher Verbindungen, die noch nicht verwendet werden. Was könnte zum Beispiel „Unterfluss“ bedeuten? Ist ein solches Wort überflüssig oder wird es irgendwo dringend gebraucht? Ist es vielleicht „unterflüssig“, weil es fehlt, weil es so ein Wort noch gar nicht gibt?

Man kann angeben wie eine Lore Affen, man kann eine Runde ausgeben, trinkt man zu viel, muss man sich übergeben… Man kann etwas hingeben, indem man es übergibt, man gibt es her, dann hat man es aufgegeben: zugegeben – das Wortfeld ist fast vollständig besetzt, aber braucht man nicht noch das Wort „hintergeben“? Sucht man danach immer vergeblich?

Es wäre wohl die Ausnahme, so ein Wort zu gebrauchen, man würde es wohl auch nicht sofort verstehen. Es müsste ein Lexikon der unbenutzten Worte geben, in dem man nach Worten wie „eingiebig“, „unterflüssig“, „überstützen“ und „gegenunter“ gibt. Mitunter könnte das doch ganz nützlich sein. Jedenfalls wäre es nicht überflüssig.

Sprachlos…

Kaum macht man den Mund auf, kommt Sprache raus. Alles muss irgendwie kommentiert werden; wenn ich nicht meine Meinung zu irgendwas gesagt habe, ist das ja nicht wirklich wahr, ist das ja nicht wirklich, weil – ich habe ja noch nichts dazu gesagt. Selbst, wenn ich meinen Mund halte, geht das Gerede in meinem Kopf weiter, zusammen mit dem Vorwurf meines Gehirns an sich selbst: Warum sagst Du jetzt nichts, warum bloggst Du nicht darüber, warum twitterst Du nicht mal, wenigstens ein halbes Dutzend Worte?!… Es ist eigentlich nie wirklich still. Es ist wie mit den hundert Affen, die endlos auf Schreibmaschinen herum hacken, bis endlich mal so etwas wie ein Sonett von Shakespeare dabei heraus kommt, oder wenigstens ein Gedicht wie von Ernst Jandl, der DADA das ja nicht so ernst genommen hat mit der Rechtschreibung. Ich mag Jandl, der die Chuzpe hatte, diese Gedichte als große Kunst anzubieten und der damit erfolgreich war. Hinterher denkt man immer, ach Gott ja, sowas hätte mir auch einfallen können, einfallen, hinein in meinen Kopf, oder wenigstens darauf fallen wie meine Finger hier auf die Tastatur, oder wenigstens auffallen wie letztens beim Lesen der Fernsehzeitschrift, wo mir zufallig aufgefallen war, dass in dem Wiener Schauspielhaus ein Stück aufgeführt worden war, nach Motiven und Texten von Jandl, mit Musik und Bühnenbild und wortgewaltigem Sprachwitz, und dann hab ich das im Fernsehen angeschaut (aus der Ferne), und ich war angemessen beeindruckt und fand es gut, wobei ich es schade fand, das Ernst Jandl jetzt schon tot ist, denn bestimmt hätte ihm selber die Inszenierung seiner Texte auch gefallen, so wie mir. Konkrete Poesie, so nennt man das wohl, wenn es bei einem Gedicht immer weniger auf die Worte ankommt und immer mehr auf die Form, den Klang, das Bild, wenn beispielsweise wichtiger ist, wo ein Wort auf dem Blatt Papier steht und wie groß und in welcher Schriftart als welches Wort da steht und was es sagen soll. Da hört in gewisser Weise das Gerede auf und es fängt das Gegucke an: Ist es schön, ist es gut, ist es wahr, was da auf einem Blatt Papier steht? Bei manchen Zeitungen und vor allem auch bei manchen Beiträgen im Internet habe ich ja das Gefühl, es wäre schöner, besser und wahrer, wenn da einfach gar nichts stünde. Wittgenstein, der weithin überschätzte Philosoph hat ja am Ende das zum Thema Sprache gesagt: „Worüber man nicht sprechen kann, davon muss man schweigen!“ Und da hat er ja mal recht gehabt, am Ende war er doch ein ganz Großer. Wo mir persönlich oft die Sprache weg bleibt, ist, wenn ich über Gott reden soll. Die hundert Affen in meinem Kopf toben wütend herum – AUSGERECHNET wenn es wichtig wird, fehlen mir die Worte. Der Rest ist Schweigen.

Pfadfinder…

Ich war immer misstrauisch, wenn ich mit der „bündischen Jugend“, mit den Pfadfindern oder „boy scouts“ zu tun bekam. Ziemlich unheimlich war mir das Bedürfnis von kleinen Jungen, in „Kluft“ und mit Halstuch herum zu laufen. Eine relativ strenge Hierarchie mit „Fähnleinsführern“ und anderen, mir relativ militärisch anmutenden Begriffen ließen bei mir immer wieder die Alarmglocken läuten… Was war von einer Jugendbewegung zu halten, deren Gruppierungen sich selbst als „Wolfsrudel“, „Stamm“, „Horde“ und „Wölflinge“ bezeichnen, die von ihren Mitgliedern „Treue und Gehorsam“ verlangt und eine große Loyalität gegen Führung, „König und Vaterland“ und andere Respektspersonen fordert?

War es nicht zu schwierig, auf Dauer faschistoide Strukturen zu vermeiden? Gelang immer eine hinreichende Abgrenzung zu völkischen Jungenbünden, politischen Gruppierungen und paramilitärischen Zusammenschlüssen? Ich habe zu oft Bücher wie „Die Welle“ gelesen und auch Berichte über Exzesse in englischen Elite-Internaten gehört, um nicht Schlimmes zu befürchten und Schreckliches für möglich zu halten.

Unheimlich war mir außerdem, dass viel finnische und mongolische Kultureinflüsse eine große Rolle spielen, die Stämme geben sich oft finnisch klingende Namen; wenn sie auf Fahrten gehen, übernachten sie in Jurten, und es gibt Aufnahmerituale, bei denen manchmal eine Art Fahneneid abgelegt werden muss.

Wohl weiß ich, dass es in der Kirche eine lange Tradition der Pfadfinder-Gruppen gibt, sowohl in der katholischen wie auch in der evangelischen Kirche gibt es seit mehr als hundert Jahren Horden und Stämme in unterschiedlichen Größen, die auch überregional in Vereinen zusammenarbeiten.

Ich stecke da voller Vorurteile und war deshalb nicht gerade glücklich, als die Gemeinde in Schönefeld angefragt wurde, ob wir nicht auch evangelische Pfadfinder-Arbeit anbieten und unterstützen wollen.

Jetzt gibt es also in der „Silberbüxxe“, dem Jugendgebäude des CVJM und der Kirchengemeinde eine Gruppe von kleinen Jungen, die sich selbst die „Silberfüxxe“ nennen (wenigstens nichts mit Wölfen) und die sich dort regelmäßig treffen, um die Pfadfinder-Gesetze und Regeln zu lernen und mit Leben zu füllen…

Christliche Pfadfinderinnen und Pfadfinder … … sind aufrichtig in Gedanken, Worten und Taten. … sind zuverlässig und hilfsbereit. … verlieren in Schwierigkeiten nicht den Mut. … schützen die Natur und bewahren die Schöpfung. … leben einfach und können verzichten. … fügen sich aus freiem Willen in die Gemeinschaft ein. … sind kameradschaftlich und treu. … setzen sich für Frieden ein und lösen Streit ohne Gewalt. … nehmen Rücksicht und achten ihre Mitmenschen. … tragen zur Freundschaft aller Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf aller Welt bei.

Soweit klingen die Pfadfinder-Gesetze ganz gut und hilfreich.

Am Pfingstsonntag war eine Gruppe von den Silberfüxxen im Gottesdienst in Großziethen, und sie haben da ihr Pfadfinder-Versprechen abgelegt. Sehr aufgeregt natürlich und mit großem Ernst. Ich fand, das war gut und richtig so.

Und sie haben angeboten, in der Gemeinde nach ihren Fähigkeiten mit zu helfen. Jeden Tag eine gute Tat.

Ich bin gespannt, wie sich die Gruppe entwickelt. Vielleicht gelingt es mir im Lauf der Zeit, meine Vorurteile zu überwinden…

PFADFINDER STAMM SILBERFÜXXE

Begeistert…

Vor einiger Zeit habe ich Urlaub in Ostfriesland gemacht und dort eine alte Windmühle besichtigt. Fast zweihundert Jahre lang stand sie dort, weithin sichtbar, ein Wahrzeichen für die Region hinter dem Deich. Sie war restauriert und als Museum wiedereröffnet worden, und ich konnte dort sehen, wie dort auf traditionelle Weise gemahlen wurde. Am meisten fasziniert hat mich aber die Technik: Ein riesiges Flügelrad wurde von dem schwachen Wind bewegt und trieb mannshohe Zahnräder aus Holz an. In einem Getriebe wurde aus der langsamen Bewegung der Flügelradachse die schnelle Rotation der Hauptachse, die den schweren Mühlstein antrieb. Im dritten Stock der Mühle schüttete man das Korn in einen Trichter, von dort fiel es in den zweiten Stock, dort wurde es zwischen den zwei schweren Mühlsteinen gemahlen; und in der Etage darunter wurde es verpackt und konnte dann im Erdgeschoß verladen werden.

Wer diese alten Zahnräder gesehen hat, die baumdicken Achsen, auf denen sie sich drehen, der bekommt eine Ahnung von der Kraft des Windes. In dem alten Gebälk knarrte und knirschte es, aber als ich wieder draußen stand, war es nicht einmal besonders windig. Schon ein mäßiger Wind reicht aus, um die Mühle anzutreiben, und wenn der Wind zu stark wird, muß man sie abstellen, damit sie nicht kaputt geht.

Aber ohne den Wind geht nichts.

So ist auch die Kirche. Beeindruckend ist sie mit ihrer zweitausendjährigen Geschichte. Prachtvoll stehen die Bauten im Zentrum der großen Städte, vertraut und geliebt in jedem Dorf. Über Jahrhunderte haben Menschen in ihnen gebetet und Gottesdienste gefeiert. Gold und Marmor glänzt und strahlt an ihren Altären, kunstvolle Figuren illustrieren die biblischen Geschichten, lichtvolle Fenster zeigen die Gesichter von Moses, Elias, Petrus und Johannes, von Jesus, Maria und Josef und oft auch von Gott selbst. Obwohl in der Bibel steht: „Du sollst Dir kein Bild machen…“ Und über all das hinaus klingt in der Kirche strahlend die Orgel, singt mit der Gemeinde von der Herrlichkeit Gottes, klagt mit den Trauernden um ihre Toten, freut sich mit den Getauften über neu begonnenes Leben und hofft mit den Verheirateten auf den Beginn einer gesegneten Ehe…

Wer diese prächtigen Gebäude sieht, die Kuppeln und Bögen, die stolzen Türme und die goldumglänzten Altäre, der spürt etwas von der Kraft des Glaubens. Zehntausend Menschen haben gearbeitet, haben Kraft, Zeit und nicht zuletzt Geld gegeben, um diese Pracht möglich zu machen. Gemeindeglieder, Touristinnen und Touristen, Neugierige aus der Nachbarschaft treffen sich dort regelmäßig zum Gottesdienst. Und an Weihnachten und Ostern muss vier mal am Tag gefeiert werden, weil die Kirche dann bis zum letzten Platz gefüllt ist.

Aber ohne Gottes Geist geht nichts.

Von dem Stolz und dem Selbstbewusstsein des Petrus ist nur ein Rest geblieben. Als Fischer, als Kapitän seines Bootes war er eine geachtete Respektsperson. Lange Zeit war er auch unter den Jüngern des Jesus von Nazareth eine Art Anführer. Natürlich folgten sie alle ihrem Meister Jesus, aber wenn es etwas zu sagen gab,  sprach Petrus gerne für sie alle. Oft traf er wichtige Entscheidungen,  und er war der Erste, der das Glaubensbekenntnis aussprach, das später zum Bekenntnis der ganzen Kirche wurde: Du bist der Christus, der von Gott gesandte König, der Erlöser der Welt. Aber dann, als Jesus gefangen genommen wurde, als Leib und Leben in Gefahr kamen, wollte Petrus Jesus nicht einmal mehr kennen. Er verleugnete ihn, sagte sich los von dem, dem seine ganze Liebe gehörte. Später hat er diesen Fehler bitter bereut. Und Jesus verzieh ihm, gab ihm sogar neue, große und ehrenvolle Aufgaben in der noch jungen Gemeinde.

Aber Petrus war noch nicht wieder der selbe. Mit den anderen Jüngern blieb er versteckt, ängstlich, abwartend. Obwohl ihm der Auferstandene begegnet ist, bleibt er in der Vergangenheit, hält sich fest an dem Gewohnten, dem Erwartbaren, an dem Menschenmöglichen. Er ging zurück in sein altes Leben, zu dem Boot, zu den Netzen, zu den anderen Fischern am See Genezareth. Als hätte er die Predigt Jesu, als hätte er wunderbaren Worte an ihn nie gehört.

Ohne das Band der Liebe, ohne den Glauben an Gott, ohne das ständig wachsende Vertrauen geht nichts.

Ich bin nicht genug, denke ich oft. Ich bin überfordert mit den Aufgaben, die ich zu erfüllen habe, werde den Erwartungen nicht gerecht, die andere an mich stellen. Schlimmer noch – ich erwarte selbst mehr von mir. Ich bin unzufrieden mit mir selbst und glaube, dass ich immer wieder Menschen enttäusche, vor allem die, die mir besonders wichtig sind, deren Meinung für mich zählt, die mir eng verbunden sind und die ich liebe…

Irgendetwas flüstert mir ein: Du bist nicht genug. Auf Dich kann man sich nicht verlassen. Was du tust, ist nutzlos. Am Ende bleibt nichts. Es ist doch alles sinnlos, ein Haschen nach Wind… Selbst Gott kann nichts mit dir anfangen…

Wie Petrus würde ich mich am liebsten verstecken. Würde am liebsten in der Kirche nette Versammlung abhalten, Volksmusik machen, Bilder malen, Dinge tun, die niemanden aus der Ruhe bringen und die man gemeinsam genießen kann.

Ich wäre gern wie die alte Windmühle: in denkmalgeschützter Stille die Zeit überdauernd, nur ab und zu für die Touristen die Flügel in den Wind drehen und zeigen, dass sich die alten Mühlsteine noch bewegen können und dass sie sehr wohl noch Nützliches bewirken könnten… Wenn sich der Wind hebt, wenn der Geist Gottes weht, wenn seine Kraft die Kirchengemeinde in Bewegung setzt…

Aber gerade der Wind, der Geist Gottes sagt mir: Du irrst Dich. Du bist wertvoll, Du bist geliebt. Hör, wie der göttliche Wind flüstert: Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du gehörst zu mir.

Und auch das sagt der Geist Gottes: Du wirst gebraucht, du hast eine Aufgabe: Gott hat Dir Deine Begabungen und Deine Talente nicht dafür gegeben, dass Du sie versteckst. Du bist begabt, Du hast etwas gelernt, Du bist gefüllt mit der Fähigkeit, Gutes zu tun. Hör, wie der göttliche Wind ruft: Mach dich auf, setze die Segel, breite die Flügel aus, zeig, was Du kannst!

Erst als der Heilige Geist ausgegossen wurde, wurde Petrus der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen konnte. Erst dann konnte er seine Angst überwinden und vor den Menschen in Jerusalem von der Auferstehung Jesu sprechen. Erst dann konnte er ein Hirte für die Schafe Gottes sein, wie Jesus es ihm aufgetragen hatte.

In der Bibel wird der Heilige Geist Gottes oft mit dem Wind verglichen. „Niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, man hört aber sein Sausen. So ist auch jeder, der vom Geist Gottes bewegt wird.“ sagt Jesus. Niemand weiß, was kommt in dieser schwierigen, komplizierten, so oft orientierungslosen und unübersichtlichen Zeit. Aber was immer kommt, mein Platz ist mitten drin. Da, wo ich ich gebraucht werde. Und zu mir sagt Christus: „Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende…“